Der Dinkel trägt verschie­de­ne Namen. Oft wird er als “Kernen” oder “Korn” bezeich­net, manch­mal heißt er auch “Veesen” oder “Spelz”. Über viele Jahrhun­der­te hinweg war er in Gegen­den mit rauhe­rem Klima (z.B. auf der Schwä­bi­schen Alb) das dominie­ren­de Getrei­de. Ortsna­men wie Dinkels­bühl (Erhebung, auf der Dinkel angebaut wird), in dessen Stadt­wap­pen drei Dinkeläh­ren zu sehen sind, oder Dinkels­hau­sen unter­strei­chen die große Bedeu­tung dieser Getrei­de­art. Die Vormacht­stel­lung des Dinkel begann nach dem Ersten Weltkrieg abzubrö­ckeln. Er wurde vom Weizen verdrängt.

Der Dinkel war früher schon deshalb in unserer Gegend konkur­renz­los, weil er von Natur aus beson­ders wetter­hart ist. Beim Weizen bedurf­te es langer Züchtungs­ver­su­che, bis er in unserem Klima gedei­hen konnte und nicht mehr “verfror” bzw. “auswin­ter­te”. Durch weite­re Züchtun­gen stieg der Ertrag des Weizens stark an. Beim Dinkel, der mit dem Weizen verwandt ist, gelan­gen solche Züchtungs­er­fol­ge nicht. Weder Kreuzungs- noch Verede­lungs­ver­su­che zeigten zufrie­den­stel­len­de Resul­ta­te. So ließ ab dem Ersten Weltkrieg der Weizen den Dinkel ertrags­mä­ßig weit hinter sich, und er gedieh auch in rauhe­rem Klima. Als sich das gezeigt hatte, übernahm der Weizen bald die führen­de Positi­on. Der Dinkel konnte sich nur in ganz wenigen Gegen­den halten, deren Klima auch für den weiter­ge­züch­te­ten Weizen noch ungeeig­net war.

Um so bemer­kens­wer­ter scheint es deshalb zunächst, daß der Dinkel in den letzten Jahren in Oberko­chen wieder angebaut wurde. Der Grund ist jedoch klar. Dinkel gilt auch heute noch als sehr gesund. In diesem Punkt übertrifft er den wirtschaft­lich deutlich überle­ge­nen Weizen. Dinkel soll sich positiv auf das allge­mei­ne Wohlbe­fin­den auswir­ken und die mensch­li­chen Wider­stands­kräf­te erhöhen. Schon in kleinen, regel­mä­ßi­gen Mengen kann er gute Wirkun­gen haben und bei Verdau­ungs­pro­ble­men oder Nieren­be­schwer­den helfen.

Doch bevor man den Dinkel essen kann, muß er gemah­len werden. Es ist kein einfa­cher Vorgang, aus dem geern­te­ten und gedro­sche­nen Dinkel das Mehl herzu­stel­len, denn vor dem Mahlen steht das “Dinkel­ger­ben”. Die Kronen des gedro­sche­nen Dinkel­korns sind von Spelzen umschlos­sen. Diese zu besei­ti­gen, bezeich­net der Fachmann als “Gerben”. Außer­dem wird der Dinkel noch “geputzt”. Das Gerben geschieht maschi­nell, mußte im letzten Jahrhun­dert aber noch von Hand vorge­nom­men werden. Im Prinzip wird dabei der Dinkel so lange hin und her gerüt­telt, bis Spelzen und Staub entfernt sind. In der Unteren Mühle ist heute noch eine Gerbma­schi­ne aus dem Jahr 1907 in Betrieb. Nach dem ersten Durch­gang durch diese Maschi­ne gelangt der Dinkel in einen sechs­kan­ti­gen Staub­zy­lin­der, in welchem er vom groben Staub befreit wird. Danach läuft er wieder in die Gerbma­schi­ne zurück. Dort werden die noch verblie­be­nen Spelz­res­te entfernt. Der Dinkel passiert anschlie­ßend weite­re Maschi­nen, bis er vollstän­dig gerei­nigt ist.

Nach dem Gerben folgt das Mahlen des Dinkels. Nach einem ersten Mahlvor­gang läuft der Dinkel über den sogenann­ten “Plansich­ter”. Dort wird “das heraus­ge­siebt, was noch kein Mehl ist” und läuft in die Walzen­stüh­le zurück. Dieser Vorgang, wieder­holt sich so lange, bis alles gemah­len ist.

Als der Dinkel in unserer Gegend noch die wichtigs­te Getrei­de­art war, gab es viele Dinkel­re­zep­te. Natür­lich wurde das Brot aus Dinkel gebacken. Dieses Getrei­de war aber auch Grund­la­ge verschie­de­ner anderer Speisen. Erinnert sei nur an die diver­sen Dinkel­sup­pen und an den “Häber­nen­brei”. Dieser Brei besteht aus Dinkel­schrot, der mit Milch gekocht wird. Der “Häber­nen­brei” ist dem Grieß­brei ähnlich und war als kräfti­ges Frühstück beliebt. Die Hausfrau­en runde­ten seinen Geschmack gerne mit etwas Zucker bzw. Honig und Zimt ab.

Ob die neu aufge­blüh­te Dinkel­tra­di­ti­on in Oberko­chen weiter­be­stehen wird, scheint ungewiß, obwohl der hiesi­gen Dinkel­zucht weit über die Grenzen unseres Bundes­lan­des hinaus Beach­tung geschenkt wird.

Abbil­dung 7: Dinkel­gerb­ma­schi­ne der Unteren Mühle

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