Frau Josl Kempf, geb. Grupp, (Hausna­men »Grupp­abau­er« oder »Kirchen­bau­er«, der Vater hieß Josef, der Großva­ter Micha­el stell­te dem Heimat­ver­ein zur fotogra­fi­schen Repro­duk­ti­on ein selte­nes Klein­od zur Verfü­gung. Es handelt sich um einen aus Glasper­len und Glasröhr­chen über ein Draht­ge­stell gefer­tig­ten Toten­kranz, wie er vor ca. 100 Jahren gebräuch­lich war — ein kostba­res Famili­en­er­b­stück. Spezi­ell dieser Kranz wurde in Oberko­chen noch in den 30er-Jahren dieses Jahrhun­derts benützt und zwar auf dem Grab eines nur wenige Wochen alt gewor­de­nen Geschwis­ter­chens von Frau Kempf. Sie erinnert sich, dass der Kranz nicht über länge­re Zeit auf dem Kinder­grab im katho­li­schen Fried­hof lag, sondern spezi­ell um Aller­hei­li­gen, also ab 1. Novem­ber eines jeden Jahres, für wenige Tage. Frau Kempf erinnert sich auch, dass dieser Kranz damals nicht der einzi­ge war, der an Aller­hei­li­gen verwen­det wurde.

Oberkochen

Der gearbei­te­te Grabschmuck besteht aus einem größe­ren unteren Draht-Oval (19÷16 cm) und einem kleine­ren oberen Draht-Oval (14÷12 cm), die mit Drähten räumlich so verbun­den sind, dass sich die obere Ebene zentrisch in ca. 2,5 cm Abstand über der unteren Ebene befin­det. Die Drähte sind durch die auf sie aufge­reih­ten Perlen und Glasröhr­chen verdeckt. Die räumli­che Konstruk­ti­on erinnert im weites­ten Sinn an eine Kompo­si­ti­on ans chemi­schen Molekül- oder Atommodellen.

In radia­ler Erwei­te­rung der Ovale sind über Draht stern­för­mig 14 Zacken angefügt. Die Zahl 14 ist sicher mit Bedacht gewählt, da sie den 14 Kreuz­weg­sta­tio­nen zur Kreuz­an­dacht entspricht. Im unteren Bereich des Kranzes ist ein Draht­bo­gen einge­ar­bei­tet, an dem 3 Perlen­ket­ten hängen. Die Glasröhr­chen sind perlmutt­far­ben, die Glasper­len weiß und hellblau. In die obere Ebene ist ein ovales Medail­lon (14÷12 cm) einge­ar­bei­tet, das bilder­rah­men­ähn­lich von einer aus winzi­gen blauen Perlen bestehen­den Perlen­schnur spira­lig umwickelt und einge­fasst ist.

Das Bild stellt einen der beiden Putten aus Raffa­els Gemäl­de »Die Sixti­ni­sche Madon­na« von 1513 (Dresden, Gemäl­de­ga­le­rie) dar. Die Putte, also eine kleine kindli­che Engels­ge­stalt, ist, wie Ende des letzten Jahrhun­derts üblich, in litho­gra­phi­scher Druck­tech­nik (Stein­druck) repro­du­ziert, überra­schen­der­wei­se spiegelverkehrt.

Das Bild befin­det sich in hervor­ra­gen­dem Zustand, d.h., es muss witte­rungs­be­stän­dig in das Draht-Oval einge­ar­bei­tet sein. Unter dem Putten­me­dail­lon ist auf die Haupt­form des Grabschmucks eine sechs­blätt­ri­ge Blume gesetzt, die ebenfalls in winzi­gen blauen Perlen um ein gelbes Zentrum gearbei­tet ist.

Der Gedan­ke, einen dauer­haf­ten und witte­rungs­be­stän­di­gen Grabschmuck zu haben, ist demzu­fol­ge schon sehr alt. Bei den Franzo­sen sind heute kerami­sche Blumen beliebt, in Irland findet man die fantas­tischs­ten Plastikblumen.

Leider kann heute ein so schöner, selte­ner und deshalb wertvol­ler Schmuck nicht mehr auf ein Grab gelegt werden, da er in Kürze seinen geist­lo­sen krimi­nel­len Liebha­ber gefun­den haben würde.

Sollten sich in Oberko­chen weite­re derar­ti­ge Toten­krän­ze bis auf den heuti­gen Tag erhal­ten haben, so bitten wir herzlich darum, sie uns zur fotogra­fi­schen Dokumen­ta­ti­on kurzzei­tig zur Verfü­gung zu stellen. (Tel.: 7377).

Dietrich Bantel

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