Schon vor dem Ersten Weltkrieg blühten in Oberko­chen Handwerk und Indus­trie. Bohrer­ma­cher und Hafner dominier­ten, wobei die Bohrer­ma­cher mehr der Indus­trie, die Hafner eher dem Handwerk zuzuord­nen waren. Die Fabri­kan­ten Günther, Leitz, Grupp, Bäuerle und Schmid beschäf­tig­ten in der Zeit um den Ersten Weltkrieg zusam­men­ge­rech­net etwas 120 Arbei­ter, andere Männer fanden einen Broter­werb in weite­ren Oberko­che­ner Betrie­ben oder z.B. in der Papier­fa­brik in Unter­ko­chen bzw. in den Hütten­wer­ken in Wasser­al­fin­gen und Königs­bronn. Wer es sich leisten konnte, fuhr mit der Eisen­bahn zur Arbeit in die Nachbar­or­te, die anderen gingen täglich zu Fuß, z.T. bis nach Wasser­al­fin­gen. Das Hafner­ge­wer­be war in Oberko­chen aller­dings schon vor dem Ersten Weltkrieg im Nieder­gang begrif­fen. In den ersten Jahren des 20. Jahrhun­derts gab es 21 Hafner in Oberko­chen, zehn Jahre später nur noch 17:

  • Wingert, Josef; Heiden­hei­mer Str. 64
  • Müller, Johan­nes; Hasen­gäß­le 5
  • Wingert, Josef; Heiden­hei­mer Str. 54
  • Fischer, Karl (Napole­on); Hdh. Str. 28
  • Fischer, Karl (Herrgotts­häf­ner); Hdh. Str. 12
  • Gold, Johan­nes; Katzen­bach­str. 9
  • Fischer, Franz (Schul­stra­ße); Schul­str. 2
  • Hug, Johan­nes; Schrei­ner­gäß­le 2
  • Hug, Anton; Katzen­bach­str. 21
  • Fischer, Paul; Katzen­bach­str. 29
  • Fischer, Josef; Katzen­bach­str. 31
  • Sapper, Konrad; Katzen­bach­str. 28
  • Schaupp, Josef; Kronen­gäß­le 2
  • Hug, Anton; Aalener Str. 18
  • Fischer, Micha­el; Dreißen­tal­str. 6
  • Gold, Franz; Jäger­gäß­le 3
  • Gold, Anton; Jager­gäß­le 7

Während die Hafne­rei­en Famili­en­be­trie­be geblie­ben waren, entwi­ckel­ten sich die Bohrer­mach­er­werk­stät­ten ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhun­derts zu beacht­li­chen Indus­trie­be­trie­ben: Die bedeu­ten­de Indus­trie Oberko­chens auf dem Gebiet der Holzbe­ar­bei­tungs­ma­schi­nen und ‑werkzeu­ge hat hier ihre Wurzel. In der Zeit um den Ersten Weltkrieg befaß­ten sich zehn Gewer­be­be­trie­be mit der Bohrer­her­stel­lung, sie seien nach ihrem Alter aufgezählt;

  • Bäuerle, Adolf; Heiden­hei­mer Str. 4
  • Bäuerle, Wilhelm; Aalener Str. 47
  • Leitz, Albert; Beim Ölweiher
  • Grupp, Wilhelm; Heiden­hei­mer Str. 100
  • Schmid, Jakob; Dreißen­tal­str. 7 (19)
  • Oppold, August; Heiden­hei­mer Str. 84
  • Wannen­wetsch, Karl; Aalener Str. 44
  • Schoch, Johan­nes; Mühlstra­ße 5
  • Wirth, Max; Aalener Str. 38
  • Sapper, Wilhelm; Katzen­bach­str. 25

Die Produk­ti­ons­pa­let­te umfaß­te verschie­de­ne Sorten von Bohrern: Astloch­boh­rer, Nagel­boh­rer, Winden­boh­rer usw. Als Rohma­te­ri­al diente Vierkant- oder Rundstahl. Das Herstel­len eines Bohrers erfor­der­te mehre­re Arbeits­gän­ge. Zuerst war das Stahl­stück “vorne flach und hinten rund” zu schmie­den. Im nächs­ten Arbeits­gang wurde das geschmie­de­te Stahl­stück vorge­schlif­fen. Daran schloß sich die wichtigs­te Tätig­keit beim Herstel­len eines Bohrers an: das Feilen des Gewin­des an der Spitze des Stahl­stü­ckes. Dazu saßen die Bohrer­ma­cher auf einem “Dreibock”, sie hatten vor sich in einen Schraub­stock ein Stück Holz mit einer einge­fräß­ten Nute einge­spannt. Auf dieses Holzstück stütz­ten sie ihren Bohrer, während sie von Hand mit einer Flach­fei­le das Gewin­de einfeil­ten. Entwe­der mußte ein Doppel­ge­win­de (“zweimal rum um den Bohrer”) oder ein Einfach­ge­win­de (“einmal rum”) entste­hen. Nachdem das Gewin­de fertig­ge­stellt war, wurden die Bohrer durch Glühen gehär­tet, danach “abgeschreckt” (in Wasser, Seifen­was­ser oder Öl) und am Schluß poliert. Einige Bohrer erhiel­ten vom Drechs­ler einen Holzgriff (“Heft”). Andere Bohrer wurden so gearbei­tet, daß sie in größe­re Geräte einge­spannt werden konnten.

Ursprüng­lich verrich­te­te jeder Bohrer­ma­cher alle Arbeits­gän­ge — vom Schmie­den bis zum Polie­ren — selbst. Mit fortschrei­ten­der Indus­trie­ali­sie­rung drang jedoch die Arbeits­tei­lung immer weiter vor, und die Tätig­keit des Bohrer­ma­chers reduzier­te sich auf das Feilen der Gewinde.

Einschließ­lich der 17 Hafner waren vor dem Ersten Weltkrieg etwa 65 selbstän­di­ge Handwer­ker­fa­mi­li­en in Oberko­chen ansäs­sig. Damit war etwa jeder fünfte Erwerbs­tä­ti­ge “sein eigener Chef”. Dieser Anteil entspricht dem Durch­schnitt im damali­gen Deutschen Reich. Außer den Hafnern und den Bohrer­ma­chern produ­zier­ten die meisten Handwer­ker für den örtli­chen Bedarf. Viele hatten zusätz­lich eine kleine Neben­er­werbs­land­wirt­schaft. Hier die Selbstän­di­gen, nach der Erinne­rung von Herrn Wunder­le, im Einzelnen:

Beruf Anzahl Name

Hafner 17: s.o.
Bohrer­ma­cher 10: s.o.
Schrei­ner 5: Karl Fischer, Micha­el Frank, August Hug, Josef Mauser, Karl Speth
Schuh­ma­cher 5: Josef Brunn­hu­ber, Karl Holz, Chris­ti­an Kopp, Johann Kopp, Josef Tritt­ler
Bäcker 3: Willi­bald Geissin­ger, Georg Wannen­wetsch, Karl Widmann (Storchen­bäck)
Bierbrau­er 3: Georg Nagel (Hirsch), Ludwig Trick (Ochsen), Eugen Winter (Schell)
Gärtner 3: Josef Brand­stet­ter, Franz Holz, Anton Mahler
Metzger 3: Paul Betzler, Fried­rich Reber, Jakob Schnei­der
Müller 3: Karl Elser (Kreuz­müh­le), Kaspar Schee­rer (Untere Mühle), Stadel­mai­er (Obere Mühle)
Schmie­de 3: Karl Maier (Kirchen­schmied), Paul Oppold, Josef Weber (Kohlschmied)
Wagner 3: Anton Bezler, Franz Bezler, Josef Holz
Küfer 2: Franz Gold, Anton Wunder­le (der auch eine Moste­rei betrieb)
Maurer 2: Anton Tritt­ler, Franz/Johannes Wingert
Sattler 2: Chris­ti­an Bauer, Karl Seitz
Schnei­der 2: Anton Fischer, Stroh­mai­er, Josef-/Anselm
Schlos­ser 2: Johan­nes Elmer, Micha­el Fritz
Glaser 1: Paul Wingert
Holzdrechs­ler 1: Josef Wingert
Mühlen­bau­er 1: Josef Mauser
Uhrma­cher 1: Paul Hofmann
Ziegler 1: Karl Gold
Zimmer­mann 1: Bernhard Brunnhuber

Die meisten Handwer­ker betrie­ben ihre Werkstatt in ihrem Wohnhaus. Sie schrie­ben für jeden Kunden nur einmal im Jahr eine Rechnung, in der alle für diese Perso­nen ausge­führ­ten Tätig­kei­ten aufge­lis­tet waren.

Die Arbeit der Schmie­de, ein in dieser Form heute fast ausge­stor­be­ner Berufs­stand, war für die Bewoh­ner des Ortes unent­behr­lich. Sie beschlu­gen z.B. die Pferde und dingel­ten in der Ernte­zeit die “Säges” (Sensen­blät­ter). Das weithin klingen­de Geräusch beim Klopfen und Hämmern des Metalls auf dem Amboß war eine häufig erklin­gen­de “Dorfmu­sik”.

Einen Medizi­ner gab es um 1910 in Oberko­chen noch nicht. Wenn jemand erkrank­te und ein Arzt nötig zu sein schien, beauf­trag­te man meist den Hirsch­wirt damit, den Doktor aus einer der Nachbar­ge­mein­den, meist Dr. Schmidt aus Unter­ko­chen, zu holen. Der Wirt war für diese Aufga­be ausge­rüs­tet, denn “der hatte einen Gaul”. Der nächs­te Zahnarzt prakti­zier­te in Aalen.

In den dreißi­ger Jahren war haupt­säch­lich der Königs­bron­ner Arzt Dr. Luben­au für die medizi­ni­sche Versor­gung Oberko­chens zustän­dig. Er besuch­te seine Patien­ten zu Fuß oder per Fahrrad. Später fuhr er einen großen sechs­sit­zi­gen “Adler”, mit dem er auch “liegen­de Kranken­trans­por­te” durch­füh­ren konnte. Die Oberko­che­ner Buben haben sich oft staunend die Autokon­struk­ti­on betrach­tet, wenn der Doktor auf Visite war und seinen Wagen vor einem Haus abgestellt hatte. Die Mädchen­emp­fan­den vor dem “weißen Schutz” des Arztes meist großen Respekt und hielten sich mehr im Hinter­grund. Insge­samt war der Doktor aber bei allen Kindern beliebt. So durften sich z.B. am Oster­sonn­tag alle kleinen Patien­ten, die in der Oster­zeit krank gewesen waren, bei ihm in Königs­bronn einen “Oster­ha­sen” abholen.

Dr. Luben­au wird als ein “aufrech­ter, großer Mann” geschil­dert, und noch heute ist über ihn in Oberko­chen manche kleine Geschich­te bekannt. Sol läute­te nach Mitter­nach ein Betrun­ke­ner au Oberko­chen “Sturm” an der Nacht­glo­cke des Arztes. Dr. Luben­au, der schon zu Bett gegan­gen war, trat ans Fenster und forsch­te nach der Ursache des nächt­li­chen Lärms. Von unten rief ihm eine Stimme entge­gen: “I hau d’Ara aa!” (Ich habe den Arm gebro­chen!). Da jedoch Dr. Luben­au als Ostpreu­ße zeitle­bens mit dem schwäb­si­chen Dialekt Schwie­rig­kei­ten hatte, war ihm de rZuruf völlig unver­ständ­lich. Er fragte ein zweites Mal nach und erhielt diesel­be, im rätsel­haf­te Antwort. Nach dem dritten “I hau d’Ara aa!” entgeg­ne­te der Arzt: “ich verste­he immer nur trara!” und ging zu seinem nächt­li­chen Patien­ten hinun­ter. Seit dieser Begeben­heit trug Dr. Luben­au den Spitz­na­men “Dr. Trara”. Er ist nach einem halben Jahrhun­dert noch vielen MItbür­gern als “feiner Doktor, den man bloß loben kann” und als zurvor­kom­men­der netter Herr, der zu vielen Patien­ten “wie ein Vater” war, der aber auch genau wußte, was er wollte und dessen Thera­pie man sich fügen mußte, in bester Erinnerung.

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg ließ sich in Oberko­chen mit Dr. Sußmann ein Arzt nieder.

Einige zusätz­li­che Handwerks­be­ru­fe wurden nach dem Ersten Weltkrieg in Oberko­chen heimisch. Der erste ortsan­säs­si­ge haupt­be­ruf­li­che Friseur war ab 1926 Erwin Wanner. Davor schnitt Josef Elmer, der Bruder des Gründers der Hafne­rei Elmer, die Haare der Oberko­che­ner. Josef Elmer, arbei­te­te zunächst in der Ziege­lei Gold und später bei der Gemein­de; neben­be­ruf­lich war er bis etwas 1930 “Bader” (Barbier) und Nacht­wäch­ter. Ein Kondi­tor war schon sehr früh in Oberko­chen ansäs­sig. Er übte aber mangels Nachfra­ge seinen Beruf nicht aus. Dabei handel­te es sich um Posthal­ter Hermann Späth, der in Oberko­chen vor der Errich­tung des heuti­gen Postam­tes (1928) für die Postge­schäf­te zustän­dig war. Das Flasch­ner­ge­wer­be hielt im Jahre 1934 durch Walter Borst seinen Einzug.

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