Die Geschichte „meiner ehemaligen“ Firma, in der ich den Großteil meines beruflichen Lebens tätig war

Das Firmengelände in seiner ganzen Pracht im Jahr 1920 (Archiv Leitz)
Dieser Bericht basiert auf Daten und Fakten aus Imagebroschüren der Firma, der Website der Firma, verschiedenen Zeitungsberichten, eigenen Unterlagen sowie diversen Wikipedia-Einträgen, Unterlagen der Firma Leitz und eigenen Recherchen sowie einigen Unterlagen, die mir Frau Dr. Cornelia Brucklacher übergeben hat. Ich selbst war Angestellter der Firma von 1969 bis 1973 sowie von 1978 bis 2016 und hatte das Glück alle Geschäftsführer und leitenden Angestellte sowie viele KollegenInnen in Verwaltung und Produktion ab 1969 in allen ihren Facetten bei unterschiedlichen Projekten in den unterschiedlichsten Standorten weltweit kennenlernen zu dürfen. Diese Erlebnisse und Erfahrungen aus meiner privaten und beruflichen Welt haben dafür gesorgt, dass mein Blick und mein Denken bis heute weit über den Tellerrand hinausgehen.
Dankeschön. Ich danke Dr. Cornelia Brucklacher, Marlene Kotulek und Martin Spaney, die mir die noch fehlenden Informationen und Bilder bereitgestellt haben, obwohl deren beruflicher Alltag ausgefüllt genug ist.
Intro. Herbst 1969. Der kaufmännische Lehrling Wilfried sitzt in einem Besprechungszimmer, das viele Jahre später einmal eines seiner vier Büros als Organisator sein wird, vor seinem Berichtsheft. Das damalige Thema im innerbetrieblichen Unterricht, den der damalige Personalleiter Horst Bengel leitete, lautete: „Die Geschichte meiner Lehrfirma“. Er diktierte, wir schrieben, klebten ein paar Bilder dazu und fertig war die Geschichte der „Württembergischen Holzbohrerfabrik A. Leitz, Oberkochen“.

Jungkaufleute auf dem Weg in die Mittagspause vlnr.: Franz Hägele, Wilfried Müller, Jürgen Hunger (Archiv Müller)
Heute, über 57 Jahre später, sitze ich wieder über diesem Thema. Nicht mehr in einem der vielen Büros, die ich im Laufe der Jahre benutzen konnte, sondern im Unruhestand in meinem Zuhause, das ich inzwischen so häufig gewechselt habe wie meine Büros, an einem Tisch. Das Besondere an diesem Tisch ist, dass ihn der frühere Leitz-Mitarbeiter Reinhold Bystron selbst entworfen und gebaut hat. Seine Tochter Marion, meine frühere Vermieterin, hat mir diesen Tisch zur Nutzung einstweilen überlassen. Viele Dokumente, Bilder, verschiedenes Recherchematerial von der SchwäPo, von der Firma bereitgestellte Informationen und Bilder, aus dem Internet oder von Bekannten und Freunden habe ich zusammengetragen und dieses Mal dauerte es nicht eine gute Stunde, sondern viele Monde, bis aus dem gesamten Fundus ein ansprechender Bericht geworden ist.
Hinweis. So wie Solingen einst das Zentrum für die Herstellung von Messern war, gab es drei Orte, die für die Entwicklung von Holzbearbeitungswerkzeugen in Deutschland im Mittelpunkt standen bzw. noch stehen: Oberkochen, Remscheid und Schmalkalden.
Vorgeschichte. Bevor sich Leitz am Ölweiher ansiedelte, gab es, wie in Königsbronn, auch bei uns eine „Ziegelhütte“. Sie stand bis 1919 draußen beim Ölweiher, der sich heute im Besitz Brucklacher befindet. Im Jahre 1830, als die erste exakte Karte vom Königreich Württemberg, die sogenannte „Urkarte“, erstellt wurde, ist diese Ziegelhütte noch nicht vorhanden. Sie wurde im Jahre 1840 von Johann Michael Gold errichtet, und zwar genau südlich der seit 1498 bestehenden Schleifmühle am Ölweiher. Johann Michael Gold, auch „Letten-Baron“ genannt, hatte 5 Söhne, welche die Belegschaft bildeten. 1854 werden 5 katholische Einwohner gelistet und im Jahr 1906 sind es 8 Einwohner. Später übernahm Sohn Carl Gold (1849−1930) die Ziegelei. Der Name »Ziegler« hat sich für diesen Zweig der Gold’schen Linie bis in die heutige Zeit als Hausname erhalten. Das Wohngebäude hatte die Hausnummer 191, die Ziegelei die Nummer 192. (Letten, auch Lett oder Lätt genannt, ist ein schluffiger bis sandiger Ton mit geringer Beimengung von Kalk).

Lageplan aus dem Jahr 1891 (Archiv Kuno Gold)
Anfangs gab es also zwei Anwesen. Das des Albert Leitz und jenes des Carl Gold, getrennt durch den sogenannten Vizinalweg Nr. 9, der nach dem Abbruch in Ziegelstraße umbenannt wurde. Auf dem Foto von 1876, das dem Heidenheimer Fotograf Boppel zuzuschreiben und auch das älteste Foto unserer Gemeinde ist, sehen wir vier Gebäude am Ölweiher, der früher Ziegelweiher genannt wurde.

So sah es am Ölweiher im Gründungsjahr 1876 aus (Archiv Müller)
Von links nach rechts: Zwei Gebäude direkt am Ölweiher gehörten dem Unternehmer Albert Leitz und sind als die Geburtsstätte der Fa. Leitz GmbH & Co KG zu betrachten. Daneben sehen wir die Ziegelei und Ökonomie- und Wohngebäude des Zieglers Carl Gold. Der helle Bogen unterhalb der rechten oberen Bildecke ist der Kocher. Das gerade Stück Weg, das in die linke obere Bildecke führt, ist der Vizinalweg Nr. 9 (später Ziegelstraße, dann Wacholdersteige und heute Leitzstraße). Das Foto stammt aus der Sammlung von Kuno Gold (der einst auch bei Leitz in gehobener Position tätig war), direkter Nachfahre des Ziegelei-Gründers Johann Michael Gold (1816−1871).
Straßenbezeichnungen. Das muss kurz erklärt werden, da sich die Straßen und Straßenführungen in diesem Bereich doch im Laufe der Zeit stark geändert haben. Nach dem II. Weltkrieg wurde die „Ziegelstraße“ in „Wacholdersteige“ umgetauft. In den 70er-Jahren wurde der Straßenteil ab dem früheren Portierhaus der Fa. Gebr. Leitz bis zum Staatlichen Forstamt in „Leitzstraße“ umbenannt. Der untere Teil der Straße, zwischen Leitz und Heidenheimer Straße, heißt weiterhin „Wacholdersteige“. Und ab dem Jahr 2025 wird das umgebaute ehemalige Oppold-Gebäude als „Leitzstraße 1“ gelistet.
1845 – ein Jahr in einer Zeit des allgemeinen Wandels und Aufbruchs. Noch war es relativ ruhig, aber unruhige Jahre standen direkt bevor. Ein Jahr zuvor erhoben sich die schlesischen Weber, über die Gerhard Hauptmann später im Jahr 1892 ein Drama in fünf Akten veröffentlichen wird. Die Vereinigten Staaten in Nordamerika dehnten sich immer mehr aus. Im März 1845 wurde Florida zum 27. Bundesstaat und im Dezember kam Texas als 28. Bundesstaat hinzu. Der damalige 11. US-Präsident, hieß James K. Polk (1795−1849). In dem Schweizer Kanton Basel wurde in jenem Jahr 1845 die erste mehrfarbige Briefmarke der Welt ausgegeben. Sie wurden unter Briefmarkensammlern als „Basler Taube“ bekannt. Aus Irland waren 1845 schlimme Nachrichten zu vernehmen. Dort brach die „Große Hungersnot“ („Great Famine“) aus. Sie dauerte bis 1852 und war die Folge von Kartoffel-Missernten, die von der damals neuartigen Kartoffelfäule ausgelöst worden war. Diese Krankheit war 1842 erstmals in Nordamerika aufgetreten. Die Pilzsporen, die sie verursacht hatten, waren vom Wind über den Erdball verbreitet worden. Die Kartoffelernten in den Niederlanden, in Belgien und in Frankreich waren betroffen, Irland aber hatte es am härtesten getroffen. Die gesamte Kartoffelernte war zerstört. Infolge der Hungersnot starben in Irland etwa eine Million Menschen. Das waren ungefähr zwölf Prozent der irischen Bevölkerung. Etwa zwei Millionen Iren konnten der Hungersnot durch Auswanderung entkommen. In Deutschland führte das extreme Hochwasser der Elbe zu einer Katastrophe. Klassifiziert als „Jahrhunderthochwasser“ übertraf es sogar das Elbhochwasser von 2002 um etwa ein Fünftel. Diese „Sächsische Sintflut“, die durch die plötzliche Schneeschmelze ausgelöst worden war, gilt als stärkstes je an der Elbe gemessenes Winter- bzw. Frühjahrshochwasser. In den Folgejahren gab es auch in Deutschland eine Hungersnot, die viel Leid und Auswanderung mit sich brachte und nachfolgend u.a. auch deshalb zur Revolution 1848 führte. In Württemberg regierte der 2te württembergische König Wilhelm I. von 1816 bis 1864. Im November 1845 wurde in Esslingen der Bahnhof eröffnet, der Oberkochner wurde erst 1864 fertig.
Wir beginnen die Rückschau mit Worten von Dr. Cornelia Brucklacher: „Leitz hat als Familienunternehmen über fünf Generationen eine nachhaltige Unternehmenskultur hervorgebracht und gelebt – eine Verantwortungskultur für Mensch, Gesellschaft und Umwelt.“
Der erste Leitz kommt nach Oberkochen. Franz Friedrich Leitz sen., der 1821 als Sohn des Friedrich Matth. Leitz und der Maria Dorothea Stahl in Esslingen geboren wurde, zog im Jahr 1845, während seiner Wanderjahre, nach Oberkochen. Er war also schon in dem Oberkochen, dass wir als „Ältestes Bild von 1847“ kennen. Er erwarb hier ein kleines Anwesen und gründete eine Schleiferei am Ölweiher. Und hier spielt nun ein Dokument eine Rolle, dass Ottmar Bihlmaier einst auf dem Flohmarkt fand. Dieses Dokument betrifft die Heiratsabsicht des Franz F. Leitz und der Barbara Kopp aus Oberkochen. Wir lesen wie folgt in einem damals üblichen Amtsdeutsch:
„An das königliche Pfarramt Oberkochen. Vom amtlich angezeigten Vorhaben des Franz Friedrich Leitz, Bürger und (Hart) Schleifer aus Oberkochen und der Barbara Kopp von Oberkochen sich miteinander zu verheirathen und in Oberkochen niederzulassen, steht auf Seiten des Bräutigams, soviel hier bekannt ist, kein gesetzliches Hinderniß entgegen und da das Gleiche auch in Beziehung auf die Braut versichert worden ist, so können dieselben an „Dom Rogate“ (das bedeutet „Sonntag nach Ostern) u.s.f. ihrem Verlangen gemäß aufgeboten werden. Hierbei wird noch die besondere Mittheilung bescheinigt, daß die gesetzliche Nachweisung in Hinsicht auf Bürger- oder Besitzrecht und genügenden Nahrungsstand sowie auf die Leistung der Militärpflicht geschehen sei. Geburt des Bräutigams: Eßlingen, den 26. Oct. 1821. Eltern: Friedrich Matthäus Leitz, B (Bürger) u…. hier, verh. Maria Dorothea g…..“ und schließt mit den Worten des zuständigen Beamten „Sich damit, Eßlingen den 3. Mai 1850 Königl. ev. StadtPfarramt — Gundert“.
Über seinen ersten Sohn, der denselben Namen wie sein Vater hatte, also Franz Friedrich jun., und noch vor der Hochzeit geboren wurde, ist nichts bekannt, da er auch schon im Alter von 39 Jahren 1888 starb. Sein jüngster Sohn Albert, geb. 1854, begab sich 1871, nach Abschluss einer Lehre als Bohrermacher und Zeugschmied bei Jakob Christoph Bäuerle, auf eine 5jährige Wanderschaft, die ihn nach Stuttgart, Wien, Reichenberg und Ingolstadt führte. Zurück in Oberkochen gründete er 1876 eine erste Werkstatt in der damaligen Kirchgasse 116 (heute Mühlstraße 32). Die Produktpalette umfasste Handbohrer, Schneidmesser und Beile. In seinem Tagebuch notierte er seinen ersten Auftrag: „G. Baldauf aus Stuttgart bestellt 6 Stück Handgriffbohrer.“ Albert Leitz schlägt am Anfang ausschließlich am Amboss jene Werkzeuge, mit denen dann andere Betriebe Holz bearbeiten können. Er will jedoch mehr: Er will Bohrer aller Art produzieren und alles, was sonst noch zur Holzbearbeitung benötigt wird.

Auf der ersten Seite des Tagesbuches wurden penibel die ersten eingegangenen Bestellungen im Gründungsjahr notiert (Archiv Leitz)

Albert und Henrike geb. Bäuerle (Archiv Bihlmaier)
1877 kamen die ersten Aufträge aus Winterthur und Zürich. Im Jahr 1880 heiratete er Henrike Bäuerle, die Tochter seines früheren Lehrherrn. Ausstellungen brachten einige Auszeichnungen mit sich und die voranschreitende Mechanisierung in der Holzbearbeitungsbranche weitere Dynamik in das Geschäftsleben der emsigen Firma. Im Jahr 1881 erhielt er auf der Landesgewerbeausstellung in Stuttgart eine Belobung. Weitere Auszeichnungen kamen in den Folgejahren hinzu. 1884 verkaufte er die Werkstatt in der Kirchgasse an Michael Wirth und übersiedelte in das väterliche Anwesen am Ölweiher. (Warum heißt dieser Ort Ölweiher? Dort hatte schon seit 1498 eine Schleifmühle gestanden. 1725 wurde eine Ölmühle hinzugefügt und schon war der Name gefunden, der bis heute geläufig ist.) 1890 starb Franz Friedrich Leitz sen. und Sohn Albert gestaltete aus beiden Gebäuden eine Fabrik, die sich nun „Württembergische Holzbohrerfabrik A. Leitz, Oberkochen“ nannte. Um die Jahrhundertwende wurden 20 Werkzeugmacher beschäftigt, die sich stolz „Bohrermacher“ nannten und für ein Programm von rund 50 Hand- und Maschinenbohrern verantwortlich waren.

Die Bohrermacher vom Leitz Ende des 19ten Jahrhunderts. Vorne knieend vlnr.: Anton Gold und Fritz Leitz Dahinter vlnr.: Johannes Gutknecht, Anton Grupp, Albert Leitz, Jakob Jooß, Karl Wannenwetsch, Jakob Werle, Karl Gold, Hugo Gold
Von Anfang an war eine zuverlässige höchstmögliche Qualität eine Maxime der Firma. Die Nähe zu den Schwäbischen Hüttenwerken in Königsbronn sicherte ihm die Lieferungen hochwertigen Stahls für seine Produkte. Dieser Qualitätsanspruch zieht sich wie ein roter Faden durch die Zeitläufte bis heute. Die Männer der damaligen Zeit, man nannte sie auch Gründergenenation (Grundlage war die vollständige Gewerbefreiheit in BaWü im Jahr 1862), waren oft Produzent, Kaufmann, Erfinder und Vertriebsmann in Personalunion – kein Aufwand zu viel und kein Weg zu weit. Wer fleißig und sehr gut war, sowie die Zeichen der Zeit rechtzeitig erkannte, musste fast zwangsläufig erfolgreich sein. Im Jahr 1903 belief sich die Belegschaft auf 20 Mann. Im Jahr 1904 wurde für einen Langlochbohrer das erste Patent erteilt. 1908 erweiterte er das Programm um Massiv-Fräser und 1910 brachte Albert sein erstes patentiertes Fräswerkzeug auf den Markt, was letztendlich auch die Umstellung von einem Handwerksbetrieb auf einen Industriebetrieb bedeutete.

Das erste Patent D.R.G.M 307609 (Deutsches Reichs – Gebrauchsmuster) für den besten Bohrer der Gegenwart (Archiv Leitz)
Bevor der I. Weltkrieg begann, übergab Albert sen. seine Firma 1912 an seine Söhne Albert jun. und Fritz. Die Belegschaft wuchs bis 1913 bereits auf 80 Mann. Der dritte Sohn Emil *** gründete 1921 die Vertriebsfirm „Emil Leitz“ in der Bahnhofstraße 7 (*** von Emil war leider kein Bild aufzutreiben). Im selben Jahr entstand die erste Fensterwerkzeuggarnitur in Messerkopfform. Von nun an hieß die Firma „Gebr. Leitz, Bohrer- und Werkzeugfabrik Oberkochen“. Das Produktportfolio wurde immer größer und die Verkaufskataloge immer umfangreicher. Darüber hinaus legte der Senior in einem Gesellschaftervertrag fest, dass das Unternehmen in der Familie weitervererbt werden muss.

Der Sohn Albert Leitz jun. (Archiv Leitz)

Der Sohn Fritz Leitz (Archiv Leitz)
Unter Albert jun. gewann der Vertrieb im In- und Ausland an Bedeutung und führte zu weiterem Wachstum und 1927 standen 180 Mitarbeiter unter Vertrag. Die Firma hatte aber auch schwere Zeiten zu durchleben. Der erste tiefe Einschnitt kam in den Krisenjahren 1927/1928. Das Überleben des Unternehmens wurde maßgeblich durch freiwilligen Verzicht und Einschränkungen der Arbeitnehmerschaft gesichert. 1935 verkaufte er das Werk II an die Familie Lebzelter, die dort jahrzehntelang eine Wäscherei betrieb (Das Gebäude wurde 2024 abgerissen und an seiner Stelle wird nun ein sog. Mehr-Nationen-Haus entstehen).

Die Firma Leitz und die Ausbreitung der Gemeinde Oberkochen im Jahr 1935 (Archiv Müller)
1938 war ein entscheidendes Jahr für Leitz, für Oberkochen und noch unbekannterweise für Carl Zeiss. Ohne diesen Schritt, den Albert’s Bruder Fritz damals vollzog, würde Oberkochen heute gänzlich anders aussehen und finanziell anders dastehen. Wir wären eine Gemeinde wie viele andere auch und unser Stadtsäckel wäre nicht so gut gefüllt. Nun ist Fritz Leitz dafür nicht direkt verantwortlich, aber seine Entscheidung führte zu Konsequenzen, die es Carl Zeiss 1945 ermöglichte, aus dem Stand in einem neuen Bundesland bei „Null“ anzufangen und einen Höhenflug zu starten, der in der BRD seinesgleichen sucht und letztendlich für die Verleihung der Stadtrechte im Jahr 1968 verantwortlich war.

1939 Blick auf Villa und Firmengebäude (Archiv Müller)

1939 Blick über Leitz hinweg auf den Ort (Archiv Müller)
Da Albert Leitz jun. und Fritz Leitz nicht dieselben politischen Ansichten teilten kam es damals schon zu einer ersten sog. Real-Teilung und so gründete Fritz Leitz 1938 die „Fritz Leitz Maschinen- und Apparatebau“, setzte, wie viele Industrielle damals, auf Adolf Hitler und produzierte vornehmlich für die Rüstung (Flugzeugteile, Baugruppen und Aggregate). Die Firma boomte und bald arbeiten bei ihm rund 1.000 Menschen. Er avancierte zum Wehrwirtschaftsführer, starb aber noch vor Kriegsende im Jahr 1942. Sein Sohn Fritz jun. führte das Unternehmen weiter, aber nach dem Krieg gab es für die Firma wegen der Vorgeschichte keine große Zukunft mehr. Die Amerikaner holten 77 Zeissianer aus Jena, setzten sie in Heidenheim ab und bald war klar, dass sie in die leerstehenden Gebäude ziehen konnten. Von da an gab es für Zeiss nur einen Weg – kurz unterbrochen in der Zeit Krisenzeit 1989/1990, – und der führte steil nach oben – bis heute.
Gebr. Leitz, unter Führung von Albert jun., konnte nach dem II. Weltkrieg, als der Aufbau im ganzen Land für Arbeit und Brot sorgte, seine Geschäfte wieder intensiveren, da die Firma kein Rüstungsbetrieb gewesen war. Es gab zwar Einschränkungen, aber man konnte wieder arbeiten und nach Wachstum streben. Überall musste wieder alles aufgebaut werden und neue Werkstoffe mussten bearbeitet werden. In den Folgejahren wurde die Basis für das weitere Wachstum und der Beginn des Weges zum Weltmarktführer angelegt.

Geschäftsführer Leonhard Stützel (Archiv Kuno Gold)
Das rasante Wachstum in den 50er, 60er und 70er Jahren begann, als Leonhard Stützel (Schwiegersohn von Albert Leitz jun.) und Karl Kümmerle die Geschäfte führten. Die Zeiten waren günstig, die Ideen gut, die Mitarbeiter engagiert und stolz Leitz’ler zu sein und so ging es mit der Gründung von neuen Produktionsstätten, dem Aufbau einer eigenen Vertriebsorganisation und eines weitverzweigten Service-Netzes in Form von eigenen Schärfdiensten dynamisch voran. Dann kam die Zeit, als 1959 der neue Schneidenwerkstoff „HM Hartmetall“ eingeführt wurde, was zu einer massiven Erweiterung der Produktpalette führte. Auch hier hatte Leitz die Nase vorn und experimentierte bereits Ende der 30er Jahre und in den 40ern mit dem neuen Werkstoff und bewies schon damals seine Leadership-Qualitäten.
Einige Zahlen aus den 50ern.
Monatlicher Verkauf 1958 Anzahl
1.596 Fräser
113 Record-Schllitz-Scheiben
37 Fenster- und Türenfräsköpfe
827 Messerköpfe
127 Wanknutsägen
752 Fräsketten
473 Führungsleisten
Statistik 1958
Rechnungen Anz.: Insgesamt 30.700 (durchschnittlicher Rechnungsbetrag von 144 DM)
Beschäftigte Anz.: Arbeiter, Angestellte und Lehrlinge 318
Monatsumsatz Netto: 363.849 DM (entspricht pro Kopf 1.144 DM)
Durchschn. Netto-Umsatz alle 29 Minuten 1.000 DM
Lohnsumme im Jahr: 1.522.522 DM
Stundenlöhne br. Arbeiter Dreher 2,98 DM
Fräser 2,71 DM
Hinterschleifer 2,96 DM
Schlosser 2,87 DM
Statistik 1959
Angestellte Anz.: 57 davon verheiratet 54,4 % bei durchschn. 1,7 Kinder
23 weiblich verheiratet 26,1 %
34 männlich verheiratet 73,5 %
Durchschnittsalter weiblich 23 Jahre und männlich 37 Jahre
Arbeiter Anz.: 245 davon verheiratet 56,9 % bei durchschn. 1,5 Kinder
33 weiblich verheiratet 60,6 %
212 männlich verheiratet 56,4 %
Durchschnittsalter weiblich 34 Jahre und männlich 35 Jahre
Durchschn. Netto-Umsatz alle 27 Minuten 1.000 DM

Drei Kataloge aus verschiedenen Epochen (Archiv Leitz)
Die Kataloge und Preislisten wurden immer umfangreicher und komplexer. Kleiner Hinweis: Die erste Preisliste hatte 16 Seiten – das jetzige Leitz Lexikon Version (das allerdings wesentlich mehr als ein Katalog ist) umfasst sage und schreibe 813 Seiten auf 11 Kapitel aufgeteilt, sucht in der Branche seinesgleichen und ist inzwischen nur noch digital erhältlich. Mein bescheidener Beitrag dazu war die Verantwortung für die Erstellung des 1982er-Kataloges, der zum ersten Mal eine sog. Identnummer enthielt, die eine EDV-gerechte Verarbeitung ermöglichte. Diesen Katalog habe ich zusammen mit meiner damaligen Kollegin Rena Haliassos mit einfachsten Mitteln auf die Beine gestellt. In meiner Erinnerung (das betrifft u.a. zwei Bereiche, in denen ich damals tätig war – anfangs Kataloge, Prospekte und Bedienungsanleitungen sowie später weltweite EDV-Einführungen) konnten wir früher in vielen Bereichen mit weniger Personen und einfacheren Mitteln oft genauso viel oder gar mehr in kurzer Zeit erreichen als heute im sog. digitalen Zeitalter.
Ein gravierender Einschnitt und eine gewaltige Vergrößerung der Firma stand nun an.

Dr. Dieter Brucklacher mit Ehefrau Monika geb. Stützel (Archiv Leitz)
1975 kam es zu einer Änderung in der Geschäftsführung. Karl Kümmerle führte die Firma ab 1975 zusammen mit dem Diplom-Physiker Dr. Dieter Brucklacher, Ehemann von Monika Brucklacher geb. Stützel. Im Jahr 1982, nach dem Ausscheiden von Karl Kümmerle, übernahm er die alleinige Leitung der Firma als Vorsitzender der Geschäftsführung. Unter seiner Ägide erfolgte eine starke internationale Expansionsphase. Produktions- und Vertriebsstätten in Brasilien, den USA und in Großbritannien wurden gegründet. Die kleineren Werkzeugfabriken WIGO Neresheim, KWO Oberkochen und Schumacher Remscheid wurden in die Firmengruppe eingegliedert. U.a. wurden Niederlassungen in Japan (1988), Singapur (1994), Indonesien und Malaysia (1997), China (1998) und Indien (1999) gegründet.
1984 war ein weiteres wichtiges Jahr in der Firmengeschichte. Ein damaliger Wettbewerber von Leitz — die Fa. WIGO — geriet in große Schwierigkeiten und es wurden Lösungen gesucht, um die Firma wenigstens in Teilen zu retten. Die Oberkochener Gebäude gingen an die Fa. Carl Zeiss. Später erwarb die Fa. Boehlerit (die zur Brucklacher Group – früher Leitz-Firmengruppe — gehört) die Gebäude und zog in einen Teilbereich ein. Der Neresheimer Betrieb in der Kösinger Straße wurde von Leitz übernommen, zog dann aber innerhalb Neresheims in ein bestehendes Gebäude Im Riegel 1 um. Diese Übernahme war Dr. Brucklacher sehr wichtig, denn zum einen passte das Produktionsprogramm (Sägen und Fräswellen) gut zum Leitz-Programm und zum anderen war der Firmengründer Wilhelm Grupp sein Großvater.
Ein weiteres wichtiges Jahr war 1988. Im Januar ging Leitz in Oberkochen und Riedau mit einer neuen Software für Produktion und Verwaltung, nach über 2jähriger Vorbereitung, in den Echtbetrieb. CIM nannte man das damals – Computer Integrated Manufactoring. Dieses Projekt war der Grundstein für meine jahrzehntelange Arbeit im Bereich von weltweiten IT-Einführungen.
Das „Dr. Dieter Brucklacher Service- und Training Center“ in Neresheim wurde nach einer Sanierung der ehemaligen Wigo-Gebäude im Oktober 2016 eröffnet und ist ein Leuchtturm-Projekt für Leitz mit seinen vielen Vertriebs- und Service-Gesellschaften sowie den Servicestationen rund um den Globus. Mit seinem einzigartigen Service-Konzept durch fachlich qualifizierte Berater, setzt Leitz Maßstäbe in Sachen Pünktlichkeit und Kundennähe und liefert neben einem optimalen Werkzeug auch wertvollen Anwendersupport. Dieser besondere Musterbetrieb dient als Modell für die kundenorientierte Ausrichtung des Dienstleistungs- und Servicegeschäfts bei Leitz. Mitarbeiter aber auch Kunden aus der ganzen Welt kommen nach Neresheim, um sich aus- und weiterbilden zu lassen. Dadurch schafft es das Unternehmen seine hohen Qualitätsmaßstäbe im weltweiten Servicegeschäft zu verankern. In Neresheim steht den Service- und Trainings-Spezialisten von Leitz eine Fläche von 2.785 m² für die Schnellfertigung und den Service sowie zahlreiche modern ausgestattete Schulungs- und Trainingsräume zur Verfügung.

Das „Dr. Dieter Brucklacher Service- und Training Center“ in Neresheim (überlassen von Anton Balle)
Nächste Woche kommt der 2te Teil.
Wilfried „Billie Wichai“ vom Sonnenberg
