EXPATS
Expatria­te (von latei­nisch ex „aus“, „heraus“ und patria „Vater­land“), kurz Expat, ist eine Person, die ohne Einbür­ge­rung in einem ihr fremden Land oder einer ihr fremden Kultur lebt. Das Wort bezeich­net häufig konkre­ter eine Fach- oder Führungs­kraft, die von einer inter­na­tio­nal tätigen Organi­sa­ti­on (z. B. von einem Wirtschafts­un­ter­neh­men), bei der sie beschäf­tigt ist, im Rahmen einer Auslands­ent­sen­dung vorüber­ge­hend an eine auslän­di­sche Zweig­stel­le entsandt wird. Auch solche Perso­nen habe ich aufge­führt, soweit ich Kennt­nis davon hatte. Um in dem Bericht aufge­führt zu werden, war aber schon ein mehrjäh­ri­ger Aufent­halt notwendig.

Die Laien-Schau­spie­ler Georg Hausmann, Josef Merz und Hermann Metz auf Kolpings Bühne (überlas­sen von Hermann Metz)

Und wie könnte es anders sein – der „Metza-Hermann vom Dreiß­ad­aal“ hat auch zu diesem Thema wesent­li­ches beizu­tra­gen: Abschied aus Oberko­chen in drei Schrit­ten. Ich wähle das Jahr 1957: Ich bin 19 Jahre alt und habe immer in Oberko­chen, im hinte­ren Dreißen­tal, gelebt und die Volks­schu­le besucht. Für mich fand sie die ganzen acht Jahre lang im roten Ziegel­bau an der Dreißen­tal­stra­ße statt. Danach lernte ich bei der Firma Wilhelm Grupp (WIGO) Mecha­ni­ker und Techni­scher Zeich­ner. Ich wurde gemus­tert und mir drohte der Wehrdienst. Weil ich der Meinung war, meine Familie habe mit dem Kriegs­tod meines Vaters Paul Metz genug Opfer für das Vater­land gebracht, musste ich nicht auch noch Soldat werden. 1958 begann ich ein Maschi­nen­bau-Studi­um in Augsburg, das als Zurück­stel­lungs­grund galt. Damit war ich zunächst vier Jahre lang von Oberko­chen »weg«. So ein Studi­um dauer­te norma­ler­wei­se drei Jahre, aber weil ich ein Mensch ohne Abitur war, musste ich zwei sogenann­te Vorse­mes­ter vorschal­ten. Erst danach hielt man mich des eigent­li­chen Ingenieurs-Studi­ums für würdig. Nach seinem Ende 1962 nahm ich eine Arbeits­stel­le im WIGO-Konstruk­ti­ons­bü­ro an. Dieses Studi­um war ein wahrer »Schlauch« für mich gewesen. Deshalb leiste­te ich mir vor dem Eintritt ins neue Berufs­le­ben eine Entspan­nungs­pha­se: Mit einem Studi­en­kol­le­gen brach ich zu einer mehrwö­chi­gen Fahrrad­fahrt — mit einem Rad ohne Gangschal­tung — nach Südfrank­reich auf. Sie war für uns beide ein einschnei­den­des Erleb­nis, nur ärger­te es mich jeden Tag, dass ich die franzö­si­sche Sprache nicht verstand, nicht im schwei­ze­ri­schen Rhone­tal und nicht dort unten am Mittel­meer. Das wollte ich schnells­tens ändern. Zurück in Oberko­chen begann ich bei der Volks­hoch­schu­le einen Franzö­sisch­kurs. Aber in Oberko­chen neben dem Schaf­fen her Franzö­sisch lernen, war eine fast nicht zu bewäl­ti­gen­de Heraus­for­de­rung. Ein anderer Teilneh­mer war Rolf Günther, der weiter unten im Dreißen­tal zuhau­se war. Wir beschlos­sen: Um unser Projekt auf ordent­li­che Beine zu stellen, sollten wir dahin gehen, wo die Menschen Franzö­sisch sprachen. Ihn verschlug es nach Paris, mich nach Brüssel. Das war mein zweiter Oberko­chen-Abschied. In Brüssel verdien­te ich in einem Maschi­nen­bau­be­trieb meinen Lebens­un­ter­halt und studier­te in Abend­kur­sen einer renom­mier­ten Sprachen­schu­le Franzö­sisch. Was daraus werden sollte, wusste ich noch nicht. Da passte mir ein Bericht ins Konzept, den ich 1965 in Brüssel in der STUTTGARTER ZEITUNG las. Das Land Baden-Württem­berg, stand da, sei dabei, in Tunesi­en — einst franzö­si­sche Kolonie — eine „Ècole profes­si­on­nel­le“ für Metall­be­ru­fe einzu­rich­ten. Etwa zehn Lehrer waren einge­stellt, aber einer für die Ausbil­dung Techni­scher Zeich­ner, der idealer­wei­se die franzö­si­sche Sprache beherr­schen sollte, fehlte ihnen noch. Hermann, sagte ich mir: Die Stelle haben sie extra für dich ausge­dacht. Ich setzte mich mit dem Kultus­mi­nis­te­ri­um in Verbin­dung, wurde angenom­men und flog noch 1965 nach Tunis (via Brüssel der dritte Oberko­chen Abschied). Kurz danach trafen dort zwei deutsche Kranken­schwes­tern ein, eine davon kam aus Südba­den. Ihre Arbeits­stel­le war ein von den Franzo­sen im Koloni­al­stil gebau­tes Kranken­haus, nicht weit weg von unserer Schule. Wir heira­te­ten 1966. Unsere Hochzeits­ur­kun­de ist auf arabisch abgefasst und in ihr liest man schwarz auf weiß, wir hätten im Jahr 1386 in Tunis gehei­ra­tet. Demnach wäre unser Ehebund bald 640 Jahre alt. Resch­be­gd! (Meine persön­li­che Berech­nung lässt darauf schlie­ßen, dass ich im Rechnen kein Held war. Dabei hatten sie uns auf der Ingenieurs­schu­le mit höherer Mathe­ma­tik drang­sa­liert, mit Diffe­ren­ti­al- und Integral­rech­nung – der Billie weiß dazu folgen­des: „Das deutsche Jahr 1966 entspricht in Tunesi­en im arabisch‑islamischen (hijri­schen) Kalen­der haupt­säch­lich den Jahren 1385 AH und 1386 AH“). 1969 kehrten wir zurück, aber nicht auf die Schwä­bi­sche Alb, sondern nach Südba­den. Zusam­men­ge­fasst: Aus Oberko­chen verschwin­de ich, 26 Jahre alt, endgül­tig 1964 und komme nur noch zu Besuchen dorthin. Bis heute stecken mir meine Kindheit und Jugend in dem Dorf tief in der Seele, die Berge, die Wälder, an Felsen gräbseln, in den Bächen und im Kocher herum­wa­ten ond Grubba­seggl fanga.

Wer mir seit einigen Jahren sehr dabei hilft, die heimat­li­chen Erinne­run­gen aufrecht zu er halten, ist Luitgard Hügle, gebore­ne Grupp, die mit ihrem Mann Fritz in der Toska­na leben­de ehema­li­ge Dreißen­tä­le­rin. Sie ist den Lesern von BÜRGER UND GEMEINDE gut bekannt, denn sie hob für den Heimat­ver­ein Oberko­chen immer wieder alte, fast verlo­ren­ge­gan­ge­ne Oberko­chen-Geschich­ten ans Licht. Ich möchte an dieser Stelle eine Beobach­tung anfügen, die mit Luitgard zu tun hat und die ich bis in meine Jugend­zeit hinein nicht richtig begriff. Obwohl wir beide etwa zur selben Zeit in der Dreißen­tal­stra­ße aufwuch­sen, nahmen wir das Oberko­che­ner Leben auf zweier­lei Weise wahr. Luitgard hatte starke, im Dorf verwur­zel­te Verbin­dun­gen, denn ihre Vorfah­ren waren seit jeher Oberko­che­ner. Sie hatten die Dorfge­schich­te mitge­prägt und sprachen den alten Dialekt. (Zu Luitgards Vorfah­ren gehör­te sogar, wenn auch über verschlun­ge­ne Verwandt­schafts­we­ge, der legen­dä­re Bilzhan­nes). Dagegen waren die meisten der hinte­ren Dreißen­tä­ler Reigschmegg­de, die Oberko­chen erst erkun­den mussten. Unsere Eltern­ge­nera­ti­on bezog von etwa 1935 an ihre Wohnun­gen im hinte­ren Dreißen­tal und in den umlie­gen­den kleine­ren Straßen. Sie kam aus der näheren und weite­ren Umgebung, von Ondrkocha ond von Fachsa­feld, vom Härts­feld, aus dem Remstal, aus dem schwä­bi­schen Oberland, aus der Heidel­ber­ger Gegend, aus Bayern. Einige wenige waren Oberko­che­ner. Dabei machte es uns der Kern der Einhei­mi­schen nicht immer leicht, denn sie mussten umgekehrt lernen, wer diese Neuen waren. Man betrach­te­te sie kritisch und hielt am besten erst einmal Abstand. Mich, einen Halbwil­den mit Sommer­spros­sen und ungekämm­ten Haaren, fragten sie manch­mal: »Weam g´härschn du iibrha­opt?« Was hatte unsere Eltern ausge­rech­net nach Oberko­chen getrie­ben, in dieses Dorf unter dem Rodstein mit seinen knapp 2.000 Einwoh­nern? Eine aufstre­ben­de Indus­trie, und man sagte es nicht so gerne: eine wohlüber­leg­te Politik. Hitler hatte seine Kriegs­ab­sich­ten längst im Hinter­kopf und trieb schon früh Rüstungs­plä­ne voran. In diese wurde die gut ausge­stat­te­te Oberko­che­ner Holzbe­ar­bei­tungs­ma­schi­nen-Indus­trie einbe­zo­gen. Man brauch­te nur noch genügend fleißi­ge Arbei­ter dafür. Sie kamen und erhiel­ten eine Extra-Beloh­nung: „ihre kloene Arbeit­rheis­la“. Etwa 7.000 Reichs­mark sollen sie dafür hinge­legt haben. Wir, die inzwi­schen nicht mehr ganz Fremden, standen zehn, fünfzehn Jahre später, nach dem verlo­re­nen Krieg, vor demsel­ben, unerwar­te­ten Problem, nämlich dem Zuzug von »Flücht­lin­gen«, wie man sie im Dorf nannte. Im Amtsdeutsch waren sie Vertrie­be­ne, Zuwan­de­rer oder Neubür­ger. Sie mussten mit einem ganz anderen Integra­ti­ons­pro­blem fertig werden als unsere Eltern damals, hatte man sie doch aus einer weit entfern­ten Welt gnaden­los vertrie­ben, aus Ostpreu­ßen und Schle­si­en, aus dem Sudeten­land, aus Ungarn und Rumäni­en. In der Sperber­stra­ße lebte ein richti­ger Exote, ein Grieche. Sie alle brauch­ten eine Weile, bis sie allein mit dem damals noch ausge­präg­ten schwä­bi­schen Dialekt zurecht­ka­men. Die nächs­te Welle ließ nicht lange auf sich warten, als die Thürin­ger aus der DDR flüch­te­ten. Sie wählten Oberko­chen wegen der inzwi­schen hier angesie­del­ten und ihnen vertrau­ten Firma Carl Zeiss aus Jena. Hinter vorge­hal­te­ner Hand zöger­te man nicht, sie etwas abschät­zig als »von driibn« Gekom­me­ne zu kennzeich­nen, von drüben, von Thürin­gen. Ihnen gefiel nicht alles, was sie in dem Bauern­dorf antra­fen. Aber von der Natur waren sie hellauf begeis­tert. Sie kamen sich vor, als seien sie von Jena nach Jena geflo­hen. Spätes­tens nachdem ich die zwanzigs­te oder dreißigs­te ihrer so wunder­bar schme­cken­den Thürin­ger Rostbrat­würs­te genos­sen hatte, nahm ich Abschied von meinem Heimatdorf.

Hermann Metz und seine Frau Erika (überlas­sen von Hermann Metz)

Wolfgang Porzig aus der Lenzhal­de 28 war jahre­lang für Zeiss in Tokyo / Japan. Abschied von Oberko­chen. Die lokalen Zeitun­gen ließen das nicht unerwähnt. Bürger­meis­ter, lokale VIPs und die Presse sangen Loblie­der auf ihn und wiesen darauf hin, dass man sein Wirken als selbst­ver­ständ­lich sah, aber man seine wirkli­che Bedeu­tung erst begrei­fen werde, wenn er nicht mehr da sein wird. Es gab eine Verab­schie­dung im Rupert-Mayer-Haus, bei der die Herren Bosch, Eber und Dörrich auf sein Wirken eingin­gen und seinen Weggang bedau­er­ten. Zur Verab­schie­dung von „WP“ zog der Chor nochmals alle Regis­ter bei einem tollen Konzert im Bürger­saal und der Gospo­din-Messe (in russi­scher Sprache) in der kath. Kirche. Nachfol­ger wurde der damals 18jährige Wolfgang Gentner.
Der große Schritt nach Asien führte ihn 1975 nach Tokyo mit der Wohnadres­se „Minami Senzo­ku“. In der dorti­gen ökume­ni­schen Kanto­rei Tokyo-Yokoha­ma war er auch Chorlei­ter von 1976 bis 1981. Er schrieb aus Tokyo folgen­den Text an BM Gustav Bosch:
„…auch wenn hier der Typ des Massen­men­schen in dieser unheim­li­chen Masse Menschen gezüch­tet wird – wir werden uns bemühen Indivi­dua­lis­ten zu bleiben.“ Und der Bürger­meis­ter Bosch schrieb zu seinem Abschied: „Wir rufen ihm nach, wenn er in den nächs­ten Tagen auf den Flügeln der Morgen­rö­te entschwebt – Auf Wieder­se­hen.“ Es wird 1981 werden, bis er zurück­keh­ren wird. Die Familie folgte ihm im Sommer 1975. Michae­la und Ursula gingen in Tokyo bis zum Abitur in die deutsche Schule. Ursula studier­te ab 1976 in Deutsch­land. Chris­ti­ne studier­te 1975 noch in Freiburg und besuch­te ihre Familie in Tokyo ein Jahr später nach ihrem Examen. Er blieb in dieser rastlo­sen Stadt bis 1981, wechsel­te im Alter von 59 Jahren in die Rente (wie man so sagte) und kehrte nach Oberko­chen in die Lenzhal­de zurück.

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Wolfgang Porzig mit Dorothea Spring geb. Werner – auch eine frühe­re Sonnen­berg­le­rin (Archiv Müller)

Mein Schul­freund Werner Bernl­öhr war als Expatria­te beruf­lich in Brasi­li­en (1991 – 1994). Vom Stand­ort Oberbruch/Heinsberg wurde ich von meinem Arbeit­ge­ber Akzo Nobel Faser AG nach Brasi­li­en entsen­det. Der Umzug erfolg­te mit Familie und Teilen des Hausrats. Im dorti­gen Tochter­un­ter­neh­men Polyen­ka s.a. in Ameri­ca­na / Sao Paulo war ich zunächst Quali­täts­ma­na­ger, dann Techni­scher Direk­tor. (Die Produk­ti­ons­ket­te: Polykon­den­sa­ti­on, Spinne­rei, Verstre­ckung, Textu­rie­rung, Färbe­rei von Polyamid und Polyes­ter). Die beruf­li­chen Highlights waren Einfüh­rung von ISO 9001 (noch vor Mutter­fir­ma) und die Moder­ni­sie­rung der Fabrik.

Die Heraus­for­de­run­gen vor Ort waren:

  • Die Infla­ti­on (zeitwei­se > 2.000% per anno)
  • 4 Währun­gen in 4 Jahren!

Persön­li­ches Fazit. Es war eine spannen­de, manch­mal auch aufre­gen­de Zeit. Dreimal wurde mein Auto aufge­bro­chen, um das Autora­dio zu stehlen. Der Sachscha­den war jeweils beträcht­lich. Auf dem Schwarz­markt von Sao Paulo gab es dann die gestoh­le­nen Radios für wenige Dollars (Cruzei­ros) zu kaufen. An der Copaca­ba­na in Rio wurden wir überfal­len, als wir leicht­sin­ni­ger­wei­se einen Abend­spa­zier­gang am Strand unter­nah­men. Ich hatte zum Glück nur eine billi­ge Armband­uhr und ca. 50 Dollar dabei.

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Mein Schul­freund Werner Bernl­öhr – einst wohnhaft in der Panora­ma­stra­ße (Archiv Müller)

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Werner Hilgart bei einer Abschluss­fei­er in Tettnang (überlas­sen von Werner Hilgart)

Mein Schul­freund Werner Hilgart aus Tettnang erzählt von seinem Leben in Frank­reich und in den USA: Meine Jahre im Auslands­schul­dienst in Frank­reich und den USA

Werner Hilgart auf dem Collè­ge Inter­na­tio­na­le Fontaine­bleau 2000–2003. Fontaine­bleau? Fontaine­bleau! Hatte sich da nicht Napolé­on von seinen Solda­ten verab­schie­det, bevor er ins Exil ging? Dort sollte ich also für die nächs­ten Jahre Leiter der Deutschen Abtei­lung des Collè­ge Inter­na­tio­na­le werden. Frank­reich, das war schon immer der Traum gewesen. Mit einer gebür­ti­gen Franzö­sin verhei­ra­tet, franco­phil seit meinen ersten Aufent­hal­ten im schwei­ze­ri­schen Lausanne mit 16, da erschien das nur logisch. Aber von Anfang an. Die Bewer­bung für den Auslands­schul­dienst hatte ich fast schon verges­sen, als ein Schrei­ben vom Minis­te­ri­um für Vertei­di­gung mit einem Angebot der Deutschen Abtei­lung in Fontaine­bleau kam. Die Abtei­lung war ein Überbleib­sel aus der Zeit, in der Fontaine­bleau Haupt­quar­tiert der NATO gewesen war. Übrig geblie­ben war eine „section anglo­pho­ne“, als eine Privat­schu­le und eben eine „section germa­no­pho­ne“, in der Kinder der wenigen deutschen Militär­an­ge­hö­ri­gen von der Grund­schu­le bis zum „brevet des collè­ges“ nach 9 Jahren unter­rich­tet wurden, aber auch Kinder von Famili­en, die im Speck­gür­tel von Paris arbei­te­ten. In der Grund­schu­le von einer Lehre­rin komplett nach deutschem Grund­schul­lehr­plan und im „Collè­ge“ in Deutsch und Geschichte/Gemeinschaftskunde von einer weite­ren Kolle­gin und mir immer nach dem Unter­richt im franzö­si­schen „Collè­ge“, das alle besuch­ten. Das Bewer­bungs­ge­spräch auf der Hardt­hö­he lief gut. Der für das Schul­we­sen der Bundes­wehr zustän­di­ge „Schul­rat“. der von nun an mein Vorge­setz­ter war, erklär­te mir die Modali­tä­ten für den Umzug und das weite­re Vorge­hen. Wir gaben unsere Wohnung in Mecken­beu­ren auf, feier­ten ein Abschieds­fest. Unser ältes­ter Sohn Damien war mitten in der Lehre und entschied sich dafür, hier zu bleiben. Wir fanden eine kleine Wohnung für ihn und die Eltern seines besten Freun­des Andre­as „adoptier­ten“ ihn. Unser Bäcker meinte: „Wenn der Bua Hunger hat, kann er morgens am Fenster der Backstu­be klopfen“ (Danke, Seppi). Sein jünge­rer Bruder Julien war 13 Jahre alt und ging mit uns. Sylvia, unsere Ältes­te, war 20 Jahre alt und stell­te uns vor der Abrei­se ihren neuen Freund vor. Heute sind die beiden seit 14 Jahren glück­lich verhei­ra­tet. Fontaine­bleau war ja nicht aus der Welt! In Frank­reich gehen alle Kinder ausnahms­los bis zum „brevet“ ins Collè­ge. Nur die letzten drei Jahre „Lycée“ sind fakul­ta­tiv und nur über beson­de­re Leistun­gen zugänglich.

Grund­schu­le: Collè­ge Lycée
Sek 1 Sek 2
CP cours préparatoire 6e 2e
CE1 cours élémen­tai­re 1 5e 1er
CE2 cours élémen­tai­re 2 4e Termi­na­le (baccalauréat/Abitur)
CM1 cours moyen 1 3e brevet
CM2 cours moyen 2

Unter­richt ist norma­ler­wei­se von 8 Uhr 30 bis 16 Uhr im „Collè­ge“, mit einem freien Nachmit­tag danach Unter­richt in Deutsch und Geschichte/Gemeinschaftskunde in der deutschen Abtei­lung! In der Grund­schu­le Unter­richt von 8 Uhr 30 bis 16 Uhr, mittwochs frei. Es sollten drei wunder­schö­ne, wenn auch anstren­gen­de Jahre werden. Als Direk­tor der Deutschen Abtei­lung musste ich an jeder Konfe­renz des „Collè­ge“ teilneh­men. Davon gibt es eine ganze Menge. Pro Trimes­ter zwei Noten­kon­fe­ren­zen und zusätz­li­che organi­sa­to­ri­sche Konfe­ren­zen im „Collè­ge“. Übrigens sind bei jeder Noten­kon­fe­renz die Klassensprecher/innen dabei! In der Grund­schu­le ebenfalls mehre­re Konfe­ren­zen. Mit der Direk­to­rin der anglo­pho­nen Abtei­lung erreich­ten wir aber, dass unsere Schüler/innen vorge­zo­gen wurden und wir dann gehen konnten. Gladys Kenne­dy, so hieß sie, war mir am Anfang eine große Hilfe und wir entwi­ckel­ten eine herzli­che Freund­schaft. Strei­ken war ein Problem. Da in Frank­reich Lehrer/innen sich einfach morgens für einen Streik abmel­den konnten (der Tag wurde ihnen dann vom Gehalt abgezo­gen) und wir nicht strei­ken durften und die engli­schen Lehrer/innen an der Privat­ab­tei­lung auch nicht, konnte es sich ergeben, dass unsere Schüler/innen für eine oder zwei Stunden, oder den ganzen Vormit­tag auf dem Schul­hof verbrach­ten, unser Unter­richt begann ja offizi­ell erst nach 16 Uhr. Wir fanden dafür aber oft unkon­ven­tio­nel­le Lösun­gen. Zogen den Unter­richt vor, oder „streik­ten“ solida­risch mit. Franzö­si­sche Schul­kin­der dürfen in der Regel von Schul­be­ginn bis zum Schulen­de das abgeschlos­se­ne Schul­ge­län­de nicht verlas­sen. Es gibt ein Tor mit Pfört­ner­haus, und nur mit einer Erlaub­nis kann man das Gelän­de verlas­sen, zum Beispiel wenn man nicht in der Schul­kan­ti­ne isst. Wir Lehrer haben meistens auch in der Schul­kan­ti­ne geges­sen. Das Essen war ganz in Ordnung. Zum Einstand luden wir unsere Nachbarn in dem kleinen Ort Thomé­ry, in dem wir ein Haus gemie­tet hatten, direkt am Rand des Waldes von Fontaine­bleau, zum „apéri­tif“ ein, teils mündlich, teils schrift­lich. Die Einla­dung war auf 18 Uhr und als um viertel vor 7 immer noch niemand da war, machten wir uns schon Sorgen. Wollte man uns ignorie­ren? Nein, es war der franzö­si­sche Zeitbe­griff, der eben nicht unserem Verständ­nis von Pünkt­lich­keit entspricht. Der Abend wurde dann aber nett, fast alle kamen und die letzten gingen kurz vor Mitter­nacht. Die nette Nachbar­schaft blieb über die 3 Jahre erhal­ten und auch später haben wir uns einige Male in Thomé­ry getrof­fen. Die Arbeit als Lehrer an der Schule war nicht zu stres­sig, nie mehr als ein halbes Dutzend in einer Klasse. Die Zusam­men­ar­beit mit dem Collè­ge und den dorti­gen Lehrern war super. Etwas kompli­zier­ter gestal­te­te sich das adminis­tra­ti­ve Leben. Das musste ich erfah­ren, als wir für unsere Schüler/innen die Möglich­keit schaf­fen wollten, das „Abi-Bac“ ablegen zu können, das in Deutsch­land wie in Frank­reich anerkannt wird. Meine Vorgän­ge­rin hatte schon einige Vorar­beit geleis­tet und darauf wollte ich aufbau­en – Fehlan­zei­ge! Ich musste die ganze adminis­tra­ti­ve Hierar­chie von unten bis oben durch­lau­fen. Vergisst man eine Ebene, dann stockt der Prozess und man wird ignoriert. Wir haben es aber dann doch geschafft. Fontaine­bleau ist eine wunder­schö­ne Stadt und sein Schloss eine der meist­be­such­ten Sehens­wür­dig­kei­ten Frank­reichs. Über den „Forêt de Fontaine­bleau“ mit seinen Wander­stre­cken, seinen verwun­sche­nen Orten und Felsen und Ortschaf­ten wie Barbi­zon, die berühm­te Künst­ler angezo­gen haben, müsste man ein Buch schrei­ben. „Der Krieg der Knöpfe“ wurde hier gedreht, aber auch für viele andere Filme war er Kulis­se. Zum 40-jähri­gen Jubilä­um des Elysée-Vertrags wurden meine Schüler/innen der Abschluss­klas­se sowie meine Frau und ich in den Senat einge­la­den. Von der Tribü­ne aus konnten wir hochran­gi­gen Politiker/innen beider Länder bei den Reden zuhören. Außer­dem bekamen wir eine exklu­si­ve Führung durch das Palais du Luxem­bourg. Das „Oberhaus“ der franzö­si­schen Legis­la­ti­ve ist sonst für Besucher nicht zugäng­lich. Das Palais ist wie ein kleiner autar­ker Ort mit eigenem Postamt, einem Restau­rant, prunk­vol­len Sälen. Wir waren sehr beein­druckt. Zu den Feier­lich­kei­ten gehör­te auch ein Empfang beim deutschen Botschaf­ter in seiner Residenz im Hôtel Beauhar­nais im elegan­ten 7. Arron­dis­se­ment. Schon die Anfahrt war ein Erleb­nis, da die Polizei einfach die Straßen sperr­te, damit wir parken konnten. Dabei fiel unser himmel­blau­er Twingo natür­lich auf! Der Empfang begann wie ein Holly­wood­film. Ein Major­do­mus klopf­te mit seinem Stab auf den Boden, um jeden Gast anzukün­di­gen: „Madame et Monsieur Hilgart, direc­teur de la section germa­no­pho­ne du Collè­ge Inter­na­tio­na­le de Fontaine­bleau.“ Danach Hände­schüt­teln mit dem Gastge­ber und seiner Frau. Das erlebt man wahrschein­lich nur einmal im Leben. Reicht aber auch! Zum Essen ging es in den Park, wo ein gewis­ser Johann Lafer uns in den aufge­bau­ten, weißen Zelten seine Kreatio­nen servier­te. Voilà. Frank­reichs Märkte sind legen­där und die Markt­ta­ge (diens­tags, freitags und sonntags) von Fontaine­bleau bilde­ten da keine Ausnah­me. Ein Teil des Marktes war überdacht und neben Käse, Fleisch, Obst Gemüse und Fisch gab es auch Kleidung, Schuhe und Gegen­stän­de des tägli­chen Gebrauchs. Einige Händler erzähl­ten mir, dass sie gar keinen Laden hätten, sondern nur auf den Märkten verkau­fen würden. Die Quali­tät ist gut und wir haben uns auch einige Male Kleidung auf dem Markt gekauft. Ein Markt­be­such bleibt mir beson­ders in Erinne­rung. Ein Freund aus Ravens­burg, der im Waldhorn bei einem Sterne­koch in die Lehre gegan­gen war und dessen Vater einen Delika­tes­sen­groß­han­del führte, den er inzwi­schen übernom­men hat, lief mit uns über den Markt. Dabei schau­te er ungläu­big auf die Ausla­gen der Käse-Wurst-Fisch und Fleisch­händ­ler. So eine Quali­tät hätte er noch nie gesehen und jetzt verstand er auch, warum der Markt von Fontaine­bleau Menschen aus der weite­ren Umgebung anzog. Allein in der Rue des Sablons gab es drei Affine­rien für Käse! Oh, wie wir Frank­reich liebten! Eine Etappe der Tour des France ging damals durch Fontaine­bleau. Die Fahrer sind in einem Augen­blick an uns vorbei, aber das Drumher­um dieses kurzen Augen­blicks kann man sich in Deutsch­land kaum vorstel­len. Volks­fest­stim­mung, ausge­las­se­ne Menschen: eben Tour de France! Pouli­dor war als Gast auf dem Podium des Modera­tors und Renée holte sich ein Autogramm. „Poupou“ war in den 60er und 70er der Lieblings­fah­rer meiner Schwie­ger­mut­ter gewesen. Er war der „ewige Zweite“ und hatte sich so in die Herzen vieler Franzo­sen und auch in das meiner Schwie­ger­mut­ter gefah­ren. Ob sich Fontaine­bleau an uns erinnert? Vielleicht schon, denn zum einen haben wir ein großes Wandge­mäl­de im Foyer des Collè­ge gemalt:

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Ein Wandbild in Werner franzö­si­scher Schule des Boden­sees, der franz. „Lac de Constance“ heißt (überlas­sen von Werner Hilgart)

Fontaine­bleau ist die Partner­stadt von Konstanz. Und zum anderen haben wir den Sankt-Martins- Umzug in Fontaine­bleau einge­führt. Zuerst noch auf dem Gelän­de der deutschen Kaser­ne, nur mit den deutschen Kindern, später aber auch mit anderen Schülern/innen der Grund­schu­le. Nach meinem Weggang gab es sogar Sankt-Martins-Umzüge durch die Stadt, wie mir erzählt wurde. Alles begann damit, dass Lisa und Gaby, meine Kolle­gin­nen mit den deutschen Kindern einen Later­nen­um­zug zu Sankt Martin veran­stal­ten wollten. Dabei kam mir Idee, das dafür benötig­te Bastel­ma­te­ri­al aus Deutsch­land für alle Kinder der Leonar­da-da-Vinci Grund­schu­le, also auch die franzö­si­schen und englisch­spra­chi­gen, zu besor­gen. Überhaupt waren die beiden Schulen, aufgrund ihrer Inter­na­tio­na­li­tät sehr offen. Viele Kinder hatten Eltern­tei­le aus verschie­de­nen Natio­nen, sprachen mehre­re Sprachen oder hatten aus beruf­li­chen Gründen der Eltern schon in mehre­ren Ländern gelebt. Es herrsch­te bei uns ein großes Klima der Toleranz und des gegen­sei­ti­gen Respekts sowie der Offen­heit für Fremdes. Die Kinder lebten in einem „bain lingu­is­tique“ und auf dem Schul­hof konnte man Kinder beim gemein­sa­men Spielen in drei Sprachen reden hören. Sie wechsel­ten dabei die Sprachen auch ohne Problem. Alle Kinder bastel­ten mit Begeis­te­rung ihre Later­nen, das franzö­si­sche Militär „lieh“ uns einen Offizier der Reite­rei, die in Fontaine­bleau statio­niert war. Der Reiter teilte den Mantel des armen Bettlers mit einem echten Schwert und die Kinder und Eltern beschlos­sen den Abend bei einem großen Lager­feu­er mit „Weckmän­nern“, die ein franzö­si­scher Bäcker für uns gebacken hatte. Sankt Martin war immer­hin römischer Soldat, später der Bischof von Tour! Das und die Legen­de von den schnat­tern­den Enten erzähl­ten wir den Kindern natür­lich. Aus diesem Projekt heraus entstan­den dann auch vermehrt Koope­ra­tio­nen aller drei Abtei­lun­gen wie zum Beispiel eine Fahrt mit den Abschluss­klas­sen zum „Mémori­al de la Paix“ in Caen oder ein Besuch der mittel­al­ter­li­chen Baustel­le in Guéde­lon mit den Grund­schul­klas­sen. Da wir wussten, dass Die Bundes­wehr aufgrund zu gerin­ger Schüler­zah­len die Deutsche Abtei­lung über kurz oder lang schlie­ßen wollte, beglei­te­te ich die Eltern bei dem Prozess der Gründung einer Privat­schu­le. Wir besuch­ten mehre­re Privat­schu­len im Pariser Raum, aber auch Deutsche Privat­schu­len in anderen Ländern auf ihrer Inter­net­sei­te. Am Ende hat auch das geklappt und die Bundes­wehr übergab die Abtei­lung mitsamt dem Inven­tar an den Eltern­ver­ein. Dann kam die emotio­na­le Verab­schie­dung von meinen Kolle­gin­nen und Kolle­gen, vom Collè­ge, von der anglo­pho­nen Abtei­lung und von der Grund­schu­le, von meinen Schüler/innen. Es war eine wunder­vol­le Zeit gewesen. Aber es ging nicht wie bei Napoé­on ins Exil – sondern in die USA, genau­er gesagt nach Alamog­ordo, New Mexico. Aber das ist eine andere Geschichte.

Wilfried „Wichai“ Müller – Billie vom Sonnen­berg – Der Nicht-Ausgewanderte

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