Werner Hilgart an der Deutschen Schule Alamogordo (DAS), New Mexico 2003–2005. „Hätten Sie denn Lust, weiter für uns zu arbeiten?“ fragte mich mein Schulrat am Telefon kurz vor der Schließung in Fontainebleau. „Es gäbe eine Stelle in El Paso, Texas und eine in Alamogordo, New Mexico zu besetzen.“ Eine „richtige“ Schule als Schulleiter zu führen wäre neu für mich. Ob ich das schaffen würde? Natürlich hatte ich Lust und wir besprachen das Angebot mit unserem Jüngsten, der mitkommen würde und in der Familie. Immerhin würden mehr als 8000 Kilometer zwischen uns und dem Rest der Familie liegen. Die Entscheidung fiel aber recht schnell: „Wir gehen nach Amerika“. Fast wäre aber nichts daraus geworden, denn mein Oberschulamt Tübingen teilte mir auf meine Anfrage mit, dass meine „Beurlaubung mit Bezügen“ nur noch für zwei Jahre erweitert werden könne. „7 Jahre Leiter der Sprachenabteilung der Volkshochschule Bodenseekreis, 3 Jahre Fontainebleau, da blieben nur noch 2 Jahre, bis die erlaubten 12 Jahre voll seien. Das würde sich nicht lohnen“. Manchmal hilft Vitamin B, denn es hat doch geklappt, denn mein Bonner Chef hatte mit dem Verantwortlichen im Oberschulamt zusammen studiert.

Deutsche Schule in Alamogordo mit drei Schulbussen und Lehrerparkplatz. Das Gebäude mit dem blauen Dach ist die Turnhalle (überlassen von Werner Hilgart)
In Alamogordo hatte es Probleme mit dem Schulleiter gegeben und dahin hätte man mich gerne geschickt. Also Alamogordo, New Mexico „Land of Enchantment“ wie es die Einwohner nennen und die Verzauberung begann im Moment unserer Ankunft dort und das hatte auch mit Karl May zu tun. Als Jugendlicher hatte ich die Karl May Bücher verschlungen. Winnetou, der Häuptling der Mescalero Apachen war mein Held. In Alamogordo lebte ich in unmittelbarer Nachbarschaft zur Reservation der „Mescalero Apache Nation“, die Llano Estacado war fast greifbar nah und an der Universität von Alamogordo konnte man Sprachkurse für Apache belegen. Wir haben die Reservation einige Male besucht und waren auch anlässlich einer Initiationsfeier junger Mädchen dort. Bis zum Einbruch der Dunkelheit war man Gast und wurde in die aus jungen Bäumen errichteten Hütten zum Essen und Mitfeiern eingeladen. Mit Einbruch der Dunkelheit kamen die jungen Mädchen aus ihren Schwitzhütten, in denen sie den Tag verbracht hatten. Dieser Teil der Feier mit Tänzen der Mädchen und verschiedenen Ritualen war nur für Stammesangehörige und man wurde gebeten, die Reservation zu verlassen. Natürlich wussten die Natives nicht wer Karl May war und auch die Namen Winnetou oder Old Shatterhand und ihre Bekanntheit in Deutschland riefen nur Verwunderung hervor. Es gab eine Einführung für alle neuen Schulleiter in Bonn. Dort lernte ich auch Michael kennen, der Schulleiter der Deutschen Schule El Paso (In El Paso befand sich das „Taktische Ausbildungszentrum für Raketenabwehr“) werden sollte und wir freundeten uns schnell an. Wir arbeiteten in den USA oft zusammen und da er vorher schon Konrektor einer größeren Schule gewesen war, lernte ich viel von ihm. Diese Freundschaft hält bis heute an.

Fasching bot die Gelegenheit sich mal anders darzustellen (überlassen von Werner Hilgart)
Der Flug zur Wohnungssuche fing schon mit einer Panne an. Der Anschluss von Atlanta nach El Paso klappte nicht und ich musste im Hotel übernachten. In Alamogordo gab ich Bescheid, dass ich erst einen Tag später ankommen würde. Dann klappte alles, ich kam in El Paso an, fuhr mit dem Mietwagen 140 km nach Alamogordo und wartete am vereinbarten Treffpunkt, einem verlassenen Supermarkt am Rande der Stadt. Spooky! In der Aufregung hatte ich auch total vergessen, Renée, von der Verspätung zu verständigen und sie hatte sich natürlich Sorgen gemacht, da sie nichts von mir gehört hatte. Sie hatte dann den Konrektor angerufen, der sie beruhigen konnte. Ab da funktionierte alles prima. Ich lernte die neue Schule, die Kollegen /Kolleginnen kennen und die Verwaltung der Luftwaffe auf der Airbase. Mein Konrektor stand mir hilfreich zur Seite und die Menschen in der deutschen Verwaltung waren ausgesprochen freundlich und zuvorkommend. Das blieb auch so während unseres ganzen Aufenthaltes. In Alamogordo fand damals die gesamte Ausbildung der Phantom- und Tornado-Piloten der Luftwaffe statt. Die deutsche Luftwaffe hatte sich in der Holloman Airforce Base eingemietet, einer Luftwaffenbasis, die wie eine kleine Stadt mit fast 10.000 Menschen in der Wüste war. Ideale Flugbedingungen bei über 300 Sonnentagen im Jahr, geringer Luftfeuchtigkeit und einer Höhe von 1320 m. 2019 zog sich die Luftwaffe zurück. Die deutsche Gemeinde umfasste fast 3000 Menschen und war die größte in den USA. Wir wohnten nicht im „deutschen Viertel“, sondern zogen ganz bewusst in eine amerikanische Nachbarschaft. Die Schule hatte rund 200 Schüler/innen und rund ein Dutzend Lehrer/innen. Unterricht ab der ersten Klasse bis zur 10. Klasse mit drei Niveauprüfungen HS, RS und Gym. Einige Kinder gingen danach noch ein Jahr auf die Alamogordo High School um dort den Abschluss (Graduation) der amerikanischen High School zu machen. Natürlich hatten wir auch die bekannten gelben Busse, die morgens alle Schüler/innen abholten und auch wieder bis fast vor die Haustüre brachte. Ich fuhr am Anfang einmal mit und war bestürzt, als die Kinder einfach aus dem Bus sprangen, ohne den Verkehr zu beachten! Ich wollte schon etwas sagen, da bemerkte ich, dass der Verkehr komplett stillstand. Ein Schulbus hat an beiden Seiten ein rotes Stoppschild. Wenn das ausgeklappt ist, hält man besser an. Das kann sonst sehr, sehr teuer werden. Der Bus fährt auch erst los, wenn alle einen Sitzplatz haben. Nie würde ein Kind im Schulbus stehen, es wird dann eben auf den nächsten gewartet. Dieses System der ausschließlich für den Schülertransport benutzten Busse, dass es auch in Frankreich gab, hätte ich auch gerne bei meinen Kindern in Deutschland gesehen. Nur wer für die Luftwaffe oder unsere Schule arbeitete, erhielt ein Arbeitsvisum. Ehepartner und Familienmitglieder bekamen ein normales Visum für diese Zeit. Die Ehepartner/innen meiner Kollegen/Kolleginnen durften also nicht arbeiten in den USA und mussten ihren Job für die 3–5 Jahre des Auslandseinsatzes in Deutschland aufgeben. Da nur Ehepartnerinnen ein Visum für diese lange Zeitdauer bekamen, heirateten die oft sehr jungen Pilotenanwärter kurz vorher. Das ging dann in den USA nicht immer gut, wie sich öfters herausstellte. Im August 2003 war es dann soweit. Der Umzug nach den USA. Alles war vorher schon in Containern verpackt worden und befand sich auf dem Seeweg. Wir flogen von München über Atlanta nach El Paso und von dort mit dem Mietwagen nach Alamogordo in unsere neue Wohnung, „251, Eagle Loop“. Bis die Container ankamen, wohnten wir auf der Base in einem kleinen Häuschen. In den USA haben die größeren Militärbasen alle „Lodging facilities“, entweder kleine Hotels oder Apartments. Das war später bei Reisen ganz praktisch, da wir mit unseren amerikanischen Militärausweisen immer auf einer Base sehr kostengünstig wohnen konnten. Überhaupt konnte man mit einem Militärausweis fast in jedem Hotel einen „military discount“ bekommen. Auf der Base gibt es Läden, Restaurants, Sportanlagen, Kindergärten und Schulen wie in einer Stadt und amerikanische Militärangehörige verlassen ihre Base selten oder nie. Das Militär ist in den USA, anders als bei uns, sehr angesehen und Militärangehörige erhalten einige Vorteile. Wir haben auf der Base in El Paso die umgespritzten Fahrzeuge für den zweiten Irakkrieg gesehen aber auch die immer größere werdende Wand mit den vielen Fotos der getöteten Soldaten. Als George W. Bush anlässlich eines Besuchs eine Rede in Alamogordo hielt, zogen wir es vor, eine Schüleraufführung der amerikanischen Schulkinder im Theater zu besuchen. Die Banner, die am Eingang einiger Städte hingen „We are proud of our soldiers“, die vielen „Stars and Stripes-Flaggen“ in den Vorgärten, das morgendliche Gelöbnis an die Flagge im Kindergarten „We pledge allegiance to the flag“ sind für Deutsche doch sehr ungewohnt. Wenn man länger im Land lebt, beginnt man diesen Patriotismus, der von klein auf gelebt wird, zu verstehen. Man muss ihn nicht deshalb nicht akzeptieren, aber man sollte sich immer vor Augen führen, dass man nur Gast in einem fremden Land ist. Man sollte zuhören lernen und ein Gespräch nur dann beginnen, wenn man davon ausgeht, dass unser Gegenüber Recht haben könnte. Erst wenn man seine Stromrechnung, seine Miete und seine Wasserrechnung zahlen musste, war der Aufenthalt in einem fremden Land kein Urlaub mehr. Dass ich diese Rechnungen per Scheck einmal im Monat mit dem Auto im jeweiligen Büro oder Amt begleichen musste, war allerdings sehr ungewohnt! Überhaupt ging man nirgendwohin zu Fuß.
Die ersten Wochen auf Base fingen schon gut an. Wir mussten den Militärausweis für meine Frau und unseren Sohn abholen, ohne den man die Base nicht betreten konnte und den man ständig bei sich tragen musste. Als wir aus dem Büro kamen, stand da ein Militär-Cop mit verspiegelter Sonnenbrille. „How are you doing today?“ begrüßte er uns freundlich. Dabei hielt er einen Notizblock in der Hand und während er mir mitteilte, gegen welche Regeln ich verstoßen hätte, riss er drei Zettel ab und gab sie mir, immer noch äußerst freundlich, als ob er sich mit mir über das Wetter unterhalten würde.
Ich hatte die Einfahrt zum Büro verpasst und war umgekehrt, hatte dabei zum einen Doppelstreifen überfahren, zum anderen dabei in eine falsche Spur eingebogen und hatte zu dem das Zeichen eines Officers übersehen. Für das dritte Vergehen hätte ich mich in der nächsten Woche wegen einer Anzeige vor Gericht zu melden. Die beiden anderen waren Geldstrafen. Glücklicherweise wohnte im Apartment neben uns ein deutscher Offizier, der kurz vor seiner Heimreise war. Er kannte den Chief der Militärpolizei ganz gut und ersparte mir den Gerichtstermin. Um die 80 $ Strafe kann ich aber nicht herum. Diese Episode wurde dann später vom Leiter der Luftwaffe bei meiner offiziellen Vorstellung während einer Graduierungsfeier, die für die jungen Piloten nach erfolgreichem Abschluss ihrer Ausbildung stattfand, als lustige Einlage verwendet!
Nachdem die Container angekommen waren, zogen wir in unser neues Haus um. Beantragung einer „landline“ für das Telefon. Ortsgespräche waren zwar umsonst, aber um Gespräche mit außerhalb zu führen brauchte man die. Anmeldung für Wasser, Strom und Gas, Eröffnung eines Bankkontos, wobei die übliche Überprüfung der „credit history“ bei den uns entfiel, da sich die Bundeswehr darum kümmerte, wie sie uns bei allem super unterstützte, ob Flugbuchungen, Zulassungen für Autos, notwendige Papiere etc., Elektrogeräte mit 110 Volt kaufen, Möbel ergänzen usw. Mit unseren Nachbarn kamen wir bald ins Gespräch. Vergil und Betty waren aus Montana hergezogen, wo sie eine Farm und ein Restaurant hatten, in der sogar John Wayne zu Gast gewesen war. New Mexico ist aufgrund seiner klimatischen Verhältnisse eine beliebte Gegend für amerikanische Rentner und in unserem Viertel gab es etliche davon.
Bei meiner offiziellen Amtseinführung war auch der „Principal“ der Alamogordo Highschool dabei. In den nächsten zwei Jahren sollte aus diesem Besuch eine rege Zusammenarbeit werden. Schüler/innen beider Schulen besuchten sich gegenseitig im Unterricht, wir tauschten Lehrmaterial aus und wurden zu Football- und Basketballspielen eingeladen. Überhaupt ist der Sport nicht mit unserem Schulsport vergleichbar. Er nimmt im Leben der Schule eine entscheidende Rolle ein. Zum einen spielte sich das Sozialleben meist in der Ganztages-Schule ab und Sportvereine sind Schulsportvereine. Zum anderen zeigte sich dabei ein ausgeprägtes „Wir-Gefühl“, das schon früh zu einem Patriotismus für das eigene Land beiträgt. Bei den Spielen sind die Stadien oder Hallen voll von Mitschüler/innen aber auch mit Eltern. Wer einmal eine „Pep Rally“ am Tag vor einem Spiel miterlebt hat (eine Anfeuerung für die Spieler/innen) kann das emotional verstehen. Bei uns wäre das eher schwer vorstellbar.
Unser Sohn hatte inzwischen seine „drivers license“ gemacht. Eine kurze Zulassungsprüfung bestand aus 18 Fragen, von denen 15 richtig beantwortet werden mussten, danach erhielten wir eine Liste zum Nachweis für 50 Stunden begleitetes Fahren. Eine schriftliche Prüfung bereitete er mit einem Handbuch selbst vor und ein Lehrer oder Pfarrer musste dann die ordnungsgemäße Durchführung der Prüfung bestätigen. Das erledigte einer meiner Kollegen. Eine kurze Fahrt im Hof des „Sheriffs Office“ und das wars. Das Ganze hat nicht einmal 100 $ gekostet. An der Highschool konnte man übrigens einen Kurs zum Erwerb des Führerscheins belegen und erhielt dafür einen halben Punkt, der für das „High School Certificate“ angerechnet wurde Der Führerschein wurde nach unserer Rückkehr im Landratsamt Bodenseekreis zu seinem 18. Geburtstag umgeschrieben und bis dahin hatte sein amerikanischer Führerschein Gültigkeit.

Einmarsch aller Schüler/innen mit der Marching Band, die „Pomp and Circumstances“ spielte (überlassen von Werner Hilgart)
Er besuchte ein Jahr die High School und machte dort seinen Abschluss. Einmarsch aller Schüler/innen mit der Marching Band, die „Pomp and Circumstances“ spielte. Mit einer feierlichen Zeremonie und „Cape and Gown“ wie wir dies vorher nur aus US-Fernsehserien kannten. Neu war für uns, dass drei Jets bei der Übergabe über das Stadion donnerten wie beim Superbowl. Alamogordo war halt eine große Airbase und da wären wir wieder bei Stolz und Patriotismus. Als geladene Gäste durften meine Frau und ich auf der Tribüne der Ehrengäste Platz nehmen und waren so direkt am Geschehen.
Auch der „Mayor“ (Bürgermeister) von Alamogordo war mit seiner Frau bei der Feier. Rosmarie hieß sie und hatte einen unverkennbar bayrischen Akzent. Ihr Vater war im Zuge der Geheimaktion „Paperclip“ nach Alamo gekommen und arbeitete mit anderen Wissenschaftlern wie Wernher von Braun am US-Raumfahrtprogramm.
Aber schon vorher waren deutsche Wissenschaftler/innen unter der Leitung von J. Robert Oppenheimer in Los Alamos, nicht weit von Alamogordo, am „Manhattan Project“ beteiligt. Am 16. Juli 1945 um 5:29:45 wurde der erste Atombombentest in der „White Sands“ Wüste durchgeführt. Unsere Busfahrerin erzählte von ihrer Mutter, die, wie viele Einwohner, den 12 km hohen Pilz direkt gesehen haben. Der Zusammenhang mit dem Anstieg der Krebserkrankungen in Alamogordo und Umgebung wurde lange Zeit verschwiegen. Farmer berichteten über Ernteausfälle und der Sand wurde durch die Hitze zu grünlichem Trinitrit verschmolzen. Die Entfernung zu Alamogordo beträgt nur etwa 120 km. Das Gebiet liegt auf Militärgelände, aber zweimal im Jahr, am ersten Samstag im April und im Oktober, darf man es besichtigen. Unser Physiklehrer hat bei einem Besuch verbotenerweise einen Geigerzähler mitgenommen. Das Gerät zeigte eine klare Strahlung an.
Der Militärische Geistliche schenkte mir ein Liederbuch und sprach ein Gebet. Nach der Feier meinte der „Principal“ der Highschool, dass so etwas an einer amerikanischen Schule aufgrund der Trennung von Kirche und Staat nicht möglich wäre. Er hätte so eine Feier auch gerne gehabt. In Alamogordo gab es fast 20 verschiedene Kirchengemeinden, deren Namen ich mir nicht gemerkt habe. Irgendwie, dachte ich, kann hier „jeder nach seiner Façon selig werden“. Als mir erzählt wurde, dass auf dem Hof einer der reicheren Gemeinden, ganz in der Nähe der Deutschen Schule, Harry Potter-Bücher verbrannt worden waren, weil sie Hexerei enthielten, hatte ich dann doch Zweifel. Manche Klerikalen sind extrem, haben aber leider großen Einfluss auf die Politik. Schon in der Einführung in Bonn hatte man uns nicht umsonst gewarnt und darauf hingewiesen, bei Gesprächen religiöse und politische Themen eher zu vermeiden. Dabei kam man schnell in ein Gespräch: Wenn man jemanden auch nur kurz anschaute, kam sicher ein „How are you doing today“ oder „Where are you guys from?“ In Deutschland würde man eher wegschauen. Sozialer Kontakt lässt sich leicht herstellen. Es muss nicht immer gleich eine tiefe Freundschaft daraus werden und für manche mag das oberflächlich erscheinen, aber uns kam das erst einmal entgegen. Wir haben uns immer gerne mit Menschen unterhalten und einige sind auch Freunde geworden! Mit dem Wirt von meinem Stammcafé „Moby’s“ und seiner Familie habe ich heute noch Kontakt.
Auch die Kundenfreundlichkeit im Supermarkt, Restaurants und Läden gefiel uns. Meine Frau belegte einen Sprachkurs bei Walmart, der außer am 25. Dezember rund um die Uhr immer offen hatte. Es gab etliche Mitarbeiter/innen die gern halfen und die Abwechslung genossen, jemandem ausführlich und geduldig Dinge zu erklären und ihr den Weg zum gesuchten Produkt zu zeigen. Das Englisch meiner Frau verbesserte sich mit jedem Besuch bei Walmart. Niemand musste an der Kasse einpacken, das taten die „Bag-packers“. Natürlich wussten wir, dass der Verdienst dieser Menschen oft nicht zum Leben reichte und viele mehrere Jobs hatten, selbst Lehrer. Doch als wir in Deutschland zurück waren, warteten wir anfangs oft an der Kasse, dass jemand unsere Einkäufe einpacken würde.
Was passiert bei uns, wenn es aus dem Lautsprecher tönt „Wir öffnen Kasse 2“? Auf der Base gab es einen großen Supermarkt. Vor den 8 Kassen gab es eine einzige Schlange und sobald eine Kasse frei wurde, wurde man vom Personal freundlich genau dorthin verwiesen. Kein Gedränge, kein Wettrennen.
Die Flaggen der USA und Deutschlands wehten vor der Deutschen Schule. Überhaupt gab es im Stadtbild unzählige Flaggen. Auch vor der „Alamogordo High School“, wo sie morgens von Schülern in Uniform aufgezogen wurde. „AFJROTC“ („Air Force Junior Reserve Officer Training Corps“) hieß eine Spezialklasse, in welcher der Nachwuchs für die Airforce speziellen Zusatzunterricht erhielt. Uniform und Ausrüstung, einschließlich einem nicht schussfähigen Gewehr. Man stelle sich das an unserem alten Oberkochener Gymnasium vor! An der „DSA” lief der Unterricht nach dem Lehrplan von NRW, der keinen Dienst an der Waffe vorsah.
Die Aufgaben eines Schulleiters waren neu für mich. Die Verantwortung gegenüber meinen Kolleginnen/Kollegen, den Schüler/innen und deren Eltern, die Planungen für das Schuljahr einschließlich der Stoffverteilungspläne, die regelmäßigen Gespräche mit dem leitenden Offizier auf Base, aber auch mit den lokalen Behörden. Es klappte doch ganz gut nach dem Motto „Geht nicht gibt’s nicht“. Der Englisch-Unterricht mit Schüler/innen, die in einem englischsprachigen Umfeld lebten, machte viel Spaß.
Am Ende des Schuljahres stand „meine“ erste Abschlussprüfung bevor. Ich war genauso nervös wie unsere Schüler/innen. Aus Deutschland kam ein Schulrat, der uns die schriftlichen Prüfungsaufgaben für die verschiedenen Niveaus übergab und später einen Teil der mündlichen Prüfungen beaufsichtigte. Dieser Kontrolle sind alle Schulen im Ausland unterworfen. Alles ging gut und nachdem alle Zeugnisse unterschrieben und gestempelt waren, ging ich alleine durch die leeren Flure. Geschafft!
Der Schulleiter der Realschule Tettnang mit dem ich studiert hatte und der in Puebla/Mexico an der Deutschen Schule im Auslandsschuldienst gewesen war, hatte für Schüler/innen die Möglichkeit geschaffen, ihr Praktikum zur Berufsorientierung (BORS) für 2–3 Wochen auch im Ausland zu absolvieren. Schon in Fontainebleau hatten wir zusammengearbeitet und Schüler/innen in Praktika vermittelt. Der Kommandant der „Holloman Airbase“ gab sein Okay, der deutsche Kommandant ebenfalls, wir suchten Familien, bei denen die Jugendlichen wohnen konnten und holten am Flughafen von El Paso unsere ersten Praktikanten ab, die auf der Base in der Verwaltung und im technischen Bereich arbeiten würden. Dieses Internationale „Bors“ haben wir nach meiner Rückkehr an die Realschule Tettnang mit Chile, Puebla (VW-Werk) Mexico, Alamogordo (Deutsche Luftwaffe), Türkei, Polen, Frankreich weitergeführt. Wir beide dachten einfach international und das hatte sicher mit unseren Erfahrungen zu tun. Die Eltern der Kinder, die diese Praktika machen konnten, waren nach deren Rückkehr immer erstaunt über das gewonnene Selbstvertrauen ihrer Kinder. Aber das ist eine andere Geschichte. Zurück zu Alamogordo.
Die mexikanische Hausmannskost lernte ich durch das Reinigungspersonal kennen und lieben. Nach Unterrichtsende begannen die Frauen ihre Arbeit und ich hatte oft noch im Büro zu tun. In ihrer Pause packten sie das mitgebrachte Essen im Lehrerzimmer aus. Da meine Tür immer offen war, boten sie mir irgendwann an, sich zu ihnen zu setzen. Die „Tamales“ waren zum Dahinschmelzen! „Enchilladas, Quesadillas, Burritos…“ was für kulinarische Leckerbissen. Die Frauen arbeiteten übrigens gerne in der „DSA“, da sie Verträge mit dem deutschen Militär hatten und überdurchschnittlich verdienten. Es war immer picobello sauber. Als wir nach zwei Jahren unser Haus übergaben, bat ich eine der Frauen, die komplette Endreinigung zu erledigten und zahlte ihr 100 $, obwohl sie kein Geld wollte. Der Makler meinte, er hätte noch nie ein so sauber übergebenes Haus gesehen.
El Paso Texas mit seinem Flughafen war die nächste größere Stadt. Überquerte man die „Bridge of the Americas“ über den Rio Grande befand man sich in Juarez Mexico. Wir waren öfters in El Paso, wenn wir Freunde und Familie, die uns besuchen kamen, am Flughafen abholten oder ihnen diese pittoreske Stadt mit ihrem starken mexikanischen Einschlag zeigten. Es gab ein bemerkenswertes Museum von Frieda Kahlo. Einen Bäcker, der deutsches Brot und Brezeln backte und einen der größten Harley Davidson-Laden gab es auch. Als der damalige Verteidigungsminister Struck, der ein begeisterter Motorradfahrer war, die Deutsche Schule in El Paso besuchte, hielt ihm das Protokoll einen halben Tag frei, weil er diesen Laden besuchen wollte.
Über die Brücke ging es direkt nach Mexiko. Allerdings empfahl es sich, nicht von der „Touristenmeile“ abzuweichen, da Juarez ein Drogenumschlagplatz war und die Stadt eine extrem hohe Mordrate aufwies. Wo sich die Touristen bewegten, war es ungefährlich. Es war leicht nach Mexiko zu kommen, aber schwierig ohne Papiere wieder zurückzudürfen. Wir haben das selbst erfahren, als französische Freunde, die uns besuchten, ihre Papiere in Alamogordo vergessen hatten. Fast hätten sie die Wartezeit bis zur Beschaffung ihrer Papiere in der Zelle der „Border Control“ verbringen müssen. Es dauerte mehrere Stunden und bedurfte der Hilfe unserer Militärausweise und ein paar Telefonaten das Problem zu lösen.
In den großen Ferien unseres zweiten Jahres unternahmen wir eine größere Reise in das Land der Natives, nach Arizona, Colorado und New Mexico: „Acoma People, Navajo, Zuni, Hopi, Jicarillo Apache und People of Taos“. Wir besuchten das „Gallup Inter-Tribal Ceremonial“, das alljährlich im August stattfindet, den „Canyon de Chelly“, das „Monument Valley“ und den „Grand Canyon“. Unsere Erinnerungen sind heute noch sehr lebendig und präzise. Für meine Schüler/innen in Tettnang hatte ich eine Präsentation erstellt, die für sie manche Vertretungsstunde zum Erlebnis werden ließ. Über all diese Orte wurden viele Bücher geschrieben, aber man muss sie selbst erlebt haben. Das Wort „unbeschreiblich“ gilt hier in seiner eigentlichen Bedeutung. Aber ich will versuchen, zumindest meine stärksten Eindrücke zu beschreiben.
Acoma Sky City: Auf einem Felsenplateau fast unzugänglich und deswegen lange Zeit nicht besiegt. Neben dem Einfluss christlicher Religion auch indianische Tradition. Beim Reinigen der Kirche, lässt man zum Beispiel immer einen Rest der zusammengekehrten Erde, der als Teil der Ahnen angesehen wird, in einer Ecke liegen. Bevor man selbst trinkt, werden einige Handvoll Wasser der Erde gespritzt. Der Friedhof, den wir nicht besuchen durften, hatte, wegen des Platzmangels, mehrere Schichten von Gräbern.

Canyon de Chelly, Cliff Dwellings: Im Reservat der Navajos gelegen (überlassen von Werner Hilgart)
Canyon de Chelly, Cliff Dwellings: Im Reservat der Navajos gelegen. Ein Ort, der mystisch auf uns wirkte, wie aus der Zeit genommen. Nur in Begleitung eines Native Guide durfte man den Canyon betreten, denn dort wohnen noch Navajo Familien und der Grund ist ihnen heilig. Die Behausungen der „Anazasi“ sind in Nischen oder Höhlen der Fels gebaut und weder von unten noch von oben direkt zugänglich. Man weiß bis heute nicht sicher, warum diese über tausend Jahre alten Siedlungen aufgegeben wurden. „Mesa Verde“ im südwestlichen Colorado ist die wohl bekannteste. Hier lebten ab dem 11. Jhd. Zwischen 1000 und 1500 Menschen.

Anfang des 20. Jahrhunderts kam eine Welle US-amerikanischer Künstler von der Ostküste nach Taos (überlassen von Werner Hilgart)
Taos, ein Energiezentrum der Erde: Das Pueblo wurde an einem für das Pueblo Volk heiligen Ort erstellt. Für die Natives fließt heiliges Wasser von einem heiligen Berg, das nie versiegt. Der Ort galt als für sie eines der Energiezentren der Erde. Taos war ein Treffpunkt während der Hippie Zeit und heute haben sich einige bekannte Filmstars dorthin zurückgezogen. Die Gestelle, die man rechts sieht, dienten zum Trockner der Jagdbeute. Die Wohnungen waren ursprünglich nur über Leitern erreichbar. Petroglyphen zeugen von der archaischen Besiedlung und sind in ganz New Mexiko anzutreffen. Kurz nach unserer Rückkehr entdeckten Archäologen in White Sands Fußspuren und Knochenreste einer ganzen Familie, die wohl die ältesten Zeugnisse von Menschen in Amerika sein könnten und die Theorie von der Besiedlung über die Beringstraße in Frage stellen würde.

Für jeden, der schon einmal dort war, ein besonderes Erlebnis (überlassen von Werner Hilgart)
Grand Canyon: Den muss man selbst erlebt haben. Schwer zu beschreiben. Einfach schauen und staunen. Wir hatten Glück mit dem Wetter, am nächsten Tag lag Schnee und man konnte den Wanderweg nicht benutzen. Im Antelope Canyon ergibt sich ein besonderer Effekt, wenn die Sonne senkrecht über der höhlenartigen Formation steht. Man wird zum Lichtwesen! Unbedingt besuchen, wenn man in der Gegend reist.
Bei all den großartigen Begegnungen und Erlebnissen in den Reservaten haben wir auch die Armut gesehen. Die „Native Americans“ die Einzigen, die sich eigentlich „Amerikaner“ nennen dürfen, leben in Gebieten, die durch fremde Ausbeutung von Rohstoffen ständig verkleinert wurden. Ihrer Ressourcen beraubt, bleibt ihnen heute kaum eine Möglichkeit ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Aber wir haben stolze, traditionsbewusste Menschen kennengelernt. Wer weiter interessiert ist und mehr wissen will, gibt einfach die Begriffe in seinen Rechner ein. Zu New Mexiko selbst gibt es auf Facebook eine Gruppe „Pictures of New Mexico“ mit über 100.000 Mitgliedern.
An einem Dezembermorgen war unsere Veranda mit Schnee bedeckt. Mittags war es dann schon wieder warm. Schnee gab es nur dieses eine Mal und nur kurz. Im Winter konnte man allerdings, direkt aus dem Pool kommend, seine Skiklamotten einpacken und war nach einer relativ kurzen Fahrt mitten im besten Pulverschneegebiet in „Ruidoso“ oder „Cloudcroft“. Die Höhenlage von Alamogordo machte das möglich. Zwischen den Ausläufern der Rocky Mountains in einer hohen, wüstenartigen Talebene. Bei einer Luftfeuchtigkeit von ungefähr 20% war auch die Hitze von über 35 Grad eher erträglich. Der Sternenhimmel war wegen der geringen Lichtverschmutzung und den seltenen Wolken einfach gigantisch.
Nach zwei erfüllten Jahren fuhren wir quer durch die USA nach New York, verkauften dort unser Auto und flogen zurück nach Deutschland. Aber das ist eine andere Geschichte.
Was ist das Fazit unseres Auslandaufenthaltes? Der Horizont wird weiter, nicht nur geographisch. Nicht meinen, man müsse das Rad neu erfinden, wenn andere schon gute Lösungen gefunden haben. Zuhören und lernen, sich auf den jeweils anderen einlassen. Immer mit dem Gedanken, dass keine Kultur besser oder schlechter ist, nur anders, ohne deswegen alles akzeptieren zu müssen, aber nie so tun, als wisse man alles besser. Wir haben so viele verschiedene Menschen und andere Kulturen kennenlernen dürfen und dafür sind wir dankbar.

Die Tarahumara in Nordmexiko, heute im Würgegriff der Drogenkartelle (überlassen von Werner Hilgart)
Zum Schluss ein Bild aus Juarez, Mexico. Unsere Schule hat an einem Hilfsprojekt „Helping Hands“ für die „Tarahumara“ teilgenommen. Die „Tarahumara“ (auch „Rarámuri“ genannt) sind ein indigenes Volk aus dem Norden Mexikos, berühmt für ihre außergewöhnliche Ausdauer und ihre Fähigkeiten als Langstreckenläufer, oft über Hunderte von Kilometern in den Bergen und Schluchten der Sierra Madre. Jetzt verarmt in Juarez. Ein festes Schulgebäude wurde gebaut, ein Arzt schaut nach ihnen, achtet auf Hygiene und Gesundheit und wir sind mit Schüler/innen vor Weihnachten mit Geschenken zu ihnen gefahren. Nachdem die Deutschen aus Alamogordo fort sind, weiß ich nicht, wie es dort weitergegangen ist.
Wilfried „Wichai“ Müller – Billie vom Sonnenberg – Der Nicht-Ausgewanderte