Anläss­lich des Inter­na­tio­na­len Museums­tags in diesem Jahr (18. Mai) übergab mir Paul Uhl das Origi­nal eines Weihnachts­briefs, den die Gemein­de Oberko­chen im Dezem­ber vor 60 Jahren den »lieben Oberko­che­ner Solda­ten« an die Front geschickt hat. Der Brief befand sich im Besitz von Paul Uhls verstor­be­nem Vetter Ewald Uhl und wurde vor zwei/drei Jahren von dessen Schwes­ter im Nachlass aufge­fun­den. Es handelt sich bei dem origi­nal-verviel­fäl­tig­ten Schrei­ben um 2 inein­an­der­ge­leg­te auf DIN A5 gefal­te­te und doppel­sei­tig bedruck­te DIN A4-Blätter, die am Schluss den Hitler­gruß und die Unter­schrift von Bürger­meis­ter und Ortsgrup­pen­lei­ter der NSDAP, Otto Heiden­reich, tragen.

Oberkochen
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Wir veröf­fent­li­chen dieses Schrei­ben an den Freita­gen, 12.12. und 19.12. in zwei Teilen, verbun­den mit dem Wunsch, dass uns dieser Blick zurück in die Geschich­te wenigs­tens für eine kurze Zeit der Besin­nung wachrüt­telt. Ausge­rech­net aus den USA erhielt ich dieser Tage einen Brief, in dem der Satz steht: »…Wir hoffen, dass im nächs­ten Jahr gesun­der Menschen­ver­stand die Oberhand gewin­nen wird und dass wir 2004 ein politi­sches Klima schaf­fen können, in dem es allen Menschen gut ergehen kann…« Wer sind die »wir«? Der Wunsch ist zwar fromm aber — wenngleich aus einer völlig anderen Sicht — genau so unrea­lis­tisch und sinnlos wie der Wunsch, mit dem der Brief aus dem Dritten Reich an die Front endet: »…Alles darf unter­ge­hen… Deutsch­land muß bestehn…« Solan­ge wir glauben, dass wir inner­li­chen Egois­mus, Gleich­gül­tig­keit und Unglau­ben durch äußer­li­chen Lichter­glanz verde­cken können, indem wir unter anderem in immer erschre­cken­de­rem Maße unsere Häuser und unsere Umgebung in weihnacht­li­chen »Glitter« und fromme Worte hüllen, haben wir nicht viel dazugelernt.

Hier nun der Brief verbun­den mit dem herzli­chen Dank an Paul Uhl, und Dank an alle Mitglie­dern, die uns im vergan­ge­nen Jahr gehol­fen und unter­stützt haben, und wenn es nur durch ihre passi­ve Mitglied­schaft ist; ferner dem Wunsch nach Frieden und Zufrie­den­heit in uns, und der Bitte an unsere Leser, unsere Arbeit auch weiter­hin passiv und aktiv zu unter­stüt­zen — aus dem Weihnachts­brief von 1943 geht hervor, dass noch weite­re »Heimat­brie­fe« an die Front verschickt wurden. Wir richten die Bitte an all unsere Leser, nachzu­for­schen, ob sich ein solcher Brief nicht irgend­wo in einer Schub­la­de oder einer verges­se­nen oder auch wohlge­hü­te­ten Schach­tel befindet.

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