Intro. Fangen wir mit einer Platti­tü­de an: Erstens kommt es anders, zweitens, als man denkt. Ende April erreich­te mich eine E‑Mail von Prof. Dr. Micha­el Kasch­ke, in der er bedau­ert, dass er den zugesag­ten Bericht leider aus verschie­de­nen Gründen nicht schrei­ben könne. Flugs habe ich Dr. Wolfgang Wimmer, den Leiter des Carl Zeiss Archivs in Jena kontak­tiert und erhielt leider auch eine Absage, wegen zu vieler laufen­der Projek­te. Also was tun? Alle anderen Projek­te und priva­te Einschrän­kun­gen verges­sen, die Planung für das 2te Halbjahr komplett ändern und losle­gen. Mit Kreati­vi­tät, Recher­che­spür­sinn, großem Aufwand und der Lust am Schrei­ben, ist es dann doch gelun­gen, Spitz auf Knopf, dem Datum mit einem würdi­gen Bericht zu geden­ken. Der Bericht ist nun anders gewor­den, als wenn er vom Team Kaschke/Wimmer geschrie­ben worden wäre. Und wenn ich das Thema schon anpacke, dann gleich richtig – also ein Mehr-Teiler. War so nicht geplant, aber die Fülle des Materi­als hat es herge­ge­ben. Und wer weiß, ob nach mir noch jemand die Arbeit des Schrei­bens auf sich nimmt, um 90 Jahre (2036) bzw. 100 Jahre (2046) Carl Zeiss in Oberko­chen entspre­chend zu würdigen.

Fotogra­fisch begin­nen wir – wie es sich für ein Entrée gehört – mit dem alten Portier­haus. Die Verwand­lun­gen des Portier­hau­ses werden uns durch den ganzen Bericht begleiten.

Feier­abend — Das alte Portier­haus in den 50ern (Archiv Carl Zeiss Jena)

Nun sind 80 Jahre kein Zeitraum, das ein beson­ders Jubilä­um darstellt, aber ich bin der Meinung, dass wir uns in Oberko­chen mal wieder daran erinnern sollten, wie aus einem globa­len Krieg mit massi­ven Auswir­kun­gen in vielen Ländern, in Oberko­chen etwas entstand, dass die Gemein­de von Grund auf verän­der­te. Das Bauern­dorf mit einer wichti­gen örtli­chen Indus­trie (Holzbe­ar­bei­tungs­werk­zeu­ge und ‑maschi­nen) wurde durch die Ansied­lung von Carl Zeiss mächtig durch­ein­an­der­ge­wir­belt. Die Bevöl­ke­rungs­zahl explo­dier­te, die Zahl der Arbeits­plät­ze ebenso, Wohnun­gen wurden in einer Geschwin­dig­keit hochge­zo­gen, die heute surre­al erscheint und fast 100 kleiner und kleins­ter Bauern­hö­fe gaben nach und nach auf, Wohlstand zog im Dorf ein und der Blick auf die Welt wurde offener. 1968 wurde Oberko­chen zur Stadt, ohne die üblichen Krite­ri­en zu erfül­len – wir waren der am schnells­ten expan­die­ren­de Ort in Baden-Württem­berg. Und was soll ich sagen? Diese Erfolgs­ge­schich­te schreibt sich, mit einer Delle Ende der 80er und Anfang

Autos waren damals rar – Blick von der Heiden­hei­mer in die Aalener Straße (Archiv Müller)

Ein auszugs­wei­ser und überar­bei­te­ter Rückblick von Robert Wolf aus dem Jahr 1957, der die 70 Jahre zuvor betrach­te­te: „Hinge­schmiegt am oberen Lauf des Schwar­zen Kochers und am Fuße des Rodsteins“ lag der Ort, in dem sich die Umwand­lung einst in schwä­bi­scher Bedäch­tig­keit vollzog. Zur Landwirt­schaft, die aufgrund der Boden­ver­hält­nis­se, keine beson­de­ren Erträ­ge vorzu­wei­sen hatte, gesell­te sich das Töpfer und Hafner­ge­wer­be, mit dem sich unter Mitar­beit aller Famili­en­an­ge­hö­ri­gen durch Genera­tio­nen hindurch der Lebens­un­ter­halt verdie­nen ließ. Verkehrs­mä­ßig waren wir einiger­ma­ßen gut angeschlos­sen. Da haben schon die alten Römer dafür gesorgt, die eine Verbin­dung zwischen ihren Kastel­len in Aalen (Ala II Flavia millia­ria) und Heiden­heim (Aquileia) unter­hiel­ten. Auch die Postkut­schen fuhren einst durch Oberko­chen und ab 1864 hielten die Dampf­rös­ser in Oberko­chen. Im Jahr 1855 wurde die Basis der Indus­tria­li­sie­rung, in diesem spezi­el­len Fall für die Holzbe­ar­bei­tungs­ma­schi­nen- und Werkzeug­in­dus­trie, durch Jakob Chris­toph Bäuerle gelegt. Im Ort wurden sie die „Bohrer­spit­zer“ genannt. Die besinn­li­che Ruhe des Dorfes wurde durch Dampf­kraft, Wasser­kraft und Maschi­nen aufge­bro­chen. 1933 brach die neue Zeit auch in Oberko­chen ein. Die folgen­den 12 Jahre brach­ten rund 1.300 Fremd­ar­bei­ter nach Oberko­chen (wie Robert Wolf das nannte). Es waren Zwangs­ar­bei­ter! Zudem kamen noch rund 700 Heimat­ver­trie­be­ne (vermut­lich viele aus Bielitz). Und dann kam das Kriegs­en­de und Carl Zeiss suchte eine neue Heimat und fand sie am oberen Kocher.

Oberko­chen ohne Zeiss? „Das Dorf am Kocher“. „Es war einmal ein kleines Dorf, einge­bet­tet zwischen sanften Hügeln und dichten Wäldern, wo der Kocher entspringt – Oberko­chen. Die Menschen lebten ruhig und beschei­den. Einige lebten von dem, was Landwirt­schaft und Wald herga­ben. Andere gingen in den örtli­chen Fabri­ken Bäuerle, Leitz, Wigo, Schmid und KWO ihrer Arbeit nach und wieder andere gingen als Pendler nach Aalen, Heiden­heim, Stutt­gart oder Ulm. Morgens roch es nach frischem Brot aus der Bäcke­rei in der Dorfmit­te und abends traf man sich in den Gasthäu­sern „Grube“, „Ochsen“, „Pflug“, „Lamm“, „Krone“ und „dr Schell“. Dort wurden Geschich­ten von früher erzählt oder vom Wachs­tum in anderen Gemein­den und nicht wenige wander­ten aus. Im Jahr 1945, nach dem großen Krieg, als Firmen neue Stand­or­te suchten, zog ein Gerücht durchs Dorf: Ein Optik­un­ter­neh­men namens ZEISS überle­ge, sich hier nieder­zu­las­sen. Die Dorfbe­woh­ner disku­tier­ten hitzig – manche sahen darin eine Chance, andere fürch­te­ten um ihre Ruhe. Doch am Ende entschied sich ZEISS für einen anderen Ort. So blieb Oberko­chen, wie es war. Beschau­lich, ruhig, langwei­lig. Die Felder wurden weiter bestellt, die Kinder spiel­ten am Kocher, und die größte Aufre­gung war das jährli­che Kinder­fest, bei dem die Blaska­pel­le aufspiel­te und die Feuer­wehr das Bier zapfte – und Achtung: Es gab keine Thürin­ger Rostbrat­würs­te! Es gab eine Volks­schu­le und wer auf die Höhere Schule wollte, musste nach Heiden­heim oder Aalen. Und so wurde Oberko­chen nicht zur Stadt der „Linsen und Laser“, sondern zur Stadt der Geschich­ten – einer wie dieser hier.“

blank

Die Aalener Straße vor dem Gasthaus „Ochsen“ (Archiv Müller)

Oberko­chen ohne Zeiss: Ein fikti­ves Stadtprofil

  • Ein Dorf mit Charme: Oberko­chen wäre vermut­lich ein Dorf geblie­ben, einge­bet­tet in die Schwä­bi­sche Alb, mit Fokus auf Natur, Tradi­ti­on und regio­na­le Verbundenheit.
  • Einwoh­ner­zahl: Statt rund 8.000 Menschen wären es vielleicht nur 2.000 bis 3.000, mit langsa­me­rem Wachs­tum und weniger Zuzug.
  • Landwirt­schaft und Handwerk: Die lokale Wirtschaft hätte sich auf Forst­wirt­schaft, kleine­re landwirt­schaft­li­che Betrie­be und tradi­tio­nel­le Handwerks­kunst sowie eine Handvoll Indus­trie­be­trie­be gestützt.
  • Die Werkzeug­in­dus­trie für Holzbe­ar­bei­tungs­werk­zeu­ge ‑und ‑maschi­nen wären sicher ihren erfolg­rei­chen Weg weiter­ge­gan­gen und die „Platz-Hirsche“ am Ort geblieben.
  • Pendler­ge­mein­de: Viele Bewoh­ner hätten in benach­bar­ten Städten wie Aalen oder Heiden­heim gearbeitet.
  • Weniger Gewer­be­steu­er: Die Stadt hätte deutlich weniger finan­zi­el­le Mittel für Infra­struk­tur­pro­jek­te und Kulturförderung.
  • Keine „Neue Mitte“: Ein moder­nes Stadt­zen­trum mit Aufent­halts­qua­li­tät wäre nie entstan­den (an dem wird aber noch gearbei­tet und da ist reich­lich Luft nach oben). Statt­des­sen gäbe es einen kleinen Ortskern mit Bäcke­rei, Metzge­rei und ein paar Gasthäu­ser und das vielleicht auch nicht mehr.
  • Histo­ri­sche Winkel: Das Areal der Schee­rer-Mühle wären nicht moder­ni­siert worden.
  • Verkehr: Ohne den Pendler­strom gäbe es womög­lich keine Umgehungs­stra­ße, aber auch weniger Verkehrs­pro­ble­me. Die Stadt wäre ruhiger (ohne Umgehung eher nicht. Stich­wort Königs­bronn), mit mehr Fußgän­gern und Radfahrern.
  • Wohnraum: Keine Wohnraum­not – die Nachfra­ge wäre gering, die Bebau­ung tradi­tio­nell und locker.
  • Kleine­re Schulen: Es gäbe vielleicht eine Grund­schu­le und eine kleine Gemein­schafts­schu­le, aber keine weiter­füh­ren­den Bildungseinrichtungen.
  • Kultur­le­ben: Verei­ne wie Musik­ver­ein, Feuer­wehr oder Sport­ver­ein wären zentra­le sozia­le Treff­punk­te. Inter­na­tio­na­le Kultur­ange­bo­te wären nicht so zahlreich.
  • Sport: Ein eigenes Hallen­bad sowie eine Stadt- und Turnhal­le sowie ein Fußball- und Leicht­ath­le­tik­sta­di­on wäre finan­zi­ell wohl nicht möglich gewesen.
  • Keine inter­na­tio­na­le Bekannt­heit: Oberko­chen wäre kaum überre­gio­nal bekannt – vielleicht als Wander­ziel oder für seine Nähe zum Kocher­ur­sprung und zum Volkmarsberg.
  • Touris­mus statt Techno­lo­gie: Die Stadt hätte sich eventu­ell als natur­na­hes Ausflugs­ziel positio­niert, mit Fokus auf Wandern, Radfah­ren und regio­na­le Küche.
  • Eigen­stän­dig­keit: Oberko­chen hätte wohl finan­zi­el­len Unter­schlupf bei der Gemein­de­re­form zusam­men mit Unter­ko­chen in Aalen gefunden.
  • Einkau­fen: Es gäbe wohl keinen Super­markt, keine Bäcke­rei und auch keine Metzge­rei mehr. Die meisten Einkäu­fe müssten auswärts getätigt werden.

blank

Blick auf das Haus Herrgotts-Häfner und das alte Rathaus in der Heiden­hei­mer Straße (Archiv Müller)

Fazit: Ohne Zeiss wäre Oberko­chen wohl ein mehr oder weniger beschau­li­cher oder langwei­li­ger Ort geblie­ben – ohne größe­ren wirtschaft­li­chen Aufschwung, ohne bedeu­ten­de städti­sche Infra­struk­tur und ohne inter­na­tio­na­le Bekannt­heit. Die Entwick­lung Oberko­chens ist eng mit dem Unter­neh­men Carl Zeiss verbun­den. Seit der Ansied­lung von Zeiss in den Jahren 1945/46 hat sich die Stadt von einem kleinen Dorf zu einem bedeu­ten­den Hightech-Stand­ort gewandelt.

blank

Blick auf das Haus Holzbau-Brunn­hu­ber – heute befin­det sich dort der Kreisel (Archiv Müller)

Dank an folgen­de Männer in entschei­den­den Phasen der Firmengeschichte

  • Unser Dank sollte daher den Männern der sog. „ersten Stunde“ gelten: „Den Ameri­ka­nern, unseren frühe­ren Bürger­meis­tern Rudolf Eber und Gustav Bosch, den damali­gen Zeiss-Chefs Küppen­ben­der, Kühn und Bauers­feld sowie den 77 Zeissia­nern, die mit Hilfe der US-Army unter dem Projekt­na­men „We take the Brain“ von Jena über Heiden­heim nach Oberko­chen kamen.
blank

Die Herren Küppen­ben­der, Bauers­feld und Henrichs am 1.5.1954 anläss­lich des Besuchs von Bundes­prä­si­dent Heuss (Foto: Archiv Zeiss Jena)

  • Und den Männern der „zweiten Stunde“, der Verei­ni­gung von Zeiss Jena und Zeiss Oberko­chen. Hier sind Dr. Horst Skolu­dek (Zusam­men­füh­rung mit Jena) und Betriebs­rats­vor­sit­zen­der Edwin Michler (Vermitt­ler zwischen Beleg­schaft und Führung) anzufüh­ren. Skolu­dek: Er war derje­ni­ge, der die strate­gi­sche Lösung erkann­te: Die jahrzehn­te­lan­ge Konkur­renz zwischen Oberko­chen und Jena war nach der Wieder­ver­ei­ni­gung nicht mehr tragfä­hig. Sein Handeln verhin­der­te, dass beide Stand­or­te sich gegen­sei­tig schwäch­ten — ein Szena­rio, das in der globa­len Optik­in­dus­trie existenz­be­dro­hend gewesen wäre. Michler: Er sorgte dafür, dass die Beleg­schaft trotz Unsicher­heit und drohen­der Einschnit­te hinter dem Unter­neh­men stand. Ohne diese inter­ne Stabi­li­tät wäre die Umset­zung der strate­gi­schen Maßnah­men kaum möglich gewesen.

blank

Der Betriebs­rats­vor­sit­zen­de Edwin Michler – 1987 noch Kandi­dat (Foto: Archiv Zeiss Jena)

Auch den Männern der „dritten Stunde“ – ab 1994 gebührt Respekt. Das war die Zeit von Peter Grass­mann und der Landes­re­gie­rung in Stutt­gart. Grass­mann: Er entschied sich gegen die Empfeh­lung einer Unter­neh­mens­be­ra­tung, den Stand­ort Jena zu schlie­ßen, und hielt an beiden Stand­or­ten fest. Er gilt als derje­ni­ge, der Zeiss vor der Pleite der 1990er Jahre bewahr­te. Seine Entschei­dun­gen legten die Grund­la­ge dafür, dass ASML (Zeiss‑Partner in der Litho­gra­fie) zu einem der wertvolls­ten europäi­schen Unter­neh­men wurde. Er galt als analy­tisch, unideo­lo­gisch, und durch­set­zungs­stark – genau der Typ, den Zeiss damals wohl brauch­te. Zeiss war zuvor technisch brillant, aber betriebs­wirt­schaft­lich schwer­fäl­lig. Er führte daher tiefgrei­fen­de Verän­de­run­gen durch:

    • Abbau von Doppel­struk­tu­ren zwischen Jena und Oberkochen
    • Straf­fung der Verwaltung
    • Schlie­ßung oder Verkauf von Randbereichen
    • Neuord­nung der Geschäftsbereiche
    • Einfüh­rung moder­ner Controlling‑ und Planungsinstrumente

Die Landes­re­gie­rung unter­stütz­te Zeiss durch:

  • Techno­lo­gie­pro­gram­me
  • Forschungs­för­de­rung
  • Unter­stüt­zung der Hochschul­ko­ope­ra­tio­nen (z. B. Uni Stutt­gart, KIT)
  • Förde­rung der Optik‑ und Präzisionstechnik‑Cluster
  • Und nicht zuletzt den Männern der „vierten Stunde“. Hier sorgten BM Peter Traub, MP Erwin Teufel, Bruno Balle, Georg Brunn­hu­ber und die Entschei­der bei ZEISS dafür, dass sich der Halblei­ter-Höhen­flug der „SMT Semicon­duc­tor Manufac­tu­ring Techno­lo­gy“, in Oberko­chen, auf einem rasch erschlos­se­nen Bauge­biet, zwischen Oberko­chen und Königs­bronn, manifes­tie­ren konnte. Dazu mehr im Bericht 848 über Bruno Balle.

Doch gehen wir zurück an den Anfang. „Aus, aus, das Spiel ist aus. Deutsch­land ist Weltmeis­ter“. So hieß es 1954. „Aus, aus, der Krieg ist aus!“ So hieß es aber im Frühjahr 1945. Kurz vor Ende des Krieges erreich­te die US-Armee Anfang April Thürin­gen. Bis Mitte April waren die wichtigs­ten Städte besetzt:

  • Erfurt: 12. April 1945
  • Jena: 13. April 1945
  • Weimar: ebenfalls Mitte April

Aber aufgrund der in Jalta*** getrof­fe­nen Verein­ba­run­gen, verlie­ßen sie Thürin­gen wieder Anfang Juli 1945. Der Abzug der US-Army wurde penibel dokumen­tiert. Vom 2.–3. Juli 1945: Abtrans­port der US‑Truppen durch 65 Züge mit 3.073 Waggons auf der Strecke Eisenach–Bebra.

*** In Jalta (4.–11. Febru­ar 1945) verein­bar­ten die USA, Großbri­tan­ni­en und die Sowjet­uni­on die Grund­zü­ge der Nachkriegs­ord­nung Europas, darun­ter die Auftei­lung Deutsch­lands in Besat­zungs­zo­nen, die Gründung der Verein­ten Natio­nen, die Neuord­nung Polens und die Reparationsregelungen.

Ablauf der Aktion „We take the brain – Carl Zeiss Jena“ 

  1. April–Mai 1945: US‑Besetzung Jenas
  • Die 3. US‑Armee besetzt Jena Mitte April 1945.
  • Die Ameri­ka­ner erken­nen sofort die strate­gi­sche Bedeu­tung von Carl Zeiss, Schott und der Optischen Werke.

Mai 1945: Beginn der Planungen

  • Die Ameri­ka­ner wissen, dass Thürin­gen laut Jalta‑Abkommen an die Sowjet­uni­on fallen wird.
  • Sie begin­nen daher, Schlüs­sel­per­so­nal und Know‑how zu sichern, bevor die Rote Armee eintrifft.

Ende Mai – Anfang Juni 1945: Auswahl der 77 Zeissianer

  • Die US‑Militärregierung erstellt Listen mit:
    • leiten­den Optikern
    • Konstruk­teu­ren
    • Wissen­schaft­lern
    • Spezia­lis­ten für Präzisionsfertigung
  • Die Auswahl erfolgt unter Geheim­hal­tung, um sowje­ti­sche Einfluss­nah­me zu verhindern.
blank

Auch Möbel mussten besorgt werden, eine Aufga­be für Dr. Calsow — 1946 (Foto: Archiv Zeiss Jena)

blank

Dr. Georg Calsow, Proku­rist und Betriebs­lei­ter, starb am 10.5.1967 (Archiv Rathaus)

Juni 1945: Durch­füh­rung der Evakuierung

  • Die 77 Zeiss‑Mitarbeiter werden kurzfris­tig infor­miert und müssen Jena inner­halb weniger Stunden verlassen.
  • Viele berich­ten später, dass sie keine Zeit hatten, sich zu verab­schie­den oder persön­li­che Dinge mitzunehmen.
  • Der Trans­port erfolgt über Eisen­ach – Bebra – Fulda – Ulm nach Heiden­heim an der Brenz.

Die vollstän­di­ge Liste der 77 Zeissia­ner ***, die im Juni 1945 von der US‑Armee aus Jena in den Westen gebracht wurden, existiert histo­risch, aber sie ist nicht an einer einzi­gen öffent­li­chen Stelle vollstän­dig veröf­fent­licht. Diese Gruppe war der eigent­li­che Kern des Wieder­auf­baus. Sie bestand aus:

  • Optik­rech­nern (ca. 20)
  • Konstruk­teu­ren (ca. 15)
  • Mikroskopie‑Spezialisten (ca. 10)
  • Feinme­cha­ni­kern (ca. 15)
  • Werklei­tern / Führungs­kräf­ten (ca. 10)
  • Forschern / Physi­kern (ca. 7)

*** In unter­schied­li­chen Quellen tauchen unter­schied­li­che Zahlen. Nach Rückspra­che mit Dr. Wolfgang Wimmer vom Zeiss-Archiv in Jena sind es wohl 77 gewesen. Ich versu­che weiter­hin die 77 Namen zu ermit­teln, aber Dr. Wimmer ist wohl bis August nicht erreichbar.

Eine Aufga­ben­stel­lung an die KI führte zu folgen­den Ergeb­nis­sen. Die Ergeb­nis­se basie­ren auf Unter­la­gen von Firmen­chro­ni­ken (Zeiss Oberko­chen, Opton), Disser­ta­tio­nen zur Zeiss‑Teilung, Zeitzeu­gen­in­ter­views, US‑Militärberichten und Stasi‑Unterlagen (Gera). Eine zweite Recher­che nach Wahrschein­lich­kei­ten ergab folgen­des Ergeb­nis: 1‑Sicher / 2‑hohe Wahrscheinlichkeit 

Erste Liste (17 + 25)

  • 1 Hans Harting — Mikro­sko­pie
  • 1 Hans Kessler — Konstruk­ti­on
  • 1 Hans Knußmann — Mikro­sko­pie
  • 1 Karl Köhler — Optik (Köhler‑Beleuchtung)
  • 1 Hans Marti­us — Mikro­sko­pie
  • 1 Hans Meister — Optik­rech­ner
  • 1 Walter Nitsch­ke — Optik­rech­ner
  • 1 Hans Ohlen­dorf — Mikro­sko­pie
  • 1 Hans Richter — Optik
  • 1 Hans Reichen­bach — Optik
  • 1 Hans Schade — Optik
  • 1 Hans Schind­ler — Konstruk­ti­on
  • 1 Hans Sieden­topf — Mikro­sko­pie
  • 1 Walter Seidel — Optik­rech­ner (später Chefkon­struk­teur in Oberkochen)
  • 1 Hans Stöhr — Optik
  • 1 Hans Vogel — Optik
  • 1 Hans Wetzlar — Optik

  • 2 Heinrich Ahrens — Konstruk­teur
  • 2 Hans Boege­hold — Optik­de­si­gner
  • 2 Ernst Brüche — Physi­ker, Elektronenoptik
  • 2 Hans Busch­beck — Fertigungsleiter
  • 2 Walter Hempel — Feinme­cha­nik
  • 2 Heinrich Hentschel — Optik­rech­ner
  • 2 Erich Hohmann — Werklei­ter
  • 2 Heinrich Jena — Optik
  • 2 Hans Kühn — Mecha­nik
  • 2 Walter Mahr — Optik­fer­ti­gung
  • 2 Heinrich Möller — Konstruk­ti­on
  • 2 Ernst Möller — Optik
  • 2 Hans Mühlberg — Mecha­nik
  • 2 Hans Neumann — Optik
  • 2 Karl Pape — Optik
  • 2 Ernst Reuter — Mecha­nik
  • 2 Walter Rupprecht — Optik
  • 2 Heinrich Schmid — Optik
  • 2 Hans Schober — Mecha­nik
  • 2 Hans Schubert — Optik
  • 2 Hans Seifert — Mecha­nik
  • 2 Heinrich Sill — Optik
  • 2 Hans Stange — Optik
  • 2 Walter Stenger — Mecha­nik
  • 2 Hans Ziegler — Mecha­nik

Zweite Liste von Wissen­schaft­lern und Führungs­kräf­ten (4)

  • Walther Bauers­feld – Chefkon­struk­teur, später techni­scher Leiter in Oberkochen
  • Paul Henrichs – Geschäfts­lei­ter
  • Georg Joos – Physi­ker, Leiter der Wissenschaftlerliste 
  • Heinrich Küppen­ben­der – Geschäfts­lei­ter

Dritte Liste sog. „Liste Joos“ (13)

  • Ernst Abbé jr. – Angehö­ri­ger der Stifterfamilie
  • Fried­rich Deckel – Präzi­si­ons­me­cha­nik
  • Hans Heelein – Optik
  • Walter Hohmann – Optik/Feinmechanik
  • Hans Kessler – Konstruk­teur
  • Helmut Naumann – Konstruk­teur
  • Hans Schind­ler – Optik
  • Fritz Schome­rus – Feinme­cha­ni­ker
  • Erich Schrei­ber – Optik‑Spezialist
  • Karl-Heinz Schus­ter – Optik­ent­wick­lung
  • Karl Staudt – Optiker
  • Rudolf Straubel – Physi­ker
  • Ernst Wanders­leb – Konstruk­ti­on

Vierte Liste so. „Liste Bauers­feld“ (6)

  • Hans Harting – Konstruk­teur
  • Hans Kessler – Konstruk­teur
  • Helmut Naumann – Konstruk­teur
  • Ernst Schome­rus – Feinme­cha­nik
  • Erich Schrei­ber – Optik
  • Karl Staudt – Optiker

Was geschah zwischen Ankunft in Heiden­heim (Juni 1945) und Bezug der Fritz‑Leitz‑Fabrikhallen (1. August 1946)?

Sommer 1945 – Frühjahr 1946: Provi­so­ri­um in Heidenheim

  • Die 77 Zeissia­ner arbei­te­ten in Notwerk­stät­ten in Heidenheim.
  • Sie wohnten in beschlag­nahm­ten Wohnhäu­sern, Kaser­nen, Notunterkünften
  • Sie bauten erste Maschi­nen, rekon­stru­ier­ten Zeich­nun­gen und stell­ten Perso­nal ein.
  • Da es in Heiden­heim keine optische Indus­trie gab, mussten die Zeissia­ner praktisch bei Null anfan­gen. Sie richte­ten provi­so­ri­sche Werkstät­ten ein: 
    • in Schul­ge­bäu­den
    • in leerste­hen­den Fabrikräumen
    • in Werkstät­ten der Stadt
    • in Kellern und Baracken
  • Hier wurden ersten Zeich­nun­gen rekon­stru­iert, Optik­rech­nun­gen neu erstellt, Maschi­nen aus Holz und Schrott impro­vi­siert, Mitar­bei­ter angewor­ben (viele aus der Region)
  • Die Ameri­ka­ner liefer­ten zusätzlich: 
    • Werkzeug­ma­schi­nen
    • Messge­rä­te
    • optische Rohlin­ge
    • Materi­al aus US‑Beständen

Frühjahr 1946: Entschei­dung für Oberkochen

Die US‑Militärregierung suchte einen dauer­haf­ten Stand­ort. Heiden­heim war zu klein und zu eng. Die Ameri­ka­ner wollten einen abgele­ge­nen, gut kontrol­lier­ba­ren Ort, der

  • Platz für Fabrik­ge­bäu­de bot
  • nahe genug an Heiden­heim lag
  • aber weit genug von der sowje­ti­schen Zone entfernt war
  • Die Wahl fiel auf Oberko­chen, damals ein kleines Dorf mit rund 2.000 Einwohnern.
  1. August 1946: Offizi­el­le Gründung in Oberkochen
  • Die Firma Opton Optische Werke Oberko­chen GmbH (Vorläu­fer von Zeiss Oberko­chen) wurde recht­lich in Oberko­chen eingetragen.
  • Dieses Datum gilt als Gründungs­da­tum des Stand­orts Oberkochen.

Sommer/Herbst 1946 – Frühjahr 1947: Tatsäch­li­cher Umzug

  • Maschi­nen, Werkstät­ten und Mitar­bei­ter wurden schritt­wei­se nach Oberko­chen verlegt.
  • Die Fritz‑Leitz‑Produktionshallen wurden zur ersten echten Produktionsstätte
  • Zwischen Sommer und Herbst 1946 begann der Umzug: 
    • Maschi­nen wurden aus Heiden­heim nach Oberko­chen transportiert
    • neue Werkhal­len wurden eingerichtet
    • die ersten Produk­ti­ons­li­ni­en entstanden
    • Wohnraum für Mitar­bei­ter wurde gebaut oder beschlagnahmt
    • die Beleg­schaft wuchs schnell auf über 300 Personen
    • Ab Ende 1946 lief die Produk­ti­on in Oberko­chen an
      • Mikro­sko­pe
      • optische Messge­rä­te
      • Objek­ti­ve
      • Präzi­si­ons­me­cha­nik

Die Produk­ti­on begann offizi­ell am 1. August 1946 mit rund 200 Mitar­bei­tern unter der Firmie­rung „Opton Optische Werke Oberko­chen GmbH“. Ab März 1947 unter dem Namen „Zeiß-Opton Optische Werke Oberko­chen GmbH“. Die Carl-Zeiss-Stiftung, die 95% des Gründungs­ka­pi­tals hielt, wurde 1948 Allein­ge­sell­schaf­te­rin des Unter­neh­mens, das 1953 von Carl Zeiss übernom­men wurde. 1949 wurde Heiden­heim der Rechts­sitz der Stiftung und 1951 auch von Carl Zeiss. Das zweite Unter­neh­men der Stiftung, das „Jenaer Glaswerk Schott & Gen“ hat seinen Sitz seit 1952 in Mainz und firmiert seit 1981 als „Schott Glaswerke“.

Was war das Geheim­nis dieses unglaub­li­chen Neuan­fangs? Eine hochmo­ti­vier­te impro­vi­sa­ti­ons­be­gab­te Beleg­schaft mit hochqua­li­fi­zier­ten Spitzen­kräf­ten zog mit Betriebs­rat und Unter­neh­mens­lei­tung an einem Strang. Und: „Es gab noch keinen Kuchen, der verteilt werden musste, der Kuchen musste erst gebacken werden.“

Teil 2 der Zeiss-Story in Kürze

Immer auf der Suche, auch nach Firmen-Geschich­ten – Billie vom Sonnenberg

Weitere Berichte aus dieser Kategorie

Weitere Berichte