Die Geschich­te „meiner ehema­li­gen“ Firma, in der ich den Großteil meines beruf­li­chen Lebens tätig war

Das Firmen­ge­län­de in seiner ganzen Pracht im Jahr 1920 (Archiv Leitz)

Dieser Bericht basiert auf Daten und Fakten aus Image­bro­schü­ren der Firma, der Website der Firma, verschie­de­nen Zeitungs­be­rich­ten, eigenen Unter­la­gen sowie diver­sen Wikipe­dia-Einträ­gen, Unter­la­gen der Firma Leitz und eigenen Recher­chen sowie einigen Unter­la­gen, die mir Frau Dr. Corne­lia Bruck­la­cher überge­ben hat. Ich selbst war Angestell­ter der Firma von 1969 bis 1973 sowie von 1978 bis 2016 und hatte das Glück alle Geschäfts­füh­rer und leiten­den Angestell­te sowie viele Kolle­gen­In­nen in Verwal­tung und Produk­ti­on ab 1969 in allen ihren Facet­ten bei unter­schied­li­chen Projek­ten in den unter­schied­lichs­ten Stand­or­ten weltweit kennen­ler­nen zu dürfen. Diese Erleb­nis­se und Erfah­run­gen aus meiner priva­ten und beruf­li­chen Welt haben dafür gesorgt, dass mein Blick und mein Denken bis heute weit über den Teller­rand hinausgehen.

Danke­schön. Ich danke Dr. Corne­lia Bruck­la­cher, Marle­ne Kotulek und Martin Spaney, die mir die noch fehlen­den Infor­ma­tio­nen und Bilder bereit­ge­stellt haben, obwohl deren beruf­li­cher Alltag ausge­füllt genug ist.

Intro. Herbst 1969. Der kaufmän­ni­sche Lehrling Wilfried sitzt in einem Bespre­chungs­zim­mer, das viele Jahre später einmal eines seiner vier Büros als Organi­sa­tor sein wird, vor seinem Berichts­heft. Das damali­ge Thema im inner­be­trieb­li­chen Unter­richt, den der damali­ge Perso­nal­lei­ter Horst Bengel leite­te, laute­te: „Die Geschich­te meiner Lehrfir­ma“. Er diktier­te, wir schrie­ben, klebten ein paar Bilder dazu und fertig war die Geschich­te der „Württem­ber­gi­schen Holzbohr­er­fa­brik A. Leitz, Oberkochen“.

Jungkauf­leu­te auf dem Weg in die Mittags­pau­se vlnr.: Franz Hägele, Wilfried Müller, Jürgen Hunger (Archiv Müller)

Heute, über 57 Jahre später, sitze ich wieder über diesem Thema. Nicht mehr in einem der vielen Büros, die ich im Laufe der Jahre benut­zen konnte, sondern im Unruhe­stand in meinem Zuhau­se, das ich inzwi­schen so häufig gewech­selt habe wie meine Büros, an einem Tisch. Das Beson­de­re an diesem Tisch ist, dass ihn der frühe­re Leitz-Mitar­bei­ter Reinhold Bystron selbst entwor­fen und gebaut hat. Seine Tochter Marion, meine frühe­re Vermie­te­rin, hat mir diesen Tisch zur Nutzung einst­wei­len überlas­sen. Viele Dokumen­te, Bilder, verschie­de­nes Recher­che­ma­te­ri­al von der Schwä­Po, von der Firma bereit­ge­stell­te Infor­ma­tio­nen und Bilder, aus dem Inter­net oder von Bekann­ten und Freun­den habe ich zusam­men­ge­tra­gen und dieses Mal dauer­te es nicht eine gute Stunde, sondern viele Monde, bis aus dem gesam­ten Fundus ein anspre­chen­der Bericht gewor­den ist.

Hinweis. So wie Solin­gen einst das Zentrum für die Herstel­lung von Messern war, gab es drei Orte, die für die Entwick­lung von Holzbe­ar­bei­tungs­werk­zeu­gen in Deutsch­land im Mittel­punkt standen bzw. noch stehen: Oberko­chen, Remscheid und Schmalkalden.

Vorge­schich­te. Bevor sich Leitz am Ölwei­her ansie­del­te, gab es, wie in Königs­bronn, auch bei uns eine „Ziegel­hüt­te“. Sie stand bis 1919 draußen beim Ölwei­her, der sich heute im Besitz Bruck­la­cher befin­det. Im Jahre 1830, als die erste exakte Karte vom König­reich Württem­berg, die sogenann­te „Urkar­te“, erstellt wurde, ist diese Ziegel­hüt­te noch nicht vorhan­den. Sie wurde im Jahre 1840 von Johann Micha­el Gold errich­tet, und zwar genau südlich der seit 1498 bestehen­den Schleif­müh­le am Ölwei­her. Johann Micha­el Gold, auch „Letten-Baron“ genannt, hatte 5 Söhne, welche die Beleg­schaft bilde­ten. 1854 werden 5 katho­li­sche Einwoh­ner gelis­tet und im Jahr 1906 sind es 8 Einwoh­ner. Später übernahm Sohn Carl Gold (1849−1930) die Ziege­lei. Der Name »Ziegler« hat sich für diesen Zweig der Gold’schen Linie bis in die heuti­ge Zeit als Hausna­me erhal­ten. Das Wohnge­bäu­de hatte die Hausnum­mer 191, die Ziege­lei die Nummer 192. (Letten, auch Lett oder Lätt genannt, ist ein schluf­fi­ger bis sandi­ger Ton mit gerin­ger Beimen­gung von Kalk).

Lageplan aus dem Jahr 1891 (Archiv Kuno Gold)

Anfangs gab es also zwei Anwesen. Das des Albert Leitz und jenes des Carl Gold, getrennt durch den sogenann­ten Vizinal­weg Nr. 9, der nach dem Abbruch in Ziegel­stra­ße umbenannt wurde. Auf dem Foto von 1876, das dem Heiden­hei­mer Fotograf Boppel zuzuschrei­ben und auch das ältes­te Foto unserer Gemein­de ist, sehen wir vier Gebäu­de am Ölwei­her, der früher Ziegel­wei­her genannt wurde.

So sah es am Ölwei­her im Gründungs­jahr 1876 aus (Archiv Müller)

Von links nach rechts: Zwei Gebäu­de direkt am Ölwei­her gehör­ten dem Unter­neh­mer Albert Leitz und sind als die Geburts­stät­te der Fa. Leitz GmbH & Co KG zu betrach­ten. Daneben sehen wir die Ziege­lei und Ökono­mie- und Wohnge­bäu­de des Zieglers Carl Gold. Der helle Bogen unter­halb der rechten oberen Bilde­cke ist der Kocher. Das gerade Stück Weg, das in die linke obere Bilde­cke führt, ist der Vizinal­weg Nr. 9 (später Ziegel­stra­ße, dann Wachol­der­stei­ge und heute Leitz­stra­ße). Das Foto stammt aus der Sammlung von Kuno Gold (der einst auch bei Leitz in gehobe­ner Positi­on tätig war), direk­ter Nachfah­re des Ziege­lei-Gründers Johann Micha­el Gold (1816−1871).

Straßen­be­zeich­nun­gen. Das muss kurz erklärt werden, da sich die Straßen und Straßen­füh­run­gen in diesem Bereich doch im Laufe der Zeit stark geändert haben. Nach dem II. Weltkrieg wurde die „Ziegel­stra­ße“ in „Wachol­der­stei­ge“ umgetauft. In den 70er-Jahren wurde der Straßen­teil ab dem frühe­ren Portier­haus der Fa. Gebr. Leitz bis zum Staat­li­chen Forst­amt in „Leitz­stra­ße“ umbenannt. Der untere Teil der Straße, zwischen Leitz und Heiden­hei­mer Straße, heißt weiter­hin „Wachol­der­stei­ge“. Und ab dem Jahr 2025 wird das umgebau­te ehema­li­ge Oppold-Gebäu­de als „Leitz­stra­ße 1“ gelistet.

1845 – ein Jahr in einer Zeit des allge­mei­nen Wandels und Aufbruchs. Noch war es relativ ruhig, aber unruhi­ge Jahre standen direkt bevor. Ein Jahr zuvor erhoben sich die schle­si­schen Weber, über die Gerhard Haupt­mann später im Jahr 1892 ein Drama in fünf Akten veröf­fent­li­chen wird. Die Verei­nig­ten Staaten in Nordame­ri­ka dehnten sich immer mehr aus. Im März 1845 wurde Flori­da zum 27. Bundes­staat und im Dezem­ber kam Texas als 28. Bundes­staat hinzu. Der damali­ge 11. US-Präsi­dent, hieß James K. Polk (1795−1849). In dem Schwei­zer Kanton Basel wurde in jenem Jahr 1845 die erste mehrfar­bi­ge Brief­mar­ke der Welt ausge­ge­ben. Sie wurden unter Brief­mar­ken­samm­lern als „Basler Taube“ bekannt. Aus Irland waren 1845 schlim­me Nachrich­ten zu verneh­men. Dort brach die „Große Hungers­not“ („Great Famine“) aus. Sie dauer­te bis 1852 und war die Folge von Kartof­fel-Missern­ten, die von der damals neuar­ti­gen Kartof­fel­fäu­le ausge­löst worden war. Diese Krank­heit war 1842 erstmals in Nordame­ri­ka aufge­tre­ten. Die Pilzspo­ren, die sie verur­sacht hatten, waren vom Wind über den Erdball verbrei­tet worden. Die Kartof­fel­ern­ten in den Nieder­lan­den, in Belgi­en und in Frank­reich waren betrof­fen, Irland aber hatte es am härtes­ten getrof­fen. Die gesam­te Kartof­fel­ern­te war zerstört. Infol­ge der Hungers­not starben in Irland etwa eine Milli­on Menschen. Das waren ungefähr zwölf Prozent der irischen Bevöl­ke­rung. Etwa zwei Millio­nen Iren konnten der Hungers­not durch Auswan­de­rung entkom­men. In Deutsch­land führte das extre­me Hochwas­ser der Elbe zu einer Katastro­phe. Klassi­fi­ziert als „Jahrhun­dert­hoch­was­ser“ übertraf es sogar das Elbhoch­was­ser von 2002 um etwa ein Fünftel. Diese „Sächsi­sche Sintflut“, die durch die plötz­li­che Schnee­schmel­ze ausge­löst worden war, gilt als stärks­tes je an der Elbe gemes­se­nes Winter- bzw. Frühjahrs­hoch­was­ser. In den Folge­jah­ren gab es auch in Deutsch­land eine Hungers­not, die viel Leid und Auswan­de­rung mit sich brach­te und nachfol­gend u.a. auch deshalb zur Revolu­ti­on 1848 führte. In Württem­berg regier­te der 2te württem­ber­gi­sche König Wilhelm I. von 1816 bis 1864. Im Novem­ber 1845 wurde in Esslin­gen der Bahnhof eröff­net, der Oberkoch­ner wurde erst 1864 fertig.

Wir begin­nen die Rückschau mit Worten von Dr. Corne­lia Bruck­la­cher: „Leitz hat als Famili­en­un­ter­neh­men über fünf Genera­tio­nen eine nachhal­ti­ge Unter­neh­mens­kul­tur hervor­ge­bracht und gelebt – eine Verant­wor­tungs­kul­tur für Mensch, Gesell­schaft und Umwelt.“

Der erste Leitz kommt nach Oberko­chen. Franz Fried­rich Leitz sen., der 1821 als Sohn des Fried­rich Matth. Leitz und der Maria Dorothea Stahl in Esslin­gen geboren wurde, zog im Jahr 1845, während seiner Wander­jah­re, nach Oberko­chen. Er war also schon in dem Oberko­chen, dass wir als „Ältes­tes Bild von 1847“ kennen. Er erwarb hier ein kleines Anwesen und gründe­te eine Schlei­fe­rei am Ölwei­her. Und hier spielt nun ein Dokument eine Rolle, dass Ottmar Bihlmai­er einst auf dem Flohmarkt fand. Dieses Dokument betrifft die Heirats­ab­sicht des Franz F. Leitz und der Barba­ra Kopp aus Oberko­chen. Wir lesen wie folgt in einem damals üblichen Amtsdeutsch:

„An das könig­li­che Pfarr­amt Oberko­chen. Vom amtlich angezeig­ten Vorha­ben des Franz Fried­rich Leitz, Bürger und (Hart) Schlei­fer aus Oberko­chen und der Barba­ra Kopp von Oberko­chen sich mitein­an­der zu verhei­ra­then und in Oberko­chen nieder­zu­las­sen, steht auf Seiten des Bräuti­gams, soviel hier bekannt ist, kein gesetz­li­ches Hinder­niß entge­gen und da das Gleiche auch in Bezie­hung auf die Braut versi­chert worden ist, so können diesel­ben an „Dom Rogate“ (das bedeu­tet „Sonntag nach Ostern) u.s.f. ihrem Verlan­gen gemäß aufge­bo­ten werden. Hierbei wird noch die beson­de­re Mitthei­lung beschei­nigt, daß die gesetz­li­che Nachwei­sung in Hinsicht auf Bürger- oder Besitz­recht und genügen­den Nahrungs­stand sowie auf die Leistung der Militär­pflicht gesche­hen sei. Geburt des Bräuti­gams: Eßlin­gen, den 26. Oct. 1821. Eltern: Fried­rich Matthä­us Leitz, B (Bürger) u…. hier, verh. Maria Dorothea g…..“ und schließt mit den Worten des zustän­di­gen Beamten „Sich damit, Eßlin­gen den 3. Mai 1850 Königl. ev. Stadt­Pfarr­amt — Gundert“.

Über seinen ersten Sohn, der densel­ben Namen wie sein Vater hatte, also Franz Fried­rich jun., und noch vor der Hochzeit geboren wurde, ist nichts bekannt, da er auch schon im Alter von 39 Jahren 1888 starb. Sein jüngs­ter Sohn Albert, geb. 1854, begab sich 1871, nach Abschluss einer Lehre als Bohrer­ma­cher und Zeugschmied bei Jakob Chris­toph Bäuerle, auf eine 5jährige Wander­schaft, die ihn nach Stutt­gart, Wien, Reichen­berg und Ingol­stadt führte. Zurück in Oberko­chen gründe­te er 1876 eine erste Werkstatt in der damali­gen Kirch­gas­se 116 (heute Mühlstra­ße 32). Die Produkt­pa­let­te umfass­te Handboh­rer, Schneid­mes­ser und Beile. In seinem Tagebuch notier­te er seinen ersten Auftrag: „G. Baldauf aus Stutt­gart bestellt 6 Stück Handgriff­boh­rer.“ Albert Leitz schlägt am Anfang ausschließ­lich am Amboss jene Werkzeu­ge, mit denen dann andere Betrie­be Holz bearbei­ten können. Er will jedoch mehr: Er will Bohrer aller Art produ­zie­ren und alles, was sonst noch zur Holzbe­ar­bei­tung benötigt wird.

Auf der ersten Seite des Tages­bu­ches wurden penibel die ersten einge­gan­ge­nen Bestel­lun­gen im Gründungs­jahr notiert (Archiv Leitz)

Albert und Henri­ke geb. Bäuerle (Archiv Bihlmaier)

1877 kamen die ersten Aufträ­ge aus Winter­thur und Zürich. Im Jahr 1880 heira­te­te er Henri­ke Bäuerle, die Tochter seines frühe­ren Lehrherrn. Ausstel­lun­gen brach­ten einige Auszeich­nun­gen mit sich und die voran­schrei­ten­de Mecha­ni­sie­rung in der Holzbe­ar­bei­tungs­bran­che weite­re Dynamik in das Geschäfts­le­ben der emsigen Firma. Im Jahr 1881 erhielt er auf der Landes­ge­wer­be­aus­stel­lung in Stutt­gart eine Belobung. Weite­re Auszeich­nun­gen kamen in den Folge­jah­ren hinzu. 1884 verkauf­te er die Werkstatt in der Kirch­gas­se an Micha­el Wirth und übersie­del­te in das väter­li­che Anwesen am Ölwei­her. (Warum heißt dieser Ort Ölwei­her? Dort hatte schon seit 1498 eine Schleif­müh­le gestan­den. 1725 wurde eine Ölmüh­le hinzu­ge­fügt und schon war der Name gefun­den, der bis heute geläu­fig ist.) 1890 starb Franz Fried­rich Leitz sen. und Sohn Albert gestal­te­te aus beiden Gebäu­den eine Fabrik, die sich nun „Württem­ber­gi­sche Holzbohr­er­fa­brik A. Leitz, Oberko­chen“ nannte. Um die Jahrhun­dert­wen­de wurden 20 Werkzeug­ma­cher beschäf­tigt, die sich stolz „Bohrer­ma­cher“ nannten und für ein Programm von rund 50 Hand- und Maschi­nen­boh­rern verant­wort­lich waren.

Die Bohrer­ma­cher vom Leitz Ende des 19ten Jahrhun­derts. Vorne knieend vlnr.: Anton Gold und Fritz Leitz Dahin­ter vlnr.: Johan­nes Gutknecht, Anton Grupp, Albert Leitz, Jakob Jooß, Karl Wannen­wetsch, Jakob Werle, Karl Gold, Hugo Gold

Von Anfang an war eine zuver­läs­si­ge höchst­mög­li­che Quali­tät eine Maxime der Firma. Die Nähe zu den Schwä­bi­schen Hütten­wer­ken in Königs­bronn sicher­te ihm die Liefe­run­gen hochwer­ti­gen Stahls für seine Produk­te. Dieser Quali­täts­an­spruch zieht sich wie ein roter Faden durch die Zeitläuf­te bis heute. Die Männer der damali­gen Zeit, man nannte sie auch Gründ­er­ge­nena­ti­on (Grund­la­ge war die vollstän­di­ge Gewer­be­frei­heit in BaWü im Jahr 1862), waren oft Produ­zent, Kaufmann, Erfin­der und Vertriebs­mann in Perso­nal­uni­on – kein Aufwand zu viel und kein Weg zu weit. Wer fleißig und sehr gut war, sowie die Zeichen der Zeit recht­zei­tig erkann­te, musste fast zwangs­läu­fig erfolg­reich sein. Im Jahr 1903 belief sich die Beleg­schaft auf 20 Mann. Im Jahr 1904 wurde für einen Langloch­boh­rer das erste Patent erteilt. 1908 erwei­ter­te er das Programm um Massiv-Fräser und 1910 brach­te Albert sein erstes paten­tier­tes Fräswerk­zeug auf den Markt, was letzt­end­lich auch die Umstel­lung von einem Handwerks­be­trieb auf einen Indus­trie­be­trieb bedeutete.

Das erste Patent D.R.G.M 307609 (Deutsches Reichs – Gebrauchs­mus­ter) für den besten Bohrer der Gegen­wart (Archiv Leitz)

Bevor der I. Weltkrieg begann, übergab Albert sen. seine Firma 1912 an seine Söhne Albert jun. und Fritz. Die Beleg­schaft wuchs bis 1913 bereits auf 80 Mann. Der dritte Sohn Emil *** gründe­te 1921 die Vertriebs­firm „Emil Leitz“ in der Bahnhof­stra­ße 7 (*** von Emil war leider kein Bild aufzu­trei­ben). Im selben Jahr entstand die erste Fenster­werk­zeug­gar­ni­tur in Messer­kopf­form. Von nun an hieß die Firma „Gebr. Leitz, Bohrer- und Werkzeug­fa­brik Oberko­chen“. Das Produkt­port­fo­lio wurde immer größer und die Verkaufs­ka­ta­lo­ge immer umfang­rei­cher. Darüber hinaus legte der Senior in einem Gesell­schaf­ter­ver­trag fest, dass das Unter­neh­men in der Familie weiter­ver­erbt werden muss.

Der Sohn Albert Leitz jun. (Archiv Leitz)

Der Sohn Fritz Leitz (Archiv Leitz)

Unter Albert jun. gewann der Vertrieb im In- und Ausland an Bedeu­tung und führte zu weite­rem Wachs­tum und 1927 standen 180 Mitar­bei­ter unter Vertrag. Die Firma hatte aber auch schwe­re Zeiten zu durch­le­ben. Der erste tiefe Einschnitt kam in den Krisen­jah­ren 1927/1928. Das Überle­ben des Unter­neh­mens wurde maßgeb­lich durch freiwil­li­gen Verzicht und Einschrän­kun­gen der Arbeit­neh­mer­schaft gesichert. 1935 verkauf­te er das Werk II an die Familie Lebzel­ter, die dort jahrzehn­te­lang eine Wäsche­rei betrieb (Das Gebäu­de wurde 2024 abgeris­sen und an seiner Stelle wird nun ein sog. Mehr-Natio­nen-Haus entstehen).

Die Firma Leitz und die Ausbrei­tung der Gemein­de Oberko­chen im Jahr 1935 (Archiv Müller)

1938 war ein entschei­den­des Jahr für Leitz, für Oberko­chen und noch unbekann­ter­wei­se für Carl Zeiss. Ohne diesen Schritt, den Albert’s Bruder Fritz damals vollzog, würde Oberko­chen heute gänzlich anders ausse­hen und finan­zi­ell anders daste­hen. Wir wären eine Gemein­de wie viele andere auch und unser Stadt­sä­ckel wäre nicht so gut gefüllt. Nun ist Fritz Leitz dafür nicht direkt verant­wort­lich, aber seine Entschei­dung führte zu Konse­quen­zen, die es Carl Zeiss 1945 ermög­lich­te, aus dem Stand in einem neuen Bundes­land bei „Null“ anzufan­gen und einen Höhen­flug zu starten, der in der BRD seines­glei­chen sucht und letzt­end­lich für die Verlei­hung der Stadt­rech­te im Jahr 1968 verant­wort­lich war.

1939 Blick auf Villa und Firmen­ge­bäu­de (Archiv Müller)

1939 Blick über Leitz hinweg auf den Ort (Archiv Müller)

Da Albert Leitz jun. und Fritz Leitz nicht diesel­ben politi­schen Ansich­ten teilten kam es damals schon zu einer ersten sog. Real-Teilung und so gründe­te Fritz Leitz 1938 die „Fritz Leitz Maschi­nen- und Appara­te­bau“, setzte, wie viele Indus­tri­el­le damals, auf Adolf Hitler und produ­zier­te vornehm­lich für die Rüstung (Flugzeug­tei­le, Baugrup­pen und Aggre­ga­te). Die Firma boomte und bald arbei­ten bei ihm rund 1.000 Menschen. Er avancier­te zum Wehrwirt­schafts­füh­rer, starb aber noch vor Kriegs­en­de im Jahr 1942. Sein Sohn Fritz jun. führte das Unter­neh­men weiter, aber nach dem Krieg gab es für die Firma wegen der Vorge­schich­te keine große Zukunft mehr. Die Ameri­ka­ner holten 77 Zeissia­ner aus Jena, setzten sie in Heiden­heim ab und bald war klar, dass sie in die leerste­hen­den Gebäu­de ziehen konnten. Von da an gab es für Zeiss nur einen Weg – kurz unter­bro­chen in der Zeit Krisen­zeit 1989/1990, – und der führte steil nach oben – bis heute.

Gebr. Leitz, unter Führung von Albert jun., konnte nach dem II. Weltkrieg, als der Aufbau im ganzen Land für Arbeit und Brot sorgte, seine Geschäf­te wieder inten­si­ve­ren, da die Firma kein Rüstungs­be­trieb gewesen war. Es gab zwar Einschrän­kun­gen, aber man konnte wieder arbei­ten und nach Wachs­tum streben. Überall musste wieder alles aufge­baut werden und neue Werkstof­fe mussten bearbei­tet werden. In den Folge­jah­ren wurde die Basis für das weite­re Wachs­tum und der Beginn des Weges zum Weltmarkt­füh­rer angelegt.

Geschäfts­füh­rer Leonhard Stützel (Archiv Kuno Gold)

Das rasan­te Wachs­tum in den 50er, 60er und 70er Jahren begann, als Leonhard Stützel (Schwie­ger­sohn von Albert Leitz jun.) und Karl Kümmer­le die Geschäf­te führten. Die Zeiten waren günstig, die Ideen gut, die Mitar­bei­ter engagiert und stolz Leitz’ler zu sein und so ging es mit der Gründung von neuen Produk­ti­ons­stät­ten, dem Aufbau einer eigenen Vertriebs­or­ga­ni­sa­ti­on und eines weitver­zweig­ten Service-Netzes in Form von eigenen Schärf­diens­ten dynamisch voran. Dann kam die Zeit, als 1959 der neue Schnei­den­werk­stoff „HM Hartme­tall“ einge­führt wurde, was zu einer massi­ven Erwei­te­rung der Produkt­pa­let­te führte. Auch hier hatte Leitz die Nase vorn und experi­men­tier­te bereits Ende der 30er Jahre und in den 40ern mit dem neuen Werkstoff und bewies schon damals seine Leadership-Qualitäten.

Einige Zahlen aus den 50ern.

Monat­li­cher Verkauf 1958 Anzahl

1.596 Fräser
 113 Record-Schllitz-Schei­ben
 37 Fenster- und Türen­fräs­köp­fe
 827 Messer­köp­fe
 127 Wanknut­sä­gen
 752 Fräsket­ten
 473 Führungsleisten

Statis­tik 1958

Rechnun­gen Anz.: Insge­samt 30.700 (durch­schnitt­li­cher Rechnungs­be­trag von 144 DM)
Beschäf­tig­te Anz.: Arbei­ter, Angestell­te und Lehrlin­ge 318
Monats­um­satz Netto: 363.849 DM (entspricht pro Kopf 1.144 DM)
Durchschn. Netto-Umsatz alle 29 Minuten 1.000 DM

Lohnsum­me im Jahr: 1.522.522 DM
Stunden­löh­ne br. Arbei­ter Dreher 2,98 DM
 Fräser 2,71 DM
 Hinter­schlei­fer 2,96 DM
 Schlos­ser 2,87 DM

Statis­tik 1959

Angestell­te Anz.: 57 davon verhei­ra­tet 54,4 % bei durchschn. 1,7 Kinder
 23 weiblich verhei­ra­tet 26,1 %
 34 männlich verhei­ra­tet 73,5 %
 Durch­schnitts­al­ter weiblich 23 Jahre und männlich 37 Jahre

Arbei­ter Anz.: 245 davon verhei­ra­tet 56,9 % bei durchschn. 1,5 Kinder
 33 weiblich verhei­ra­tet 60,6 %
 212 männlich verhei­ra­tet 56,4 %
 Durch­schnitts­al­ter weiblich 34 Jahre und männlich 35 Jahre

Durchschn. Netto-Umsatz alle 27 Minuten 1.000 DM

Drei Katalo­ge aus verschie­de­nen Epochen (Archiv Leitz)

Die Katalo­ge und Preis­lis­ten wurden immer umfang­rei­cher und komple­xer. Kleiner Hinweis: Die erste Preis­lis­te hatte 16 Seiten – das jetzi­ge Leitz Lexikon Versi­on (das aller­dings wesent­lich mehr als ein Katalog ist) umfasst sage und schrei­be 813 Seiten auf 11 Kapitel aufge­teilt, sucht in der Branche seines­glei­chen und ist inzwi­schen nur noch digital erhält­lich. Mein beschei­de­ner Beitrag dazu war die Verant­wor­tung für die Erstel­lung des 1982er-Katalo­ges, der zum ersten Mal eine sog. Ident­num­mer enthielt, die eine EDV-gerech­te Verar­bei­tung ermög­lich­te. Diesen Katalog habe ich zusam­men mit meiner damali­gen Kolle­gin Rena Halias­sos mit einfachs­ten Mitteln auf die Beine gestellt. In meiner Erinne­rung (das betrifft u.a. zwei Berei­che, in denen ich damals tätig war – anfangs Katalo­ge, Prospek­te und Bedie­nungs­an­lei­tun­gen sowie später weltwei­te EDV-Einfüh­run­gen) konnten wir früher in vielen Berei­chen mit weniger Perso­nen und einfa­che­ren Mitteln oft genau­so viel oder gar mehr in kurzer Zeit errei­chen als heute im sog. digita­len Zeitalter.

Ein gravie­ren­der Einschnitt und eine gewal­ti­ge Vergrö­ße­rung der Firma stand nun an.

Dr. Dieter Bruck­la­cher mit Ehefrau Monika geb. Stützel (Archiv Leitz)

1975 kam es zu einer Änderung in der Geschäfts­füh­rung. Karl Kümmer­le führte die Firma ab 1975 zusam­men mit dem Diplom-Physi­ker Dr. Dieter Bruck­la­cher, Ehemann von Monika Bruck­la­cher geb. Stützel. Im Jahr 1982, nach dem Ausschei­den von Karl Kümmer­le, übernahm er die allei­ni­ge Leitung der Firma als Vorsit­zen­der der Geschäfts­füh­rung. Unter seiner Ägide erfolg­te eine starke inter­na­tio­na­le Expan­si­ons­pha­se. Produk­ti­ons- und Vertriebs­stät­ten in Brasi­li­en, den USA und in Großbri­tan­ni­en wurden gegrün­det. Die kleine­ren Werkzeug­fa­bri­ken WIGO Neres­heim, KWO Oberko­chen und Schuma­cher Remscheid wurden in die Firmen­grup­pe einge­glie­dert. U.a. wurden Nieder­las­sun­gen in Japan (1988), Singa­pur (1994), Indone­si­en und Malay­sia (1997), China (1998) und Indien (1999) gegründet.

1984 war ein weite­res wichti­ges Jahr in der Firmen­ge­schich­te. Ein damali­ger Wettbe­wer­ber von Leitz — die Fa. WIGO — geriet in große Schwie­rig­kei­ten und es wurden Lösun­gen gesucht, um die Firma wenigs­tens in Teilen zu retten. Die Oberko­che­ner Gebäu­de gingen an die Fa. Carl Zeiss. Später erwarb die Fa. Boehle­rit (die zur Bruck­la­cher Group – früher Leitz-Firmen­grup­pe — gehört) die Gebäu­de und zog in einen Teilbe­reich ein. Der Neres­hei­mer Betrieb in der Kösin­ger Straße wurde von Leitz übernom­men, zog dann aber inner­halb Neres­heims in ein bestehen­des Gebäu­de Im Riegel 1 um. Diese Übernah­me war Dr. Bruck­la­cher sehr wichtig, denn zum einen passte das Produk­ti­ons­pro­gramm (Sägen und Fräswel­len) gut zum Leitz-Programm und zum anderen war der Firmen­grün­der Wilhelm Grupp sein Großvater.

Ein weite­res wichti­ges Jahr war 1988. Im Januar ging Leitz in Oberko­chen und Riedau mit einer neuen Software für Produk­ti­on und Verwal­tung, nach über 2jähriger Vorbe­rei­tung, in den Echtbe­trieb. CIM nannte man das damals – Compu­ter Integra­ted Manufac­to­ring. Dieses Projekt war der Grund­stein für meine jahrzehn­te­lan­ge Arbeit im Bereich von weltwei­ten IT-Einführungen.

Das „Dr. Dieter Bruck­la­cher Service- und Training Center“ in Neres­heim wurde nach einer Sanie­rung der ehema­li­gen Wigo-Gebäu­de im Oktober 2016 eröff­net und ist ein Leucht­turm-Projekt für Leitz mit seinen vielen Vertriebs- und Service-Gesell­schaf­ten sowie den Service­sta­tio­nen rund um den Globus. Mit seinem einzig­ar­ti­gen Service-Konzept durch fachlich quali­fi­zier­te Berater, setzt Leitz Maßstä­be in Sachen Pünkt­lich­keit und Kunden­nä­he und liefert neben einem optima­len Werkzeug auch wertvol­len Anwen­der­sup­port. Dieser beson­de­re Muster­be­trieb dient als Modell für die kunden­ori­en­tier­te Ausrich­tung des Dienst­leis­tungs- und Service­ge­schäfts bei Leitz. Mitar­bei­ter aber auch Kunden aus der ganzen Welt kommen nach Neres­heim, um sich aus- und weiter­bil­den zu lassen. Dadurch schafft es das Unter­neh­men seine hohen Quali­täts­maß­stä­be im weltwei­ten Service­ge­schäft zu veran­kern. In Neres­heim steht den Service- und Trainings-Spezia­lis­ten von Leitz eine Fläche von 2.785 m² für die Schnell­fer­ti­gung und den Service sowie zahlrei­che modern ausge­stat­te­te Schulungs- und Trainings­räu­me zur Verfügung.

Das „Dr. Dieter Bruck­la­cher Service- und Training Center“ in Neres­heim (überlas­sen von Anton Balle)

Nächs­te Woche kommt der 2te Teil.

Wilfried „Billie Wichai“ vom Sonnenberg

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