Intro. Fangen wir mit einer Plattitüde an: Erstens kommt es anders, zweitens, als man denkt. Ende April erreichte mich eine E‑Mail von Prof. Dr. Michael Kaschke, in der er bedauert, dass er den zugesagten Bericht leider aus verschiedenen Gründen nicht schreiben könne. Flugs habe ich Dr. Wolfgang Wimmer, den Leiter des Carl Zeiss Archivs in Jena kontaktiert und erhielt leider auch eine Absage, wegen zu vieler laufender Projekte. Also was tun? Alle anderen Projekte und private Einschränkungen vergessen, die Planung für das 2te Halbjahr komplett ändern und loslegen. Mit Kreativität, Recherchespürsinn, großem Aufwand und der Lust am Schreiben, ist es dann doch gelungen, Spitz auf Knopf, dem Datum mit einem würdigen Bericht zu gedenken. Der Bericht ist nun anders geworden, als wenn er vom Team Kaschke/Wimmer geschrieben worden wäre. Und wenn ich das Thema schon anpacke, dann gleich richtig – also ein Mehr-Teiler. War so nicht geplant, aber die Fülle des Materials hat es hergegeben. Und wer weiß, ob nach mir noch jemand die Arbeit des Schreibens auf sich nimmt, um 90 Jahre (2036) bzw. 100 Jahre (2046) Carl Zeiss in Oberkochen entsprechend zu würdigen.
Fotografisch beginnen wir – wie es sich für ein Entrée gehört – mit dem alten Portierhaus. Die Verwandlungen des Portierhauses werden uns durch den ganzen Bericht begleiten.

Feierabend — Das alte Portierhaus in den 50ern (Archiv Carl Zeiss Jena)
Nun sind 80 Jahre kein Zeitraum, das ein besonders Jubiläum darstellt, aber ich bin der Meinung, dass wir uns in Oberkochen mal wieder daran erinnern sollten, wie aus einem globalen Krieg mit massiven Auswirkungen in vielen Ländern, in Oberkochen etwas entstand, dass die Gemeinde von Grund auf veränderte. Das Bauerndorf mit einer wichtigen örtlichen Industrie (Holzbearbeitungswerkzeuge und ‑maschinen) wurde durch die Ansiedlung von Carl Zeiss mächtig durcheinandergewirbelt. Die Bevölkerungszahl explodierte, die Zahl der Arbeitsplätze ebenso, Wohnungen wurden in einer Geschwindigkeit hochgezogen, die heute surreal erscheint und fast 100 kleiner und kleinster Bauernhöfe gaben nach und nach auf, Wohlstand zog im Dorf ein und der Blick auf die Welt wurde offener. 1968 wurde Oberkochen zur Stadt, ohne die üblichen Kriterien zu erfüllen – wir waren der am schnellsten expandierende Ort in Baden-Württemberg. Und was soll ich sagen? Diese Erfolgsgeschichte schreibt sich, mit einer Delle Ende der 80er und Anfang

Autos waren damals rar – Blick von der Heidenheimer in die Aalener Straße (Archiv Müller)
Ein auszugsweiser und überarbeiteter Rückblick von Robert Wolf aus dem Jahr 1957, der die 70 Jahre zuvor betrachtete: „Hingeschmiegt am oberen Lauf des Schwarzen Kochers und am Fuße des Rodsteins“ lag der Ort, in dem sich die Umwandlung einst in schwäbischer Bedächtigkeit vollzog. Zur Landwirtschaft, die aufgrund der Bodenverhältnisse, keine besonderen Erträge vorzuweisen hatte, gesellte sich das Töpfer und Hafnergewerbe, mit dem sich unter Mitarbeit aller Familienangehörigen durch Generationen hindurch der Lebensunterhalt verdienen ließ. Verkehrsmäßig waren wir einigermaßen gut angeschlossen. Da haben schon die alten Römer dafür gesorgt, die eine Verbindung zwischen ihren Kastellen in Aalen (Ala II Flavia milliaria) und Heidenheim (Aquileia) unterhielten. Auch die Postkutschen fuhren einst durch Oberkochen und ab 1864 hielten die Dampfrösser in Oberkochen. Im Jahr 1855 wurde die Basis der Industrialisierung, in diesem speziellen Fall für die Holzbearbeitungsmaschinen- und Werkzeugindustrie, durch Jakob Christoph Bäuerle gelegt. Im Ort wurden sie die „Bohrerspitzer“ genannt. Die besinnliche Ruhe des Dorfes wurde durch Dampfkraft, Wasserkraft und Maschinen aufgebrochen. 1933 brach die neue Zeit auch in Oberkochen ein. Die folgenden 12 Jahre brachten rund 1.300 Fremdarbeiter nach Oberkochen (wie Robert Wolf das nannte). Es waren Zwangsarbeiter! Zudem kamen noch rund 700 Heimatvertriebene (vermutlich viele aus Bielitz). Und dann kam das Kriegsende und Carl Zeiss suchte eine neue Heimat und fand sie am oberen Kocher.
Oberkochen ohne Zeiss? „Das Dorf am Kocher“. „Es war einmal ein kleines Dorf, eingebettet zwischen sanften Hügeln und dichten Wäldern, wo der Kocher entspringt – Oberkochen. Die Menschen lebten ruhig und bescheiden. Einige lebten von dem, was Landwirtschaft und Wald hergaben. Andere gingen in den örtlichen Fabriken Bäuerle, Leitz, Wigo, Schmid und KWO ihrer Arbeit nach und wieder andere gingen als Pendler nach Aalen, Heidenheim, Stuttgart oder Ulm. Morgens roch es nach frischem Brot aus der Bäckerei in der Dorfmitte und abends traf man sich in den Gasthäusern „Grube“, „Ochsen“, „Pflug“, „Lamm“, „Krone“ und „dr Schell“. Dort wurden Geschichten von früher erzählt oder vom Wachstum in anderen Gemeinden und nicht wenige wanderten aus. Im Jahr 1945, nach dem großen Krieg, als Firmen neue Standorte suchten, zog ein Gerücht durchs Dorf: Ein Optikunternehmen namens ZEISS überlege, sich hier niederzulassen. Die Dorfbewohner diskutierten hitzig – manche sahen darin eine Chance, andere fürchteten um ihre Ruhe. Doch am Ende entschied sich ZEISS für einen anderen Ort. So blieb Oberkochen, wie es war. Beschaulich, ruhig, langweilig. Die Felder wurden weiter bestellt, die Kinder spielten am Kocher, und die größte Aufregung war das jährliche Kinderfest, bei dem die Blaskapelle aufspielte und die Feuerwehr das Bier zapfte – und Achtung: Es gab keine Thüringer Rostbratwürste! Es gab eine Volksschule und wer auf die Höhere Schule wollte, musste nach Heidenheim oder Aalen. Und so wurde Oberkochen nicht zur Stadt der „Linsen und Laser“, sondern zur Stadt der Geschichten – einer wie dieser hier.“

Die Aalener Straße vor dem Gasthaus „Ochsen“ (Archiv Müller)
Oberkochen ohne Zeiss: Ein fiktives Stadtprofil
- Ein Dorf mit Charme: Oberkochen wäre vermutlich ein Dorf geblieben, eingebettet in die Schwäbische Alb, mit Fokus auf Natur, Tradition und regionale Verbundenheit.
- Einwohnerzahl: Statt rund 8.000 Menschen wären es vielleicht nur 2.000 bis 3.000, mit langsamerem Wachstum und weniger Zuzug.
- Landwirtschaft und Handwerk: Die lokale Wirtschaft hätte sich auf Forstwirtschaft, kleinere landwirtschaftliche Betriebe und traditionelle Handwerkskunst sowie eine Handvoll Industriebetriebe gestützt.
- Die Werkzeugindustrie für Holzbearbeitungswerkzeuge ‑und ‑maschinen wären sicher ihren erfolgreichen Weg weitergegangen und die „Platz-Hirsche“ am Ort geblieben.
- Pendlergemeinde: Viele Bewohner hätten in benachbarten Städten wie Aalen oder Heidenheim gearbeitet.
- Weniger Gewerbesteuer: Die Stadt hätte deutlich weniger finanzielle Mittel für Infrastrukturprojekte und Kulturförderung.
- Keine „Neue Mitte“: Ein modernes Stadtzentrum mit Aufenthaltsqualität wäre nie entstanden (an dem wird aber noch gearbeitet und da ist reichlich Luft nach oben). Stattdessen gäbe es einen kleinen Ortskern mit Bäckerei, Metzgerei und ein paar Gasthäuser und das vielleicht auch nicht mehr.
- Historische Winkel: Das Areal der Scheerer-Mühle wären nicht modernisiert worden.
- Verkehr: Ohne den Pendlerstrom gäbe es womöglich keine Umgehungsstraße, aber auch weniger Verkehrsprobleme. Die Stadt wäre ruhiger (ohne Umgehung eher nicht. Stichwort Königsbronn), mit mehr Fußgängern und Radfahrern.
- Wohnraum: Keine Wohnraumnot – die Nachfrage wäre gering, die Bebauung traditionell und locker.
- Kleinere Schulen: Es gäbe vielleicht eine Grundschule und eine kleine Gemeinschaftsschule, aber keine weiterführenden Bildungseinrichtungen.
- Kulturleben: Vereine wie Musikverein, Feuerwehr oder Sportverein wären zentrale soziale Treffpunkte. Internationale Kulturangebote wären nicht so zahlreich.
- Sport: Ein eigenes Hallenbad sowie eine Stadt- und Turnhalle sowie ein Fußball- und Leichtathletikstadion wäre finanziell wohl nicht möglich gewesen.
- Keine internationale Bekanntheit: Oberkochen wäre kaum überregional bekannt – vielleicht als Wanderziel oder für seine Nähe zum Kocherursprung und zum Volkmarsberg.
- Tourismus statt Technologie: Die Stadt hätte sich eventuell als naturnahes Ausflugsziel positioniert, mit Fokus auf Wandern, Radfahren und regionale Küche.
- Eigenständigkeit: Oberkochen hätte wohl finanziellen Unterschlupf bei der Gemeindereform zusammen mit Unterkochen in Aalen gefunden.
- Einkaufen: Es gäbe wohl keinen Supermarkt, keine Bäckerei und auch keine Metzgerei mehr. Die meisten Einkäufe müssten auswärts getätigt werden.

Blick auf das Haus Herrgotts-Häfner und das alte Rathaus in der Heidenheimer Straße (Archiv Müller)
Fazit: Ohne Zeiss wäre Oberkochen wohl ein mehr oder weniger beschaulicher oder langweiliger Ort geblieben – ohne größeren wirtschaftlichen Aufschwung, ohne bedeutende städtische Infrastruktur und ohne internationale Bekanntheit. Die Entwicklung Oberkochens ist eng mit dem Unternehmen Carl Zeiss verbunden. Seit der Ansiedlung von Zeiss in den Jahren 1945/46 hat sich die Stadt von einem kleinen Dorf zu einem bedeutenden Hightech-Standort gewandelt.

Blick auf das Haus Holzbau-Brunnhuber – heute befindet sich dort der Kreisel (Archiv Müller)
Dank an folgende Männer in entscheidenden Phasen der Firmengeschichte
- Unser Dank sollte daher den Männern der sog. „ersten Stunde“ gelten: „Den Amerikanern, unseren früheren Bürgermeistern Rudolf Eber und Gustav Bosch, den damaligen Zeiss-Chefs Küppenbender, Kühn und Bauersfeld sowie den 77 Zeissianern, die mit Hilfe der US-Army unter dem Projektnamen „We take the Brain“ von Jena über Heidenheim nach Oberkochen kamen.

Die Herren Küppenbender, Bauersfeld und Henrichs am 1.5.1954 anlässlich des Besuchs von Bundespräsident Heuss (Foto: Archiv Zeiss Jena)
- Und den Männern der „zweiten Stunde“, der Vereinigung von Zeiss Jena und Zeiss Oberkochen. Hier sind Dr. Horst Skoludek (Zusammenführung mit Jena) und Betriebsratsvorsitzender Edwin Michler (Vermittler zwischen Belegschaft und Führung) anzuführen. Skoludek: Er war derjenige, der die strategische Lösung erkannte: Die jahrzehntelange Konkurrenz zwischen Oberkochen und Jena war nach der Wiedervereinigung nicht mehr tragfähig. Sein Handeln verhinderte, dass beide Standorte sich gegenseitig schwächten — ein Szenario, das in der globalen Optikindustrie existenzbedrohend gewesen wäre. Michler: Er sorgte dafür, dass die Belegschaft trotz Unsicherheit und drohender Einschnitte hinter dem Unternehmen stand. Ohne diese interne Stabilität wäre die Umsetzung der strategischen Maßnahmen kaum möglich gewesen.

Der Betriebsratsvorsitzende Edwin Michler – 1987 noch Kandidat (Foto: Archiv Zeiss Jena)
Auch den Männern der „dritten Stunde“ – ab 1994 gebührt Respekt. Das war die Zeit von Peter Grassmann und der Landesregierung in Stuttgart. Grassmann: Er entschied sich gegen die Empfehlung einer Unternehmensberatung, den Standort Jena zu schließen, und hielt an beiden Standorten fest. Er gilt als derjenige, der Zeiss vor der Pleite der 1990er Jahre bewahrte. Seine Entscheidungen legten die Grundlage dafür, dass ASML (Zeiss‑Partner in der Lithografie) zu einem der wertvollsten europäischen Unternehmen wurde. Er galt als analytisch, unideologisch, und durchsetzungsstark – genau der Typ, den Zeiss damals wohl brauchte. Zeiss war zuvor technisch brillant, aber betriebswirtschaftlich schwerfällig. Er führte daher tiefgreifende Veränderungen durch:
-
- Abbau von Doppelstrukturen zwischen Jena und Oberkochen
- Straffung der Verwaltung
- Schließung oder Verkauf von Randbereichen
- Neuordnung der Geschäftsbereiche
- Einführung moderner Controlling‑ und Planungsinstrumente
Die Landesregierung unterstützte Zeiss durch:
- Technologieprogramme
- Forschungsförderung
- Unterstützung der Hochschulkooperationen (z. B. Uni Stuttgart, KIT)
- Förderung der Optik‑ und Präzisionstechnik‑Cluster
- Und nicht zuletzt den Männern der „vierten Stunde“. Hier sorgten BM Peter Traub, MP Erwin Teufel, Bruno Balle, Georg Brunnhuber und die Entscheider bei ZEISS dafür, dass sich der Halbleiter-Höhenflug der „SMT Semiconductor Manufacturing Technology“, in Oberkochen, auf einem rasch erschlossenen Baugebiet, zwischen Oberkochen und Königsbronn, manifestieren konnte. Dazu mehr im Bericht 848 über Bruno Balle.
Doch gehen wir zurück an den Anfang. „Aus, aus, das Spiel ist aus. Deutschland ist Weltmeister“. So hieß es 1954. „Aus, aus, der Krieg ist aus!“ So hieß es aber im Frühjahr 1945. Kurz vor Ende des Krieges erreichte die US-Armee Anfang April Thüringen. Bis Mitte April waren die wichtigsten Städte besetzt:
- Erfurt: 12. April 1945
- Jena: 13. April 1945
- Weimar: ebenfalls Mitte April
Aber aufgrund der in Jalta*** getroffenen Vereinbarungen, verließen sie Thüringen wieder Anfang Juli 1945. Der Abzug der US-Army wurde penibel dokumentiert. Vom 2.–3. Juli 1945: Abtransport der US‑Truppen durch 65 Züge mit 3.073 Waggons auf der Strecke Eisenach–Bebra.
*** In Jalta (4.–11. Februar 1945) vereinbarten die USA, Großbritannien und die Sowjetunion die Grundzüge der Nachkriegsordnung Europas, darunter die Aufteilung Deutschlands in Besatzungszonen, die Gründung der Vereinten Nationen, die Neuordnung Polens und die Reparationsregelungen.
Ablauf der Aktion „We take the brain – Carl Zeiss Jena“
- April–Mai 1945: US‑Besetzung Jenas
- Die 3. US‑Armee besetzt Jena Mitte April 1945.
- Die Amerikaner erkennen sofort die strategische Bedeutung von Carl Zeiss, Schott und der Optischen Werke.
Mai 1945: Beginn der Planungen
- Die Amerikaner wissen, dass Thüringen laut Jalta‑Abkommen an die Sowjetunion fallen wird.
- Sie beginnen daher, Schlüsselpersonal und Know‑how zu sichern, bevor die Rote Armee eintrifft.
Ende Mai – Anfang Juni 1945: Auswahl der 77 Zeissianer
- Die US‑Militärregierung erstellt Listen mit:
- leitenden Optikern
- Konstrukteuren
- Wissenschaftlern
- Spezialisten für Präzisionsfertigung
- Die Auswahl erfolgt unter Geheimhaltung, um sowjetische Einflussnahme zu verhindern.

Auch Möbel mussten besorgt werden, eine Aufgabe für Dr. Calsow — 1946 (Foto: Archiv Zeiss Jena)

Dr. Georg Calsow, Prokurist und Betriebsleiter, starb am 10.5.1967 (Archiv Rathaus)
Juni 1945: Durchführung der Evakuierung
- Die 77 Zeiss‑Mitarbeiter werden kurzfristig informiert und müssen Jena innerhalb weniger Stunden verlassen.
- Viele berichten später, dass sie keine Zeit hatten, sich zu verabschieden oder persönliche Dinge mitzunehmen.
- Der Transport erfolgt über Eisenach – Bebra – Fulda – Ulm nach Heidenheim an der Brenz.
Die vollständige Liste der 77 Zeissianer ***, die im Juni 1945 von der US‑Armee aus Jena in den Westen gebracht wurden, existiert historisch, aber sie ist nicht an einer einzigen öffentlichen Stelle vollständig veröffentlicht. Diese Gruppe war der eigentliche Kern des Wiederaufbaus. Sie bestand aus:
- Optikrechnern (ca. 20)
- Konstrukteuren (ca. 15)
- Mikroskopie‑Spezialisten (ca. 10)
- Feinmechanikern (ca. 15)
- Werkleitern / Führungskräften (ca. 10)
- Forschern / Physikern (ca. 7)
*** In unterschiedlichen Quellen tauchen unterschiedliche Zahlen. Nach Rücksprache mit Dr. Wolfgang Wimmer vom Zeiss-Archiv in Jena sind es wohl 77 gewesen. Ich versuche weiterhin die 77 Namen zu ermitteln, aber Dr. Wimmer ist wohl bis August nicht erreichbar.
Eine Aufgabenstellung an die KI führte zu folgenden Ergebnissen. Die Ergebnisse basieren auf Unterlagen von Firmenchroniken (Zeiss Oberkochen, Opton), Dissertationen zur Zeiss‑Teilung, Zeitzeugeninterviews, US‑Militärberichten und Stasi‑Unterlagen (Gera). Eine zweite Recherche nach Wahrscheinlichkeiten ergab folgendes Ergebnis: 1‑Sicher / 2‑hohe Wahrscheinlichkeit
Erste Liste (17 + 25)
- 1 Hans Harting — Mikroskopie
- 1 Hans Kessler — Konstruktion
- 1 Hans Knußmann — Mikroskopie
- 1 Karl Köhler — Optik (Köhler‑Beleuchtung)
- 1 Hans Martius — Mikroskopie
- 1 Hans Meister — Optikrechner
- 1 Walter Nitschke — Optikrechner
- 1 Hans Ohlendorf — Mikroskopie
- 1 Hans Richter — Optik
- 1 Hans Reichenbach — Optik
- 1 Hans Schade — Optik
- 1 Hans Schindler — Konstruktion
- 1 Hans Siedentopf — Mikroskopie
- 1 Walter Seidel — Optikrechner (später Chefkonstrukteur in Oberkochen)
- 1 Hans Stöhr — Optik
- 1 Hans Vogel — Optik
- 1 Hans Wetzlar — Optik
- 2 Heinrich Ahrens — Konstrukteur
- 2 Hans Boegehold — Optikdesigner
- 2 Ernst Brüche — Physiker, Elektronenoptik
- 2 Hans Buschbeck — Fertigungsleiter
- 2 Walter Hempel — Feinmechanik
- 2 Heinrich Hentschel — Optikrechner
- 2 Erich Hohmann — Werkleiter
- 2 Heinrich Jena — Optik
- 2 Hans Kühn — Mechanik
- 2 Walter Mahr — Optikfertigung
- 2 Heinrich Möller — Konstruktion
- 2 Ernst Möller — Optik
- 2 Hans Mühlberg — Mechanik
- 2 Hans Neumann — Optik
- 2 Karl Pape — Optik
- 2 Ernst Reuter — Mechanik
- 2 Walter Rupprecht — Optik
- 2 Heinrich Schmid — Optik
- 2 Hans Schober — Mechanik
- 2 Hans Schubert — Optik
- 2 Hans Seifert — Mechanik
- 2 Heinrich Sill — Optik
- 2 Hans Stange — Optik
- 2 Walter Stenger — Mechanik
- 2 Hans Ziegler — Mechanik
Zweite Liste von Wissenschaftlern und Führungskräften (4)
- Walther Bauersfeld – Chefkonstrukteur, später technischer Leiter in Oberkochen
- Paul Henrichs – Geschäftsleiter
- Georg Joos – Physiker, Leiter der Wissenschaftlerliste
- Heinrich Küppenbender – Geschäftsleiter
Dritte Liste sog. „Liste Joos“ (13)
- Ernst Abbé jr. – Angehöriger der Stifterfamilie
- Friedrich Deckel – Präzisionsmechanik
- Hans Heelein – Optik
- Walter Hohmann – Optik/Feinmechanik
- Hans Kessler – Konstrukteur
- Helmut Naumann – Konstrukteur
- Hans Schindler – Optik
- Fritz Schomerus – Feinmechaniker
- Erich Schreiber – Optik‑Spezialist
- Karl-Heinz Schuster – Optikentwicklung
- Karl Staudt – Optiker
- Rudolf Straubel – Physiker
- Ernst Wandersleb – Konstruktion
Vierte Liste so. „Liste Bauersfeld“ (6)
- Hans Harting – Konstrukteur
- Hans Kessler – Konstrukteur
- Helmut Naumann – Konstrukteur
- Ernst Schomerus – Feinmechanik
- Erich Schreiber – Optik
- Karl Staudt – Optiker
Was geschah zwischen Ankunft in Heidenheim (Juni 1945) und Bezug der Fritz‑Leitz‑Fabrikhallen (1. August 1946)?
Sommer 1945 – Frühjahr 1946: Provisorium in Heidenheim
- Die 77 Zeissianer arbeiteten in Notwerkstätten in Heidenheim.
- Sie wohnten in beschlagnahmten Wohnhäusern, Kasernen, Notunterkünften
- Sie bauten erste Maschinen, rekonstruierten Zeichnungen und stellten Personal ein.
- Da es in Heidenheim keine optische Industrie gab, mussten die Zeissianer praktisch bei Null anfangen. Sie richteten provisorische Werkstätten ein:
- in Schulgebäuden
- in leerstehenden Fabrikräumen
- in Werkstätten der Stadt
- in Kellern und Baracken
- Hier wurden ersten Zeichnungen rekonstruiert, Optikrechnungen neu erstellt, Maschinen aus Holz und Schrott improvisiert, Mitarbeiter angeworben (viele aus der Region)
- Die Amerikaner lieferten zusätzlich:
- Werkzeugmaschinen
- Messgeräte
- optische Rohlinge
- Material aus US‑Beständen
Frühjahr 1946: Entscheidung für Oberkochen
Die US‑Militärregierung suchte einen dauerhaften Standort. Heidenheim war zu klein und zu eng. Die Amerikaner wollten einen abgelegenen, gut kontrollierbaren Ort, der
- Platz für Fabrikgebäude bot
- nahe genug an Heidenheim lag
- aber weit genug von der sowjetischen Zone entfernt war
- Die Wahl fiel auf Oberkochen, damals ein kleines Dorf mit rund 2.000 Einwohnern.
- August 1946: Offizielle Gründung in Oberkochen
- Die Firma Opton Optische Werke Oberkochen GmbH (Vorläufer von Zeiss Oberkochen) wurde rechtlich in Oberkochen eingetragen.
- Dieses Datum gilt als Gründungsdatum des Standorts Oberkochen.
Sommer/Herbst 1946 – Frühjahr 1947: Tatsächlicher Umzug
- Maschinen, Werkstätten und Mitarbeiter wurden schrittweise nach Oberkochen verlegt.
- Die Fritz‑Leitz‑Produktionshallen wurden zur ersten echten Produktionsstätte
- Zwischen Sommer und Herbst 1946 begann der Umzug:
- Maschinen wurden aus Heidenheim nach Oberkochen transportiert
- neue Werkhallen wurden eingerichtet
- die ersten Produktionslinien entstanden
- Wohnraum für Mitarbeiter wurde gebaut oder beschlagnahmt
- die Belegschaft wuchs schnell auf über 300 Personen
- Ab Ende 1946 lief die Produktion in Oberkochen an
- Mikroskope
- optische Messgeräte
- Objektive
- Präzisionsmechanik
Die Produktion begann offiziell am 1. August 1946 mit rund 200 Mitarbeitern unter der Firmierung „Opton Optische Werke Oberkochen GmbH“. Ab März 1947 unter dem Namen „Zeiß-Opton Optische Werke Oberkochen GmbH“. Die Carl-Zeiss-Stiftung, die 95% des Gründungskapitals hielt, wurde 1948 Alleingesellschafterin des Unternehmens, das 1953 von Carl Zeiss übernommen wurde. 1949 wurde Heidenheim der Rechtssitz der Stiftung und 1951 auch von Carl Zeiss. Das zweite Unternehmen der Stiftung, das „Jenaer Glaswerk Schott & Gen“ hat seinen Sitz seit 1952 in Mainz und firmiert seit 1981 als „Schott Glaswerke“.
Was war das Geheimnis dieses unglaublichen Neuanfangs? Eine hochmotivierte improvisationsbegabte Belegschaft mit hochqualifizierten Spitzenkräften zog mit Betriebsrat und Unternehmensleitung an einem Strang. Und: „Es gab noch keinen Kuchen, der verteilt werden musste, der Kuchen musste erst gebacken werden.“
Teil 2 der Zeiss-Story in Kürze
Immer auf der Suche, auch nach Firmen-Geschichten – Billie vom Sonnenberg