Meine liebe Schulfreundin Christiane „Chris“ Gaertner-Lemoine (früher Silcherweg 26) hat mir ebenfalls einen sehr persönlichen Bericht aus Paris geschrieben: Lieber Billie, wir sagen « ExPat » in Frankreich und benennen damit Aus- oder Einsiedler aus oder in außereuropäische(n) Länder(n), die meist zeitlich befristet ins Ausland gehen. Häufig handelt es sich um Versetzungen, die vom Arbeitgeber organisiert werden. Zu meiner Geschichte oder so vieler Expats in meiner Jugend: Die Schwedenhäuser im Silcherweg wurden ca. 1960 von Zeiss gebaut. Dort wurden verschiedentlich ExPats untergebracht. Als meine Eltern das eine der beiden «Endhäuser» kauften, wohnten in den 3 mittleren Häusern weiterhin solche Expats. Zuerst hatten wir spanische Nachbarn, mit denen sich meine Eltern sofort angefreundet hatten. Ich erinnere mich wage an einen für damalige Zeiten exotischen Abend mit Pedro und seiner Familie…Danach kam eine amerikanische Familie aus New Jersey mit 2 Mädchen ungefähr in unserem Alter, Jim, Chris, Karen und Nancy. Von denen lernten wir, dass man sich unter der Woche zur Arbeit «fein» anzieht und zum Wochenende die coole Masche wählt. Für mich war das der erste Ansporn, Englisch zu sprechen. Meine Mutter mochte sie besonders gern. Sie hat auch diese Familie später in New Jersey besucht. Danach kamen Kanadier. Das war, glaube ich, schon nach der Scheidung meiner Eltern. Auch mit denen hatte meine Mutter lange Kontakt. Wenig später zog die Familie Holz in das vorletzte Haus (Silcherweg 32) Sicher erinnerst Du Dich an Cornie (Cornelius), vielleicht auch an Petra. Ich glaube, sie kamen damals aus Kenia, Petra und Cornie waren schon 2‑sprachig, und ich habe mich schnell mit Petra angefreundet. Sie sind später nach Canada weitergezogen. Heute lebt Petra verheiratet in Australien, Toowoomba (Queensland) und heißt Lehmann. Lange Zeit kam Petra einmal im Jahr nach Deutschland, um ihre Mutter in Göttingen zu besuchen. Dies ist nun auch vorbei, und es ist gut möglich, dass sie nicht mehr kommt. (Anmerkung: nach dem Auszug der Familie Holz ist die Familie Grünler in dieses Haus eingezogen, aus München kommend. (Inlands-ExPats).

1991: Chris, wie ich sie noch in Erinnerung habe (überlassen von Christiane Gaertner-Lemoine)
Nun zu mir oder worum geht es eigentlich? Ich bin in einer vom Krieg und der Nachkriegszeit «zerfledderten» Familie aufgewachsen. Mein Vater war Oberschlesier, seine überlebenden Schwestern und ein Bruder haben sich in Bremerhaven, Essen und in Halle niedergelassen. Die Eltern meiner Mutter waren geschieden (die Berliner Oma 2 Mal verheiratet und geschieden!!), Oma und ein Halbbruder blieben in Berlin, ein Bruder meiner Mutter ging nach Stadt Allendorf, der andere blieb in Ostberlin, aus Überzeugung. Der Opa, auch wiederverheiratet, lebte in Magdeburg mit 2 weiteren Halbschwestern. Mitte der 50iger Jahre hat mein Vater, der Augenoptiker war, den Job bei Zeiss Opton angetreten und wir sind nach Oberkochen gezogen, weit von Berlin und auch noch weiter vom Rest der Familie.
Folglich Umgewöhnung, alles neu, alles anders. Ganz logisch also, dass ich das Reisen fast mit in die Wiege bekommen habe. Mindestens einmal im Jahr fuhren wir nach Berlin, anfänglich zu Weihnachten und zu Ostern, mit der Isetta in 2 Tagen mit Übernachtung Ab ‘59÷60 Sommerferien an der Ostsee, Scharbeutz, 1966 Dänemark und ab 1967 Spanien. Meine Berliner Oma düste auch laufend irgendwo herum. Als Hebamme hatte sie schon seit kurz vor dem Krieg ein Auto, einen Dixie, später einen DKW und dann einen ganz modernen Renault Dauphine. In den 50er und 60er Jahren machte sie Urlaub am Gardasee, wir habe sie auch am Titisee getroffen und in Tirol. Später reiste sie nach Bulgarien, wo sie ihren DDR-Sohn treffen konnte. Immer auf Achse. Im Herbst 1968 wurden meine Eltern geschieden, mein Vater zog nach Aalen und überließ meiner Mutter und mir das Haus im Silcherweg.1969 wurde mein Vater nach Tokyo versetzt. Vorausgesehen waren 3 Jahre, es wurden 4 ½. Das war schon großes Kino. Japan war zu der Zeit noch nicht das Land aller Träume und kein Mensch hatte je Sushi oder Sashimi gegessen. Für meinen Vater war das beruflich gesehen der große Sprung nach oben, aber auch finanziell. In dem Gehalt wurde die neue Situation auch insofern berücksichtigt, als man davon ausging, dass ein Occidentale (Europäer, Amerikaner) nicht nach japanischem Standard leben könnte. Alle irgendwie «westernstyle» Lebensmittel kosteten horrendes Geld und einen westlichen Lebensstil führen, musste bezahlt werden. Die Freizeitkontakte waren vor allem andere «Expats», Amerikaner, Europäer etc., die man in den verschiedenen Clubs Bars oder Restaurant der großen Hotelketten traf (Nikko, Hilton…).
Wahre japanische Freunde waren eher eine Ausnahme. Aber mein Vater, der dem Anschein nach eher streng und Respekt erregend auftrat, hat es durch seine Einfühlsamkeit und Feinfühligkeit geschafft, die Zuneigung der Japaner zu gewinnen. Das hat ihm auch zu dicken Verträgen verholfen. Er hatte schnell festgestellt, dass man nicht mit der Tür ins Haus fallen darf, wenn man Geschäft mit Japanern machen wollte. Zuerst wird Tee getrunken, man unterhält sich über die Familie, Gott und die Welt, dann geht’s evtl. in die Sauna. Eines Tages in Sapporo sagte mein Vater, dass er etwas später einen Rückflug gebucht hatte. Kein Problem, wurde umgebucht, Abendessen war schon geplant, Übernachtung organisiert, und erst am nächsten Morgen wurde Business diskutiert. Obwohl die Verständigung vor allem auf Englisch stattfand, hat er doch ein paar Brocken Japanisch gelernt. Sieglinde, seine zweite Frau lernte auch Japanisch und Ikebana. Beide haben nur positive Erfahrungen gemacht und schöne Erinnerungen behalten.
Warum erzähle ich das alles, wo Du doch auf mehr über «Auswanderung» wissen möchtest? Diese Geschichten aus der Kindheit und Jugend sind für mich grundlegend für meine eigene Geschichte. Die Entscheidung, nach Paris zu ziehen, war für mich nicht schwieriger, als wenn ich zurück nach Berlin gezogen wäre oder sonst wohin, weit weg von der Alb (es wäre fast Athen geworden…). Viel wichtiger in dieser Geschichte war die Trennung von meinem langjährigen Lebenspartner und der Anfang einer neuen Bindung. Ich habe mir absolut keine Gedanken gemacht über eventuelle existentielle Schwierigkeiten oder über das für und wider Deutschland oder Frankreich. Der Anfang war ein einfacher Umzug in ein europäisches Nachbarland, das ich nach vielen Reisen schon etwas kannte.
Über 48 Jahre später aber blicke ich mit gewissem Stolz auf all die Hürden zurück, die ich genommen habe. Heute betrachte ich diese Umsiedelung als Neuanfang in vieler Hinsicht. Wenn man sich voll integrieren will, muss man zuallererst die Spreche gut lernen. Das ist das A und O. Ohne Sprache keine Kultur (Theater, Kino etc.) und vor allem keine Anerkennung. Das war meine erste und bedeutende Hürde. Meine Sprachbegabung hat mir geholfen, diese Hürde in 2 bis 3 Monaten zu nehmen. Ich gebe aber auch zu, dass das mein Ding ist. Ich liebe es, mich verständigen zu können und liebe Sprachen aller Art, weil Sprachen der Grundstein zur Kontaktaufnahme mit anderen ist.
Ins europäische Ausland gehen? Einfach mal so!!! Eben doch nicht, jedenfalls nicht ganz so einfach im Jahr 1977. Erster Kontakt beim französischen Konsulat in Stuttgart : «Wo arbeiten Sie? Haben Sie ein Stellenangebot? » …. Öhhh, nee, das will ich vor Ort finden….Ich habe die detaillierte Liste meiner Umzugsgüter vorgelegt (alle Schallplatten, Bücher etc. gezählt), er hat sie gestempelt und mir den Umzug erlaubt. (An der Grenze hat das kein Schwein interessiert). Später habe ich in Paris den Antrag auf Aufenthaltserlaubnis gestellt. Ein umfangreiches Kapitel, das auch in ein extra Spezial- Kapitel «Europa» gehört! Auch 2 Jahre später die Einführung meines Autos, sowie die ersten Passerneuerungen am Konsulat. Damals wie heute ein Europa der europäischen Bürger und ein politisches Europa.

1987: Chris mit Sohn Thomas auf der champs elysées (überlassen von Christiane Gaertner-Lemoine)
Die ersten Wochen in Paris waren hart. Ich hatte mein Studentenleben zurückgelassen, wo ich es gewohnt war, zu diskutieren und als «Chris» in meinem Freundeskreis persönlich anerkannt zu sein. Nun war ich bombardiert durch Radio, Fernsehen und Diskussionen auf Französisch, und war nur «die Freundin von….». Die schwierigste Phase war die, in der ich anfing gut zu verstehen, aber noch nicht am Gespräch teilnehmen konnte. Anfang Oktober 1977 habe ich meinen ersten Job bei Berlitz angetreten. Berlitz war ein idealer Eintritt ins Berufsleben für mich. In der Berlitzschule lehrte man ausschließlich seine Muttersprache. So waren meine Kollegen natürlich Deutsche und Österreicher, und viele Engländer, Amerikaner, Australier, Spanier, Brasilianer, Italiener, Japaner, etc. Es ähnelte ein wenig einem Campus. So war es ganz natürlich, dass meine ersten Freunde in Paris Briten waren. Wir waren uns in gewisser Weise ähnlich, da wir die gleichen Integrationsprobleme hatten. Vor allem aber litten wir am gleichen Mangel in Paris : Keine Kneipen!! Massenweise Cafés, Bistros oder Nachtbars, aber die Kneipe, in der man auf ein Glas Freunde, Bekannte oder Unbekannte trifft, kannte man in Paris damals nicht. Auch ist im Pariser Sozialleben kein Platz für Spontanität. Man ruft sich an, lädt sich gegenseitig zum Essen ein oder geht gemeinsam ins Theater oder Kino. (Erst 5 Jahre später, im Vorort von Paris haben wir ein reicheres Sozialleben gefunden. Paris ist einfach eine funkelnde Fassade mit reichlichem Kulturangebot). Nach und nach lernte ich alles neu: Wo und wie bekommt man welche Papiere, welche Rechte und Verbote gelten für europäische Ausländer, aber auch die kulturellen Referenzen. ALLES ist neu. Keiner kennt deine Kinderlieder, deine Lieblingsgerichte, deine Kinderbücher, deine dummen Sprüche oder Sprichwörter, sogar Hits und Filme und all die Gewohnheiten, die so alltäglich und normal waren. Alles, was man in der Schule gelernt hat, kommt nun in eine Schublade und man muss sich mit all dem, was in meinem Fall die Franzosen gelernt haben, auseinandersetzen und es nach und nach «inkorpurieren». Alle Referenzen müssen neu erlernt werden und plötzlich wird klar, wie wenig Kulturgut über die Grenzen kommt: Literarische Bestseller, Filme, Humor !!! Niemand kennt Loriot in Frankreich, aber kennt man Coluche in Deutschland? Ich beschreibe hier in keiner Weise was gut ist oder schlecht, besser oder schlechter, das sind nur Beobachtungen und Tatsachen. In den ersten Jahren ohne Internet, Low-Cost-Flügen und mit teuren Telefongebühren, habe ich mich sehr von Deutschland entfernt, bin aber immer Deutsche geblieben. Kann man seine Herkunft, seine Erziehung, seine Kultur verleugnen? Ich nicht. Als ich 1980 geheiratet habe, hätte ich automatisch die französische Staatsbürgerschaft annehmen können, hätte aber dafür die deutsche ablegen müssen. (Diese Regelung hat sich inzwischen geändert) Das stand für mich außer Frage. Mit dem Tod meiner Mutter habe ich wieder viel Deutsches gelernt. Wo bekommt man welche Papiere, was musss man tun, wenn…. etc. Völliges Neuland nach 45 Jahren Abwesenheit! Das ist immer noch aktuell. Durch eine unerwartete Erbschaftsangelegenheit habe ich erfahren, dass es in Deutschland einen Erbschein gibt, welche Funktion dieser hat und wie er funktioniert. Gottseidank hilft mir ein netter Notarangestellter im Ruhestand, der meine Mutter überhaupt ausfindig gemacht hat. Am Anfang habe ich immer nur Bahnhof verstanden…. Es geht in dieser Angelegenheit nicht um großes Geld, nur um Grundbuchbereinigung. Da ich aber solche Angelegenheiten sehr ernst nehme und ich einfach verstehen muss, was ich tue, beansprucht diese Geschichte viel Zeit und beschäftigt mich ausgiebig. Damit komme ich zu einem Fazit, was die Angelegenheit «Auswanderer» betrifft: Egal wie man es angeht oder wie es einem vorgeschlagen wird, «auswandern» oder jegliche wesentliche örtliche Veränderung bedarf Flexibilität, Offenheit, Neugier (viel Neugier), Anpassungsfähigkeit und guten Willen. Ich habe gelernt, «Wasser in meinen Wein» zu tun. «Mettre de l’eau dans son vin» was so viel bedeutet wie einen Kompromiss eingehen, seine Forderungen oder Erwartungen zu reduzieren. Ich sehe mein Herkunftsland und meine Kultur weniger kritisch und wäge mehr das Für und Wider sowohl kulturell als auch sozial oder politisch. Ich halte es für ein Privileg, im Leben nie auszulernen. Die alten Griechen sagten «panta rhei», alles fließt, alles ändert sich. Aber auch wo komme ich her und wo gehöre ich hin? Eindeutig Europa, dann Deutschland mit unterschiedlichen Einflüssen mehrerer Wurzeln, all das gut gemischt mit französischer Erfahrung in 48 Jahren. A suivre…..

1997: Chris mit Ehemann (überlassen von Christiane Gaertner-Lemoine)
Günther Lübeck aus Boise in Idaho schrieb den folgenden Bericht: Ich wuchs wohlbehütet im Zeppelinweg 45 auf. Meine Eltern Margarete und Siegfried Lübeck hatten alle Hände voll zu tun uns Kinder im Griff zu haben. Im Zeppelinweg galt die Regel, dass alle, die gerade da waren, dazu gezählt haben. Da wurde keiner ausgegrenzt. Von 1970 bis 1979 habe ich meine Schulzeit in der Dreissentalschule verbracht, die eigentlich rasend schnell vorbeiging. Halt! Nicht ganz, denn die ersten 2 Jahre waren wir wegen Platzmangel in die Sonnenbergschule ausgegliedert worden. Nun war die Schule für mich nicht wie für andere Schüler einfach nur eine Schule – es war die Schule, an der meine Großeltern als Hausmeister fungierten. Deshalb konnte ich auch nach dem Unterricht Zeit mit meinen Geschwistern, Cousins und Cousinen in der Schule verbringen. Nach Beendigung der Volksschule habe ich eine Lehre als Feinmechaniker bei Carl Zeiss absolviert und bin heute noch für die Firma unterwegs.
Von Oberkochen aus hatte ich dann die Möglichkeit die Welt zu bereisen, was ich immer sehr spannend fand. In der ersten Etappe verließ ich Oberkochen, um im Werk Göttingen zu arbeiten. Mit dem Fall der Mauer wurde die Arbeit rasch von Göttingen in das Werk nach Jena verlegt. Dennoch bin ich oft in Oberkochen zu Besuch gewesen und habe mich immer wieder gefreut, in der Heimat vorbeizuschauen. Von Jena aus bin ich dann zunehmend mehr und mehr auf Reisen gewesen, die sich dann auch mal in längeren Auslandsaufenthalten niedergeschlagen hat. Glasgow, Nimwegen, Newcastle und Singapur waren meine damaligen Stationen. Auf einer meiner beruflichen Reisen bin ich dann nach Boise in Idaho gekommen. Oft habe ich gesagt, dass ich nie nach USA ziehen möchte und doch hat es mich mit meiner Frau dorthin verschlagen. Es gab das berufliche Angebot in Boise als „Service Engineer“ zu arbeiten und so wurden die USA unsere neue Heimat. Einmal dort gewesen wussten wir das es unser Platz werden kann. Ich denke es ist nicht nur die Natur, sondern auch die Freundlichkeit der Leute die uns hier begeistert. Den Vorteil, dass ich nun meistens „Local“ arbeite und nur bedingte Reisetätigkeiten habe, hat mein Leben doch sehr zum Vorteil verändert.
Natürlich hat es erstmal eine Weile gedauert, hier Wurzeln zu schlagen. Nach dem Anfangsstress wegen Papieren und Formularen, haben wir dann versucht, unser Leben zu gestalten. Irgendwann habe ich dann bemerkt, dass wir doch schon mehr wie die Amis leben. Probleme? Ja, gab es hier und da. Eines der lustigsten war, als wir ein Nummernschild mit den Buchstaben „SCHWOB“ besorgen wollten. Diese Beschriftung wurde mehrmals abgelehnt. Dennoch haben wir (in diesem Fall meine Frau) es dann doch geschafft. Und noch heute haben wir unser Nummernschild und werden es auch behalten.

Günther Lübeck mit seiner außergewöhnlichen Autonummer (Archiv HVO Dietrich Bantel)
Was sind so die 5 hauptsächlichen Unterschiede „D zu USA“? Immer wieder fallen uns hie und da die Unterschiede zu unserem früheren Leben in Deutschland auf. Wir kochen viel, da ein Leben ohne Spätzle und Maultaschen eigentlich nicht schön sein kann. Loriot würde dazu sagen: „Ein Leben ohne Spätzle ist möglich, aber sinnlos.“ Meine Frau ist zwar norddeutscher Herkunft, hat aber die Vorzüge der Schwäbischen Küche schätzen gelernt. Reisen mit dem Auto ist auch so eine Sache. Zwar haben wir in Idaho eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 80 Meilen/Stunde, fahren aber fast so schnell wie in Deutschland. Die längeren Strecken machen es dann aus. Auffallend ist, dass stundenlanges Fahren deutlich entspannter ist. Es wird auch mehr an den Wochenenden unternommen, da zusammenhängender Urlaub, wie in „D“ üblich fast nicht gemacht wird, außer wir sind auf Heimaturlaub.
Wir leben jetzt seit 20 Jahren in Idaho. Ich versuche schon hier und da zu erfahren, was in Oberkochen so los ist, allerdings kann halt das Amtsblatt „Bürger und Gemeinde“ nur bedingt wiedergeben, was in Oberkochen passiert. Bin aber jetzt in einem Verteiler des „Billie vom Sonnenberg“ gelandet, der seit 2019 wöchentlich Infos aus Oberkochen bundes- und weltweit verschickt.
Da wir allein in Boise leben, gibt es hie und da ein Telefongespräch in die alte Heimat. Auch der eine oder andere Austausch mit Kollegen, die aus der Firma anreisen, ist immer ein willkommener Austausch. Erst neulich hatte ich Kollegen aus Oberkochen bei uns in Boise zu Besuch und bei solchen Gelegenheiten zeige ich unseren Besuchern gerne die Umgebung.

Günther an seinem Lieblingsort – der Natur (überlassen von Günther Lübeck)

Günther liebt und genießt gerne die Natur – das merkt man (überlassen von Günther Lübeck)
Während meiner Auslandsaufenthalte habe ich schnell gelernt, dass man nie vergleichen soll, wo es besser ist und wo nicht. Der Punkt ist einfach, dass es anders ist. Die Natur in Idaho hat es uns schon angetan. Im Norden ist die Vegetation ähnlich wie in Oberkochen. Um aber einen Leberkäse zu bekommen kann ich nicht einfach mal schnell um die Ecke – da muss ich schon 7 Stunden fahren, um bei einem sehr guten Metzger deutsche Schmankerln wie Landjäger, Leberkäs, Leberwurst und Weißwürste einzukaufen.
Wenn wir dann mal in Oberkochen zu Besuch sind, ist das immer so eine Sache. Erstmal freue ich mich wieder da zu sein, wo ich mich immer noch ein bisschen auskenne, und besonders, noch erkannt werde. Freunde zu treffen und sich zu unterhalten, was denn so alles los ist. Dank der heutigen Möglichkeiten bin ich schon im Groben (Danke für das Amtsblatt online) informiert. Und durch die Facebook Seiten der Oberkochener Gruppen (Danke an die Admins) sind auch Bilder dabei, die ich hier in den USA immer freudig zeige.
HEIMAT, was für ein Begriff. Für mich ist Heimat nicht „wo” ich bin, nicht „was” ich bin. sondern „wer” ich bin. Meiner Meinung nach ist jeder Mensch ein Teil seiner Umgebung, die ihn geprägt hat. Und in diesem Sinne bin ich froh und stolz aus Oberkochen zu stammen. Also kurz gesagt, egal wo mein Zuhause ist, Oberkochen ist immer in mir und bleibt auch da.
Eine kleine Episode. Vor einigen Jahren haben unsere Freunde aus den USA, uns bei einem Besuch in die alte Heimat Oberkochen begleitet. Heute noch, nach vielen Jahren, erzählen sie immer noch gerne von ihrem Aufenthalt in Oberkochen. Eine Geschichte ist für sie aber bis heute besonders gewesen: „Wir hatten ein paar Drinks bestellt. In den USA wird normal das Glas komplett voll mit Eiswürfeln gefüllt. In Deutschland ist es üblich den Drink zuzubereiten und am Ende drei Eiswürfel dazuzugeben. Mein Freund hat mich gefragt, ob ich nicht mehr Eiswürfel haben möchte und ob ich nicht fragen wolle. Ich habe ihm gesagt, dass das schon gut so sei, aber ich für ihn habe ich dann doch nachgefragt. Die Antwort des Wirtes: „Warum mehr Eis? Ich habe dir doch extra die großen gegeben (Tja, im Schwoabland wird scho no gschpart – au mit Eis).
Von Patrick Ditz aus Atlanta stammt eine recht frische Auswanderungsgeschichte.
Meine Eltern sind Siegfried und Gerlinde Ditz aus der Weingartenstraße 19. Zuerst ein bisschen etwas über meine Schul- und Ausbildungszeit
• Dreissentalschule
• Georg-Elser-Schule Königsbronn
• Technische Schule Aalen (Ausbildung zum Fachinformatiker)
• Theodor-Heuss-Gymnasium Aalen (Abitur)
• Universität Stuttgart (Bachelor of Science, Wirtschaftsinformatik)
• 2000–2003 Berufsausbildung zum Fachinformatiker bei der TSI GmbH in Aalen

Patrick mit Frau, Tochter und Hund (überlassen von Patrick Ditz)
Der Grund für die Auswanderung nach USA? Der Hauptgrund für meine Auswanderung war eine Kombination aus beruflichen Chancen und meiner schon lange bestehenden Faszination für das „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“. Bereits während meines Studiums absolvierte ich 2008 ein sechsmonatiges Praktikum bei der „Grenzebach Gruppe“ in der Nähe von Atlanta. In dieser Zeit konnte ich das Land kennenlernen und knüpfte Freundschaften, die bis heute bestehen. Nach meinem Studium erhielt ich ein Jobangebot bei der „Libelle AG“ mit der Möglichkeit, in die US-Niederlassung nach Atlanta zu wechseln. Dadurch bekam ich mein Arbeitsvisum und zog 2011 mit zwei Koffern in die USA. Später eröffnete mir die Green Card weitere berufliche Möglichkeiten. Nach mehreren Jahren mit „Deloitte und Accenture“, arbeite ich jetzt bei „World Wide Technology“ *** als Senior Manager und leite die „Cyber Security Praxis“.
*** Als Technologen und Innovatoren ermöglicht uns unsere Expertise in KI, Cybersicherheit, digitaler Transformation, Cloud- und Rechenzentrumsinfrastruktur, Netzwerken, Datenanalyse, Automatisierung und mehr, bahnbrechende Lösungen zu liefern, die Unternehmen neu definieren, Branchen revolutionieren, Gemeinschaften transformieren und die Erwartungen übertreffen. Wir stellen uns nicht nur eine bessere Zukunft vor – wir schaffen sie. Unser Advanced Technology Center (ATC) befähigt Organisationen, Ideen zu testen, Strategien zu validieren und Innovationen mit Zuversicht zu beschleunigen. Mit Sitz in St. Louis beschäftigen wir mehr als 14.000 Mitarbeiter und betreiben fast 5 Millionen Quadratfuß Lager‑, Vertriebs- und Integrationsfläche in mehr als 20 Standorten weltweit. Unser unerschütterliches Engagement für unsere Mitarbeiter, unsere Kunden, unsere Partner, unsere Kultur und unsere Grundwerte leitet weiterhin alles, was wir tun.
Atlanta ist für mich ein idealer Wohnort, weil sich dort berufliche Chancen und Lebensqualität gut verbinden lassen. Die Stadt ist wirtschaftlich sehr stark und bietet viele Karrieremöglichkeiten, insbesondere im internationalen Umfeld, und daher ein „Melting Pot“ für viele Europäer. Man kann sich also hier als „Ausländer“ ganz wohl fühlen. Durch meine Tätigkeit als IT-Consultant bin ich regelmäßig auf Achse, und habe dadurch so ziemlich alle Flecken der USA bereist. Klar gibt es auch schönere Orte, aber ich habe mich dort immer sehr wohl gefühlt. Mit dem verkehrsreichsten Flughafen der Welt, gibt es auch mehrere tägliche Direktflüge nach Deutschland, was Besuche bei Familie und Freunden erleichtert.
Viele deutsche Firmen, wie z.B. Porsche, Mercedes, oder Lufthansa haben in Atlanta Ihren US-Hauptsitz, und mit ca. 17.000 deutschen Expats hat Atlanta viel zu bieten, was deutsche Kultur angeht. Außerdem gibt es in Atlanta eine große deutsche Community mit vielen deutschen Firmen und kulturellen Angeboten, wie z.B. die German American Chamber of Commerce (GACC), die German American Culture Foundation (GACF), das Goethe Institut, sowie drei komplett deutschsprachige Schulen. Nicht zu vergessen, auch einen deutschen Biergarten, Bäckerei, Metzgerei, und sogar auch Lidl und Aldi. Dadurch fällt es leichter, sich als Deutscher einzuleben und gleichzeitig den Kontakt zur Heimat zu behalten
Im Allgemeinen kann ich mich sehr gut mit dem Lebensstiel der Amerikaner identifizieren. Es ist alles etwas lockerer hier, die Menschen sind freundlich (man spricht oft von der „Southern Hospitality“), und man hat generell viele Freiheiten, die man in Deutschland so nicht hat.
Was waren die Anfangsschwierigkeiten? Wie bei jeder Auswanderung war der Anfang eine Herausforderung. Viele Dinge, die in Deutschland selbstverständlich waren, muss man als Auswanderer wieder erneut lernen. Angefangen beim Bankkonto eröffnen, wie es bei der Führerscheinstelle abläuft, wie man ein Haus kauft, usw. Wie schon erwähnt, gibt es glücklicherweise eine große „German Community“, und jeder ist bereit zu helfen. Dadurch konnte ich mich schnell einleben und die anfänglichen Schwierigkeiten gut meistern. Nach 15 Jahren, muss man natürlich auch eingestehen, dass nicht immer alles Gold ist was glänzt, und es gibt definitiv Dinge, die man nur schwer akzeptieren kann und einfach so hinnehmen muss, aber ich denke das ist überall so.
Was sind so die hauptsächlichen Unterschiede Deutschland zu USA? Zentrale Klimaanlagen: Da muss ich ehrlich zugeben, dass ich mittlerweile sehr verwöhnt bin, was die Besuche in Deutschland im Sommer unangenehm machen kann. Spritpreise: Der Liter Benzin kostet umgerechnet ca. 0,80 €, was für mich als Autonarr natürlich wie im Paradies ist. Drive through: Von Banken bis zum Kaffee, die Amerikaner sind sehr bequem und es hat fast alles einen „Drive through“, sodass man bequem vom Auto aus alles erledigen kann.
Persönliches. Familie: Ich bin nun schon seit über 15 Jahren in den USA. Meine Frau heißt Leigh Ann und wir haben zwei Kinder (Nora, 7 Jahre, und Bruno, 5 Monate). German Background: Meine Frau und die Kinder lieben deutsches, oder besser gesagt, schwäbisches Essen, und die Koffer sind nach einem Besuch in Deutschland immer vollgepackt mit Maultaschen. Alles andere kann man mittlerweile auch vor Ort kaufen, egal ob Schnitzel, Weißwurst, oder Leberkäse. Staatsangehörigkeit: Meine Kinder haben die doppelte Staatsbürgerschaft und wachsen zweisprachig auf. Meine Tochter geht samstags zusätzlich zur „German School of Atlanta“ und ich habe sie seit 2021.

40 Patrick mit KIndern (überlassen von Patrick Ditz)
Heimat und Kontakt zu ihr: Laut Definition ist Heimat „ein Begriff der ein starkes Gefühl der Zugehörigkeit, Geborgenheit und Vertrautheit beschreibt, oft verbunden mit dem Ort der Kindheit oder Herkunft“. Meine Heimat ist definitiv Oberkochen, und wird es auch immer bleiben, aber mein Lebensmittelpunkt ist mittlerweile die USA. Ich komme ca. 2–3‑mal im Jahr nach Deutschland und meine Familie aus Deutschland kommt auch öfter auf Besuch in die USA, daher sieht man sich dann doch relativ häufig.
Wilfried „Wichai“ Müller – Billie vom Sonnenberg – Der Nicht-Ausgewanderte