AUSWANDERER NACH DEM II. WELTKRIEG
Die Geschichte von Gertrud „Trudl“ und August Hauber (geschrieben von und aus der Sicht ihrer Tochter Irmgard Santaiti, geborene Hauber, aus New Jersey). Mein Vater, August Hauber, wurde am 27. April 1921 geboren und ist am 15. Februar 2001 gestorben. Meine Mutter, Gertrud Anna Wingert, wurde am 5. April 1922 geboren und ist am 7. Mai 2010 gestorben. Ich glaube, mein Vater und meine Mutter haben sich zum ersten Mal getroffen, als meine Mutter im Alter von 16 Jahren als Haushaltshilfe in einem Haus arbeitete. Als mein Vater meine Mutter zum ersten Mal sah, war er von ihr hingerissen. Ich würde sagen, es war Liebe auf den ersten Blick. Sie heirateten direkt nach dem Krieg. Ihre Hochzeit war die erste Hochzeit in Oberkochen nach dem II. Weltkrieg. Das Kleid meiner Mutter war aus einem Fallschirm gemacht. Sie heirateten am 1. September 1945. Mein Vater machte eine Ausbildung zum Installateur in Aalen. Auf diese Weise lernten sie sich kennen. Er kam als Lehrling in das Haus, in dem meine Mutter arbeitete, um Klempnerarbeiten durchzuführen. Als junge Frau sehnte sich meine Mutter danach, eine Ausbildung zu machen und einen Beruf zu erlernen. Leider hat sich das nicht ergeben.
Meine Eltern, mein Bruder und ich kamen mit dem Schiff nach Amerika mitten im Winter am 5. Februar 1956. Das Meer war kalt und kabbelig. Es gab hohe Wellen. Als Kinder kamen wir damit gut zurecht. Solange wir bei unseren Eltern waren, gab es für uns keine Sorgen und keine Beschwerden. Meine Mutter wurde sehr seekrank.
Meine Mutter hatte großes Heimweh nach Deutschland. Mein Vater ging so schnell wie möglich zur Arbeit. Ich glaube, er bekam seinen ersten Job nach nur zwei Wochen in Amerika. Wir kamen mit nichts, nur mit den Kleidern, die wir am Leib trugen, und zwei Koffern. Wir konnten kein einziges Wort Englisch. Wir mussten alles lernen. Ich musste ein Schuljahr wiederholen, weil ich erst die Sprache lernen musste. Ich erinnere mich, als ich eines Tages in der Schule war. Ich meldete mich in der Klasse, und sie konnten nicht verstehen, was ich wollte. Ich habe versucht, ihnen zu sagen, dass ich auf die Toilette muss. Sie versammelten sich alle um mich. Ich glaube, sie haben endlich herausgefunden, was ich wollte. Meine arme Mutter wurde depressiv, denn Amerika war nicht wie Deutschland und sie war weit weg von ihrer Familie. Wir wohnten in einer Wohnung, in einem Gebäude mit vielen anderen Familien. Es gab dort nicht so viele Einfamilienhäuser wie in Deutschland. Wir wohnten in einer Gegend mit vielen Wohnungen, Familien, die in großen Wohnblocks lebten. Meine Eltern machten das Beste daraus. Wenigstens wohnten meine Tante Irene Remde und Maria Angstenberger in der Nähe. Tante Irene und Onkel Heinz haben uns unterstützt.
Wir verbrachten viel Zeit mit der kleinen Familie, die wir in Deutschland hatten. Meine Eltern lernten andere Deutsche kennen, und so haben wir unser deutsches Erbe bewahrt. Es war nicht leicht für meine Eltern. Sie hielten durch und wir blieben in Amerika, aber wir vermissten immer unsere Familie in Deutschland. Ich glaube, es war sehr schwer für sie, sich an Amerika zu gewöhnen, vor allem, wenn man die Sprache nicht beherrschte. Meine Eltern waren tapfer. Sie haben unter den gegebenen Umständen ihr Bestes getan. Deutschland war nach dem Krieg in keinem guten Zustand. Meine Mutter erzählte mir, dass sie in Deutschland Lebensmittel einkaufte und eine völlig fremde Frau auf sie zukam, und sie fragte: „Warum bekommen Sie noch ein Kind? Es gibt ohnehin nicht genug zu essen.“ Meine Mutter war zu diesem Zeitpunkt mit mir schwanger. Nach dem Krieg war es eine schlechte Zeit in Deutschland. Ich schätze, man hat ihnen gesagt, dass es in Amerika besser ist. Ich weiß nicht genau, warum sie nach Amerika gezogen sind, das so weit weg war. Meine Eltern haben hart gearbeitet und für uns ein Zuhause in Amerika geschaffen. Sie taten ihr Bestes. An den Wochenenden trafen wir uns mit anderen deutschen Freunden, die meine Eltern kennengelernt hatten. Ansonsten hieß es „Schaffe, schaffe Häusle bauen“, arbeiten und zur Schule gehen. Meine Eltern haben meinem Bruder und mir ein gutes Leben ermöglicht. Wir hatten ein Dach über dem Kopf, Essen auf dem Tisch und wir haben unsere Rechnungen bezahlt. Es fehlte uns an nichts, außer dass wir uns nach unserer Großfamilie in Deutschland sehnten.

1954: Heinz und Irene zusammen mit Sofie Wanner geb. Wingert (überlassen von Andrea Wanner-Haupt)
Die Geschichte von Irene und Heinz Remde (geschrieben von ihren Kindern Monica Hilken geb. Remde aus New York und Steven Remde aus New Mexico). Irene Margarete Remde, geborene Wingert, und Heinz Karl Remde sind am 9. Januar 1954 aus Oberkochen in die USA ausgewandert. Irene wurde am 4. April 1926 in Oberkochen geboren, Heinz wurde in Hochdorf am 4. April 1924 geboren. Er hat als Praktikant bei Carl Zeiss Jena gearbeitet. Nach dem Krieg, nach 5 Jahren Gefangenschaft in Frankreich, konnte er nicht mehr nach Jena zurück. Carl Zeiss bot ihm eine Stelle in Oberkochen an. Dadurch lernte er Irene kennen. Sie feierten in Oberkochen eine Doppelhochzeit am 2. Juli 1951 mit Sofie Wanner, geborene Wingert, und Erwin Wanner. Nach der Hochzeit wohnten Irene und Heinz im Mahd 5, bis sie nach New York gezogen sind.
Die Reise auf der „ITALIA“ von Hamburg nach New York dauerte 11 Tage, und beide waren schwer seekrank. Es gab ein großes Feuer in der Küche auf dem Schiff und man musste das Schiff kippen, um die Flammen zu löschen. Sie sind in New York mit weniger als $10 angekommen.
Heinz wurde als Fein-Optiker von American Cystoscope Makers Inc. in den USA abgeworben. Er ist schnell vom Arbeiter zum Vorarbeiter und schließlich zum Manager aufgestiegen. Irene und Heinz sind nach ihrer Ankunft in eine Wohnung in der Tinten Avenue in der Bronx gezogen, welche der Chef von Heinz ihnen vermittelt hat. Zwei Jahre später im Jahr 1956 ist auch Irenes Schwester Gertrud Hauber, geborene Wingert, mit ihrem Mann Gustel Hauber sowie ihren Kindern Robert und Irmgard in die USA ausgewandert. Zusammen haben beide Familien im Jahr 1959 ein Zweifamilienhaus in Bayside, New York gekauft. Heinz hat sich dann mit seiner eigenen Firma „H&S High Precision Optics“ selbständig gemacht.
An den Wochenenden haben Irene und Heinz viel Zeit mit ihrer Familie verbracht. Irene ist regelmäßig mit ihren Kindern Monica (geboren 1961) und Steven (geboren 1967) in die Kirche gegangen. Irene hat IMMER Gerichte mit Spätzle gekocht und währenddessen ist Heinz mit den Kindern in die Stadt zum Central Park Zoo gefahren. Ansonsten haben sie im Garten gegrillt. Wenn das Wetter gut war, machten sie Ausflüge zum Strand Jones Beach. Im Oktober 1987 sind die Remdes nach Freehold in Upstate New York gezogen. Das Grüne, der Wald und das Wild in den Catskills haben Heinz und Irene immer an Deutschland erinnert. Heinz ist am 4. Juli 2017 und Irene am 6. August 2018 verstorben.

1956: Gustel, Trudel Hauber mit ihren Kindern Robert und Irmgart. Irene und Heinz ganz rechts (Bei der Abholung der Schwester). Der zweite Herr von links mit dem Mädchen davor ist unbekannt (überlassen von Andrea Wanner-Haupt)
Heidi Pröhl, als Kind wohnte sie mit den Eltern in den alten Zeiss-Baracken, berichtet. Meine Eltern heirateten einst am 02.01.1944 im „Standesamt Eisenerz“ in Schmölln. Johannes Ernst Pröhl (geb. 24.06.1913) war evangelisch und wohnte in der Hermannstraße 16 in Schmölln. Maria Anna Ida Warthmann (geb. 24.03.1921) wohnte in Jenbach in der Schießstandstraße 9. Auf späteren Dokumenten in den USA gab sie nur noch den Namen Annemarie an – ihre Taufnamen mochte sie partout nicht. Mein Vati lernte bei Zeiss in Jena. Vati war von 1945 bis 1947 POW in Marokko, genau 1.250 Tage lang (Prisoner of War = Kriegsgefangener). 1947 kamen wir nach Oberkochen, wo wir bis zur Ausreise in die USA blieben. Vati war Optiker und Mutti arbeitete bei der Betriebskrankenkasse. Wir wohnten von 1947 bis 1953 am Ölweiher 5 in den Baracken – einfach grauslich. Vati flog im April 1953 mit dem Flugzeug voraus in die Vereinigten Staaten. Er wohnte dann bei seiner Schwester in New York, die schon in den 20er Jahren ausgewandert war. Am 14. November 1953 kamen wir mit der „ITALIA“ in New Yok City an. Dieser Tag war mein sog. „Immigration Day“. Ich bin heute noch erstaunt, dass meine Eltern ein Leben in einem unbekannten Land ohne Kenntnis der Sprache riskierten. Aber sie hatten auch viele Freunde. Mein Vati war ein genialer Optiker, der einst bei „Carl Zeiss“ in Jena und Oberkochen arbeitete. In den USA arbeitete er dann bei „Perkin Elmer CT“ *** u.a. auch für das HUBBLE-Projekt und ein MOND-Projekt.
*** . Perkin-Elmer blieb bis in die 1960er Jahre hinein im militärischen Bereich stark vertreten und war gleichzeitig maßgeblich an OAO‑3, einem 36-Zoll-Ultraviolett-Weltraumteleskop, sowie an Skylab, der ersten amerikanischen Raumstation, beteiligt. Der wichtigste Beitrag des Unternehmens zum Apollo-Programm war der CO2-Sensor, der die Astronauten während des Ausfalls von Apollo 13 rettete.
Mutti arbeitete bei „Clairol“ (heute gehört die Firma zu „Wella“). Meinen Eltern bin ich heute noch sehr dankbar, für all das, was sie auf sich genommen hatten und für den Mut in der damaligen Zeit.
Ich erinnere mich noch gut an die Familie Remde. Heinz war auch Feinoptiker wie mein Vater Johannes Ernst. Dieser hatte auch anfangs für Heinz gebürgt. Sie waren schon in Oberkochen befreundet und auch in New York die ganzen Jahre über. Die Remdes haben 2 Kinder, Tochter Monica in Upstate New York und Sohn Steve Remde in Albuquerque New Mexiko.
Am 14. November 2014 führte ich für meine verstorbenen Eltern (Vati starb 1997, Mutti 2012) an Bord der „Cruise Ship Victory“ bei Cap Canaveral eine Seebestattung durch. Ich bin immer noch rege auf Facebook unterwegs. Auch war ich mit Heinz Fischer befreundet, der nach Australien ausgewandert war und vor ein paar Monaten hochbetagt leider verstorben ist. Es ist schade, dass ich immer weniger Freunde habe, mit denen ich Deutsch sprechen kann und zu Oberkochen sind nahezu alle Kontakte eingeschlafen bzw. sind die Menschen verstorben, zu denen ich noch Kontakt hatte – hier denke ich besonders an Dietrich Bantel. Der letzte Anker nach Oberkochen ist derzeit noch Wilfried Müller.

Das Ehepaar Johannes Ernst Pröhl und Maria Anna Ida geb. Warthmann (überlassen von Heidi Pröhl)
Das Schiff „ITALIA“, mit dem die Familien Remde und Pröhl nach Amerika aufbrachen.
Die Kungsholm war ein schwedisches Passagierschiff der Svenska Amerika Linien, das 1927–1928 bei Blohm + Voss in Hamburg gebaut wurde. Die Glanzzeit der Kungsholm währte ungefähr zehn Jahre. Viele bekannte Persönlichkeiten reisten mit ihr über den Atlantik, unter ihnen Greta Garbo, Sigvard Bernadotte und das Prominentenpaar Alva und Gunnar Myrdal. Mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges 1939 wurden Atlantikreisen zu gefährlich und die Kungsholm wurde zu Kreuzfahrten in der Karibik eingesetzt. Der Schriftsteller J. D. Salinger arbeitete 1941 als Kreuzfahrtdirektor, bzw. Mitglied der Entertainment Crew auf ihr. Nach dem Krieg wurde das Schiff stillgelegt und 1947 im Hafen von New York schwer brandbeschädigt. Im selben Jahr kaufte die Svenska Amerika Linien ihr früheres Schiff wieder zurück und ließ es reparieren. In den 1950er Jahren fuhr sie unter dem Namen „Italia“ und während der 1960er Jahre fungierte sie als schwimmendes Hotel auf den Bahamas. Im Jahr 1965 wurde sie schließlich in Bilbao verschrottet.

Die „Italia“ – mit der die Familien Pröhl und Remde in die USA auswanderten (überlassen von Heidi Pröhl)
AUSWANDERERLISTEN
Gefunden in Passagierlisten Bremen 1907 bis 1939
- Gold, Maria geb. 1906 ausgewandert 1927 nach New York
- Kopp, Wilhelm geb. 1910 ausgewandert 1930 nach Rochester

Ausreise des Wilhelm Kopp mit der „Europa“ am 16. April 1930 von Bremen nach New York (Archiv Müller)
Gefunden in Liste überseeische Auswanderung aus der Schweiz
- Uhl, Maria geb. 1907 ausgewandert 1929 (aus Arbon / Thurgau)
Gefunden in Passagierlisten Baltimore USA 1820 bis 1964
- Albrecht, Louise geb. 1832 ausgewandert 1854
- Eckner, Heinrich geb. 1834 ausgewandert 1854
- Hegener, Caroline geb. 1832 ausgewandert 1854
- Heller, Caroline geb. 1829 ausgewandert 1854
- Heller, Heinrich geb. 1822 ausgewandert 1854
- Heller, Henriette geb. 1832 ausgewandert 1854
- Lammrich, Caroline geb. 1826 ausgewandert 1854
- Loismann, Heinrich geb. 1824 ausgewandert 1854
- Wolfram, G. geb. 1829 ausgewandert 1854
Gefunden in Liste ankommender Passagiere in New York incl. Castle Garden und Eillis Island 1820 bis 1957
- Bezler, Aloisia geb. 1903 ausgewandert 1927
- Bezler, Maria geb. 1893 ausgewandert 1933
- Bonaventura Mari geb. 1907 ausgewandert 1938
- Buhmaier, Marie geb. 1909 ausgewandert 1927
- Fischer, Marie geb. 1896 ausgewandert 1923
- Gold, Elisabeth geb. 1903 ausgewandert 1921
- Heiratete 1928 in New York Adam Metzner aus Koesten
- Gold, Maria geb. 1867 ausgewandert 1915
- Gold, Maria geb. 1925 ausgewandert 1927
- Gold, Mathilde geb. 1909 ausgewandert 1929
- Grupp, Wilhelm geb. 1901 ausgewandert 1925
- Hecker, Johann geb. 1898 ausgewandert 1926
- Kilvur, Katarin geb. 1867 ausgewandert 1911
- Kopp, Wilhelm geb. 1910 ausgewandert 1930
- Osaplar, Mary geb. 1888 ausgewandert 1932
- Schaupp, Theresia geb. 1908 ausgewandert 1930
- Staudenecker, Franziska geb. 1912 ausgewandert 1929
- Staudenecker, Ida geb. 1909 ausgewandert 1928
- Staudenecker, Josef geb. 1902 ausgewandert 1930
- Uhl, Eugenie geb. 1913 ausgewandert 1930
- Uhl, Maria geb. 1908 ausgewandert 1929
- Weckenmann, Eugenie geb. 1913 ausgewandert 1936
- Heiratete am 20.12.1931 Eugen Weckenmann in N.Y.
Wilfried „Wichai“ Müller – Billie vom Sonnenberg – Der Nicht-Ausgewanderte