„Billie“ (vom Sonnen­berg) – Wilfried „Wichai“ Müller aus der Sonnen­berg­stra­ße 34
Ich bin der ältes­te Sohn vom „Hebam­men-Schorsch“ Georg Müller aus Brastel­burg und seiner Ehefrau Hilde­gard Pavlat aus Mährisch-Aussee/­Su­de­ten­land (heute Usov Tsche­chi­en). Der Name geht auf meinen frühe­ren Deutsch­leh­rer Rudolf Thiem am damali­gen Pro-Gymna­si­um zurück. Meine Aufsät­ze waren auffäl­lig und basier­ten z.T. auf Leseer­leb­nis­sen von Western­hef­ten (u.a. Billy the Kid) und reich­lich Fanta­sie. Aus diesem Grund verpass­te mir der Lehrer bei einem Wander­tag diesen Namen (Da ich aber kein „Y“ am Ende mag, habe ich den Billie mit „ie“ kreiert). Beruf­lich verbrach­te ich mein Leben bei der Marine (Logis­tik auf dem Zerstö­rer „Mölders“ – das Schiff ist heute im Marine­mu­se­um in Wilhelms­ha­ven zu besich­ti­gen) und bei Leitz (in der Organi­sa­ti­on sowie bei weltwei­ten IT-Einsät­zen in der LEITZ-Welt) und sammel­te, außer Berufs­er­fah­rung, reich­lich See- und Flugmei­len. Ich schrei­be seit 2006 für den Heimat­ver­ein und das Amtsblatt heimat­kund­li­che Berich­te (bisher über 222 an der Zahl). Den zweiten Namen „Wichai“ erhielt ich während meiner zahlrei­chen Reisen nach Thailand, weil die dort leben­den Menschen ein sprach­li­ches Problem mit den Buchsta­ben “r, l und n“ haben und „Wifid“ hat mir gar nicht gefal­len. Meine erste Frau La-ied (geb. Wefer) ist die erste Thailän­de­rin, die in Oberko­chen sesshaft wurde (damals in den 70ern gab es eine Thai mit Namen Rosch­ke in Königs­bronn und eine namens Schnei­der in Fachsen­feld, die Frau vom Kunst­stoff-Schnei­der). La-ied stammt von einem Deutschen und einer Thailän­de­rin aus Bangkok ab. Ihr Großva­ter hieß Bernhard Wefer, kam Ende des 19ten Jahrhun­derts mit der Marine nach Bangkok, muster­te dort ab und blieb für den Rest seines Lebens in Bangkok (was Oliven- „gkok“ und dorf „ban“ bedeu­tet). Er heira­te­te die Thailän­de­rin Fanny. Sie hatten 4 Kinder und gaben ihnen die Namen Leila, Albert, Bertha und Arthur (der Vater von La-ied). In den 80ern durfte sie als Statis­tin in einem TV-Film mitwir­ken und bekam dafür satte 600 DM für „einmal durchs Bild laufen“. In frühe­ren Zeiten hätte man mich am Ort wohl zum „Thailand-Müller“ gemacht. Zu Billies Leben siehe auch die Berich­te 595 bis 597 und 680.

25. August 1978 – Wilfried „Billie“ Müller“ heira­te­te La-ied Wefer aus Bangkok – die erste Thailän­de­rin in Oberko­chen (Archiv Müller)

„Bilz und Bilzhüt­te“ – Gebiet im Wald
Die Bilz ist ein knapp drei Kilome­ter westlich von Oberko­chen im hinte­ren Tiefen­tal gelege­nes und an die Gemar­kung von Essin­gen grenzen­des Waldge­biet. Seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhun­derts bis Anfang des 19. Jahrhun­derts befand sich dort eine Siedlung von Einwan­de­rern aus Öster­reich. Aus dieser Zeit sind noch das Funda­ment eines Stein­hau­ses, „Bilzhaus“ genannt, sowie ein Regen­was­ser­sam­mel­be­cken, „Bilzhül­be“ genannt, erhal­ten. Das zwischen 1989 und 2003 ausge­gra­be­ne Bilzhaus ist ein Archäo­lo­gi­sches Denkmal in Baden-Württem­berg. Die Bilz ist seit dem Beginn des 13. Jahrhun­derts als Siedlung belegt. Im Dreißig­jäh­ri­gen Krieg ging die Einwoh­ner­zahl Oberko­chens von ca. 500 auf ca. 100. Diese Ausdün­nung der Bevöl­ke­rung verur­sach­te in der Folge­zeit eine Einwan­de­rungs­wel­le. Nach Oberko­chen kamen fast ausnahms­los Katho­li­ken aus Kärnten, der Steier­markTirol und dem damali­gen Fürst­erz­bis­tum Salzburg. Den Ärmeren unter den Einwan­de­rern wurde die Möglich­keit gegeben, sich in der Bilz nieder­zu­las­sen. Darüber gibt es reich­lich „Stoff“ in den Berich­ten 81, 84, 86, 111, 125, 275, 288 und 325.

„Bilzhan­nes“ – Mathi­as Widen­hö­fer aus dem Hasen­gäss­le 6
Der Bilzhan­nes, geboren am 25. Juni 1780, war ein sagen­um­wo­be­ner FlurWald­Schütz, der in der Bilz wohnte und im Auftrag der Gemein­de Oberko­chen den Wald und das Wild zu beauf­sich­ti­gen hatte. In den Ort Oberko­chen kam er nur im Winter, um Brot und Brannt­wein zu holen. Ein schwar­zer Schlapp­hut, strup­pi­ges, langes Haar und ein Kinnbart ließen den Bilzhan­nes etwas unheim­lich ausse­hen. Er sei ein Trinker, aber auch ein beson­ders guter Treiber auf Jagden gewesen. Im Novem­ber 1810 nahm er an einer könig­li­chen Treib­jagd teil. König Fried­rich I. von Württem­berg sei in das Bilzhaus gekom­men, wo der alte Kachel­ofen stark rauch­te. Als es unerträg­lich wurde, habe der König gerufen: „Aber Hannes, du hast einen lumpi­gen Ofen, da hält es der Teufel nicht aus.“ Mit einem Ast habe er den Kachel­ofen umgesto­ßen und zertrüm­mert. Schließ­lich habe der König den verstör­ten Bilzhan­nes mit mehre­ren Silber­ta­lern beschwich­tigt und ihm später einen gussei­ser­nen Ofen aus der Gieße­rei in Königs­bronn schicken lassen. Mit größter Wahrschein­lich­keit handel­te es sich beim Bilzhan­nes um den am 25. Juni 1780 in Oberko­chen gebore­nen Mathi­as Widen­hö­fer. In Oberko­che­ner Urkun­den wird er auch mit den Vorna­men „Mattes“, „Matthi­as“, „Matthä­us“ und dem Nachna­men „Widen­hö­fer“ erwähnt.
1830 taucht auf einer Liste der Hausbe­sit­zer sein Name für das Haus Nummer 26 auf – das alte Rathaus! Zu der Zeit war er von der Gemein­de als „Flur“ beschäf­tigt und wohnte daher auch zurecht im alten Rathaus. In seinen letzten Lebens­jah­ren bewohn­te er wieder sein altes Stamm­haus im heuti­gen Hasen­gäss­le 6. Er starb am 13. August 1840 im Alter von „60 Jahr, 1 Monat und 18 Tag an Brech­ruhr und Nerven­schlag.“ Seine Witwe Magda­le­na, geb. Späth (* 4. Dezem­ber 1774; † 20. April 1852), überleb­te ihn um zwölf Jahre. Das Ehepaar hatte keine Kinder.
Dazu gibt es einiges an Berich­ten wie z.B. die Nummern 80, 82, 83, 289 und 324.

Der Bilz-Hannes verklei­det als Hans Gold oder umgekehrt (Archiv Müller)

Über ihn gibt es ein altes Gedicht, dass viele Kinder früher auswen­dig konnten. Anläss­lich des 125jährigen Jubilä­ums der Realge­nos­sen­schaft trug Hans Gold „Schmid­jörg­le“ das Gedicht, als „Bilzhan­nes“ verklei­det vor:

Dr Bilzhanns isch a argr Fetz,
on wann der sauft isch bodalätz.
Nao haut’r s’Weib on d’Ken­der rom -
Des Weib des sprengt zom Pfarrer drom:
»Mei Lomp vrsauft voll Hab on Guat -
Herr Pfarrer sen se doch so guat,
on schwätzat Sie a Wörtle drei,
on zendat S’m ens Gwissa nei.
So kao’s amaol net weitr gau,
der soll sei Saufa bleiba lau.«
Dr Pfarrer hot’n grad erwischt,
wian’r vom Wirts­haus komma ischt.
»Du, Hannes«, said’r, »descht a Schand, -
vrsaufscht jao vollends Dein Vrsch­tand,
guck no amaol den Ochsa a, -
der sauft, was’r vrtra­ga ka,
on wann’r gnuag hot, hört’r auf.«
Dr Bilzhanns said vrächt­lich drauf:
»Herr Pfarrer — wann i Wasser sauf,
nao hör i au von selbr auf.«

„Die Blaue Lagune“ – da kommt ihr nie drauf, ist in der Heiden­hei­mer Straße 116 zu finden
Nicht nur Autos müssen betankt werden, auch einzel­ne Menschen müssen sich mitun­ter betan­ken. Und weil das in den Firmen seit Jahrzehn­ten nicht mehr geht, wurden diese halb Verdurs­te­ten kreativ, was die Beschaf­fung und die Erfin­dung eines gehei­men Codewor­tes für diese Tankstel­le angeht. Sie ist auch blau, nennt sich ARAL und befin­det sich Richtung Süden. Die „Origi­nal Blaue Lagune“ befin­det sich in Wolfs­burg und ist natür­lich eine ARAL-Tankstel­le, an der sich die „Schich­tis“ auf ein Bier treffen.

„dr Bleam­le“ – Andre­as Blümle aus Katzen­bach­stra­ße 33
Ehema­li­ger Böller­meis­ter. Geböl­lert wurde früher an beson­de­ren Tagen wie an Fronleich­nam oder dem Kinder­fest vom „Böller­heis­le“ aus. Wenn heute geböl­lert wird, empfin­den das einige als Ruhestö­rung oder fragen verstört auf FACEBOOK nach, ob der Krieg ausge­bro­chen sein.

„Blech­le“ – Walter Borst aus der Garten­stra­ße 12
Er betrieb dort ein Instal­la­ti­ons­ge­schäft. Walter Borst kam am 1. April 1935 von Essin­gen. Dort betrie­ben schon sein Vater und Großva­ter eine Flasch­ne­rei. Anfangs arbei­te­te er bei Karl Wannen­wetsch in der Aalener Straße und ab 1940 in eigener Werkstatt in unmit­tel­ba­rer Nachbar­schaft zu KWO. 1952 wurde der Betrieb in die Garten­stra­ße verlegt. 1975 hat er den Betrieb an seinen Sohn Walter übergeben.

„d blend Marie“ – Marie Gold
Sie war nicht richtig blind, aber schon ziemlich. Sie heira­te­te den Schul­meis­ter Stütz. Stützen’s hatten wieder­um eine Tochter namens Zita und diese heira­te­te den Sebas­ti­an „Seba“ Fischer. Origi­nal­zi­tat von Marie: „Dr Kratzers Done isch a ganz a Schlech­ter, dem därf mr bloß end Auga gugga“. Die allge­mei­ne Antwort darauf fiel wie folgt aus: „Ausgrech­net dui, ond hat doch nix gsäha bis auf en Schemmr.“

„Blubber“ – Reinhard Krug aus dem Ahorn­rain 1
Sohn des Lehrers Otto Krug. Hat nach irgend­ei­nem abgebro­che­nen Studi­um und „spannen­den“ Jahren in Heidel­berg auf Infor­ma­tik gewech­selt und bei JSO Jakob Schmid ein Praxis­se­mes­ter und seine Diplom­ar­beit gemacht. In Heidel­berg hat er dann eine erfolg­rei­che Software­fir­ma gegrün­det (Vermut­lich Krug + Partner). Ist unter tragi­schen Umstän­den viel zu früh gestorben.

„Boden­waa­ge“
Im Jahr 1953 wurde entschie­den, dass die alte Viehwaa­ge, die sich vor dem Gasthaus „Ochsen“ befand und seit Jahren vom Eichamt Aalen beanstan­det wurde, bis zum Sommer durch eine neue ersetzt werden muss. Als Stand­ort für die neue Boden­waa­ge wurde der Platz vor den Häusern Renner und Brunn­hu­ber in der Heiden­hei­mer Straße (wo sich heute der Kies-Brunnen befin­det) bestimmt. Da aber eine Viehwaa­ge grund­sätz­lich überdacht sein sollte und von einem regen Auflauf von Kühen und Schwei­nen auszu­ge­hen ist, war der neue Stand­ort nicht ideal.
Es gab länge­re Diskus­sio­nen im Gemein­de­rat und Proble­me mit dem Hausbe­sit­zer am neuen Stand­ort, der Beein­träch­ti­gun­gen und Wertver­lus­te befürch­te­te. Am 21. Mai 1954 wurde der Kauf einer 30-Tonnen-Boden­waa­ge geneh­migt (Haushalts­plan 20.000 DM). Die Instal­la­ti­on erfolg­te auf dem gemein­de­ei­ge­nen Grund­stück vor den Gebäu­den mit der Hausnr. 76 und 78.
Die Wiege­zei­ten waren sommers von 6 bis 20 Uhr und winters von 7 bis 19 Uhr. Für die Bestim­mung des Leerge­wichts mit anschl. Vollwie­gung betru­gen die Gebüh­ren anfangs 30 PF und für sonsti­ge Lasten zwischen 500 KG 60 PF und über 25.000 KG 4 DM. Als Wiege­meis­ter fungier­ten über lange Zeit die Polizei­die­ner (auch Wacht­meis­ter) Josef Gold und NN Maier. Später waren Wiege­meis­ter Joseph Balle sowie Karl Gold und der letzte war Karl Renner, als die Waage im „Kies“ stand.
Beson­ders in Anspruch genom­men wurde die Waage beim Bau der Umgehungs­stra­ße, der B19.

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Der Waage­meis­ter Renner (Archiv Rathaus)

Für die Proble­ma­tik das Vieh zu wiegen brach­te sich Caspar Schee­rer ins Gespräch. Er hatte sich eine nigel­na­gel­neue moder­ne Viehwaa­ge gekauft und bot an, sich vom Eichamt als offizi­el­ler Wäger verei­di­gen zu lassen und seine Waage der Öffent­lich­keit zur Verfü­gung zu stellen. Die alten Gebüh­ren wurden aller­dings als zu niedrig erach­tet: 25 Pfenni­ge für Kühe und Schwei­ne und 65 Pfenni­ge für alle anderen Güter.

„Böblin­ger Sepp“ – ehema­li­ger Amtslei­ter in Böblin­gen Josef Fischer „Bebel“ aus Oberko­chen
Erst an der Böblin­ger „Wall of Fame“ und jetzt auch in der Oberko­che­ner „Hall of Names“.
Am 2. Oktober 2023 erschien in den „Stutt­gar­ter Nachrich­ten“ der folgen­de Artikel über einen bemer­kens­wer­ten Mann, den wir alle noch gut aus Oberko­che­ner Zeiten kennen und ich würde sagen – der Josef hatte einen Traumjob:

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Josef Fischer — der Böblin­ger Sepp aus der “Bebel-Sippe” (Archiv Müller)

Ein Amtsle­ben für Jugend, Schule und Sport.
Er hat alle Oberbür­ger­meis­ter erlebt, war einer der dienst­äl­tes­ten Mitar­bei­ter auf dem Böblin­ger Rathaus und 34 Jahre als Amtslei­ter für die Jugend, die Schulen und den Sport verant­wort­lich. Wenn Josef Fischer durch das Amt für Jugend, Schule und Sport marschiert, dann ist die Hoppla-jetzt-kommt-der-Chef-Stimmung ganz weit weg. Kein plötz­li­ches auf geschäf­tig machen, kein verschwö­re­ri­scher Blick zum Kolle­gen hinüber, keine Anwand­lung, dem Boss gefal­len zu müssen. Baumwoll­hemd, Jeans, Turnschu­he, hier ein Schwätz­le, dort ein Späßle: Da ist einer mit einneh­men­der Herzlich­keit unter­wegs, ein Amtslei­ter, der mit stren­ger Hierar­chie und mit dem Habitus des steifen Verwal­ters nichts am Hut hat. Seit knapp 34 Jahren läuft der Laden unter der Leitung von Josef Fischer, der hier und überall nur „Sepp“ genannt wird. 15 Schulen, 50 Verei­ne, zig Hallen, Gebäu­de und Jugend­ein­rich­tun­gen werden unter seiner Leitung von einer 12-köpfi­gen Kerntrup­pe betreut und verwal­tet.
Das Menscheln zählte zum Programm
 Amt für Schule, Jugend, Sport – das ist mehr als nur ein Begriff aus dem Organi­gramm der Rathaus­welt. Dort wird ein Herzstück der Stadt bearbei­tet, dort werden Dinge erledigt, die aus der Stadt eine Gemein­schaft formen: Kein Training würde statt­fin­den, kein Verein hätte ein Dach über dem Kopf, keine Band einen Probe­raum, kein Jugend­haus würde funktio­nie­ren und kein Schul­un­ter­richt in dieser Stadt über die Bühne gehen, ohne diese Leute. Wenn das „Menscheln“ in dieser Verwal­tung irgend­wo zum Programm gehört, dann ist es im Amt von Sepp Fischer. Einmal ein Amt leiten? Das wollte Sepp Fischer eigent­lich zunächst gar nicht. 1978 hatte er bereits die Lizenz zum Akade­mi­ker-Dasein in der Hand: An der Uni Karls­ru­he hätte der Landwirts­sohn aus Oberko­chen bei Aalen Wirtschafts­in­ge­nieur­we­sen studie­ren können. Die Aussicht auf ein ordent­li­ches Ausbil­dungs­ge­halt wies ihm dann doch den Weg ins heimat­li­che Rathaus, um dort die gehobe­ne Verwal­tungs­lauf­bahn einzu­schla­gen.
Ein Sprung­brett­be­am­ter war er nie
Danach, vor 41 Jahren, lande­te der ausge­bil­de­te Jung-Verwal­ter im Böblin­ger Rathaus, dem er bis zum Schluss treu geblie­ben ist. Denn ein Sprung­brett­be­am­ter, der den Amtslei­ter­job nur als Durch­gangs­epi­so­de auf dem Weg zum Bürger­meis­ter benut­zen wollte, war Sepp Fischer nie. Angebo­te gab’s zwar, aber der 65-Jähri­ge war schon immer Realist: „Ich bin eine gute Nummer zwei“, sagt er. Die hat einmal dort begon­nen, wo es das Ende zu verwal­ten gab. Der junge Stadt­in­spek­tor wurde bei der Kämme­rei mit dem Böblin­ger Fried­hofs­we­sen beauf­tragt. Im Jahr 1989 übernahm Fischer dann das Schul- und Sport­amt, inzwi­schen Amt für Jugend, Schule und Sport. Und mittler­wei­le ist Josef Fischer der Dinosau­ri­er in den Fluren des Böblin­ger Rathau­ses. Keiner dürfte so lange wie er an Bord des Verwal­tungs­schif­fes sein und keiner dürfte den Wandel der Struk­tu­ren und Kultu­ren in der Böblin­ger Komman­do­zen­tra­le so inten­siv miter­lebt haben.
Als „Buale“ neben dem Monument
Als Josef Fischer einge­stellt wurde, hieß der Oberbür­ger­meis­ter noch Wolfgang Brumme. „Als Buale“ habe er sich neben diesem Monument der Macht alter Schule gefühlt. Zum Nachfol­ger und Förde­rer Alexan­der Vogel­gsang hinge­gen hatte er eine ganz enge Verbin­dung. „Er hat mir immer eine lange Leine gelas­sen“, sagt Sepp Fischer – ein Verhal­ten, das nicht zu den ausge­präg­ten Tugen­den Vogel­gsangs zählte. Am aktuel­len Chef schätzt er hinge­gen dessen großes Inter­es­se an den Menschen und den Mitar­bei­ten­den. Stefan Belz erklä­re immer, was er tut, und sei viel unter den Leuten. „Das macht ihn nahbar“, sagt Sepp Fischer. Ein wenig von diesen Wesens­zü­gen scheint auch bei Josef Fischer angelegt zu sein. Unter den Leuten zu sein, machte einen großen Teil seines Job aus – egal, ob in den Einrich­tun­gen oder bei den vielen Ehren­amt­li­chen, die es zu unter­stüt­zen galt – oder als Böblin­ger Delega­ti­ons­lei­ter bei den unzäh­li­gen Partner­stadt-Olympia­den, wo er das Binde­glied zwischen Sport­lern, Ausrich­tern und der eigenen Stadt­ver­wal­tung war. „Andere stärken, dass sie ihren Job machen können“ – das war immer seine Maxime, sagt Sepp Fischer.
Sahne­häub­chen und Stahl­bä­der
Dies hat dem Stadt­ober­ver­wal­tungs­rat auch manches Stahl­bad beschert. Zum Beispiel als der Gemein­de­rat die Idee hatte, die Wilhelm-Hauff-Schule zu schlie­ßen, als die Schul­lei­te­rin der Mörike­schu­le unter Sekten­ver­dacht stand, als bei der Partner­stadt-Olympia­de im türki­schen Berga­ma die Teilneh­mer aufbe­gehr­ten, oder als klar wurde, dass die Sport­hal­le, das Aushän­ge­schild der Stadt, abgeris­sen werden wird. Bei allem Verdruss, allem Druck und allem Aufruhr: Die Frohna­tur Sepp Fischer blieb die Frohna­tur Sepp Fischer – oder ließ es sich zumin­dest nicht anmer­ken, wenn es einmal nicht so war. Hinter dem großen Schnauz­bart und unter den markan­ten Augen­brau­en war zumin­dest kein Anflug von Trübnis zu erken­nen. Vielleicht weil Sepp Fischer auch wusste, mit Gegen­wind umzuge­hen. „Kritik“, sagt er, „war für mich immer kosten­lo­se Beratung“ und Proble­me gab es für ihn nie – „nur Aufga­ben“, sagt Fischer und grinst. Wenn er jetzt zurück­blickt auf die vielen Rathaus­jah­re, dann haben die schönen Momen­te überwo­gen. „Ich habe 40 Jahre im richti­gen Aufga­ben­feld und mit einem super Team gearbei­tet“, räsoniert er. „Glücks­ge­füh­le“ hat Sepp Fischer der Job beispiels­wei­se verab­reicht, als er die Partner­stadt-Olympia­de 1995 und 2017 vor heimi­schem Publi­kum organi­sier­te, zufrie­den blickt er zurück auf die Zeit, als er im Waldsta­di­on in Dagers­heim durch Umgestal­tung ein zusätz­li­ches Rasen­spiel­feld einbrin­gen konnte oder als 2000 das „Paladi­on“ am Silber­weg entstand.
Nah dran an Sport­lern, Stars und Stern­chen
Und dann war da natür­lich noch die Sport­hal­le, die zeitwei­se in Sepp Fischers Verant­wor­tungs­be­reich gehör­te. Die Verträ­ge mit den Veran­stal­tern liefen alle über seinen Tisch und Sepp Fischer war immer dabei, wenn die Folgen seiner Unter­schrift – Sport­ler, Stars und Stern­chen – zu sehen waren: Egal ob Ernst Moschs Volks­mu­si­ker ins Rund tröte­ten, die Pop-Größen dieser Welt dort ihre Hits verbrei­te­ten, Thomas Gottschalk sich durch die Wettshows moderier­te, oder die Fußball­na­tio­nal­mann­schaft ein Lied in der Sport­hal­le sang und danach hinter der Bühne auch die Hand des Amtslei­ters schüt­tel­te. „Das waren Sahne­häub­chen für den Verwal­tungs­be­am­ten“, sagt Josef Fischer, der diese auch zu genie­ßen wusste. „Ich habe mir immer mein blaues Anzüg­le angezo­gen und mich bei den TV-Shows in die Nähe des Inten­dan­ten gesetzt. Dann kam ich garan­tiert im Fernse­hen“, erzählt er schmun­zelnd. Und aus seiner Heimat auf der Ostalb folgten die Kommen­ta­re: „Warsch mol wieder em Fernseha?“. Stamm­gast in der Arena von Liver­pool
Diese Episo­den sind schon lange Geschich­te. Am 1. Oktober ist es auch Sepp Fischer. Die Verab­schie­dungs­ur­kun­de hat er vom Oberbür­ger­meis­ter bereits erhal­ten, der Abschied im Gemein­de­rat folgt am Mittwoch und dann ist Schluss mit Sport, Jugend und Schule in Böblin­gen. Fast. Denn mit den „Rathaus­ki­ckern“ und den „Kanne­knob­lern“ wird Sepp Fischer weiter­hin dem runden Leder nachja­gen und sein passi­ves Verhält­nis zum Fußball soll unter dem Ruhestand auch nicht leiden. Mindes­tens fünf Mal in der Saison geht der schei­den­de Mann vom Amt nach Liver­pool, um dort seinem inter­na­tio­na­len Lieblings­ver­ein bei der Arbeit zuzuschau­en, dann müssen noch die wichti­gen Champi­ons-League-Spiele besucht werden, und in Heiden­heim, bei Sepp Fischers Geburts­ort gleich um die Ecke, gibt’s neuer­dings auch einen Bundes­li­ga­klub. Der hat nun einen Edel-Fan und Dauer­kar­ten-Besit­zer mehr.

„Böller­heis­le“ – Gibt‘s nemme: alter Stand­ort heuti­ge Josefs­ka­pel­le unter­halb des Rodsteins
Errich­tet wurde das Böller­häus­le als Block­haus irgend­wann nach dem 1. Weltkrieg, wohl in den Zwanzi­ger­jah­ren, vom damali­gen Militär­ver­ein. Geschos­sen wurde zu priva­ten Anläs­sen, auch bei Taufen und anderen festli­chen Ereig­nis­sen. Böller­ge­neh­mi­gung hatte auch die katho­li­sche Kirchen­ge­mein­de, die zu Fronleich­nam böllern ließ. Und zum Kinder­fest, vor der Tagwa­che durch den Musik­ver­ein, war es gang und gebe, dass geböl­lert wurde. Heute würde man das als Ruhestö­rung empfin­den und zur Anzei­ge bringen oder gar denken, dass der nächs­te Krieg ausge­bro­chen sei. Man schaue sich nur die Kommen­ta­re auf Facebook an, wenn wieder geböl­lert wird. Mehr Details im Bericht 113.

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Böller-Aktion am Boller-Heisle – ob das wohl dr Bleam­le isch (Archiv Müller)

„Böni“ – Bernhard Freitag aus der Beetho­ven­stra­ße 4
Schüler des Progym­na­si­ums und Schwarm vieler Schüle­rin­nen in der damali­gen Zeit. Nach meiner Erinne­rung hat er sich zur Prüfung als Starfigh­ter-Pilot gemel­det, wurde aber nicht angenom­men. Zuletzt fand ich seine Spuren als Lehrer an der Geschwis­ter-Scholl-Schule in Leutkirch. Diese Schule verfügt über eine Lernfa­brik 4.0, die für die Vermitt­lung von Konzep­ten im Zusam­men­hang mit Indus­trie 4.0 genutzt wird. Die Lernfa­brik simuliert einen realen Produk­ti­ons­pro­zess und ermög­licht es den Schülern, in Bezug auf Steue­rungs­sys­te­me, Kommu­ni­ka­ti­on und Mecha­nis­men im Kontext von Indus­trie 4.0 zu lernen. Sie wird in verschie­de­nen Bildungs­pro­gram­men einge­setzt, einschließ­lich Berufs­schu­len und techni­schen Gymnasien.

In Gedan­ken an die nicht immer gute alte Zeit – „Billie vom Sonnenberg“

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