„Billie vom Sonnenberg“ bringt ja immer wieder Berichte aus seiner Zeit, den Fünfzigern und Sechzigern des vorigen Jahrhunderts. Er meinte, es gab in Oberkochen mal zwei Hutgeschäfte und ob ich nicht etwas dazu beitragen könne. Ich will mit diesem Bericht seinen Schilderungen aus der „guten alten Zeit“ ein Mosaiksteinchen hinzufügen.
Dieser Bericht handelt vom „Hutsalon H. Burger“, meiner Mutter, der Modistin Helene Burger, von meinem Leben mit Hüten und unter Hüten und den ganzen Lebensumständen damals, die eine völlig andere Zeit widerspiegeln. Da meine Mutter bereits 2002 verstarb, stammt alles aus meiner Erinnerung und ich kann nicht garantieren, ob alles zu hundert Prozent stimmt, habe es aber nach bestem Wissen und Gewissen zusammengetragen.
Jahrzehntelang gab es in Oberkochen zwei Hutgeschäfte. Das eine von Helene Burger im Nelkenweg 13, das andere von Hilde Muckenhaupt in der Aalener Straße 54. Über das Hutgeschäft von Hilde Muckenhaupt weiß ich leider nichts, außer dass ein „normales“ Fenster als Schaufenster diente und dort Hüte ausgestellt waren.
Meine Mutter, Helene Burger, ist in Demmingen (heute Ortsteil von Dischingen) am äußersten östlichen Zipfel Baden-Württembergs als fünftes von elf Kindern der Landwirtseheleute Leonhard und Veronika Kapfer geboren und aufgewachsen. Was für damalige Verhältnisse nicht selbstverständlich war: alle elf Kinder „durften“ einen Beruf erlernen. Es sollten Berufe sein, mit denen sich die Geschwister „in schlechten Zeiten“ gegenseitig helfen konnten: Metzger, Schmied, Sattler, Schneiderin usw.
Nach ihrer Schulzeit begann meine Mutter eine Lehre als Modistin ***, also Hutmacherin, im Hutgeschäft von Leni Vetterle im 15 km entfernten Lauingen an der Donau. Inwiefern eine Modistin mit ihrem Beruf „in schlechten Zeiten“ den Geschwistern helfen konnte, erschließt sich mir bis heute nicht. Auf jeden Fall war Modistin ein Beruf mit einer Ausbildung, die meine Mutter nach drei Jahren 1949 abschloss. Sie lernte also nicht nur Hüte zu verkaufen, sondern diese von der Pike auf selbst herzustellen oder umzuarbeiten.
*** Billie: Modisten und Modistinnen stellen Kopfbedeckungen aller Art für Damen, Herren und KInder her, darunter Hüte, Mützen, Kappen oder Brautgestecke, und beraten Kunden bei der Auswahl und Gestaltung ihrer Wünsche. Sie fertigen Schnittmuster und Schablonen an, schneiden Materialien wie Filz, Stroh, Stoff, Leder oder Pelz zu und bringen den Rohling durch Dämpfen, Ziehen über Formen, Bügeln und Trocknen in die gewünschte Form. Anschließend werden Hüte mit Bändern, Federn, Blumen oder Perlen verziert. Modisten reparieren und passen Hüte auch an und arbeiten sowohl in Einzelanfertigungen als auch in Serienproduktion. Sie kombinieren dabei handwerkliches Geschick mit kreativem Design.
Einschub – Auszüge aus dem damals üblichen Wochenbericht, den Lehrlinge zu erstellen hatten:
- bis 17. April 1946: „Nach Beendigung meiner Schulzeit beschloss ich, da mich die Freude danach rief, Modistin zu werden. Am 10. April 1946 trat ich bei Frau Leni Vetterle, Putzmachermeisterin in Lauingen, in die Lehre ein. Anfangs gab es viel Neues für mich. Ich wusste von einer Putzmacherstube eben genauso viel, wie jeder Anfänger weiß. In der ersten Woche wurden mir so verschiedene Fachausdrücke mitgeteilt, die ich noch ziemlich oft verwechselte, denn ein Sprichwort sagt „Aller Anfang ist schwer“. Aber mit der Zeit wird dies geläufiger gehen.“
- bis 30. April 1946: „Zum Sitzen kommt man anfangs noch nicht viel, wie ich glaubte. Man muss zuerst wissen, wo die einzelnen Sachen sind, die in diesem Beruf benötigt werden und wie sie alle heißen. Da heißt es gleich Gedanken bei der Arbeit haben. Abends bei Geschäftsschluss muss alles wieder an Ort und Stelle kommen. Bänder, die in der heutigen Zeit sehr selten sind, müssen wieder ordnungsgemäß aufgerollt und einsortiert werden. Federn und Blumen müssen zwischen Seidenpapier in Schubladen und Schachteln eingeräumt werden. Die Hüte werden auf Ständer gestellt, alle nach einer Richtung laufend. Die Schränke müssen immer sauber und geschlossen sein. Dies alles muss gelernt sein.“

Das Werkstattwochenbuch des Lehrlings Helene Kapfer (überlassen von Richard Burger)
In dieser Zeit lernten sich meine Mutter und mein Vater, Josef Burger, kennen. Er war ein Heimatvertriebener („a Flichtling“) aus Pressburg/Slowakei (heute Bratislava), der mit seinen Eltern und seinen zwei Geschwistern zufällig in Demmingen einquartiert wurde. Von da an nahm das familiäre Schicksal seinen Lauf.
Mein Vater begann eine Lehre als Former bei der Firma Bäuerle in Oberkochen, wo auch dessen Vater Arbeit fand und sein Bruder Franz ebenfalls in eine Lehre eintrat.
Im Juni 1952 heirateten meine Eltern und zogen zu den Eltern/Schwiegereltern in die „Bäuerle-Wohnung“ in der Sonnenbergstraße 10. Trotz der beengten Wohn-Verhältnisse meldete meine Mutter im Januar 1953 ihr Handwerk als Modistin an und im März 1953 erschien in der zweiten Ausgabe von „Bürger und Gemeinde“ eine Anzeige: „H. Burger, Oberkochen, Sonnenbergstraße 10, Atelier für elegante Damenhüte. Neuanfertigungen und Umarbeitungen in eigener Werkstätte. Solide Preise! Persönliche Bedienung!“

Die erste Anzeige 1953 im Amtsblatt (Amtsblatt Oberkochen)
1953 wurde im Nelkenweg mit dem Bau des Eigenheims begonnen. Es war damals das vorletzte Haus in Oberkochen in Richtung Gutenbach und die Oberkochener meinten, wie könne man so verrückt sein und „so weit außerhalb“ bauen. Anfang Februar 1954 erfolgte der Umzug und ein Jahr später wurde ich dort geboren. Fünf Jahre später folgte der zweite Sohn.
Die Wohnverhältnisse im neuen Eigenheim waren auch sehr beengt: Es gab eine Wohnküche, in der sich das Leben abspielte, ein Schlafzimmer, in dem die Eltern und wir Kinder in Stockbetten schliefen, ein Wohnzimmer, das gleichzeitig als „Hutsalon“ diente und ein winziges Arbeitszimmer, in dem meine Mutter oft in nächtelanger Handarbeit ihre neuen Hut-Creationen anfertigte.
Ein Schaufenster gab es allerdings nie. Mund-zu-Mund Propaganda sorgte für Aufträge.
Meine Mutter war Modistin mit Leib und Seele. Für sie waren Hüte Kunstwerke und daher beschränkte sie sich auf Damenhüte. Männerhüte waren zu profan, bei denen hätte sie sich künstlerisch nicht verwirklichen können. Sie verkaufte natürlich auch konfektionierte Hüte, die von Hutvertretern präsentiert wurden, die mit ihren großen Musterkoffern ein- bis zwei Mal im Jahr vorbeikamen. In Erinnerung ist mir ein Herr Batzler. Erstens wegen seines ungewöhnlichen badischen Dialekts, zweitens weil ihm meine Mutter immer Linsen mit Spätzle kochte, die er so gerne aß, und drittens, weil er mir immer 5 (!) Mark für den „Sparhafa“ gab.
Neue Hutmodelle wurden auch im Frühjahr und im Herbst auf Hutausstellungen in Ulm oder in Stuttgart präsentiert. Mein Vater, ein begnadeter Zeichner, zeichnete die tollsten Modelle ab, denn meine Mutter hatte schon die passenden Kundinnen im Auge und fertigte daheim nach diesen Vorlagen ihre eigene Kreation. Mir gefiel die Ausstellung in Stuttgart besser. Erstens weil man ab Schorndorf mit einer E‑Lok fuhr und zweitens, weil sie mit einem Ausflug auf den Killesberg oder in die Wilhelma verbunden war.
In erster Linie machte meine Mutter jedoch Hüte selbst und das war harte Arbeit. Aus Filzstücken wurde eine Urform genäht. Diese Filzform wurde dann mit Gips ausgekleidet. Den Gips holten wir beim Gipser Sauter, der sein Geschäft ja nur wenige hundert Meter entfernt in der Katzenbachstraße bei der Spedition Fischer hatte.

Helene Burger in ihrem Arbeitszimmer (überlassen von Richard Burger)
War die Gipsform ausgehärtet, wurde darauf die Urform des Hutes, ein sog. Stumpen, gebügelt mit viel Wasser und Dampf und mit Stecknadeln festgeheftet. Wenn der Stumpen getrocknet war, wurden die Stecknadeln aus dem Gips und der Stumpen von der Gipsform gezogen. Das ging oft sehr schwer, ich musste die Gipsform halten, meine Mutter hat an dem Stumpen gezogen und mich Buben dabei oft durch die ganze Wohnung geschleift.
Am Schluss wurde der von der Gipsform befreite Stumpen zugeschnitten, der Rand eingefasst, ein Futter eingenäht und dann mit Bändern, Federn, Schleifen, Schleiern, künstlichen Blumen und weiteren Verzierungen aller Art aufgeputzt, die bei uns schubladenweise vorhanden waren. Das erklärt, dass Modistinnen früher Putzmacherinnen hießen.
Weniger angenehm war das Umarbeiten alter Hüte. Manche Kundinnen brachten alte Hüte daher, dreckig und speckig, aus denen dann alle Verzierungen, Bänder und Futter etc. herausgetrennt wurden, was ich manchmal machen durfte/musste, ehe mit dem „Neuaufbau“ wie oben beschrieben, begonnen werden konnte.
Die Arbeit einer Modistin war nicht nur harte Arbeit, sondern auch sehr zeitaufwändig.
Einschub – Auszüge aus einem Bericht der SchwäPo aus dem Jahr 1999:
„Man glaubt es kaum, aber Helene Burger betonte, dass das Bügeln das Wichtigste am Herstellen eines Hutes sei. Nun ist aber gutes Material die Voraussetzung, um überhaupt bügeln zu können. Das Material ist Filz, hergestellt aus Hasenhaar. Weil die Formen wahnsinnig teuer seien, wenn man sie kauft, hat sie sich selbst Gipsmodelle hergestellt. Bei Frauenhüten ist viel mehr zu bedenken so z.B. gefüttert, mit Stoff überzogen, Schleier, Schmuck, Bänder, Kordeln usw. usf. – der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Bevor es den Beruf der Modistin gab, war es Aufgabe der sog. Putzmacherin ***. Dabei ging es um das Schmücken von Fabrikhüten. Frau Burger sagte, dass man einen Hut in 5 oder auch in 30 Stunden herstellen könne. Einen handwerklich hergestellten Hut aus bestem Filz erkennt man sofort, wenn man etwas davon versteht. Akkurates exaktes Arbeiten wurde schon in der Lehre abverlangt.
Helene Burger erinnert sich: Die hohe Kunst besteht darin, einen schwarzen Hut mit einem weißen Faden zu nähen, ohne dass man einen Stich sieht. Wir waren 6 Modistinnen in einem Laden, in den Kunden aus rund 40 umliegenden Gemeinden kamen. Am Karfreitag ging keine Frau ohne schwarzen Hut aus dem Haus und an Fronleichnam wollte jede Frau einen neuen Hut. Seit den 70er Jahren werden kaum noch Hüte getragen, gelegentlich zu Hochzeiten und Taufen. Ich habe 1953 im Wohnzimmer angefangen und Arbeit war für mich auch Entspannung. Und ich denke auch an den Leitspruch der Modistinnen: Gott und Fantasie, verlass mich nie!“

Helene Burger in ihrem heimischen Atelier im Nelkenweg (überlassen von Richard Burger)
*** Billie: Gegen Ende des 18. Jahrhunderts war die Putzmacherin für die modische Ausstattung der Kleidung zuständig, da wegen der langwierigen und teuren Herstellung modische Aktualisierung nur in Details, speziell dem Aufputz, in Frage kam. So war weniger der Schneider als vielmehr der Putzmacher, der zur Zunft der Modehändler gehörte, für modische Veränderung zuständig. Als duale Ausbildung wurde der Beruf 1938 erstmals staatlich geregelt. In dieser Zeit entstanden die Ausbildungsberufe der Hutgarniererin, des Hut- und Mützenmachers (1939) sowie des Putzmachers. Diese drei Berufe wurden 1959 im gemeinsamen Ausbildungsberuf des Putzmachers vereint und 1969 als Ausbildung zum Modisten aktualisiert.
Meine Mutter arbeitete in diesen Zeiten oft nächtelang durch und „nebenbei“ machte sie auch selbstverständlich die Hausarbeit.
Zur damaligen Zeit ging kaum eine Frau ohne Hut aus dem Haus und schon gar nicht zum Gottesdienst. An Feiertagen musste ein neuer Hut her oder zumindest musste der alte Hut modernisiert und aufgehübscht werden. Die Frauen beäugten sich kritisch!
Offiziell gab es im Hut-Salon Öffnungszeiten. Allerdings klingelte es oft noch spät abends an der Haustüre und natürlich ließ man die Kundin rein – egal wie spät es war. Meist musste ich die Haustüre öffnen und die Kundinnen in das Hutzimmer bitten: „Kommen Sie bitte rein, meine Mama kommt gleich.“
Kundinnen wurden übrigens individuell und diskret bedient. Kam eine neue Kundin, während eine andere noch im Hut-Salon zur Beratung war, musste sie im Flur warten, ähnlich wie im Wartezimmer beim Arzt. Bei manchen Kundinnen konnten Verkaufsgespräche und das Anprobieren verschiedener Modelle sehr, sehr lange dauern und da gab es dann keine Ladenschlusszeiten. Es gab auch Kundinnen, die meine Mutter als eine Art „Kummerkasten“ betrachteten und ihre Sorgen und Nöte sowie ihre Lebensgeschichten ausbreiteten – manchmal ohne etwas zu kaufen.
An einige Kundinnen kann ich mich noch sehr gut erinnern, z.B. an eine Lehrerin. Als diese am Sonntag zur Hl. Kommunion ging, sagte ein Cousin von mir zu seinem Nebensitzer: „Jetzt kommt deine Tante mit ihrem neuen Cowboyhut“. Die Lehrerin hatte das gehört und am nächsten Tag gabs in der Schule eine saftige Strafarbeit.
Auch an die Damen Rosa, Frieda, oder Karlena „Hugaseff“ aus dem Katzenbach erinnere ich mich sehr gut. Sie waren wohl die ersten Kundinnen, die sich trauten, bei der „Neuen“ einzukaufen. Sie blieben treue Stammkundinnen und traten immer im Trio auf. Auch an die „Frau Major“, oder die Frau „Gubi-Fischer“, für die meine Mutter oftmals besondere Hüte kreierte, auf die sie besonders stolz war, erinnere ich mich. Frau „Gubi-Fischer“ kam oft in Begleitung der drei „Langenmayr-Damen“ aus Lauingen. Sie kannten meine Mutter noch aus ihrer Lehrzeit.
Was ich hasste, war das Austragen der fertigen Hüte zu den Kundinnen. Erstens war es mir peinlich, mit einer Hut-Tüte in der Hand durch den Ort zu laufen, zweitens fand ich oft die Haustüre nicht und musste suchen, drittens gab es manchmal unangenehme Begebenheiten, z.B. wenn ich Frau Weber mit Frau Hommelbauer ansprach, weil mich meine Mutter mit dem Hut zur „Hommelbäuerin“ geschickt hat.
Faszinierend war für mich, wenn Herr Schweinstetter, der für uns die Steuer machte, mit einer unglaublichen Geschwindigkeit Zahlenkolonnen im Kopf ohne Taschenrechner addierte.
Anfang der 2000er-Jahre konnte meine Mutter wegen ihrer Krebserkrankung ihr Geschäft nur noch eingeschränkt führen. Mit welcher Hingabe sie ihren Beruf ausführte zeigt die letzte Begebenheit. Schwer von ihrer Krankheit gezeichnet und kaum noch in der Lage, aufzustehen, machte sie sich unter Schmerzen noch daran, den Hut einer Kundin fertigzustellen. „Die Frau braucht doch ihren Hut.“ waren ihre Worte. Nur wenige Tage später ist sie verstorben – eine Modistin mit Leib und Seele. Und so endete im März 2002 nach knapp einem halben Jahrhundert die Ära des Hutsalons H. Burger in Oberkochen.
Mich hat dieses Hutgeschäft durchaus etwas geprägt und mir fallen Frauen, die Hüte tragen, immer noch ins Auge. In der Kirche ist es nur noch eine.
Lieber Richard, besten Dank für diese sehr persönliche und schöne Geschichte.

Die Modistin Helene Burger auf einer örtlichen Leistungsschau des Gewerbe- und Handelsvereins (überlassen von Richard Burger)
Wir sind im Herbst, da braucht’s einen neuen Hut – „Billie vom Sonnenberg“
