Zwei kriege­ri­sche Ereig­nis­se beein­fluß­ten die Entwick­lung Oberko­chens beson­ders stark: der Dreißig­jäh­ri­ge Krieg und der Zweite Weltkrieg. Während Oberko­chen vor dem Beginn des Dreißig­jäh­ri­gen Krieges mehr als 600 Einwoh­ner zählte, lebten nach dieser Zeit vorsich­tig geschätzt (nach Akten des Haupt­staats­ar­chivs Stutt­gart) nur noch etwa 100 Perso­nen im Ort. Oberko­chen gehört damit zu den von diesem dreißig­jäh­ri­gen Menschen­mor­den am härtes­ten betrof­fe­nen Orten überhaupt. Ein ganzes Jahrhun­dert verging, bis sich Oberko­chen von diesem Schlag erholt hatte.

Die Folgen des Zweiten Weltkrie­ges waren völlig andere. Die Bevöl­ke­rung wurde nicht dezimiert, obwohl viele Gefal­le­ne zu bekla­gen waren und in Oberko­chen selbst in der ersten April­hälf­te 1945 16 Zivil­per­so­nen durch Tiefflie­ger­an­grif­fe getötet wurden und in der zweiten April­hälf­te zwei Solda­ten ums Leben gekom­men sind. Im Gegen­teil, Oberko­chen trat schon vor dem Zweiten Weltkrieg in eine überaus stürmi­sche, ja explo­si­ons­ar­ti­ge Wachs­tums­pha­se ein. Die lands­mann­schaft­li­che, konfes­sio­nel­le, sozia­le und familiä­re Struk­tur des alten Ortes änder­te sich schlag­ar­tig durch den Zustrom tausen­der Neubür­ger. Neue Dialek­te hielten Einzug, andere Speisen und Gerich­te (z.B. Pilzspei­sen) kamen auf, das “klassi­sche” Zahlen­ver­hält­nis zwischen katho­li­schem und evange­li­schem Bevöl­ke­rungs­teil von zwei zu eins verschob sich, die Zahl der Konfes­si­ons­lo­sen stieg, die Zahl der Indus­trie­ar­beits­plät­ze nahm stark zu, paral­lel dazu verlor die Landwirt­schaft ihre ehemals wichti­ge Positi­on. Das alles führte zu einer zuneh­men­den “Verstäd­te­rung” Oberko­chens, die augen­fäl­lig durch die Stadt­er­he­bung im Jahre 1968 dokumen­tiert ist. Das schuli­sche, kultu­rel­le, vereins­mä­ßi­ge und sport­li­che Angebot erfuhr eine starke Erwei­te­rung: Auf dem schuli­schen Sektor sind neben der Dreißen­tal­schu­le z.B. das neu in Oberko­chen entstan­de­ne Gymna­si­um, die Tierstein­schu­le, die Sonnen­berg­schu­le und die Musik­schu­le zu nennen. Außer­dem wurden Sport­plät­ze, Turnhal­len sowie ein Hallen­bad gebaut, es entstand eine neue evange­li­sche Kirche und ein katho­li­sches Gemein­de­zen­trum. In einem Satz: Nach 1945 ist in Oberko­chen eine stürmi­sche Aufwärts­ent­wick­lung zu beobachten.

Doch jede Medail­le hat zwei Seiten, und das trifft auch für die Entwick­lung Oberko­chens zu. Viele ältere Bürger erinnern sich noch gerne an die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Damals war alles ruhiger, nicht so hektisch und hastig wie heute; man kann sagen, alles war familiä­rer:
“Halb Oberko­chen war mitein­an­der verwandt”, “jeder kannte jeden” und “man hielt zusam­men”. Es sei trotz Armut und Stren­ge eine glück­li­che Zeit gewesen.

Die Haupt­ur­sa­che für die sprung­haf­te Entwick­lung Oberko­chens nach dem Zweiten Weltkrieg ist zweifel­los in der Ansied­lung der Carl-Zeiss-Werke aus Jena zu suchen. Einen großen Teil seiner heuti­gen Bedeu­tung verdankt Oberko­chen der optischen Indus­trie. Dieser Wirtschafts­zweig versetz­te der Gemein­de einen gewal­ti­gen Entwick­lungs­stoß, so daß Oberko­chen die höchs­te Wachs­tums­ra­te im Südwest­staat erreich­te. Trotz­dem wäre es falsch zu glauben, Oberko­chen sei vor der Ansied­lung der Firma Carl Zeiss unbedeu­tend gewesen. Die Gemein­de besaß schon im 19. Jahrhun­dert eine blühen­de und wegen ihrer hochwer­ti­gen Produk­te weithin bekann­te Hafner­tra­di­ti­on. Haupt­säch­lich aber hatte sich in Oberko­chen nach 1850 eine quali­ta­tiv hochste­hen­de und bedeu­ten­de Indus­trie mit einem Schwer­punkt auf dem Sektor der Holzbe­ar­bei­tungs­ma­schi­nen und ‑werkzeu­ge entwi­ckelt. Diese Firmen boten 1939 etwa 1.000 Perso­nen Arbeit, während Oberko­chen 2.000 Einwoh­ner zählte. Die Gemein­de war also schon vor 1945 ein wichti­ger Industrieort.

Ein Blick auf die Entwick­lung der Einwoh­ner­zah­len zeigt, daß auch die Bevöl­ke­rungs­explo­si­on in Oberko­chen nicht erst nach 1945 einge­setzt hat, sondern schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Abbil­dung 10: Bevöl­ke­rungs­ent­wick­lung Oberkochens

Die Abbil­dung zeigt deutlich den schwe­ren Einbruch der Bevöl­ke­rungs­zahl in der Zeit um bzw. direkt nach dem Dreißig­jäh­ri­gen Krieg und deren langsa­mes Anstei­gen, das um 1900 durch verstärk­te Auswan­de­rung kurz unter­bro­chen wird. Nach 1900 beginnt eine rasan­te Entwick­lung: Die Einwoh­ner­zahl verdrei­facht sich von 1.000 auf 3.000 in 45 Jahren. Nach der Ankunft der Zeiss-Werke beschleu­nigt sich das Wachs­tum weiter. In den 15 Jahren von 1946 bis 1961 war fast wieder eine Verdrei­fa­chung zu verzeich­nen. Nach dem Bau der Berli­ner Mauer nahm der Zuwan­de­rer­strom nach Oberko­chen merklich ab.

Paral­lel zum Wachs­tum der Bevöl­ke­rung wurden in Oberko­chen immer neue Wohnge­bie­te erschlossen.

Das Zusam­men­wach­sen der “Alt Oberko­che­ner” mit den Neubür­gern zu einer völlig neuen Gemein­de ging nicht immer ohne Schwie­rig­kei­ten vonstat­ten. Auf beiden Seiten gab es anfäng­lich Vorur­tei­le und Unver­ständ­nis, wenn auch inzwi­schen vielfäl­ti­ge freund­schaft­li­che Bezie­hun­gen bestehen. Neben dem Dialekt liegt ein Unter­schied zwischen Alt und Neu-Oberko­che­nern im Wissen um die Vergan­gen­heit der jewei­li­gen Gruppe.

Der vorge­leg­te Band sollte Erinne­run­gen an das Alltags­le­ben frühe­rer Genera­tio­nen aufzeich­nen und damit aufbe­wah­ren helfen, soweit sie bei den älteren Mitbür­gern noch vorhan­den sind. In der Vergan­gen­heit liegen die Wurzeln unserer heuti­ge Situation.

Zur Verstän­di­gung und zum Verständ­nis der Bürger unter­ein­an­der haben viele Einzel­per­so­nen, viele Verei­ne und sonsti­ge Insti­tu­tio­nen beigetra­gen.
Stell­ver­tre­tend für alle ist das Wirken von Bürger­meis­ter Gustav Bosch zu nennen, der die Geschi­cke Oberko­chens in den stürmi­schen Jahren von 1948 bis 1978 lenkte.

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