Der Betriebsratsvorsitzende Dr. Norbert Günther erinnert sich im Jahr 1949. Nachstehend ein Auszug: Seit der Gründung des Zeiß-Opton-Werkes sind nunmehr drei Jahre vergangen. Mit anfänglich wenigen Männern, die sich ohne Unterschied ihres Bildungsganges in intensiver Aufbau- und Planungsarbeit an diesen Neuaufbau wagten, ist inzwischen ein Unternehmen entstanden, das sich würdig an die Tradition des Jenaer Werkes anreiht. ….. Das Werk in Oberkochen hatte bei der Währungsreform rund 750 und im Jahr 1949 bereits 1.500 (die Zahl ist nicht sicher) Beschäftigte, davon sind ⅓ aus Jena, ⅓ Flüchtlinge und ⅓ Einheimische. ….. Die Beschäftigten wohnten in der Leintalsiedlung in Heidenheim, in der Schleifesiedlung in Schnaitheim, in der Eichhalde- und Waldsiedlung in Königsbronn, in Oberkochen, Unterkochen und Aalen, ….. für weiter entfernt wohnende KollegenInnen, wie z. B. auf dem Härtsfeld, wurde ein Autobus-Zubringerdienst eingerichtet. ….. Eine vorbildliche Werkküche mit eigener Kühlanlage und einer Gärtnerei mit Großanbau von Gemüse aller Art dienen dem leiblichen Wohl. ….. in diesem Jahr richtet die Firma ihren ersten eigenen Betriebskindergarten im Haus des Willibald Mannes sen. im Kapellenweg ein (das Haus neben der St. Ottilien-Kapelle wurde 2026 abgerissen). …..

Betriebsratsvorsitzender Dr. Nobert Günther (Foto: Archiv Zeiss Jena)
Der Betriebsratsvorsitzende Dr. Norbert Günther erinnert sich im Jahr 1951. Am 24. Juni 1945 um 8 Uhr morgens wurden 77 Wissenschaftler, Konstrukteure, Techniker und kaufmännische Führungskräfte in den Vortragssaal im 5.ten Stock des Hochhauses bestellt, wo ihnen nochmals der Befehl der US-Militärbehörden zum Abtransport nach Süddeutschland vorgelesen wurde. Dann ging es zurück in die Wohnungen, jedem wurde ein Lastwagen zugeteilt und um 13 Uhr verließ die Hälfte der Evakuierten mit Frauen, Kindern und einer kleinen Habe die Stätte ihres jahre- bzw. jahrzehntelangen Wirkens auf dem Weg ins Ungewisse. Das Ziel wurde erst kurz vor Erreichen bekanntgegeben – Heidenheim. Es folgten ein paar Tage Lagerleben hinter Stacheldraht und die übliche Verwaltungsprozedur. ….. In Aalen sah sich Stadtverwaltung und Gemeinderat nicht in der Lage geeignete Räume und Baumaterialien zur Verfügung zu stellen. Nachdem Oberkochen als Standort festgelegt wurde, war die Aalener Industrie nicht bereit Lieferungen nach Oberkochen zu bewerkstelligen, weil seitens der neuen Firma keine Kompensationen möglich waren. ….. Bei den Betriebsratswahlen waren stimmberechtigt: 1946: 311 / 1947: 468 / 1948: 725 / 1949: 1.155 / 1950: 1.589 / 1951: 2.418 Beschäftigte. ….. Von den Beschäftigten wohnten 1951: 646 in Aalen / 539 in Oberkochen / 403 in Königsbronn / 320 in Heidenheim / 230 in Unterkochen / 93 in Schnaitheim / und 89 in Wasseralfingen / Der Rest in kleineren Gemeinden in der Umgebung. 1951 war bereits eine Summe von rund 750.000 DM zur Lohn- und Gehaltsauszahlung erforderlich! Es ist abzusehen, dass Oberkochen mehr und mehr zu einem großen Brennpunkt eines optischen-feinmechanischen Schaffens werden wird.

Gerhard Kühn an seinem 60sten Geburtstag im „Ochsen“ in Oberkochen (Foto: Zeiss Archiv Jena)
Dr. Gerhard Kühn erinnert sich im Jahr 1980. Er nannte seine Aufzeichnungen „Streiflichter aus meinem Leben“. Diese Aufzeichnungen sind zwar aus Sicht des Verantwortlichen für das Werk WINKEL in Göttingen geschrieben, charakterisieren jedoch auch sehr genau die Aufbaujahre in Oberkochen: „Das erste, was wir brauchten, war eine Genehmigung zu Wiederaufnahme der Fertigung. Es war ein Glück, dass wir uns von Anfang an mit dem für uns zuständigen britischen Wirtschaftsoffizier, einem Mr. Cornes, gut verstanden. Er half uns, wo er nur konnte, ob es sich um Kohle, Strom, Materialbeschaffung, Arbeitserlaubnisse, Abwehr von Demontage und vieles anderes mehr handelte. So wurden wir auch bei der Erteilung der Fertigungsgenehmigung bevorzugt. Wir hatten sie bereits nach drei Wochen.
Aber nun begannen erst die richtigen Probleme. Zwar war die Firma von den Kriegswirren verschont geblieben, Gebäude und Maschinenpark waren intakt. Auch das Arbeitsproblem löste sich von selbst angesichts der vielen Flüchtlinge, die aus dem Osten kamen, vor allem kamen auch zahlreiche Facharbeiter aus dem Jenaer Werk über die Zonengrenze. Wir konnten sie gut brauchen. Nein, die große Schwierigkeit lag auf dem Gebiet der Materialbeschaffung im weitesten Sinne, ohne Lösung dieses Problems konnten wir nicht fertigen.
Man versuche sich einmal folgendes vorzustellen: In allen Besatzungszonen hatten Militärregierungen jede Fertigung stillgelegt, das galt für alles – vom einfachsten Nagel, vom Papier bis zur kompliziertesten Maschine. Zur Wiederaufnahme jeder Fertigung, gleich welcher Art, brauchte man eine Genehmigung. Oft dauerte das monatelang. Art der Fertigung und Volumenwurden dann genau reglementiert, jeder Verkauf war wiederum genehmigungspflichtig.
Welches waren nun die Folgen für unsere Arbeit? Die Materialreserven der Firma waren gering. Es galt praktisch alles zu beschaffen: Eisen und Stahl, Stahlrohr, Messing, Messingrohr, Aluminium, Chemikalien, elektrotechnische Teile, Glühbirnen, Behälter aus Holz, oder Metall, Packmaterial, Büromaterial, Toilettenpapier, kurz alles, was überhaupt gebraucht wurde, auch Koks und Kohle. Für viele Reparaturen an Gebäuden, an Maschinen, der Heizung, an elektrischen Anlagen wurden auswärtige Handwerker benötigt. Diese durften erst wieder arbeiten, nachdem sie entnazifiziert waren, das dauerte oft lange.
In dieser Situation taten wir folgendes: Wir stellten zunächst einmal eine Liste aller früheren Lieferanten der Firma auf, die das hergestellt hatten, was jetzt benötigt wurde, dazu kamen noch einige weitere. Wir machten uns unverzüglich daran, diese Firmen zu besuchen, um festzustellen, ob sie wieder fertigten und was von ihnen zu bekommen war. Postverkehr gab es kaum, Eisenbahnverkehr ebenso wenig. Unsere Fahrten machten wir in unserem „DKW-Meisterklasse“, den uns die Amerikaner noch in Jena aus ihrem Beutegut überlassen hatten. Es war ein schon echt altersschwaches Vehikel, aber es tat uns gute Dienste und war für uns unentbehrlich.
Natürlich brauchten wir für jede Fahrt eine Genehmigung, ein sog. „Permit“, das wir unterwegs andauernd vorzeigen mussten, denn laufend fanden Kontrollen durch die Militärpolizei statt. Für das Benzin wurde eine weitere Genehmigung erforderlich, meist gab es sie nur für 20 Liter oder weniger. Das war selten genug und so mussten wir immer schauen, dass wir etwas „hinten herum“ bekamen.
Die Straßen waren miserabel, durch Kriegseinwirkungen zerstört, um 22 Uhr war Nachtausgangssperre, die sog. „Curfew“. Wer aufgegriffen wurde, kam ins Gefängnis.
Die Verhandlungen bei unseren Partnern verliefen meistens wie folgt: Die Gespräche begannen meist mit persönlichem Inhalt. Fast jeder war irgendwie bedrückt, voller Angst, wie es weitergehen würde. Wenige hatten Kommunikationswege, die über ihren Wohnsitz hinaus gingen. Man wusste oft nicht, was draußen vor sich ging. So war jeder über Besuche froh, und die damit gegebene Möglichkeit, sich zu orientieren.
In der Regel musste gleich bar bezahlt werden, denn die meisten Banken arbeiteten noch nicht wieder. Deshalb hatten wir immer eine Menge Geld bei uns. Aber das genügte oft nicht – es musste kompensiert werden. Dabei waren uns die Ferngläser aus der einstigen Kriegsfertigung und das ein oder andere Mikroskop von Nutzen. Wir kompensierten mit unseren Geräten, um Kameras in Stuttgart und Braunschweig zu bekommen, oder Brillen in Fürth und Rechenschieber in Hamburg. Es war gut, dass ich so viele Firmen gut kannte und so schnell Kontakte knüpfen konnte. Absicherung war nötig, aber oft recht vage und das Risiko war doch beträchtlich.
Dadurch, dass wir so viel unterwegs waren, mussten wir übernachten. Viele Hotels waren zerstört oder mit Flüchtlingen bzw. den Besatzern belegt. Dass wir in Gaststuben auf Holzbänken oder umgedrehten Tischen übernachten mussten und tlw. in Krankenhäusern war keine Seltenheit und Kompensation war auch hier oft von Nöten. Durch unseren Einsatz füllten sich die Lager und unser Ansehen bei den Mitarbeitern wuchs beträchtlich.
So konnte das normale Fertigungsprogramm der Mikroskope mit zunächst mit rund 300 Mann wieder aufgenommen werden, bald erglänzt durch Geräte für den Augenarzt und den Optiker. 1947 kam die Fabrikation von Brillengläsern dazu.
Aber mindestens ebenso wichtig war damals die Sorge um unsere vielen Mitarbeiter. Es ging anfangs um nichts anderes als um die nackte Existenz. Den Menschen war nur ein Minimum an Lebensmittelkalorien zugestanden worden, es verhinderte gerade meistens das Verhungern. So blühte überall der Schwarzmarkt mit seinen Begleiterscheinungen. Die Menschen stahlen Kohlen und Kartoffeln aus Güterwagen (als Fringsen bezeichnete man das Entwenden von Lebensmittel und Heizmaterial in Notzeiten, inspiriert durch die Silvesterpredigt von Kardinal Josef Frings 1946).
Wichtig war auch die Sicherstellung der Versorgung unserer Werkskantine. Wir besuchten die Güter der Umgebung, die Molkereien und Getreidemühlen und immer ging es um Kompensationen um Mehl, Fett, Kartoffeln, Fleisch, Wurst, Eier, Hühner, Gemüse, Obst, Zucker u.v.a.m. Doch das war längst nicht genug. Die vielen Flüchtlinge im Werk hatten buchstäblich nichts. Wir besorgten Möbel, Teppiche, Lampen, Geschirr u.v.a.m. Die Möbellieferanten wollten als Kompensation Holz, und so fuhren wir zum Förster in den Wald und kompensierten ganze Wagenladungen an Baumstämmen und Schnittholz. Aus Pirmasens holten wir Schuhe, aus Kaiserslautern Nähmaschinen. Einen Teil davon überließen wir der Stadtverwaltung Göttingen und erhielten im Gegenzug Wohnungen für unsere Leute. Unser ganzes Leben in dieser Zeit war eine Art ständiges Seiltanzen. Ich weiß nicht mehr wie viele Städte wir seinerzeit besucht haben – von Aachen bis München, von Freiburg bis Kiel. So anstrengend das war, so befriedigend war es doch auch.
Aus der Not heraus wuchsen Wissenschaftler, Ingenieure, Arbeiter und Angestellte zu einer geschlossenen Schicksalsgemeinschaft zusammen.
Mit 250 bis 300 Mitarbeitern hatten wir begonnen. 1957, als die Firma anlässlich ihres 100sten Geburtstages selbst Teil der Carl-Zeiss-Stiftung wurden, waren es bereits 1.300 Beschäftigte. Das Werk war zur führenden Mikroskop-Fabrik der Welt geworden. War es das vielgerühmte deutsche Wirtschaftswunder? Nun, ich denke, es war nichts anderes als das Ergebnis eines 100%igen Zusammenwirkens aller körperlichen und geistigen Kräfte, einer unbändigen Willensleistung und eines nimmermüden Engagements. Es wird oft von den „Männern der ersten Stunde“ gesprochen, das stimmt schon, aber nur wenn man das gemeinsame Wirken aller Kräfte in die Betrachtung mit einbezieht. Aber es gab auch die „Frauen der ersten Stunde“ und damit meine ich nicht die Trümmerfrauen. Ihnen oblag der Zusammenhalt und die Entwicklung der Familie, denn die Männer waren in einem unvorstellbaren Einsatz für ihre Firma. Sie hatten ebenfalls einen hohen psychischen und physischen Anteil an der damaligen Entwicklung, denn alles wurde einem Ziel untergeordnet – alles für die folgende Generation und das waren die Kinder, derer, die damals den Neuanfang starteten.“

Gerhard Kühn an seinem 60sten Geburtstag im „Ochsen“ in Oberkochen (Foto: Zeiss Archiv Jena)
Dr. Wolfgang Pfeiffer erinnert sich im Jahr 1996. Am 1. August 1946 begannen die ersten Zeissianer im »neuen« Werk in Oberkochen zu arbeiten, einem damals noch schlichten Industriedorf mit knapp 3.000 Einwohnern. Heute — 50 Jahre danach — zeigt sich Oberkochen seinen Besuchern aus aller Welt als schmucke Stadt: Reizvolle Grünanlagen, gediegene Häuser, moderne Industriebetriebe, Gymnasium und Musikschule, anspruchsvolle Konzerte und ein quirliges Vereinsleben zeigen ebenso wie das Carl-Zeiss-Stadion und ein Hallenbad, dass es sich hier leben lässt.
Blicken wir fünfzig Jahre zurück, sehen wir die Not der Nachkriegszeit und ahnen etwas von Leistungen, die beinahe Berge versetzten und neben Tatkraft und Fantasie viel Idealismus, Mut und Optimismus voraussetzten. Die Entwicklung Oberkochens in dieser Zeit wird nur verständlich, wenn man gut einundfünfzig Jahre zurückblättert.
In der Nacht vom 24. zum 25. Juni 1945 dröhnen die Motoren einer Kolonne amerikanischer Armeelastwagen durch Heidenheim. Sie bringen weder Kriegsmaterial noch Soldaten: Ihre »Lasten« sind die Führungskräfte der Stiftungsunternehmen Carl Zeiss und Jenaer Glaswerk Schott & Gen. mit Familien sowie Möbeln und persönlicher Habe. Diese Umsiedlung war von der amerikanischen Militärregierung befohlen worden, bevor Jena in die russische Besatzungszone eingegliedert wurde.
Die Situation dieser Familien war materiell und psychisch trostlos: Primitivste Unterbringung in verwanzten (nicht Abhöreletronik ist gemeint, sondern Bettwanzen!!) Räumen eines ehemaligen Sammellagers für Umsiedler (in der früheren Polizeischule), dann in Privathäusern zur Untermiete. Es fehlte an Geld, Lebensmitteln und Kleidung. Zunächst gab es auch keine Arbeit, keinen Betrieb, keine realistischen Zukunftsaussichten. Doch das Unternehmen Voith half mit einigen Räumen; in der Zigarrenfabrik Schäfer konnte später ein Stockwerk gemietet werden, und die Firma Piltz stellte leihweise einige Werkzeugmaschinen zur Verfügung. Schließlich erteilte die US-Militärregierung am 26.2.1946 die Betriebserlaubnis für eine Werkstätte zur Reparatur optischer Geräte. Doch all dies waren nur Provisorien.
Nach langer Suche fand sich in Oberkochen eine freigewordene Fabrik, in der die Firma Fritz Leitz Fahrwerke für Messerschmitt-Flugzeuge gebaut hatte. Vor fünfzig Jahren nahmen dort rund 200 Zeissianer die Arbeit auf; ihr Unternehmen »Opton Optische Werke Oberkochen GmbH« wurde dann am 4.10.1946 offiziell gegründet, 1947 in »Zeiß-Opton Optische Werke Oberkochen GmbH« umbenannt und 1953 von Carl Zeiss (seit 1951 mit dem Firmensitz Heidenheim) übernommen. Die verwickelte juristische Nachkriegsgeschichte der Carl-Zeiss-Stiftung, Heidenheim, kann in dieser heimatgeschichtlichen Betrachtung nicht erzählt werden. Die Schott Glaswerke erlitten ein ähnliches Schicksal wie Zeiss und erhielten in Mainz ihren neuen Sitz. Aus diesen Wurzeln ist aufgrund der ungebrochenen Lebenskraft der Carl-Zeiss-Stiftung ein weltweit tätiger Konzern gewachsen, zu dem auch die Jenaer Tochtergesellschaften von Zeiss und Schott gehören und der am Bilanzstichtag (30.9.1995) über 30.000 Menschen Arbeit gab.
Doch 1946 war zunächst das verwahrloste, ausgeplünderte Oberkochener Werk in Ordnung zu bringen, verlagerte Maschinen mussten hertransportiert, neue konstruiert und in Auftrag gegeben werden. All dies war fast unmöglich im verarmten, zerrissenen Nachkriegsdeutschland. Als Motor des Neuaufbaus in Oberkochen galt Dr. Heinz Küppenbender, der sich auf seine Vorstandskollegen Prof. Dr. Walther Bauersfeld und Dr. Paul Henrichs sowie auf enorm motivierte Mitarbeiter verlassen konnte.
Die Wohnungs- und Transportprobleme waren dramatisch. Die zum Teil auf abgelegene Wohnorte verstreute Belegschaft musste mit Omnibussen zur Arbeit gebracht werden. Zeiss beteiligte sich deshalb an der neuen Omnibusverkehrsgesellschaft Heidenheim.

Zeiss-Gelände 1950 mit dem Baubeginn Gewann „Brunnenhalde“ (Archiv Müller)
Am 22. Oktober 1946 befahl die Sowjetische Militärverwaltung die Demontage des Jenaer Werkes von Carl Zeiss. Zahlreiche Arbeiter suchten Zuflucht in Oberkochen, wo sie monatelang auf Dachböden und in Waschräumen des Werkes untergebracht wurden. Das Unternehmen musste handeln: Zunächst wurden die Baracken eines ehemaligen Lagers des Reichsarbeitsdienstes oberhalb von Königsbronn genutzt. (Dort befindet sich heute die »Waldsiedlung«). Dann wurden 1947 und 1948 Baracken auf dem Oberkochener Werksgelände errichtet. Außerdem trieb Zeiß-Opton mit aller Energie den Wohnungsbau voran, zumal der Flüchtlingsstrom nach der Enteignung der Jenaer Werke am 1. Juni 1948 nochmals anschwoll. Ab Frühjahr 1948 zahlte Zeiß-Opton eine Entschädigung an Mitarbeiter, die getrennt von ihren Familien leben mussten.

Vergleiche Zeiss-Gelände 1946 zu 1996 (Archiv Müller)

Zeiss-Gelände Mitte der 50er Jahre – noch mit den berühmten Baracken im Vordergrund (Archiv Müller)
1951 zählte man fast 400 werkseigene oder werksgeförderte Wohnungen. Als die von 1956 bis 1977 tätige Carl-Zeiss-Wohnungsbaugesellschaft verkauft wurde, gab es schon ca. 1.800 von Zeiss erstellte bzw. geförderte Wohnungen und einige hundert durch Werksdarlehen unterstützte Bauten. Firma und Betriebsrat, Staat, Kreise und Gemeinden (Oberkochen, sowie die benachbarten Städte und Orte), Banken, Baugenossenschaften und Baugesellschaften hatten Hand in Hand mit Privatleuten ein Problem gelöst, dessen Dimensionen auch durch folgende Angaben deutlich werden: Bereits 1951 war das neue Unternehmen das größte im damaligen Kreis Aalen, und zwei Drittel der Belegschaft waren Jenaer oder Flüchtlinge. Von 1946 bis 1953 wuchs die Bevölkerung von Oberkochen um 77 %!

Die sog. „Zeiss-Siedlung“ – Oberkochens größtes Wohnprojekt aller Zeiten (Archiv Müller)
In der Pionierzeit von Zeiss in Oberkochen kämpfte die Belegschaft nicht nur mit den bereits geschilderten Wohnungsproblemen, sondern auch mit anderen heute kaum mehr vorstellbaren Widerwärtigkeiten. Zunächst fehlte es an allem, und die Mitarbeiter waren dankbar für jede Hilfe.
Typisch war ein Aushang vom 4.10.1946: »Wir geben als Sonderzuweisung an unsere Lohnempfänger je 1 Pfundpaket Einheitswaschpulver zur Reinigung der Berufskleidung aus. Preis je Paket RM -,35.«
Lebensmittel waren rationiert. In den Wäldern suchte man außer Brennholz natürlich süße Beeren. Aber, wie ließen sich die dürftigen Fettrationen ergänzen? Man sammelte Bucheckern vom Waldboden auf u. gab sie bei Zeiß-Opton ab. Am 23.1.1947 gab die allgemeine Betriebsleitung bekannt, dass eine Ölmühle gegen 8 Pfund erstklassige Bucheckern 1 Liter Öl liefere. Als der Ölmüller eine Sonderzuteilung gewährte, weil man ihm eine Brille besorgt hatte, überlegte der Betriebsrat, wie man dieses Öl in 60-Gramm-Portionen gleichmäßig an die Belegschaft verteilen konnte. So berichtete Heinz Martin, der dem ersten Betriebsrat angehörte und dort fast 35 Jahre lang wirkte, davon 18 Jahre als Vorsitzender. In einem Rechenschaftsbericht vom 27.4.1948 betonte der damalige Betriebsratsvorsitzende Dr. Norbert Günther, dass auswärtige Gäste das Kantinenessen lobten und »dass auf die Abgabe von Kartoffelmarken verzichtet wird«. Die Küchenleitung zauberte zentnerweise Suppenmittel herbei und konnte so täglich bis zu 380 Frühstückssuppen ausgeben.
Die Firmenleitung erkannte schnell, dass sie sich nicht nur um Kunden und Lieferanten, Organisation und Technik sowie um die vielen Sorgen der Mitarbeiter kümmern musste, sondern auch um den Nachwuchs. Schon im Frühjahr 1947 begann die Lehrlingsausbildung, zuerst von jungen Feinmechanikern, ab Ostern 1948 auch von Feinoptikern.
Auch der allerjüngste Nachwuchs wurde nicht vergessen: Im Juni 1946 gelang es, für Kinder Holzsandalen »auf Flickstoffkarte« zu beschaffen.
Ein Aushang vom 9.1.1947 gab bekannt: »Alle Werksangehörigen können für jedes noch nicht schulpflichtige Kind in der Abteilung Wohnungswesen (!) 1 Stück Spielzeug beziehen.«
Der große Tag für die Kleinen kam dann im Frühjahr 1950. Die »Schwäbische Post« schrieb am 24.3.1950: »Tante Maria übernahm Zeiß-Opton-Kindergarten«. Alle Entscheidungen und Maßnahmen jener schwierigen Jahre wären wohl vergebens gewesen, wenn es nicht gelungen wäre, die heterogenen Gruppen der Belegschaft für ein gemeinsames Ziel zu begeistern und die Zugewanderten in das Oberkochener Gemeindeleben zu integrieren. Dazu trug die konstruktive Zusammenarbeit von Vorstand und Betriebsrat ebenso bei wie die gebotenen konkreten Lebenshilfen. Auch das erste Betriebssportfest am 7. Juli 1951 hat sicher atmosphärisch geholfen.
Oberkochener und Zeissianer wirkten auf vielen Ebenen intensiv zusammen, in Kultur und Sport sowie im Vereinsleben. Ein großes Maß guten Willens auf beiden Seiten und das Verständnis der Behörden haben die Integration ebenso erleichtert wie das Wirken vieler Zeissianer in den Gemeinderäten der Region. In einer noblen Geste benannte Oberkochen mehrere Straßen nach bedeutenden Wissenschaftlern und Unternehmern aus der Geschichte von Zeiss und Schott.
Gustav Bosch, einer der Vorgänger von Bürgermeister Traub und heute schon fast so legendär wie jene neue Gründerzeit, sah sowohl die Probleme als auch die Chancen, die das wachsende Unternehmen Carl Zeiss für Oberkochen mit sich brachte. Beim Richtfest für ein großes Firmengebäude sagte er im Oktober 1950, mit diesem Bau habe Zeiss (damals noch »Zeiß-Opton«) zu Oberkochen »Ja« gesagt und die Gemeinde gebe ein aufrichtiges »Ja« zurück. „Sie sind unser Schicksal geworden“, rief er den Zeissianern zu. (Die wirtschaftlichen Schwankungen der letzten Jahrzehnte zeigten, dass Oberkochen sozusagen mit Zeiss ein- und ausatmet.) Landrat Dr. Anton Huber sah in diesem Neubau ein »Zeichen der ungebrochenen Kraft der Firma Zeiss und darüber hinaus unseres Volkes«.
Zwei weitere Höhepunkte der Geschichte Oberkochens hängen zweifellos mit der Ansiedlung eines Betriebes der Carl-Zeiss-Stiftung in Oberkochen vor 50 Jahren zusammen, nämlich der Besuch eines Bundespräsidenten (1954) und die Stadterhebung (1968).
Nach der Enteignung in Jena wurde Heidenheim Sitz der Carl-Zeiss-Stiftung, mit der sich der damalige Bundespräsident Prof. Dr. Theodor Heuss verbunden wusste. Am 1. Mai 1954 enthüllte Prof. Bauersfeld als Senior des Vorstands in Gegenwart des Präsidenten eine Abbé-Büste auf dem Oberkochener Werksgelände. Anschließend hielt Theodor Heuss eine unvergessliche Rede und sagte den Zeissianern: »Die Umpflanzung ist geglückt. Ihr habt hier wieder Wurzeln gefasst.« Er verglich das Wirken der Schwaben Schiller und Hegel an der Universität Jena mit dem der Zeissianer in Oberkochen und war zuversichtlich, »dass auch die ansässigen Schwaben gute Zeiss-Leute werden«.

Bundespräsident Heuss während seiner Ansprache – im Vordergrund die enthüllte Büste von Ernst Abbé (Archiv Müller)

Die Honoratioren im dunklen Zwirn – der Bundespräsident mittig in der ersten Reihe (Archiv Müller)

zum 1. Mai alles herausgeputzt und geschmückt – Menschen und Gebäude (Archiv Müller)
In den folgenden Jahren blühte Oberkochen auf. Es wäre zu kurz gegriffen, würde man die Entwicklung Oberkochens nur mit der Wirtschaftskraft und den namhaften Spenden von Zeiss in Verbindung bringen. Hier ist fairerweise auch an die anderen hiesigen Unternehmen zu denken. Außerdem entwickelte sich nicht nur der Wohlstand, sondern auch ein verfeinertes kulturelles Leben mit Konzerten, Theaterabenden und Vorträgen von hohem Niveau, und Oberkochen sah mehr und mehr bedeutende Tagungen in seinen »Mauern«. Mit der Erhebung zur Stadt am 1. Juni 1968 hat dieser Reifungsprozess von Oberkochen die offizielle Anerkennung der Landesregierung gefunden.
Wir alle hoffen und wünschen, dass die Entwicklung, die am 1. August 1946 unter Schmerzen begann und glanzvolle Höhepunkte sah, unter konsolidierten wirtschaftlichen Bedingungen durch den Schwung und den Optimismus aller Einwohner und Einpendler sowie durch den Erfolg aller Unternehmen sich erfreulich fortsetzen möge. Oberkochen verdient es. Hierbei wird Carl Zeiss als größtes Unternehmen weiterhin Akzente setzen: Oberkochen ist Hauptsitz der Zeiss-Gruppe mit weltweit ca. 13.000 Mitarbeitern und einem Weltumsatz von über 2,5 Mrd. DM im Jahr. Nicht nur Brillenträger und Photographen kennen diesen Namen. Zeiss-Hochtechnologieprodukte aus dem Kochertal schärfen das Profil der Industrieregion Ostalb und werden international eingesetzt: in Operationssälen und in der Weltraumforschung, an Universitäten und in Werkshallen sowie nicht zuletzt bei der Fertigung von Computerchips an der Grenze des technisch Möglichen.

1994 – der neue Bürgermeister trat sein Amt an und schaute erst mal in leere Kassen (Archiv Müller)
Erinnerungen des ehemaligen Bürgermeisters Peter Traub. Ein schweres Erbe trat im März 1994 Bürgermeister Traub an. Zum einen zeigte die damalige Rezession tiefe Spuren in der Region, insbesondere in Oberkochen. So musste beispielsweise die Fa. Beier ihren Betrieb einstellen und rund 100 Beschäftigte freisetzen. Hinzu kamen Sonderfaktoren, die die Situation für die Stadt weiter verschlechterten. So waren durch Steuerrechtsänderungen die Gewerbesteuereinnahmen der Stadt — Hauptzahler Carl Zeiss — um bis zu 90% zurückgegangen. Wesentlicher Faktor war aber die Krise beim größten Arbeitgeber, dem Unternehmen Carl Zeiss, die sich als existenzgefährdend zeigte. Ursächlich waren zum einen Managementfehler, die über viele Jahre hinweg zu Fehlentwicklungen und mangelnder Profitabilität führten.
Zum anderen waren es aber vor allem die Folgen der wiedervereinigungsbedingten Zusammenführung von Carl Zeiss Ost in Jena und Carl Zeiss West in Oberkochen. Produktüberschneidungen, Produktionsüberkapazitäten, wegbrechende Märkte im ehemaligen Ostblock, eine schwächelnde Konjunktur im Westen, zu viel Personal — all das führte bei Carl Zeiss trotz zugesagter Treuhandgelder zu einem rapiden betriebswirtschaftlichen Absturz und zu einer existenziellen Finanznot, an deren Ende der drohende Konkurs stand. Für die Stadt Oberkochen bedeutete dies nicht nur den Wegfall ihrer Gewerbesteuereinnahmen, sondern darüber hinaus die Rückzahlung bereits gezahlter Steuern an das Unternehmen.
Die ehemals florierende Stadt musste den Gürtel gewaltig enger schnallen in den Ausgleichstock des Landes. Die Folge umschrieb der Bürgermeister so: „Die Stadt Oberkochen rutscht jetzt ins Armenhaus“. Hart traf es Oberkochen auch, dass Carl Zeiss seinen jährlichen Zuschuss von 120 000 DM für die Carl-Zeiss-Kindertagesstätte kündigte und die Stadt hierfür trotz großer Finanznot „in die Bresche springen“ musste. Die nach wie vor bestehenden Abhängigkeiten zwischen Carl Zeiss und Oberkochen charakterisierte Traub 1996 so: „Wenn Zeiss hustet, bekommen wir eine Lungenentzündung.“ (Quelle: Klaus J. Becker „Sie sind unser Schicksal“)
Teil 5 kommt in Kürze
Immer auf der Suche, auch nach Firmen-Geschichten – Billie vom Sonnenberg