EXPATS
Expatriate (von lateinisch ex „aus“, „heraus“ und patria „Vaterland“), kurz Expat, ist eine Person, die ohne Einbürgerung in einem ihr fremden Land oder einer ihr fremden Kultur lebt. Das Wort bezeichnet häufig konkreter eine Fach- oder Führungskraft, die von einer international tätigen Organisation (z. B. von einem Wirtschaftsunternehmen), bei der sie beschäftigt ist, im Rahmen einer Auslandsentsendung vorübergehend an eine ausländische Zweigstelle entsandt wird. Auch solche Personen habe ich aufgeführt, soweit ich Kenntnis davon hatte. Um in dem Bericht aufgeführt zu werden, war aber schon ein mehrjähriger Aufenthalt notwendig.

Die Laien-Schauspieler Georg Hausmann, Josef Merz und Hermann Metz auf Kolpings Bühne (überlassen von Hermann Metz)
Und wie könnte es anders sein – der „Metza-Hermann vom Dreißadaal“ hat auch zu diesem Thema wesentliches beizutragen: Abschied aus Oberkochen in drei Schritten. Ich wähle das Jahr 1957: Ich bin 19 Jahre alt und habe immer in Oberkochen, im hinteren Dreißental, gelebt und die Volksschule besucht. Für mich fand sie die ganzen acht Jahre lang im roten Ziegelbau an der Dreißentalstraße statt. Danach lernte ich bei der Firma Wilhelm Grupp (WIGO) Mechaniker und Technischer Zeichner. Ich wurde gemustert und mir drohte der Wehrdienst. Weil ich der Meinung war, meine Familie habe mit dem Kriegstod meines Vaters Paul Metz genug Opfer für das Vaterland gebracht, musste ich nicht auch noch Soldat werden. 1958 begann ich ein Maschinenbau-Studium in Augsburg, das als Zurückstellungsgrund galt. Damit war ich zunächst vier Jahre lang von Oberkochen »weg«. So ein Studium dauerte normalerweise drei Jahre, aber weil ich ein Mensch ohne Abitur war, musste ich zwei sogenannte Vorsemester vorschalten. Erst danach hielt man mich des eigentlichen Ingenieurs-Studiums für würdig. Nach seinem Ende 1962 nahm ich eine Arbeitsstelle im WIGO-Konstruktionsbüro an. Dieses Studium war ein wahrer »Schlauch« für mich gewesen. Deshalb leistete ich mir vor dem Eintritt ins neue Berufsleben eine Entspannungsphase: Mit einem Studienkollegen brach ich zu einer mehrwöchigen Fahrradfahrt — mit einem Rad ohne Gangschaltung — nach Südfrankreich auf. Sie war für uns beide ein einschneidendes Erlebnis, nur ärgerte es mich jeden Tag, dass ich die französische Sprache nicht verstand, nicht im schweizerischen Rhonetal und nicht dort unten am Mittelmeer. Das wollte ich schnellstens ändern. Zurück in Oberkochen begann ich bei der Volkshochschule einen Französischkurs. Aber in Oberkochen neben dem Schaffen her Französisch lernen, war eine fast nicht zu bewältigende Herausforderung. Ein anderer Teilnehmer war Rolf Günther, der weiter unten im Dreißental zuhause war. Wir beschlossen: Um unser Projekt auf ordentliche Beine zu stellen, sollten wir dahin gehen, wo die Menschen Französisch sprachen. Ihn verschlug es nach Paris, mich nach Brüssel. Das war mein zweiter Oberkochen-Abschied. In Brüssel verdiente ich in einem Maschinenbaubetrieb meinen Lebensunterhalt und studierte in Abendkursen einer renommierten Sprachenschule Französisch. Was daraus werden sollte, wusste ich noch nicht. Da passte mir ein Bericht ins Konzept, den ich 1965 in Brüssel in der STUTTGARTER ZEITUNG las. Das Land Baden-Württemberg, stand da, sei dabei, in Tunesien — einst französische Kolonie — eine „Ècole professionnelle“ für Metallberufe einzurichten. Etwa zehn Lehrer waren eingestellt, aber einer für die Ausbildung Technischer Zeichner, der idealerweise die französische Sprache beherrschen sollte, fehlte ihnen noch. Hermann, sagte ich mir: Die Stelle haben sie extra für dich ausgedacht. Ich setzte mich mit dem Kultusministerium in Verbindung, wurde angenommen und flog noch 1965 nach Tunis (via Brüssel der dritte Oberkochen Abschied). Kurz danach trafen dort zwei deutsche Krankenschwestern ein, eine davon kam aus Südbaden. Ihre Arbeitsstelle war ein von den Franzosen im Kolonialstil gebautes Krankenhaus, nicht weit weg von unserer Schule. Wir heirateten 1966. Unsere Hochzeitsurkunde ist auf arabisch abgefasst und in ihr liest man schwarz auf weiß, wir hätten im Jahr 1386 in Tunis geheiratet. Demnach wäre unser Ehebund bald 640 Jahre alt. Reschbegd! (Meine persönliche Berechnung lässt darauf schließen, dass ich im Rechnen kein Held war. Dabei hatten sie uns auf der Ingenieursschule mit höherer Mathematik drangsaliert, mit Differential- und Integralrechnung – der Billie weiß dazu folgendes: „Das deutsche Jahr 1966 entspricht in Tunesien im arabisch‑islamischen (hijrischen) Kalender hauptsächlich den Jahren 1385 AH und 1386 AH“). 1969 kehrten wir zurück, aber nicht auf die Schwäbische Alb, sondern nach Südbaden. Zusammengefasst: Aus Oberkochen verschwinde ich, 26 Jahre alt, endgültig 1964 und komme nur noch zu Besuchen dorthin. Bis heute stecken mir meine Kindheit und Jugend in dem Dorf tief in der Seele, die Berge, die Wälder, an Felsen gräbseln, in den Bächen und im Kocher herumwaten ond Grubbaseggl fanga.
Wer mir seit einigen Jahren sehr dabei hilft, die heimatlichen Erinnerungen aufrecht zu er halten, ist Luitgard Hügle, geborene Grupp, die mit ihrem Mann Fritz in der Toskana lebende ehemalige Dreißentälerin. Sie ist den Lesern von BÜRGER UND GEMEINDE gut bekannt, denn sie hob für den Heimatverein Oberkochen immer wieder alte, fast verlorengegangene Oberkochen-Geschichten ans Licht. Ich möchte an dieser Stelle eine Beobachtung anfügen, die mit Luitgard zu tun hat und die ich bis in meine Jugendzeit hinein nicht richtig begriff. Obwohl wir beide etwa zur selben Zeit in der Dreißentalstraße aufwuchsen, nahmen wir das Oberkochener Leben auf zweierlei Weise wahr. Luitgard hatte starke, im Dorf verwurzelte Verbindungen, denn ihre Vorfahren waren seit jeher Oberkochener. Sie hatten die Dorfgeschichte mitgeprägt und sprachen den alten Dialekt. (Zu Luitgards Vorfahren gehörte sogar, wenn auch über verschlungene Verwandtschaftswege, der legendäre Bilzhannes). Dagegen waren die meisten der hinteren Dreißentäler Reigschmeggde, die Oberkochen erst erkunden mussten. Unsere Elterngeneration bezog von etwa 1935 an ihre Wohnungen im hinteren Dreißental und in den umliegenden kleineren Straßen. Sie kam aus der näheren und weiteren Umgebung, von Ondrkocha ond von Fachsafeld, vom Härtsfeld, aus dem Remstal, aus dem schwäbischen Oberland, aus der Heidelberger Gegend, aus Bayern. Einige wenige waren Oberkochener. Dabei machte es uns der Kern der Einheimischen nicht immer leicht, denn sie mussten umgekehrt lernen, wer diese Neuen waren. Man betrachtete sie kritisch und hielt am besten erst einmal Abstand. Mich, einen Halbwilden mit Sommersprossen und ungekämmten Haaren, fragten sie manchmal: »Weam g´härschn du iibrhaopt?« Was hatte unsere Eltern ausgerechnet nach Oberkochen getrieben, in dieses Dorf unter dem Rodstein mit seinen knapp 2.000 Einwohnern? Eine aufstrebende Industrie, und man sagte es nicht so gerne: eine wohlüberlegte Politik. Hitler hatte seine Kriegsabsichten längst im Hinterkopf und trieb schon früh Rüstungspläne voran. In diese wurde die gut ausgestattete Oberkochener Holzbearbeitungsmaschinen-Industrie einbezogen. Man brauchte nur noch genügend fleißige Arbeiter dafür. Sie kamen und erhielten eine Extra-Belohnung: „ihre kloene Arbeitrheisla“. Etwa 7.000 Reichsmark sollen sie dafür hingelegt haben. Wir, die inzwischen nicht mehr ganz Fremden, standen zehn, fünfzehn Jahre später, nach dem verlorenen Krieg, vor demselben, unerwarteten Problem, nämlich dem Zuzug von »Flüchtlingen«, wie man sie im Dorf nannte. Im Amtsdeutsch waren sie Vertriebene, Zuwanderer oder Neubürger. Sie mussten mit einem ganz anderen Integrationsproblem fertig werden als unsere Eltern damals, hatte man sie doch aus einer weit entfernten Welt gnadenlos vertrieben, aus Ostpreußen und Schlesien, aus dem Sudetenland, aus Ungarn und Rumänien. In der Sperberstraße lebte ein richtiger Exote, ein Grieche. Sie alle brauchten eine Weile, bis sie allein mit dem damals noch ausgeprägten schwäbischen Dialekt zurechtkamen. Die nächste Welle ließ nicht lange auf sich warten, als die Thüringer aus der DDR flüchteten. Sie wählten Oberkochen wegen der inzwischen hier angesiedelten und ihnen vertrauten Firma Carl Zeiss aus Jena. Hinter vorgehaltener Hand zögerte man nicht, sie etwas abschätzig als »von driibn« Gekommene zu kennzeichnen, von drüben, von Thüringen. Ihnen gefiel nicht alles, was sie in dem Bauerndorf antrafen. Aber von der Natur waren sie hellauf begeistert. Sie kamen sich vor, als seien sie von Jena nach Jena geflohen. Spätestens nachdem ich die zwanzigste oder dreißigste ihrer so wunderbar schmeckenden Thüringer Rostbratwürste genossen hatte, nahm ich Abschied von meinem Heimatdorf.

Hermann Metz und seine Frau Erika (überlassen von Hermann Metz)
Wolfgang Porzig aus der Lenzhalde 28 war jahrelang für Zeiss in Tokyo / Japan. Abschied von Oberkochen. Die lokalen Zeitungen ließen das nicht unerwähnt. Bürgermeister, lokale VIPs und die Presse sangen Loblieder auf ihn und wiesen darauf hin, dass man sein Wirken als selbstverständlich sah, aber man seine wirkliche Bedeutung erst begreifen werde, wenn er nicht mehr da sein wird. Es gab eine Verabschiedung im Rupert-Mayer-Haus, bei der die Herren Bosch, Eber und Dörrich auf sein Wirken eingingen und seinen Weggang bedauerten. Zur Verabschiedung von „WP“ zog der Chor nochmals alle Register bei einem tollen Konzert im Bürgersaal und der Gospodin-Messe (in russischer Sprache) in der kath. Kirche. Nachfolger wurde der damals 18jährige Wolfgang Gentner.
Der große Schritt nach Asien führte ihn 1975 nach Tokyo mit der Wohnadresse „Minami Senzoku“. In der dortigen ökumenischen Kantorei Tokyo-Yokohama war er auch Chorleiter von 1976 bis 1981. Er schrieb aus Tokyo folgenden Text an BM Gustav Bosch:
„…auch wenn hier der Typ des Massenmenschen in dieser unheimlichen Masse Menschen gezüchtet wird – wir werden uns bemühen Individualisten zu bleiben.“ Und der Bürgermeister Bosch schrieb zu seinem Abschied: „Wir rufen ihm nach, wenn er in den nächsten Tagen auf den Flügeln der Morgenröte entschwebt – Auf Wiedersehen.“ Es wird 1981 werden, bis er zurückkehren wird. Die Familie folgte ihm im Sommer 1975. Michaela und Ursula gingen in Tokyo bis zum Abitur in die deutsche Schule. Ursula studierte ab 1976 in Deutschland. Christine studierte 1975 noch in Freiburg und besuchte ihre Familie in Tokyo ein Jahr später nach ihrem Examen. Er blieb in dieser rastlosen Stadt bis 1981, wechselte im Alter von 59 Jahren in die Rente (wie man so sagte) und kehrte nach Oberkochen in die Lenzhalde zurück.

Wolfgang Porzig mit Dorothea Spring geb. Werner – auch eine frühere Sonnenberglerin (Archiv Müller)
Mein Schulfreund Werner Bernlöhr war als Expatriate beruflich in Brasilien (1991 – 1994). Vom Standort Oberbruch/Heinsberg wurde ich von meinem Arbeitgeber Akzo Nobel Faser AG nach Brasilien entsendet. Der Umzug erfolgte mit Familie und Teilen des Hausrats. Im dortigen Tochterunternehmen Polyenka s.a. in Americana / Sao Paulo war ich zunächst Qualitätsmanager, dann Technischer Direktor. (Die Produktionskette: Polykondensation, Spinnerei, Verstreckung, Texturierung, Färberei von Polyamid und Polyester). Die beruflichen Highlights waren Einführung von ISO 9001 (noch vor Mutterfirma) und die Modernisierung der Fabrik.
Die Herausforderungen vor Ort waren:
- Die Inflation (zeitweise > 2.000% per anno)
- 4 Währungen in 4 Jahren!
Persönliches Fazit. Es war eine spannende, manchmal auch aufregende Zeit. Dreimal wurde mein Auto aufgebrochen, um das Autoradio zu stehlen. Der Sachschaden war jeweils beträchtlich. Auf dem Schwarzmarkt von Sao Paulo gab es dann die gestohlenen Radios für wenige Dollars (Cruzeiros) zu kaufen. An der Copacabana in Rio wurden wir überfallen, als wir leichtsinnigerweise einen Abendspaziergang am Strand unternahmen. Ich hatte zum Glück nur eine billige Armbanduhr und ca. 50 Dollar dabei.

Mein Schulfreund Werner Bernlöhr – einst wohnhaft in der Panoramastraße (Archiv Müller)

Werner Hilgart bei einer Abschlussfeier in Tettnang (überlassen von Werner Hilgart)
Mein Schulfreund Werner Hilgart aus Tettnang erzählt von seinem Leben in Frankreich und in den USA: Meine Jahre im Auslandsschuldienst in Frankreich und den USA
Werner Hilgart auf dem Collège Internationale Fontainebleau 2000–2003. Fontainebleau? Fontainebleau! Hatte sich da nicht Napoléon von seinen Soldaten verabschiedet, bevor er ins Exil ging? Dort sollte ich also für die nächsten Jahre Leiter der Deutschen Abteilung des Collège Internationale werden. Frankreich, das war schon immer der Traum gewesen. Mit einer gebürtigen Französin verheiratet, francophil seit meinen ersten Aufenthalten im schweizerischen Lausanne mit 16, da erschien das nur logisch. Aber von Anfang an. Die Bewerbung für den Auslandsschuldienst hatte ich fast schon vergessen, als ein Schreiben vom Ministerium für Verteidigung mit einem Angebot der Deutschen Abteilung in Fontainebleau kam. Die Abteilung war ein Überbleibsel aus der Zeit, in der Fontainebleau Hauptquartiert der NATO gewesen war. Übrig geblieben war eine „section anglophone“, als eine Privatschule und eben eine „section germanophone“, in der Kinder der wenigen deutschen Militärangehörigen von der Grundschule bis zum „brevet des collèges“ nach 9 Jahren unterrichtet wurden, aber auch Kinder von Familien, die im Speckgürtel von Paris arbeiteten. In der Grundschule von einer Lehrerin komplett nach deutschem Grundschullehrplan und im „Collège“ in Deutsch und Geschichte/Gemeinschaftskunde von einer weiteren Kollegin und mir immer nach dem Unterricht im französischen „Collège“, das alle besuchten. Das Bewerbungsgespräch auf der Hardthöhe lief gut. Der für das Schulwesen der Bundeswehr zuständige „Schulrat“. der von nun an mein Vorgesetzter war, erklärte mir die Modalitäten für den Umzug und das weitere Vorgehen. Wir gaben unsere Wohnung in Meckenbeuren auf, feierten ein Abschiedsfest. Unser ältester Sohn Damien war mitten in der Lehre und entschied sich dafür, hier zu bleiben. Wir fanden eine kleine Wohnung für ihn und die Eltern seines besten Freundes Andreas „adoptierten“ ihn. Unser Bäcker meinte: „Wenn der Bua Hunger hat, kann er morgens am Fenster der Backstube klopfen“ (Danke, Seppi). Sein jüngerer Bruder Julien war 13 Jahre alt und ging mit uns. Sylvia, unsere Älteste, war 20 Jahre alt und stellte uns vor der Abreise ihren neuen Freund vor. Heute sind die beiden seit 14 Jahren glücklich verheiratet. Fontainebleau war ja nicht aus der Welt! In Frankreich gehen alle Kinder ausnahmslos bis zum „brevet“ ins Collège. Nur die letzten drei Jahre „Lycée“ sind fakultativ und nur über besondere Leistungen zugänglich.
| Grundschule: | Collège | Lycée |
| Sek 1 | Sek 2 | |
| CP cours préparatoire | 6e | 2e |
| CE1 cours élémentaire 1 | 5e | 1er |
| CE2 cours élémentaire 2 | 4e | Terminale (baccalauréat/Abitur) |
| CM1 cours moyen 1 | 3e | brevet |
| CM2 cours moyen 2 |
Unterricht ist normalerweise von 8 Uhr 30 bis 16 Uhr im „Collège“, mit einem freien Nachmittag danach Unterricht in Deutsch und Geschichte/Gemeinschaftskunde in der deutschen Abteilung! In der Grundschule Unterricht von 8 Uhr 30 bis 16 Uhr, mittwochs frei. Es sollten drei wunderschöne, wenn auch anstrengende Jahre werden. Als Direktor der Deutschen Abteilung musste ich an jeder Konferenz des „Collège“ teilnehmen. Davon gibt es eine ganze Menge. Pro Trimester zwei Notenkonferenzen und zusätzliche organisatorische Konferenzen im „Collège“. Übrigens sind bei jeder Notenkonferenz die Klassensprecher/innen dabei! In der Grundschule ebenfalls mehrere Konferenzen. Mit der Direktorin der anglophonen Abteilung erreichten wir aber, dass unsere Schüler/innen vorgezogen wurden und wir dann gehen konnten. Gladys Kennedy, so hieß sie, war mir am Anfang eine große Hilfe und wir entwickelten eine herzliche Freundschaft. Streiken war ein Problem. Da in Frankreich Lehrer/innen sich einfach morgens für einen Streik abmelden konnten (der Tag wurde ihnen dann vom Gehalt abgezogen) und wir nicht streiken durften und die englischen Lehrer/innen an der Privatabteilung auch nicht, konnte es sich ergeben, dass unsere Schüler/innen für eine oder zwei Stunden, oder den ganzen Vormittag auf dem Schulhof verbrachten, unser Unterricht begann ja offiziell erst nach 16 Uhr. Wir fanden dafür aber oft unkonventionelle Lösungen. Zogen den Unterricht vor, oder „streikten“ solidarisch mit. Französische Schulkinder dürfen in der Regel von Schulbeginn bis zum Schulende das abgeschlossene Schulgelände nicht verlassen. Es gibt ein Tor mit Pförtnerhaus, und nur mit einer Erlaubnis kann man das Gelände verlassen, zum Beispiel wenn man nicht in der Schulkantine isst. Wir Lehrer haben meistens auch in der Schulkantine gegessen. Das Essen war ganz in Ordnung. Zum Einstand luden wir unsere Nachbarn in dem kleinen Ort Thoméry, in dem wir ein Haus gemietet hatten, direkt am Rand des Waldes von Fontainebleau, zum „apéritif“ ein, teils mündlich, teils schriftlich. Die Einladung war auf 18 Uhr und als um viertel vor 7 immer noch niemand da war, machten wir uns schon Sorgen. Wollte man uns ignorieren? Nein, es war der französische Zeitbegriff, der eben nicht unserem Verständnis von Pünktlichkeit entspricht. Der Abend wurde dann aber nett, fast alle kamen und die letzten gingen kurz vor Mitternacht. Die nette Nachbarschaft blieb über die 3 Jahre erhalten und auch später haben wir uns einige Male in Thoméry getroffen. Die Arbeit als Lehrer an der Schule war nicht zu stressig, nie mehr als ein halbes Dutzend in einer Klasse. Die Zusammenarbeit mit dem Collège und den dortigen Lehrern war super. Etwas komplizierter gestaltete sich das administrative Leben. Das musste ich erfahren, als wir für unsere Schüler/innen die Möglichkeit schaffen wollten, das „Abi-Bac“ ablegen zu können, das in Deutschland wie in Frankreich anerkannt wird. Meine Vorgängerin hatte schon einige Vorarbeit geleistet und darauf wollte ich aufbauen – Fehlanzeige! Ich musste die ganze administrative Hierarchie von unten bis oben durchlaufen. Vergisst man eine Ebene, dann stockt der Prozess und man wird ignoriert. Wir haben es aber dann doch geschafft. Fontainebleau ist eine wunderschöne Stadt und sein Schloss eine der meistbesuchten Sehenswürdigkeiten Frankreichs. Über den „Forêt de Fontainebleau“ mit seinen Wanderstrecken, seinen verwunschenen Orten und Felsen und Ortschaften wie Barbizon, die berühmte Künstler angezogen haben, müsste man ein Buch schreiben. „Der Krieg der Knöpfe“ wurde hier gedreht, aber auch für viele andere Filme war er Kulisse. Zum 40-jährigen Jubiläum des Elysée-Vertrags wurden meine Schüler/innen der Abschlussklasse sowie meine Frau und ich in den Senat eingeladen. Von der Tribüne aus konnten wir hochrangigen Politiker/innen beider Länder bei den Reden zuhören. Außerdem bekamen wir eine exklusive Führung durch das Palais du Luxembourg. Das „Oberhaus“ der französischen Legislative ist sonst für Besucher nicht zugänglich. Das Palais ist wie ein kleiner autarker Ort mit eigenem Postamt, einem Restaurant, prunkvollen Sälen. Wir waren sehr beeindruckt. Zu den Feierlichkeiten gehörte auch ein Empfang beim deutschen Botschafter in seiner Residenz im Hôtel Beauharnais im eleganten 7. Arrondissement. Schon die Anfahrt war ein Erlebnis, da die Polizei einfach die Straßen sperrte, damit wir parken konnten. Dabei fiel unser himmelblauer Twingo natürlich auf! Der Empfang begann wie ein Hollywoodfilm. Ein Majordomus klopfte mit seinem Stab auf den Boden, um jeden Gast anzukündigen: „Madame et Monsieur Hilgart, directeur de la section germanophone du Collège Internationale de Fontainebleau.“ Danach Händeschütteln mit dem Gastgeber und seiner Frau. Das erlebt man wahrscheinlich nur einmal im Leben. Reicht aber auch! Zum Essen ging es in den Park, wo ein gewisser Johann Lafer uns in den aufgebauten, weißen Zelten seine Kreationen servierte. Voilà. Frankreichs Märkte sind legendär und die Markttage (dienstags, freitags und sonntags) von Fontainebleau bildeten da keine Ausnahme. Ein Teil des Marktes war überdacht und neben Käse, Fleisch, Obst Gemüse und Fisch gab es auch Kleidung, Schuhe und Gegenstände des täglichen Gebrauchs. Einige Händler erzählten mir, dass sie gar keinen Laden hätten, sondern nur auf den Märkten verkaufen würden. Die Qualität ist gut und wir haben uns auch einige Male Kleidung auf dem Markt gekauft. Ein Marktbesuch bleibt mir besonders in Erinnerung. Ein Freund aus Ravensburg, der im Waldhorn bei einem Sternekoch in die Lehre gegangen war und dessen Vater einen Delikatessengroßhandel führte, den er inzwischen übernommen hat, lief mit uns über den Markt. Dabei schaute er ungläubig auf die Auslagen der Käse-Wurst-Fisch und Fleischhändler. So eine Qualität hätte er noch nie gesehen und jetzt verstand er auch, warum der Markt von Fontainebleau Menschen aus der weiteren Umgebung anzog. Allein in der Rue des Sablons gab es drei Affinerien für Käse! Oh, wie wir Frankreich liebten! Eine Etappe der Tour des France ging damals durch Fontainebleau. Die Fahrer sind in einem Augenblick an uns vorbei, aber das Drumherum dieses kurzen Augenblicks kann man sich in Deutschland kaum vorstellen. Volksfeststimmung, ausgelassene Menschen: eben Tour de France! Poulidor war als Gast auf dem Podium des Moderators und Renée holte sich ein Autogramm. „Poupou“ war in den 60er und 70er der Lieblingsfahrer meiner Schwiegermutter gewesen. Er war der „ewige Zweite“ und hatte sich so in die Herzen vieler Franzosen und auch in das meiner Schwiegermutter gefahren. Ob sich Fontainebleau an uns erinnert? Vielleicht schon, denn zum einen haben wir ein großes Wandgemälde im Foyer des Collège gemalt:

Ein Wandbild in Werner französischer Schule des Bodensees, der franz. „Lac de Constance“ heißt (überlassen von Werner Hilgart)
Fontainebleau ist die Partnerstadt von Konstanz. Und zum anderen haben wir den Sankt-Martins- Umzug in Fontainebleau eingeführt. Zuerst noch auf dem Gelände der deutschen Kaserne, nur mit den deutschen Kindern, später aber auch mit anderen Schülern/innen der Grundschule. Nach meinem Weggang gab es sogar Sankt-Martins-Umzüge durch die Stadt, wie mir erzählt wurde. Alles begann damit, dass Lisa und Gaby, meine Kolleginnen mit den deutschen Kindern einen Laternenumzug zu Sankt Martin veranstalten wollten. Dabei kam mir Idee, das dafür benötigte Bastelmaterial aus Deutschland für alle Kinder der Leonarda-da-Vinci Grundschule, also auch die französischen und englischsprachigen, zu besorgen. Überhaupt waren die beiden Schulen, aufgrund ihrer Internationalität sehr offen. Viele Kinder hatten Elternteile aus verschiedenen Nationen, sprachen mehrere Sprachen oder hatten aus beruflichen Gründen der Eltern schon in mehreren Ländern gelebt. Es herrschte bei uns ein großes Klima der Toleranz und des gegenseitigen Respekts sowie der Offenheit für Fremdes. Die Kinder lebten in einem „bain linguistique“ und auf dem Schulhof konnte man Kinder beim gemeinsamen Spielen in drei Sprachen reden hören. Sie wechselten dabei die Sprachen auch ohne Problem. Alle Kinder bastelten mit Begeisterung ihre Laternen, das französische Militär „lieh“ uns einen Offizier der Reiterei, die in Fontainebleau stationiert war. Der Reiter teilte den Mantel des armen Bettlers mit einem echten Schwert und die Kinder und Eltern beschlossen den Abend bei einem großen Lagerfeuer mit „Weckmännern“, die ein französischer Bäcker für uns gebacken hatte. Sankt Martin war immerhin römischer Soldat, später der Bischof von Tour! Das und die Legende von den schnatternden Enten erzählten wir den Kindern natürlich. Aus diesem Projekt heraus entstanden dann auch vermehrt Kooperationen aller drei Abteilungen wie zum Beispiel eine Fahrt mit den Abschlussklassen zum „Mémorial de la Paix“ in Caen oder ein Besuch der mittelalterlichen Baustelle in Guédelon mit den Grundschulklassen. Da wir wussten, dass Die Bundeswehr aufgrund zu geringer Schülerzahlen die Deutsche Abteilung über kurz oder lang schließen wollte, begleitete ich die Eltern bei dem Prozess der Gründung einer Privatschule. Wir besuchten mehrere Privatschulen im Pariser Raum, aber auch Deutsche Privatschulen in anderen Ländern auf ihrer Internetseite. Am Ende hat auch das geklappt und die Bundeswehr übergab die Abteilung mitsamt dem Inventar an den Elternverein. Dann kam die emotionale Verabschiedung von meinen Kolleginnen und Kollegen, vom Collège, von der anglophonen Abteilung und von der Grundschule, von meinen Schüler/innen. Es war eine wundervolle Zeit gewesen. Aber es ging nicht wie bei Napoéon ins Exil – sondern in die USA, genauer gesagt nach Alamogordo, New Mexico. Aber das ist eine andere Geschichte.
Wilfried „Wichai“ Müller – Billie vom Sonnenberg – Der Nicht-Ausgewanderte