Verschiedene Nebenerwerbsmöglichkeiten bot der Wald. In diesem Zusammenhang ist zuerst die Realgenossenschaft mit dem großen Genossenschaftswald zu nennen. Dieser umgibt neben dem Staats- und dem Gemeindewald Oberkochen und steht z.B. am Rodsteinhang und am Volkmarsberg in Richtung Essingen. Es gibt schon seit langer Zeit 93 “Realrechte”, die vor dem Jahre 1866 “Bürgerrecht” genannt wurden. Der Gewinn, den “die Real” durch den Holzverkauf erwirtschaftet, wird nach Abzug der Unkosten für Aufforstung, Wegebau u.a. an die Besitzer der Realrechte ausgeschüttet.
Die Zuteilung des Holzes der Realgenossenschaft fand in Form der “Holzverlosung” statt. Das Holz wurde zu diesem Zweck im Wald in einer “langen Schlange von Beigen” hintereinandergesetzt. Jeder “Holzbeig” erhielt eine Nummer, die danach unter den Realrechtbesitzern ausgelost wurde. Die Holzverlosung bot jedes Jahr Anlaß für ein großes Fest in einem der Wirtshaussäle.
Doch auch die Bauern, die kein Realrecht besaßen, fanden in den Wäldern zeitweise eine Verdienstmöglichkeit und zwar durch Fuhrdienste. Gegen ein gewisses Entgelt wurde Holz vom Wald zum Bahnhof geführt. Im Wald waren von Hand die etwa einen Meter langen Holzstämme auf ein leiterwagenähnliches Gefährt zu laden und von zwei Kühen, Ochsen oder Pferden ins Tal zu ziehen. Einige “Fuhrwerkbuben” mußten dabei mithelfen. Das Holz wurde am Bahnhof abgeladen und kam dann als Brennholz per Güterzug nach Stuttgart. Fuhrdienste konnten natürlich nur von denjenigen Bauern geleistet werden, die entsprechende Zugtiere besaßen. Die “Kühbauern” holten “Schlagholz” (Stangen, Reisig) aus dem Wald.
Eine dritte Möglichkeit, aus dem Wald einen kleinen Gelderwerb zu ziehen, war der Verkauf von “Wellen”. Um Wellen zu produzieren, mußte man zuerst einen Schlag Holz kaufen. Dann sammelte man in diesem Schlag dünne Reisigäste, die etwa bis zu drei Zentimetern dick sein durften und die, wenn es nötig war auf ungefähr einen Meter Länge gekürzt wurden. “Ein Arm voll” solcher Äste wurde mit Draht zu einer Welle zusammengebunden: die dicken Äste außen, die dünnen innen. 100 Wellen lud man im Wald auf einen Wagen, der von zwei Kühen, Ochsen oder Pferden nach Aalen auf den Markt gezogen wurde. Wenn dort ein Käufer für diese 100 Wellen gefunden und ein Preis ausgehandelt war, mußte die Ladung zu dessen Haus gefahren und abgeladen werden.
Wer keine Nutzungsrechte am Wald besaß und auch keine Zugtiere für Fuhrdienste zur Verfügung hatte, konnte durch Waldarbeit — besonders im Herbst und Winter — die Familienkasse ein wenig aufbessern.
Manche Frauen führten, um nebenher etwas Geld zu verdienen, in ihren Wohnhäusern einen kleinen Einkaufsladen (“Gemischtwarenhandlungen”). Es gab etwas 20 solcher “Lädla”, die man sich (von Ausnahmen abgesehen) oft noch kleiner vorstellen muß als das, was man heute unter einem “Tante-Emma-Laden” versteht. Diese Läden verfügten — auch hier wieder von einigen Ausnahmen abgesehen — nicht über Schaufenster mit attraktiv aufgebauten Auslagen; üblicherweise genügten “normale” Fenster. Der Einkaufsladen bestand aus einem kleinen Raum mit Regalen. Nie fehlte eine Waage mit vielen Gewichten. Zu kaufen gab es fast alles: Mehl, Grieß, Bonbons, Knöpfe, “Wagenschmiere”, Schuhwichse, Zucker, Käse, Kaffee, Erdöl, usw. (Mit “Erdöl” wurde damals das Petroleum bezeichnet.) Die Einkaufsartikel in den Läden waren nicht, wie heute üblich, fertig abgepackt, sondern standen in großen Säcken oder entsprechenden Behältern im Laden. So fand sich Salz in einem Rupfensack, und Essig wurde im Faß gelagert. Die jeweils gewünschte Menge wurde für jeden Kunden “herausgewogen”, und wenn die Kinder fürs Vesper des Vaters “für sechs Pfennig Backsteinkäse” holen mußten, dann schnitt die Frau im Laden ein entsprechend großes Stück ab,
Es gab übrigens auch schon damals einen kleinen Stoffladen in Oberkochen, dort wurde hauptsächlich Weißzeug verkauft. Dieser Laden befand sich im heutigen Hause Heidenheimer Straße 22 (Familie Trittenbach) und gehörte der Witwe Steinle und Maria Fischer.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wohnten Familienväter im Ort, die nicht jeden Tag Arbeit hatten: z.B. die Tagelöhner. Diese suchten sich Arbeit, wo immer sich eine Möglichkeit bot. Sie halfen etwas beim Ernteeinbringen, beim Heuen, bei der Waldarbeit, sie hüteten Kühe, Schafe oder Gänse und manchmal fanden sie in den Hafnerwerkstätten eine Beschäftigung.
An eine weitere Einnahmequelle, die es heute schon längst nicht mehr gibt, ist noch zu erinnern. Gemeint sind die “Steineklopfer”, die von ihrer Arbeit nur “armselig” leben konnten. Neben den Tagelöhnern übten betagte Männer — selten auch Frauen — diese Tätigkeit aus, um ihren Lebensabend zu finanzieren. Aus den Steinbrüchen um den Ort (z.B. Langert, Loach, Langteich) wurden große Steine herausgebrochen und an die Baustellen transportiert. Die Steineklopfer schlugen mit Hämmern einzelne Stücke von den großen Kalksteinen ab und zerkleinerten diese in einem zweiten Arbeitsgang. Die abgesplitterten kleinen Steinen fanden beim Straßenbau Verwendung.