J. Mahler, Oberpost­se­kre­tär a.D. und Oberko­che­ner Heimat­pfle­ger in den zwanzi­ger Jahren unseres Jahrhun­derts, veröf­fent­lich­te im »Spion von Aalen«, einer Beila­ge zur Aalener »Kocher Zeitung«, im Januar 1929 einen Artikel, der ein anschau­li­ches Bild der Kleidung entwirft, die früher in Oberko­chen getra­gen wurde. Der erste Teil seiner Darstel­lung wurde im vorher­ge­hen­den Bericht wieder­ge­ge­ben. Dort war auch gesagt worden, daß als damals übliche Währungs­ein­heit der Floren­ti­ner Gulden (= 1 fl.) in Gebrauch war. Hier ist nun der Schluß der Mahler­schen Abhandlung.

Vokmar Schrenk

J. Mahler, Oberko­chen, 1929:
»Die Bauern­trach­ten im Tal des Schwar­zen Kochers« — (Teil 2)
Burschen­tracht
Die Burschen­tracht war die gleiche wie die Männer­tracht. Statt der langen Kittel hatte jedoch der Bursch einen kurzen, nur bis zur Taille reichen­den Kittel, das »Wammes«. Die Knaben trugen bis an das Knie reichen­de aus Zwilch *) gefer­tig­te Hosen, sogenann­te »Halbho­sen« und zwilchene Wammes, die Reiche­ren blauge­färb­te, die weniger Bemit­tel­ten natur­far­be­ne, im Winter weiße, wolle­ne Strümp­fe und Halbschu­he. Im Frühjahr, Sommer und Herbst gingen Knaben und Mädchen, selbst ältere Leute barfuß und huldig­ten schon damals der Kneip­pe­rei.
*) Zwilch (oder Zwillich): Zweifach festge­web­ter Stoff.

Was Frauen trugen
Die Hauben
Bäuerin­nen hatten meist drei Hauben, eine Sonntags­hau­be (15 fl.), eine Mittel­fest­hau­be (15 fl.) und eine Hochfest­hau­be (20 fl.). Alle drei Hauben waren Bändel­hau­ben, welche mit schönen, breiten, sehr langen, schim­mern­den, schwar­zen Bändern unter dem Kinn festge­bun­den wurden. Der runde Boden dieser Hauben, das »Bödele«, war mit präch­ti­gen Perlsti­cke­rei­en verziert. Es besaß einen 5 bis 8 cm hohen Rand, so daß die Sticke­rei in einer Vertie­fung lag und von dort heraus­fun­kel­te. Am Rand waren mehre­re (meist sechs) Seiden­bän­der verschie­de­ner Länge angebracht, die einen wellen­ar­ti­gen Schim­mer von sich gaben. Die kürze­ren der Bänder reich­ten bis zur Taille, die längs­ten bis zu den Knien. Diese »Moare­bän­der« (vom Franzö­si­schen »moiré«) wurden herge­stellt, indem man zwei aufein­an­der­lie­gen­de, noch feuch­te Bänder zusam­men durch scharf pressen­de Walzen gehen ließ. Die starken, verschie­dent­lich überein­an­der­grei­fen­den Ketten­fä­den preßten sich dann ungleich breit und erzeug­ten dadurch das wellen­för­mi­ge Schim­mern (= »gewäs­ser­ter Zeuge«).

Oberkochen

Das Gewand
Die Bäuerin trug ein von Silber­fa­den einge­faß­tes, schwar­zes Mieder, das mit einem roten silber­ver­schnür­ten »Stecker« verse­hen war. Dieser »Stecker« war ein keilför­mi­ges, ein wenig steif­ge­mach­tes Stück Tuch, das vorne in die Öffnung des Mieders gesteckt wurde, wodurch es möglich war, das Mieder enger oder weiter zu stellen. Das Mieder war meist mit Silber­kett­chen oder selte­nen Silber­mün­zen behan­gen. Ein schönes, buntfar­bi­ges, seide­nes Brust­tuch wurde um die Schul­ter geschlun­gen und die Enden in das Mieder gesteckt. Bei rauhem Winter wurde noch ein schwar­zes, tuche­nes, bis zur Taille reichen­des Jäckchen angelegt, dessen engan­schlie­ßen­de Ärmel um die Ellbo­gen rundum ausge­pufft waren, ebenso wie der Ärmel oben an den Schul­tern ausge­pufft war.

Die Fortset­zung des Mieders bilde­te ein rotwol­le­ner, fußfrei­er Falten­rock. Über dem Kleid wurde ein blau , später ein grünsei­de­ner Schurz getra­gen. Im Winter wurden wolle­ne Schäle umgelegt.

Ein Mieder koste­te 4 — 6 fl., ein seide­nes Brust­tuch 3 — 5 fl., ein wolle­ner Falten­rock 15 — 20 fl., ein seide­ner Schurz 3 — 4 fl. und ein wolle­ner Schal 8 — 10 fl. Im Sommer wie im Winter wurden weiße Strümp­fe getra­gen. Kalble­der­ne »Schlief­schu­he« (= Halbschu­he) mit schönen silber­nen Schnal­len zierten den Fuß.

Um den Hals wurden zwei- oder dreimal geschlun­ge­ne Silber­ket­ten getra­gen. Über der Brust hing an dieser Kette ein silber­nes, selte­ner ein golde­nes Kreuz. Die Bäuerin­nen trugen am kleinen Finger kleine silber­ne Ringe. Eherin­ge und Damen­uh­ren kannten die Bäuerin­nen damals noch nicht.

Jungfrau­en­klei­dung
Die Jungfrau­en trugen die gleiche Tracht wie die Bäuerin­nen, nur waren die Hauben kleiner und mit kurzen Bändern verse­hen. Die Kleider für die Mädchen wurden aus »reistenem« Tuch, d.i. grobe Leinwand, gefer­tigt. Sie bestan­den aus einem einfa­chen Rock u. einem »Schöb­le« (= Jäckchen). Rock und Schöb­le waren meist blau, selte­ner rot gefärbt.

Trach­ten sind ausge­stor­ben
Von der wirklich schmu­cken und statt­li­chen Männer­tracht verschwand leider nach und nach ein Stück um das andere, und in den sechzi­ger und siebzi­ger Jahren konnte man nur noch wenige Bauern sehen, welche aus alter Anhäng­lich­keit und mit berech­tig­tem Stolz ihre schöne Tracht noch trugen. Schnel­ler noch als die Männer­tracht verschwand bereits in den Sechzi­ger Jahren auch die Frauen­tracht, die wohl zu den schöns­ten und anmutigs­ten unseres Württem­ber­ger Landes gehör­te. So sind mit den Trach­ten Volks­tüm­lich­keit und manche Überlie­fe­rung, viele schöne Sitten und Gebräu­che unserer Vorfah­ren verlo­ren gegan­gen, ja man darf wohl sagen, ein Stück unserer Heimat ist mit den Trach­ten ins Grab gesunken.

Dietrich Bantel

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