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	<title>Geschichte | Heimatverein Oberkochen</title>
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		<title>Das Wappen der Stadt Oberkochen</title>
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		<pubDate>Tue, 21 May 2024 10:17:22 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Heimatbuch]]></category>
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					<description><![CDATA[Seite 234-238 (Dietrich Bantel)]]></description>
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				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Gemeindewappen</h2>
<p>Das erste heute noch nachweisbare Oberkochener Gemeindewappen setzte sich aus drei Teilen zusammen. Es bestand aus dem modifizierten Wappen der Ritter von Kochen, — ein ungeteilter, unten abgerundeter Schild mit drei Rädern, — aus einer Pflugschar und aus dem Kocherursprung.</p>
<p>Am 16. Januar 1927 erhielt Oberkochen ein neues, einheitlicher gestaltetes Wappen. Es stellte einen aufgeteilten, nach unten abgerundeten Schild dar. Im oberen Teil lag auf goldenem Untergrund die württembergische fünfzinkige Hirschstange in schwarzer Farbe. Im unteren, größeren Teil, erhob sich in der Mitte auf silbernem Grund eine markante Buche mit Büscheln, grünen Blättern und braungrauem Stamm. Links und rechts der Buche stand je eine Pflugschar in blauer Farbe.</p>
<p>Dieses Wappen wies einerseits auf die historischen Zusammenhänge mit Württemberg und andererseits auf die große Bedeutung der Land- und Forstwirtschaft in Oberkochen hin — allerdings sehr allgemein. Es genügte weder den wappenkundlichen Farbregeln, noch wies es einen eindeutigen Bezug auf Oberkochen oder dessen Vergangenheit und Geschichte auf, — mit anderen Worten: das alte Gemeindewappen war weder aus geschichtlicher noch aus heraldischer Sicht ein echtes Wappen.</p>
<h2>Stadtwappen</h2>
<p>Die Stadterhebung im Jahr 1968 war für Bürgermeister Gustav Bosch und den damaligen Gemeinderat Anlaß gewesen, beim Innenministerium Baden-Württemberg für die junge Stadt Oberkochen ein neues Wappen zu beantragen, nachdem schon Jahre zuvor die Schaffung eines echten Wappens immer wieder in der Diskussion gestanden hatte.</p>
<p>Von Bürgermeister Bosch wurde vorgeschlagen, auf das Wappen des früheren Ortsadels, der Herren von Kochen, zurückzugreifen. Diese führten am Ende des Mittelalters drei Rosen in ihrem Wappen (urkundliche Belegung erstmals im Jahre 1404). Die Orginalurkunde lag bei der Beschlußfassung vor. Unterkochen übrigens führt heute nicht diese Originalform, sondern die Variante in Form von drei Rädern in gleicher Anordnung im Wappen. Als Helmzier sind dort wie in dem für Oberkochen vorgeschlagenen Wappen eine Meerjungfrau mit zwei Fischen verwendet.</p>
<p>Die Herren von Kochen, 1140 erstmals genannt, waren vorwiegend mit Unterkochen verbunden, besaßen in Oberkochen jedoch Güter und dürften auch in Oberkochen ansäßig gewesen sein. Ab dem Jahr 1475 sind sie nicht mehr nachzuweisen.</p>
<p>Bürgermeister Bosch argumentierte seinerzeit, daß es Oberkochen aufgrund seiner stürmischen Entwicklung in den Nachkriegsjahren sehr wohl anstehe, die Symbole der Ritter von Kochen in ihrer Originalform, also den drei Rosen, im Wappen zu führen.</p>
<p>Den Darlegungen des zuständigen Archivdirektors Dr. Gönner anläßlich der damaligen Beratungen ist zu entnehmen, daß von Seiten der Heraldikfachleute gegen die Einführung des alten Gemeindewappens vor ca. 40 Jahren von Anfang an starke Bedenken geltend gemacht worden waren. Die dargestellten Symbole aus den Zwanzigerjahren, wie vorne beschrieben, seien keine charakteristischen Zeichen für Oberkochen und könnten geradezu von jeder anderen Gemeinde in Württemberg geführt werden. Der Rückgriff auf die für den Oberlauf des Kochers historisch fundierten drei Rosen im Wappen wurde aus der Sicht der Fachleute begrüßt.</p>
<p>In der Gemeinderatssitzung vom 4. März 1968 beschloß der Gemeinderat Oberkochen einstimmig, zukünftig drei Rosen im Wappen zu führen.</p>
<p>Über die Farben wurde in der darauffolgenden Sitzung vom 11. März beraten. Hier war keine Einstimmigkeit zu erzielen. Zur Diskussion standen gelbe Rosen auf rotem oder auf blauem Grund. Zwei Gründe bewogen die Mehrheit des Gemeinderats (neun Stimmen von damals 17 möglichen), für einen blauen Grund zu stimmen. Einmal sollten sich die Farben von denen des Unterkochener Wappens (Weiß/Rot) deutlich abheben, und zum anderen wurde in den Farben Gelb/Blau ein sinnvoller Bezug zu den Stadtfarben der Stadt Jena gesehen. Gegenstimmen gab es keine, — vier Enthaltungen, vier Gemeinderäte waren abwesend.</p>
<p>Am 16. April 1968 stellte die Gemeinde Oberkochen beim Innenministerium Baden-Württemberg den Antrag, das neue Wappen führen zu dürfen. Diesem Antrag wurde am 1. Juni 1968 entsprochen. Im Amtsblatt »Bürger und Gemeinde« vom 14. Juni 1968, No. 24, wurde folgende Urkunde, von Innenminister Krause unterzeichnet, veröffentlicht:</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Urkunde</strong><br>Das Innenministerium Baden-Württemberg<br>verleiht der<br>Stadt Oberkochen, Landkreis Aalen,<br>nach § 6 Abs. 1 der Gemeindeordnung für<br>Baden-Württemberg vom 25. Juli 1955<br>(Ges.Bl. S. 129)<br>das Recht, eine Flagge in den Farben<br>»Gelb-Blau (Gold/Blau)«<br>und ein wie folgt beschriebenes Wappen zu führen:<br>»In Blau 3 (2:1) goldene (gelbe) Rosen«.</p>
<p>Im Auftrag von Bürgermeister Bosch entwarf der Verfasser das Wappen nach diesen Angaben.</p>
<p>Zu den Farben ist aus heraldischer Sicht zu vermerken, daß die sogenannten Metallfarben Silber und Gold durch Weiß und Gelb dargestellt werden können. Die beiden Metallfarben, aber auch zwei der anderen Wappenfarben Schwarz, Rot, Grün und Blau, dürfen nicht nebeneinander zu stehen kommen, — das heißt, daß zum Beispiel rote Rosen auf blauem Grund nach den uralten heraldischen Gesetzlichkeiten unmöglich sind.</p>
<p>Altes und neues Wappen dürfen übrigens nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Stadtverwaltung verwendet werden.</p>
<p>Inzwischen ist unser Stadtwappen so bekannt und vertraut geworden, daß viele Bürger seinen Vorgänger, noch viel weniger dessen Vorläufer, schon gar nicht mehr kennen.</p></div>
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				<div class="et_pb_text_inner"><p style="text-align: right;"><strong><em>Dietrich Bantel</em></strong></p></div>
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		<title>Oberkochen nach dem Zweiten Weltkrieg</title>
		<link>https://oberkochen-heimatverein.de/oberkochen-nach-dem-zweiten-weltkrieg/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[smarterPresence]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 21 May 2024 10:14:06 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Heimatbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
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					<description><![CDATA[Seite 211-233 (Albert Seckler)]]></description>
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				<div class="et_pb_text_inner"><p>Auf den ersten Blick scheint die Aufgabe, die teilweise stürmische Entwicklung Oberkochens nach 1945 im Rahmen eines Stadtbuches darzustellen, verhältnismäßig einfach zu sein. Einige markante Punkte zeichnen sich nämlich sofort deutlich ab:</p>
<ul>
<li>schon 1946, bedingt durch eine ganze Reihe glücklicher Umstände, Ansiedlung der Firma Carl Zeiss</li>
<li>jahrelang größte Wachstumsgemeinde Baden-Württembergs</li>
<li>allmähliche Minderung der anfangs großen Wohnungsnot, zuletzt durch Erschließung von Neubaugebieten auf der »Heide« und im Wolfertstal</li>
<li>im Gegensatz zu den anderen 1110 Städten und Gemeinden unseres Bundeslandes praktisch keine Veränderungen durch die teilweise heftig umstrittene Gemeindereform ab dem Jahresbeginn 1967</li>
<li>im Vergleich zu den umliegenden Gemeinden günstige Finanzlage (neben einer Großfirma zahlreiche Mittel- und Kleinbetriebe), stets erfreulich geringe Arbeitslosenzahl</li>
<li>reges kulturelles Leben, gut ausgebautes Schulwesen</li>
<li>und vor allem auch: meist fruchtbare und faire Zusammenarbeit zwischen den Gemeinderatsfraktionen und einer umsichtigen Verwaltung.</li>
</ul>
<p>Dem steht allerdings — nicht zuletzt als Folge des »Mauerbaues« an jenem 13. August 1961 — eine zurückgehende oder allenfalls stagnierende Einwohnerzahl mit nicht zu unterschätzenden mittelfristigen Problemen vielschichtiger Art entgegen. Weiterhin: bei einem Waldanteil von 65% an der Gemarkungsfläche wird das Waldsterben gerade in Oberkochen mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt werden müssen, und die Wunden, welche bei der Sturmwurfkatastrophe Ende Februar 1990 rund um die Stadt geschlagen worden sind, werden noch für geraume Zeit an die Unberechenbarkeit der Naturmächte erinnern; der Umweltschutz erfordert rasch immer aufwendigere Maßnahmen.</p>
<p>Von einer rundum heilen Welt im Falle Oberkochens zu sprechen hieße also die Augen vor der Realität verschließen. Wir werden uns im folgenden bei allem berechtigten Stolz über »unsere kleine Stadt« auch davor hüten müssen, deren Entwicklung in der Nachkriegszeit aus dem verengten Blickwinkel heraus allzu rosig zu sehen. Im Sommer 1974 eröffneten »Ostalb/Einhorn«, die für Heimat und Kultur im Ostalbkreis sehr ergiebigen Vierteljahreshefte, die Vorstellung der einzelnen Nahbereiche mit Oberkochen. Was Hermann Baumhauer damals generell für die Behandlung heimatgeschichtlicher Zusammenhänge herausgestellt hat, sollten wir gerade beim Betrachten der jüngsten Vergangenheit in diesem Beitrag nicht aus den Augen lassen: »Auf solche Weise die eigene Sache darstellen zu können, kann zweifellos Gefahren mit sich bringen: die lokalpatriotische, betriebsblinde Überschätzung, die lobrednerische Verzeichnung von Sachverhalten, die Herausstellung von Kleinigkeiten usw. Jedem sitzt nun mal das eigene Hemd am nächsten, das eigene Heim ist ihm das liebste, und die eigenen Aufgaben überblickt er am genauesten.« Andererseits brauchen jedoch gerade an ein (lesbares) Heimatbuch nicht durchgängig unpersönlich-distanzierte Maßstäbe angelegt werden, denn — um nochmals Baumhauer zu zitieren — »das Fluidum des persönlichen Engagements, das einem Thema den Glanz verleiht; dieses Fluidum möchten wir bei allem Streben nach sachgemäßer Information und Objektivität … gerade auch in solchen Selbstdarstellungen nicht vermissen.«</p>
<p>Dieser Beitrag strebt keine lückenlose Auflistung aller Ereignisse und Daten seit 1945 an; vielmehr sollen — in bewußt subjektiver Auswahl — Hauptlinien nachgezeichnet und die sich daraus ergebenden möglichen Zukunftsperspektiven angedeutet werden. Weil jedoch, abgesehen von zwei kurzen Berichten über das unmittelbare Kriegsende, die Entwicklung Oberkochens von 1945–1953 (in diesem Jahr erschien erstmals das auch das Zeitgeschehen berücksichtigende Amtsblatt »Bürger und Gemeinde«) noch nirgends dargestellt worden ist, werden diese entscheidenden Jahre ausführlicher abgehandelt.</p>
<h2>Zusammenbruch und Neuanfang</h2>
<p>»Wenn der Krieg verlorengeht, wird auch das Volk verloren sein. Dieses Schicksal ist unabwendbar. Es ist nicht notwendig, auf die Grundlagen, die das Volk zu einem primitiven Weiterleben braucht, Rücksicht zu nehmen … Was nach dem Kampf übrigbleibt, sind ohnehin nur die Minderwertigen.« (Adolf Hitler am 15.3.1945). Welch unvorstellbares Leid der Zweite Weltkrieg bis heute über die ganze Welt gebracht hat, ist bekannt und braucht hier nicht wiederholt zu werden.</p>
<p>Das vom Bauerndorf allmählich zu einer Industriegemeinde gewordene Oberkochen war am Beginn des Jahres 1945 durch Evakuierungen aus den größeren Städten Württembergs und aus Westdeutschland wie auch durch die ersten Flüchtlinge aus dem Osten mit mehr als 2500 Menschen überbelegt. Aber erst ab Frühjahr gerieten die hier Lebenden durch häufige Tieffliegerangriffe vor allem auf die Bahnanlagen in akute Gefahr. Der schlimmste Monat war der April 1945.</p>
<p>Martha Gold erinnert sich:<br>»Am Ostersonntag, dem 1. April 1945, gegen elf Uhr, war auf dem Bahnhof ein 60 Wagen zählender Zug mit KZ-Häftlingen eingefahren, als auch schon die Tiefflieger angriffen. Acht Tote mußten nach diesem Angriff auf dem evangelischen Friedhof beerdigt werden. Die Zahl der Verletzten ist nicht bekannt geworden; Zivilpersonen wurden vom Bahnhofsgelände abgehalten. Die Grabstätte trug einige Jahre die Inschrift: »Acht unbekannte Tote«. Die Beschießung dieses Zuges hatte schon einigen Schrecken in die Bevölkerung gebracht. Am folgenden Weißen Sonntag, dem 8. April 1945, läuteten die Glocken zur Kirche, und die Sirenen heulten fast zur gleichen Zeit. Kurz danach waren die Tiefflieger schon über dem Ort. Unter Beschuß war wieder die Bahnlinie.</p>
<p>Die Erstkommunikanten dieses Jahres werden ihren Weg zur Kirche und von der Kirche und das beklemmende Gefühl der kreisenden Flugzeuge während des Gottesdienstes wahrscheinlich nie vergessen. An diesem Sonntag machten Einheiten der Waffen-SS hier Rast. Vor den meisten Häusern an der Hauptstraße hatten sie sich niedergelassen. Es ist vermutet worden, daß der am Mittwoch darauf folgende Angriff der SS gegolten haben könnte. Am Mittwoch, dem 11. April, folgte dann der schwere Tieffliegerangriff auf die Gemeinde. Die Tiefflieger waren so schnell hier, daß sie fast gleichzeitig mit den Sirenen die akute Luftgefahr mit ihren Bordwaffen verkündeten. Die Dorfstraße war an diesem Nachmittag sehr belebt. Vor der Metzgerei »Zum Lamm« standen etwa 100 Personen um Fleisch- und Wurstwaren an. Die Straße war noch nicht frei, als die ersten Bomben fielen. Fünf Bomben wurden insgesamt gezählt. Den schwersten Schaden richtete die beim Rathaus in die Gebäude Heidenheimer Straße 12 und 14 einschlagende Bombe an.</p></div>
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				<div class="et_pb_text_inner"><p>Im verhältnismäßig kleinen Keller des Hauses Heidenheimer Straße 12 (Eugen Winter, Herrgottshäfner) hatten sich die im Hause weilenden Angehörigen der Familien Winter, Fischer und Brunnhuber (12) und Brunnhuber (14), sowie Straßenpassanten eingefunden. Der Keller faßte nicht alle Personen; einige standen auf der Kellertreppe und im sogenannten Hausgang. Aus den Trümmern der vollständig zerstörten Häuser Heidenheimer Straße 12 und 14 mußten acht Tote geborgen werden: Die Ehefrau Marie Winter, geb. Fischer, 37 Jahre alt; deren Mutter Theresia Fischer, geb. Sachsenmaier, 64 Jahre alt; deren Enkelkinder Josef Brunnhuber, vier Jahre alt, Paul Brunnhuber, zwei Jahre alt, Bruno Winter, drei Jahre alt; die bei der Familie Winter weilende Hausgehilfin Maria Frey, 15 Jahre alt; und die aus dem Nachbarhaus Brunnhuber (14) in den Keller gekommenen Geschwister Maria Brunnhuber, 20 Jahre alt, und Mathilde Brunnhuber, elf Jahre alt: Schwer verletzt war Frau Aloisia Winter, geb. Fischer.«</p></div>
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				<div class="et_pb_text_inner"><p>Wie überall mußten auch in Oberkochen auf Befehl der Amerikaner nach deren Einmarsch am 24. April sofort alle Waffen, Photoapparate, Hitlerfahnen und Flaggen, zum Teil auch die Radioapparate abgeliefert werden; von 21 bis 6 Uhr herrschte striktes Ausgehverbot.</p>
<p>Abgesehen von Augenzeugenberichten sind wir, was die ersten Monate und Jahre der Nachkriegszeit angeht, ehe 1948/49 die beiden Aalener Zeitungen erschienen, fast ausschließlich auf die Gemeinderatsprotokolle ab Sommer 1945 angewiesen (die Aufzeichnungen über die Sitzungen während der vorhergehenden Zeit waren verbrannt worden). Aus ihnen ergibt sich folgendes Bild:</p>
<p>Unter Leitung des damals bereits 66jährigen Alt-Schultheißen und früheren Oberkochener Bürgermeisters Richard Frank († 1966), der im Dezember 1933 zwangsweise zur Ruhe gesetzt worden war, traten am 6.6.1945, sechs Wochen nach dem Einmarsch der Amerikaner, acht von Frank berufene »Gemeindebeiräte« zu einer ersten Sitzung zusammen. Es galt dabei, die größte Not zu lindern und den Ausschreitungen und Einbrüchen vor allem von seiten der etwa 1000 bisherigen ausländischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern in den hiesigen Rüstungsbetrieben entgegenzutreten. Bereits Anfang Juli konnte dann auch die Zahl der unbewaffneten Hilfspolizisten verringert werden, »da sich durch den Abzug der Ausländer die Sicherheitsverhältnisse gebessert haben.«</p>
<p>Andererseits verdient die Herzlichkeit, mit der sich damals zahlreiche französische, belgische und holländische Gefangene von ihren Quartiergebern verabschiedet haben, ausdrückliche Erwähnung. Eine interessante Einzelnotiz v. 7.11.1945 besagt übrigens, daß ein russischer Überwachungsoffizier die Pflege der Gräber von fünf verstorbenen Sowjetrussen auf dem hiesigen evangelischen Friedhof durch die Gemeinde verlangte. Sie sind noch heute in gutem Zustand.</p>
<p>Zumindest für die Zeit bis 1950 tauchen in den Protokollen des Gemeinderates immer wieder dieselben — kaum zu lösenden — Probleme auf: die schon im Juni 1945 berufene »Holzverteilungskommission« kam mit freiwilligen Appellen, sich an Waldarbeiten zu beteiligen, nicht weit; deshalb sollten, »um ein größeres Quantum Holz zu schlagen, vor allem (ehemalige) Parteigenossen zum öffentlichen Arbeitseinsatz« über das Arbeitsamt Aalen herangezogen werden. Als das nicht den erhofften Erfolg hatte, wurde am 19.10.1945 verfügt: »Jede männliche Person von 17–60 Jahren hat ohne jede Ausnahme sechs rm Holz zu fällen, im Weigerungsfalle werden die Lebensmittelkarten entzogen, für 1946 wird eine Holzzuweisung nicht erfolgen.« Fast gleichzeitig nahmen die Raubüberfälle und Plünderungen erneut derart zu, daß eine Nachtwache von sechs Mann gebildet werden mußte.</p>
<p>Mit großem Eifer ging man daran, die notwendigsten Einrichtungen zu schaffen und reinen Tisch zu machen. Vor allem wollte man »die gefährlichen und schmutzigen Wühlarbeiten bei den Nazielementen im Keime ersticken« (noch im Mai 1949 mußte der Gemeinderat in »Spruchkammernachverfahren« Auskunft über die politische Vergangenheit mehrerer Bürger geben).</p>
<p>Was die Wiederherstellung elementarer Einrichtungen angeht, wurde umgehend ein Vorstand für die Milchsammelstelle berufen, der Darlehenskassenverein setzte seine Arbeit fort. Die Straßenbauverwaltung Ellwangen wurde aufgefordert, sich um die unmittelbar vor dem Einmarsch gesprengte Kocherbrücke zu kümmern, die rasch errichtete Notbrücke war am Zusammenbrechen. Der Bürgermeister und seine Beiräte bemühten sich vor allem auch um Reiseerlaubnis für Familien etwa aus Freiburg i. Br. oder aus dem Saargebiet, die in ihre frühere Heimat zurückkehren wollten. Dann galt es, die elektrische Straßenbeleuchtung wieder instandzusetzen und vorab den durch den Beschuß am 11.4.1945 schwer geschädigten Familien zu helfen.</p>
<p>Schon unter Richard Frank, dann aber ganz besonders nach dessen Wahl zum Bürgermeister in Unterkochen unter dem am 15.3.1946 vom Gemeinderat mit elf von zwölf Stimmen gewählten neuen Bürgermeister Rudolf Eber, der später noch über Jahrzehnte hinweg das kommunale Geschehen Oberkochens in verschiedener Weise wesentlich mitgeprägt hat, traten die zwei Hauptsorgen jener Jahre, die Sicherung der Ernährung und die Schaffung menschenwürdiger Unterkünfte, ganz in den Vordergrund. So gab es z.B. für den Normalverbraucher für den ganzen Monat November 1946 lediglich 6000 g Brot, 1000 g Fleisch, zwölf kg Kartoffeln und 500 g Zucker. Die Älteren erinnern sich sicher noch an das mühselige »Buchelesklauben«, das Sammeln von Bucheckern, in diesem Jahre. Es lohnte sich, denn für 1 kg Bucheckern gab es ohne Anrechnung auf die Fettration 150 g Öl.</p>
<p>In einem langen Bericht des ehemaligen US-Präsidenten Herbert Hoover v. 26.2.1947 heißt es u.a., »in der amerikanischen Zone kann die Ernte von 1946 außer der unmittelbaren Versorgung der Selbstversorger etwa 1100 Kalorien täglich an Nichtselbstversorger liefern« (gegenüber 3000 Kalorien vor dem Krieg). Aber »der gegenwärtige schreckliche Winter mit den zugefrorenen Kanälen und dem behinderten Eisenbahnverkehr hat es unmöglich gemacht, an vielen Orten auch nur den gegenwärtigen Stand der Rationierung aufrecht zu erhalten.« Mit sichtbarer Freude wurde im Protokoll des Oberkochener Gemeinderates v. 1.7.1947 festgehalten, daß nun auch hier sofort »Kinderschulspeisung für Jugendliche von sechs bis 17 Jahren« möglich sei. Der Bitte, den dafür von den Kindern zu bezahlenden Betrag von fünf bzw. zehn Pf. zu streichen, konnte wegen der schlechten Kassenlage aber nicht entsprochen werden.</p>
<p>Auch wenn es in den Protokollen nicht vermerkt ist, darf im übrigen doch wohl gehofft werden, daß die damals noch recht zahlreichen Oberkochener Selbstversorger den hungernden Normalversorgern auch ohne Bezahlung von ihren Naturalien abgegeben haben.</p>
<p>Weitere Ausführungen Hoovers, der schon 1918/19 ein Hilfsprogramm für Europa entwickelt hatte, ließen zwischen den Zeilen trotz aller Schärfe wenigstens ein bißchen Hoffnung aufkeimen: »Wer an Rache und an die Bestrafung einer großen Masse von Deutschen glaubt, die nicht an der Naziverschwörung beteiligt waren, kann jetzt keine Besorgnisse haben, denn dieses Volk ist — in seinen Lebensmitteln, in seiner Heizung und in seiner Unterkunft — auf den niedrigsten Stand gesunken, der seit hundert Jahren in der Geschichte des Westens bekannt war.«</p></div>
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				<div class="et_pb_text_inner"><p>Schaffung von Unterkünften: genau das war es, was damals in Oberkochen alle Verantwortlichen vor praktisch unlösbare Aufgaben stellte und manchmal gegen ihren Willen zu harten Maßnahmen zwang. Schon in der 2. Sitzung am 5.7.1945 mußten die Gemeindebeiräte (die ersten Wahlen zum Gemeinderat fanden erst am 27.1.1946 statt) feststellen, daß die Zahl der wohnungssuchenden Personen jeden Tag größer wurde, »da verschiedene Soldaten in ihre Heimat und zu ihren Familien zurückkehren«. Die an diesem Tage geschaffene Wohnungskommission mußte für Schlafgelegenheit für durchziehende Soldaten im Bergheim sorgen, da die Gaststätten von Dauermietern belegt waren. Die Turnhalle war »voller Unreinlichkeit und Ungeziefer«. Schließlich wurde im Oktober »ein jeder Zuzug, mit Ausnahme der zugewiesenen Flüchtlinge vom Osten« ganz gestoppt. Im Sommer 1946 wurde die Aufnahme von entlassenen nichtansässigen Soldaten auf Dauer abgelehnt; dasselbe galt »für Flüchtlinge aus den neupolnischen Gebieten, die in der englischen und russischen Zone untergebracht werden sollen.« Die Baustoffe waren bewirtschaftet, eine Dringlichkeitsliste sollte einigermaßen Übersicht schaffen. Immerhin war erstaunlicherweise schon ab Frühjahr 1946 eine größere Zahl von Baugesuchen eingegangen.</p>
<p>Die großen Schwierigkeiten, in Oberkochen einen Wohnraum zu finden, mußten auch die im Sommer 1945 zunächst nach Heidenheim übergesiedelten führenden Zeiss-Mitarbeiter aus Jena erkennen, denn es gelang nur unter größten Anstrengungen, allmählich in Oberkochen genügend Wohnraum zu finden.</p>
<p>Im Frühjahr 1947 mußte ein Mehreinschlag im Gemeindewald durchgeführt werden, um Möbel für Neubürger herstellen zu können, »da viele Neubürgerfamilien überhaupt nicht im Besitze eines Schrankes sind.« Wenige Monate später hatte sich das Wohnungsproblem nochmals derart durch erzwungene Neuzugänge und viele Eheschließungen verschärft, daß es im Gemeinderat eine harte Diskussion darüber gab, ob nicht »durch polizeilichen Zwang Umlegungen von Untermietern« erreicht werden sollten. Die Lehrer (der Unterricht hatte am 2.10.1945 wieder begonnen) beklagten sich wiederholt über Störungen im Schulhaus durch einquartierte Mitbewohner, die sich nicht an die Hausordnung hielten.</p>
<p>Der Zustrom hielt an; noch im Frühjahr 1950 mußte allein Nord-Württemberg 8000 Flüchtlingsfamilien aus Schleswig-Holstein aufnehmen. Auch zu diesem Zeitpunkt, als sich andernorts die Verhältnisse zu normalisieren begannen, war es für Oberkochen nur unter größten Schwierigkeiten möglich, mit Hilfe der alteingesessenen Industrie wenigstens zehn Familien ein Dach über dem Kopf zu ermöglichen. Welche Störungen des Familienlebens insgesamt, aber auch welche Gefährdungen der Gesundheit das Zusammenpferchen vieler z.T. wildfremder Menschen mit sich brachte, wird aus zahlreichen Einzelbemerkungen der Protokolle aus dieser schlimmen Zeit deutlich.</p>
<p>Unter diesen Umständen war es kein Wunder, daß damals über 200 000 Deutsche — darunter auch mehrere Einwohner Oberkochens — auswandern wollten. An der Spitze der Wünsche stand Argentinien vor den USA und Südafrika. Andererseits war die Tatsache, daß sich bereits ab 1948 schnell über 135 Oberkochener dem Heidenheimer Theaterring anschlossen, ein hoffnungsvolles Zeichen dafür, daß man sich nicht unterkriegen ließ. Immerhin verkehrten zu dieser Zeit werktags zwischen Aalen und Heidenheim schon wieder zehn Personenzüge (Eilzüge oder Verbindungen am Sonntag gab es nicht). Wer allerdings gar nach Ulm wollte, brauchte für 64 km volle zwei Stunden. Ein eigener Pkw war ein unerfüllbarer Wunsch: mit lediglich 2,4 % aller in Württemberg-Baden zugelassenen Kraftfahrzeuge bildete der Kreis Aalen das Schlußlicht.</p>
<p>Doch kehren wir zu der Frage zurück, wie sich das zarte Pflänzchen »Demokratie« unter den wachsamen Augen der amerikanischen Militärbehörden allmählich entfaltete:</p>
<p>Noch im Jahre 1945 war der Aalener Landrat von diesen angewiesen worden, überall für die Gründung von Jugendorganisationen zu sorgen. Rasch bildeten sich auch in Oberkochen einige Jugend- und Sportgruppen, die aber größte Schwierigkeiten hatten, einen geeigneten Übungsplatz für den Sport (wo früher gespielt wurde, wuchs jetzt Gemüse) oder Räume für das Zusammensein zu finden.</p>
<p>Am 27.1.1946 wählten 1284 Stimmberechtigte 12 Gemeinderäte auf zwei Jahre (über die politische Zugehörigkeit der Gewählten ist nichts bekannt). Am 7.12.1947 waren es dann schon — bei einer seitdem nie mehr erreichten Rekordbeteiligung von 88% — 1660 Wahlberechtigte. Dabei konnte die CDU 8 Sitze erringen, die restlichen Mandate fielen an die unabhängige freie Wählervereinigung, an die SPD und an die Wählergemeinschaft für den Neuaufbau. Und gleich danach, am 1.2.1948, wurde — erstmals wieder durch die Bürger — mit Gustav Bosch der Mann gewählt, der in seiner dreißigjährigen Amtszeit zwischen 1948 und 1978 — darüber ist man sich heute wohl über alle Partei- und sonstigen Grenzen hinweg einig — Oberkochen wie kein anderer zu dem geformt hat, was es heute ist.</p>
<p>Noch unter seinen Vorgängern Frank und Eber hatte der Gemeinderat Ende 1946 eine Hauptsatzung beschlossen, war Oberkochen dem Württembergischen Gemeindetag beigetreten. Die Einführung einer Feuerwehrabgabe für sämtliche Männer von 18 bis 45 Jahren, Beratungen über eine geordnete Müllabfuhr, eine umfassende Bau- und Kanalisationsplanung sowie die Befürwortung des Baues einer biologischen Kläranlage waren andere zukunftsweisende Maßnahmen mit dem Ziel einer schrittweisen Normalisierung.</p>
<p>Aber auch noch knapp zwei Jahre nach Kriegsende war »jedes Fastnachtstreiben auf öffentlichen Straßen und Plätzen sowie das Tragen von Gesichtsmasken auch in geschlossenen Räumen« verboten, mußte die Ernte durch Streifendienste der Jungbauern »wie in den Vorjahren« gesichert werden, durfte man die Felder zwischen 21.30 und 6 Uhr nicht betreten. Die Wildschwein‑, Ratten‑, Maulwurf- und Wühlmäuseplage war gewaltig, der Gemeinderat mußte auch wiederholt Gesuche um »Befreiung vom Kartoffelkäfersuchdienst« ablehnen.</p>
<p>Viele Soldaten wurden noch festgehalten: zum Weihnachtsfest 1947 begrüßte der Gemeinderat ausdrücklich einen Vorschlag von Bürgermeister Eber, an alle Kriegsgefangenen, soweit erreichbar, einen Brief aus der Heimat abzusenden. Fast täglich kamen noch über Jahre hinweg im Heimkehrerlager Ulm auch aus dem Raum Aalen-Oberkochen ehemalige Soldaten aus Rußland und aus Polen an.</p>
<p>Als es 1956 um die Errichtung eines Kriegsopferehrenmals ging, zählte man in der Liste der durch den Zweiten Weltkrieg Umgekommenen nicht weniger als 160 Namen (darunter auch einige Angehörige von Flüchtlingen), 54 Männer blieben vermißt: ein hoher Blutzoll für das 1939 gerade 2000 Einwohner zählende Oberkochen.</p></div>
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				<span class="et_pb_image_wrap "><img loading="lazy" decoding="async" width="705" height="512" src="https://oberkochen-heimatverein.de/wp-content/uploads/hm-buch-s220.jpg" alt="Oberkochen" class="wp-image-11745"></span>
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				<div class="et_pb_text_inner"><h2>1948–1968: Jahrzehnte des Aufbaus</h2>
<p>»Für die Gemeinde ist ein Heimatbuch in der Regel (lediglich) ein Repräsentationsobjekt, das sich vorzeigen und bei den verschiedensten Anlässen als Geschenk überreichen läßt. Man hat einen gewissen Respekt vor dem Inhalt und benützt es nicht oft.« (Gustav Schoeck, Mitarbeiter des Landesdenkmalamtes Baden-Württemberg, nach der Untersuchung von 43 Heimatbüchern aus Württemberg im Jahre 1974).</p>
<p>Trotz mancher erfolgversprechender Ansätze seit 1953, als Franz Balle seine »Blätter zu einem Oberkochener Heimatbüchlein« vorstellte, gibt es bisher keine zusammenfassende Darstellung Oberkochens. Wohl aber erschien, wie schon eingangs erwähnt, am 6.3.1953 unter dem Titel »Bürger und Gemeinde« auf Initiative von Gustav Bosch erstmals ein Amtsblatt, dessen Umfang Ende 1992 über 28 000 Seiten betragen hat. Erst eine spätere Generation wird würdigen können, welch getreues Spiegelbild der Entwicklung dieser in keine übliche Schablone passenden Gemeinde Oberkochen durch »Bürger und Gemeinde« ermöglicht wird. Nach den Vorstellungen des Bürgermeisters sollte dieses Gemeindeblatt (weit über den Abdruck von amtlichen Bekanntmachungen hinaus) der »vollkommenen Unterrichtung der Bürger eines demokratischen Gemeinwesens« dienen. Listigerweise fügte er nach dem entsprechenden Gemeinderatsprotokoll hinzu, das Blatt sei auch »wegen des ungeeigneten Stimmvermögens des Amtsdieners« erforderlich geworden. Die folgenden Ausführungen stützen sich stark auf die vielen verschiedenartigen Beiträge, Bekanntmachungen und Statistiken, aber auch auf den Werbeteil dieses Amtsblattes. Eine gute Orientierung über das Wachsen Oberkochens ermöglichen heute aber auch die insgesamt fünf Adreßbücher ab 1959 und die 1968 bzw. zuletzt 1993 über die Stadt erschienenen Bildbände.</p>
<p>Zunächst zur Entwicklung der Einwohnerzahlen der über lange Zeit hinweg größten Wachstumsgemeinde Baden-Württembergs (z.T. gerundete Zahlen): Vom Zusammenbruch bis zum Jahre 1950 mußten nicht weniger als 1100 Menschen zusätzlich untergebracht werden, 1950 hatte der kleine Ort bereits 3700 Einwohner. Aber zehn Jahre später, im Jahre 1960, hatte sich die Einwohnerzahl mit 7864 mehr als verdoppelt. Trotz des »Mauerbaues« am 13.8.1961 kamen zunächst weiterhin viele Leute nach Oberkochen. 1970 war mit 8731 Einwohnern das bisherige Maximum zu verzeichnen. Obwohl in jüngster Zeit — nicht zuletzt wegen der deutschen Wiedervereinigung und der im Frühjahr 1989 einsetzenden Zuweisung von Asylbewerbern — die Einwohnerzahl wieder zunimmt, wurde dieser Höchststand auch mehr als zwei Jahrzehnte danach noch nicht wieder ganz erreicht.</p>
<p>Eine wesentliche Ursache dafür ist die wie überall stark geschrumpfte Zahl der Neugeborenen: 1962 war mit 183 ein Rekord registriert worden, für 1958–67 ergab sich ein Durchschnitt von immerhin 163 Kindern pro Jahr. Die Vergleichszahl für 1968–77 ergibt nur noch 96. Der absolute Tiefpunkt war dann 1984 mit 63 Neugeborenen; 1992 waren es 64. Ferner: die von Anfang an schwierige Beschaffung von ausreichendem und — gerade auch für junge Familien — erschwinglichem Wohnraum gehört ebenfalls zu den Hauptmerkmalen der Oberkochener Nachkriegszeit. Im Herbst 1950 hatte man (bei 3700 Einwohnern) noch 73 Notwohnungen gezählt; nach dem Stand v. 1.3.1953 waren in einer Vormerkliste für Wohnungssuchende rd. 600 Personen verzeichnet, 280 Personen wohnten in sogen. Elendsquartieren. Die Massenflucht aus der »Ostzone« überrollte gleichsam den Ort; andererseits bot »die bodenständige Industrie und die Firma Zeiss-Opton Arbeitsplätze, Anlern- und Aufstiegsmöglichkeiten, um die uns viele Schicksalsgefährten in anderen Teilen der Bundesrepublik beneiden« (so der damalige Gemeinderat Josef Menzl, dessen nüchterne Analyse der Rückkehrchancen in die frühere Heimat auch heute noch beeindruckt, im April 1953). Ebenfalls 1954/55 stand die Erfassung der Elendsquartiere (»weniger als vier qm je Person, keine Küche oder Kochnische bei Zweipersonenhaushalt«) immer wieder zur Beratung an. Nach Gustav Boschs Beobachtungen hatten »viele Vermieter ihre Häuser vom Keller bis zur Bühne mit Menschen vollgestopft«, widerwärtige Streitigkeiten in den überbelegten Häusern waren an der Tagesordnung. Die schließlich zum 1.7.1962 von außen her verfügte Aufhebung der Wohnraumbewirtschaftung kam zumindest für Oberkochen zu früh. 1956 waren seit der Währungsreform (1948) 930 Wohnungen bezugsfertig erstellt worden; nur vier Jahre später waren es bereits 1487, davon allein 336 im Jahre 1957. Über 2061 (1967) und 2539 (1974) ging es in verlangsamtem Tempo weiter. 1992 schließlich waren seit 1948 rd. 3 400 Wohnungen bezugsfertig geworden — eine gewaltige Leistung!</p>
<p>Die trotz aller Schwierigkeiten stürmische Entwicklung Oberkochens nach 1945 vom Dorf zur stattlichen Kleinstadt erregte naturgemäß nicht nur bei den unmittelbaren Nachbarn einiges Aufsehen, wenn nicht gar mit ein bißchen Neid gepaarte Bewunderung. Mit Blick auf die Entwicklung der Einwohnerzahlen, die nicht zu übersehende enorme Bautätigkeit, vor allem aber auch unter Hinweis auf die Schaffung von mehreren tausend Arbeitsplätzen in der ortsansässigen Industrie (deren Entwicklung ist Thema eines anderen Beitrages) war allenthalben zu hören, Oberkochen sei eine wohlhabende, ja reiche Stadt — ein Vorurteil, das bis heute nicht auszurotten ist!</p>
<p>Vorweg ein paar »interne« Beispiele aus jüngerer Zeit, welche diese Meinung vielleicht verständlicher werden lassen:</p>
<p>Bei der Verabschiedung des Haushaltsplanes 1985 stellte ein Stadtrat, was die Finanzlage angeht, fest: »Für Oberkochen besteht noch ein sehr großer Spielraum … (Es) ist in seiner Größenordnung die gesündeste Stadt in Baden-Württemberg, und dies bei einer intakten Infrastruktur!« Beim Einbringen des Haushaltsplanes 1986 sprach der Stadtkämmerer mit Blick auf die Finanzausgleichsumlage an das Land und den Anteil Oberkochens an der Kreisumlage von dessen Rolle als »Zahlmeister beim Finanzausgleich«. Dabei hat sich inzwischen durch unaufschiebbare Aufgaben vielfältiger Art auch im »reichen« Oberkochen die Verschuldung pro Kopf deutlich erhöht!</p>
<p>Dieser Ruf, eine wohlhabende und finanzstarke Gemeinde zu sein, die sich viel leisten könne, begleitet Oberkochen seit Jahrzehnten: schon wenige Wochen nach ihrem Wiedererscheinen gab es für die Aalener Volkszeitung im Herbst 1949 gar keinen Zweifel daran, daß Oberkochens »Klugheit, Weitsicht und Einsicht in diesem Tal der Arbeit einen bedeutenden Beitrag für unsere ganze Volkswirtschaft leisten« würden.</p></div>
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				<span class="et_pb_image_wrap "><img loading="lazy" decoding="async" width="703" height="976" src="https://oberkochen-heimatverein.de/wp-content/uploads/hm-buch-s223.jpg" alt="Oberkochen" class="wp-image-11746"></span>
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				<div class="et_pb_text_inner"><p>Überregionale Aufmerksamkeit zog Oberkochen am 1.5.1954 auf sich, als Bundespräsident Professor Heuss in die Gemeinde kam (aus der Rückschau zusammen mit der Stadterhebung am 29.6.1968 wohl der strahlendste Tag der Nachkriegszeit). Er hob dabei u.a. hervor, die Verpflanzung der Carl-Zeiss-Stiftung aus Jena sei voll und ganz gelungen; es sei den Zeiss-Leuten gut bekommen, nun hier im Lande der Schwaben zu arbeiten. Ausführlich ging das Staatsoberhaupt dann auf die damals heftig umstrittene Frage der Einführung der Fünf-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich ein. Nur wenige Monate danach kamen die 3000 Werksangehörigen als erste in der gesamten feinmechanisch-optischen Industrie in den Genuß dieses »sozialpolitischen Ereignisses ersten Ranges«.</p>
<p>Oberkochen war damals in der Tat seinen Nachbarn um einiges voraus. Mit Schmunzeln liest man heute nach, Ende 1955 seien »die märchenhaftesten und schrecklichsten Vorstellungen von Millionengeschenken der Firma Zeiss, die mit der Entfernung der Redaktionen vom Nachrichtenort zu steigen schienen«, durch den Blätterwald gegeistert. Ein benachbarter Bürgermeister habe sich bei seinem Kollegen Bosch vergewissern wollen, »daß hier jetzt nur noch die Millionen gezählt würden«. Das »böse Oberkochen wolle den umliegenden Arbeiterwohngemeinden nun auch noch die Pendler wegziehen«. Diese heiter ironisierenden Bemerkungen stammen von dem früheren Gemeinderat Hans Schmid, der als kritischer Beobachter das Niveau von »Bürger und Gemeinde« von Anfang an weit über das vergleichbarer Amtsblätter hinausgehoben hat. Übrigens war die Sorge der Nachbarn nicht völlig unbegründet: zum Jahresende 1955 zählte Oberkochen bei 6120 Einwohnern 6089 Arbeitsplätze; 3732 oder 61% der Beschäftigten waren Einpendler.</p>
<p>1959 wandte sich eine süddeutsche Universitätsstadt in einem Amtshilfeersuchen an die Stadt Aalen. Die Anschrift »An die Stadt Aalen, Kreis Oberkochen/Württemberg« registrierte man am Kocherursprung mit Vergnügen. Und als schließlich im Herbst 1964 beim Finanzamt Aalen ein neuer Vorsteher eingeführt wurde, meinte der damalige Finanzminister Müller, eigentlich müsse man ja das Finanzamt aus Aalen nach Oberkochen legen. Drei Jahre zuvor waren auf einen Schlag gleich 210 Kandidaten des gehobenen Verwaltungsdienstes anläßlich eines Planspieles der Verwaltungsschule Stuttgart unter dem Leitwort »Oberkochen wächst weiter« hier eingefallen, um an Ort und Stelle hinter die angeblichen Geheimnisse des rasanten Aufschwunges Oberkochens zu kommen.</p>
<p>Nicht nur an Stammtischen tauchte schon damals die Idee von einer »Stadt« Oberkochen auf. Fast am selben Tag wie diese »Beamteninvasion« hat der Gemeinderat mit 15:1 Stimmen bei einer Enthaltung einen entscheidenden Schritt in diese Richtung getan: die Gemeinde sollte am Eugen-Bolz-Platz ein neues Rathaus erhalten.</p>
<p>Die Einwohnerzahl betrug rd. 8000, im Vergleich zu 1939 hatte sie um 300% zugenommen. Wo gab es etwas Vergleichbares zumindest außerhalb des Ballungsraumes Stuttgart?</p>
<p>Nicht zuletzt, um Überschneidungen mit anderen Beiträgen zu vermeiden, sollen an dieser Stelle die Betrachtungen und Zahlenangaben über Einwohnerstand und Wirtschaftskraft Oberkochens abgebrochen werden. Stattdessen können einige — auf den ersten Blick unwichtige — Streiflichter aus den letzten Jahrzehnten, die möglicherweise mehr als bloße Fakten die Entwicklung hin zur Stadterhebung 1968 erhellen, die damalige Grundstimmung veranschaulichen. Als Ausgangspunkt dienen die ersten Ausgaben des Amtsblattes vor knapp vier Jahrzehnten.</p>
<p>Neun Vorstellungen allein zwischen Freitag und Sonntag — und das Woche für Woche: welch herrliche Kinozeiten waren das doch noch anno 1953! Der »Aufruhr in Marokko — ein spannungsreicher Nordafrika-Film« lief jeweils um 22.15 Uhr, merkwürdigerweise gleichzeitig aber auch als Jugendsondervorstellung am Sonntag um 13 Uhr. »Schneewittchen und die sieben Zwerge« fanden über Ostern großen Zuspruch, aber auch die »erotisch-lüsterne und die fraulich-mütterliche Eva aus Schweden« begegnete »einem Jüngling auf seinem Weg ins Leben« — selbstverständlich waren Jugendliche bei diesem Film nicht zugelassen. Ein wichtiges Problem: nicht nur in der Dreißentalstraße, wo sich das Kino befand, sondern vor allem im eigentlichen Ortskern sollten »der Hofraum, die Güllenfässer und Dungkarren zum Sonntag hin sauber aufgeräumt werden«. Weiterhin lamentierte man über den Zustand der öffentlichen Bedürfnisanstalt beim Bahnhof sowie über leere Zuhörerplätze bei den Gemeinderatssitzungen, über nächtlichen Unfug am Lindenbrunnen, rücksichtslose Motorrad- und Radfahrer. Von Amts wegen wurde darauf hingewiesen, daß die »Abgabe von geistigen Getränken an Betrunkene« verboten sei. Und der Sportverein jammerte über »unerwünschte Zaungäste auf der (alten) Bundesstraße oder dem Grasrain zwischen Straße und Bahnkörper«. Ob der laufend gesuchte Tulpendieb dann doch noch erwischt worden ist, ist nicht bekannt.</p>
<p>Zunächst vereinzelt, dann recht häufig wurde aber auch die »große weite Welt« in Oberkochen sichtbar: zwar gaben sich Bundespräsidenten (neben Theodor Heuss war 1981 auch Carl Carstens hier) oder Bundeskanzler (Professor Ludwig Erhard) nicht gerade am Kocherursprung die Türklinke in die Hand; aber wer kennt all die Namen der vielen Minister, Botschafter, Gelehrten, Künstler und Sportler, die seitdem Oberkochen besucht haben?</p>
<p>Auch der Humor kam nach langen Jahren, in denen es wirklich nichts zu lachen gegeben hatte, endlich wieder zu seinem Recht: Gustav Bosch konnte an den tollen Tagen des Jahres 1954 den Narren versichern, er schlage »aus Anhänglichkeit zur Gemeinde« die ihm angebotene Stelle als Zirkusdirektor aus. Im März desselben Jahres wurde unter der Rubrik »Fremdenverkehr« mit Stolz vermerkt, daß unter den 92 Übernachtungen nicht weniger als fünf von Ausländern stammten. Ach ja, in der Dreißentalstraße mußte wegen Raserei eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 40 km/h ausgesprochen werden. Zum Jahreswechsel nahm das »Klauen des Christbaumes« wieder überhand. Wie sich doch die Zeiten gleichen … Da der Inhalt der Abortgruben häufig kurzerhand in die Kanalisation entleert wurde, drohte der Bürgermeister höchstpersönlich »genaue Überwachung auch zur Nachtzeit und zu früher Morgenstunde« an.</p>
<p>Als der Gemeinderat 1957 endlich »Auslandsluft« schnuppern konnte (Besuch in der Schweiz bei der Appenzeller Landsgemeinde), wurde der aufmerksamen Bürgerschaft offiziell mitgeteilt, alle Kosten seien »aus dem eigenen Beutel« bezahlt worden. Überhaupt herrschte damals offensichtlich eine hohe Zahlungsmoral: drei übermütige junge Burschen, die zwei Lampen zertrümmert hatten, überwiesen sogleich von sich aus 30 DM an die Gemeindepflege. Weil 1959 »gewisse liebe Mitbürger« die Mär hörten, die Beamten hätten eine Weihnachtsgratifikation erhalten, wurde dies postwendend mit dem Kommentar: »Wie werden sich jetzt unsere verhinderten Neidhammel freuen!« als irrig korrigiert — erneut ein vergnüglicher Beweis, wie volksnah Demokratie sein kann.</p>
<p>Man sah sich damals im »Wirtschaftswunderland« und offensichtlich in besonderem Maße auch in Oberkochen indes vor ähnliche Sorgen wie heute gestellt: zum 1. Mai 1961 formulierte Fritz Fröhlich im Amtsblatt die bange Frage, ob angesichts der Tatsache, daß nur 60% der erwachsenen Bevölkerung Bücher lesen würden (wieviele sind es heute?), nicht doch wenigstens »die Spur eines Zusammenhangs zwischen dieser Tatsache und der Modekrankheit unserer modernen Gesellschaft, der permanenten Langeweile, besteht?«</p>
<p>Schon damals wurde alles schneller, moderner, hektischer: im Jahr darauf wurde der bisher von vier bis sechs Pferden gezogene Bahnschlitten durch ein Motorfahrzeug ersetzt (und gleichzeitig ein Stück Romantik aufgegeben). Doch mit der Einführung der staubfreien Müllabfuhr, der Eröffnung des weit und breit modernsten Hallenbades sowie der Einweihung eines später zur Vollanstalt ausgebauten Progymnasiums wurden keineswegs selbstverständliche Schritte in die Zukunft getan.</p>
<p>Das gilt vor allem auch für den Ausbau des Straßennetzes: nach mehr als zwei Jahrzehnten häufig geänderter Planung konnte die Umgehungsstraße Oberkochens (die heutige B 19) im Dezember 1959 endlich dem Verkehr übergeben werden. Als im Jahre 1967 die Gefahr bestand, daß die Trassierung der Bundesautobahn A 7 (Würzburg — Ulm) weiter von Aalen und Heidenheim entfernt, als geplant, verlaufen sollte, protestierte die Planungsgemeinschaft Württemberg-Ost von Oberkochen aus mit Nachdruck und mit Erfolg gegen dieses Vorhaben. Es sollten aber nochmals rd. 20 Jahre vergehen, ehe diese Autobahn, deren Bau kaum auf Proteste gestoßen war, ab 1987/88 durchgehend befahren werden konnte.</p>
<p>Diese Beispiele wurden stellvertretend für andere öffentliche Einrichtungen ausgesucht, die aus der Zeit vor oder kurz nach der Stadterhebung im Jahre 1968 stammen. Manche davon waren inzwischen zu renovieren oder zu erweitern. Innerörtliches Straßennetz, Wasserversorgung und Kläranlage, Schulgebäude, das Carl-Zeiss-Stadion, das Rathaus mit Hotel sind einige Stichwörter dazu.</p></div>
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				<span class="et_pb_image_wrap "><img loading="lazy" decoding="async" width="721" height="1025" src="https://oberkochen-heimatverein.de/wp-content/uploads/hm-buch-s227.jpg" alt="Oberkochen" class="wp-image-11747"></span>
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				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Verhaltenes Wachstum seit der Stadterhebung</h2>
<p>Seit Jahresbeginn 1967 setzte überall eine verstärkte Diskussion darüber ein, wann Oberkochen endlich Stadt werden könne. Die Einweihung des neuen Rathauses am Eugen-Bolz-Platz im März d.J., die Errichtung neuer Gemeindezentren der katholischen und der evangelischen Kirchengemeinden, aber etwa auch die Wahl Oberkochens als Sitzungsort der Bildungskommission des Deutschen Bildungsrates und insbesondere die glanzvolle Eröffnung des Kulturringes Carl Zeiss (in wenigen Wochen lösten sich die Bamberger Symphoniker, das Theater in der Josefstadt Wien, die Donkosaken mit Serge Jaroff und Horst Jankowski mit seinem Chor ab) dokumentierten auch nach außen hin, daß dieses Gemeinwesen nun die Bezeichnung »Stadt« verdient habe. Unter dem Leitgedanken »Perspektiven für das letzte Drittel des 20. Jahrhunderts« referierten beim Kulturring in den nächsten Monaten einige Dutzend teilweise international geschätzte Wissenschaftler vor einem stets großen Auditorium über die Chancen und Gefahren der Zukunft — für einen Ort wie Oberkochen eine großartige Bereicherung. Am Rande sei auch noch eine bezeichnende Kleinigkeit erwähnt: am Beginn des Jahres 1967 hatte die Gemeinde eine symbolhafte Spende von 100 DM an die von schweren Unwettern geschädigte Kunststadt Florenz geschickt. Eine noble und urbane Geste.</p></div>
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				<div class="et_pb_text_inner"><p>Mit Beschluß der Landesregierung v. 26.3.1968 war dann der Weg für die Festwochen im Juni dieses Jahres mit der offiziellen Stadterhebung frei.</p>
<p>Was im letzten Jahrzehnt der »Ära Bosch« geschah, war weniger spektakulär, aber trotzdem wichtig: Bau von Altenwohnungen, Erschließung der Heide, Ausbau der Kanalisation und der Ortsdurchfahrt, erneute Erweiterung des Gymnasiums, neuer Bauhof, Sporthalle, erweiterte Gewerbegebiete. Über andere wichtige Einrichtungen wie die 1978 gegründete Musikschule wird an anderer Stelle dieses Buches mehr gesagt. Schon 1971 war durch die Firma Carl Zeiss das Optische Museum Oberkochen eröffnet worden, das mit über 7000 Sammlungsstücken auf seinem Gebiet rasch internationale Bedeutung gewonnen hat.</p>
<p>Als dann Gustav Bosch im Februar 1978 nach 30 Amtsjahren feierlich in den Ruhestand verabschiedet wurde, hat ihm der Gemeinderat einstimmig »in dankbarer Würdigung seiner hervorragenden Verdienste um die Stadt Oberkochen« das Ehrenbürgerrecht verliehen. Im Ehrenbürgerbrief heißt es u.a., sein Wirken sei richtungweisend »für die Entwicklung Oberkochens zu einer Stadt weltweiter industrieller Bedeutung« geworden, er habe »Oberkochen aber auch den Charakter einer liebenswerten Heimat für alle Bürger« bewahrt. An Silvester 1979 ist Gustav Bosch verstorben, die nach ihm benannte Straße verbindet den alten Ortskern mit dem großen Neubaugebiet Tierstein und führt unmittelbar auf die kirchlichen und bürgerlichen Zentren zu.</p>
<p>Der Nachfolger, Harald Gentsch, war am 4.12.1977 als klarer Sieger aus der Bürgermeisterwahl hervorgegangen, am 8.12.1985 ist er mit überwältigender Mehrheit auf weitere acht Jahre in seinem Amt bestätigt worden. Er fand bei seinem Amtsantritt natürlich eine völlig andere Situation als seinerzeit Gustav Bosch vor. Schaut man zurück, sieht man, daß eigentlich schon in der Zeit um die Stadterhebung herum die für eine Kleinstadt notwendigen Einrichtungen in ausreichendem Maße vorhanden waren; die oft geradezu stürmischen »Gründerjahre« sind längst vorbei. Es galt — und gilt — nunmehr jedoch für alle Verantwortlichen in erhöhtem Maße, nicht gelassen auf das Erreichte zurückzuschauen oder dies gar ein wenig resignierend lediglich weiterverwalten zu wollen. Vielmehr ist auf zahlreichen Gebieten ein gründlicher Ausbau erforderlich. Große Schritte sind in diese Richtung bereits getan worden oder stehen in naher Zukunft bevor. Dazu zählen die vieldiskutierte Stadtkernsanierung, das 1988 nach gründlicher Renovierung neugestaltete Freizeitbad »aquafit«, der Komplex Rathaus mit Bürgersaal/Hotel und ein Altenpflegeheim.</p>
<p>Indessen müssen wir, was die künftige Entwicklung dieser Stadt betrifft, noch ganz andere Gesichtspunkte im Auge haben. Denn gerade in einer so hochindustrialisierten Gemeinde wird bei der Zukunftsfürsorge zu berücksichtigen sein, daß der vielzitierte Wertewandel während der beiden letzten Jahrzehnte — um wenigstens einen einzigen Bereich herauszugreifen — besonders auch an der geänderten Einstellung zum Verhältnis Arbeit im Beruf — Freizeit zu beobachten ist: inmitten einer teilweise völlig neuen Sicht von Natur und Umwelt wird die Wochenarbeitszeit wohl noch weiter sinken, die Urlaubsdauer wird länger werden, viele treten wesentlich früher als in der unmittelbaren Nachkriegszeit in den Ruhestand. Einrichtungen wie das schon erwähnte »aquafit«, die in den letzten Jahren zielstrebig in der ehemaligen evangelischen Kirche ausgebaute Stadtbücherei (mit ihrer Eröffnung am 25.4.1981 fiel übrigens der von Bundespräsident Carstens persönlich vollzogene Beginn des »Erdgaszeitalters« für Oberkochen zusammen), die Musikschule oder die Volkshochschule werden zunehmend an Bedeutung gewinnen. Denn »Freizeit« bedeutet in ihrem eigentlichen Sinne »aktive freie Zeit« für Kreativität, Kommunikation. Zwischen den wichtigen Mittelstädten Aalen und Heidenheim muß Oberkochen, wenn es in einer Epoche großer Mobilität seinen bisherigen Rang als Kleinstadt mit einem dennoch beträchtlichen Wohn- und Lebenswert erhalten will, für die Zukunft verstärkte Anstrengungen unternehmen. Die Ansätze sind geschaffen; auch bei eventuell zurückgehender Finanzkraft müssen sie, wenn auch in Stufen, ausgebaut werden.</p>
<p>Es wäre schließlich gewiß nicht ohne Reiz, in einer, was die Nachkriegsentwicklung angeht, so besonders interessanten Stadt wie Oberkochen nun noch die parteipolitischen Strömungen und Tendenzen näher zu verfolgen. Doch mag eine pauschale Auflistung der Wahlergebnisse mit dem Schwerpunkt auf der kommunalen Seite genügen: Bei den 13 Gemeinderatswahlen seit 1947 sind bisher insgesamt 146 Sitze vergeben worden. Dabei haben die CDU mit 46, die SPD mit 43 und die Bürgergemeinschaft mit 42 Sitzen (die anderen Gruppierungen spielen seit 1971 keine Rolle mehr) in etwa dieselben Anteile errungen. Mit Rosemarie Beythien war 1959 erstmals eine Frau in den Gemeinderat gekommen; ab 1984 nahmen die Frauen jeweils 4 der 18 Sitze ein. Mit dem ehemaligen Stadtrat Georg Brunnhuber (CDU) wurde am 2.12.1990 erstmals ein Oberkochener Bürger in den Deutschen Bundestag gewählt.</p></div>
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				<span class="et_pb_image_wrap "><img loading="lazy" decoding="async" width="677" height="1125" src="https://oberkochen-heimatverein.de/wp-content/uploads/hm-buch-s231.jpg" alt="Oberkochen" class="wp-image-11749"></span>
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				<span class="et_pb_image_wrap "><img loading="lazy" decoding="async" width="719" height="573" src="https://oberkochen-heimatverein.de/wp-content/uploads/hm-buch-s232.jpg" alt="Oberkochen" class="wp-image-11750"></span>
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				<div class="et_pb_text_inner"><p>Wenige Wochen zuvor, am denkwürdigen Tage der deutschen Wiedervereinigung am 3.10.1990, wurden im Oberkochener Bürgersaal mit der Unterzeichnung der Urkunden über die partnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen Aalen, Jena und Oberkochen im wahrsten Sinne des Wortes diejenigen »Grenzen« überwunden, unter denen gerade auch die in Oberkochen lebenden Menschen jahrzehntelang zu leiden gehabt hatten. Die bei dieser Gelegenheit geäußerte Hoffnung, die einzelnen Vereinbarungen »im Geiste der Freundschaft umgehend mit Leben erfüllen und in die Tat umsetzen« zu können, hatte sich für Oberkochen auf internationaler Ebene schon längst erfüllt: denn seit dem 24.6.1984 besteht mit Dives-sur-Mer in der Normandie eine auf festem Grund ruhende Partnerschaft. Seit Juni 1992 schließlich ist Oberkochen auch mit der bei Venedig liegenden Stadt Montebelluna in Freundschaft verbunden.</p>
<p>Derartige Partnerschaften müssen, wollen sie Bestand haben, über die offizielle Seite hinaus »von unten« her getragen werden. Die Verbindung mit der französischen Stadt war zunächst durch eine private Bekanntschaft, die mit der italienischen Kommune auf Vereinsebene zustande gekommen. Darüber hinaus haben auch andere unmittelbare Begegnungen von Mensch zu Mensch, auch wenn man einige Ansätze in den 60er Jahren übergeht, schon eine Tradition: im Sommer 1982 waren Jugendliche aus Neve Shalom, einer jüdisch-arabischen Gemeinschaftssiedlung in Israel, durch Privatinitiative nach Oberkochen gekommen; wenige Wochen danach gab es die ersten direkten Treffen zwischen der hiesigen katholischen Kirchengemeinde und einer Pfarrei in Nairobi/Kenya.</p>
<p>In letzter Zeit hat die »junge Stadt am Kocher«, wie sich Oberkochen auch noch 25 Jahre nach der Stadterhebung gerne nennen läßt, durch international besetzte Jazzfestivals und Sportfeste auf sich aufmerksam gemacht, das traditionell reichhaltige kulturelle und sportliche Angebot ist dadurch um eine interessante Palette bereichert worden.</p></div>
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				<span class="et_pb_image_wrap "><img loading="lazy" decoding="async" width="713" height="602" src="https://oberkochen-heimatverein.de/wp-content/uploads/hm-buch-s233.jpg" alt="Oberkochen" class="wp-image-11751"></span>
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				<div class="et_pb_text_inner"><h3><em><strong>Quellennachweis:</strong></em></h3>
<p>Soweit nicht anders vermerkt, wurden für die Jahre 1945 bis 1952 vor allem die Gemeinderatsprotokolle und ab 1953 die einzelnen Jahrgänge von »Bürger und Gemeinde« herangezogen. Darüber hinaus wurden zahlreiche Einzelmitteilungen aus der Einwohnerschaft ausgewertet. Die allgemeine Darstellung der deutschen Nachkriegssituation stützt sich in erster Linie auf die vielbändige Quellensammlung »Ursachen und Folgen. Vom deutschen Zusammenbruch«, Berlin (o.J.).</p>
<p>&nbsp;</p>
<p style="text-align: right;"><strong><em>Albert Seckler</em></strong></p></div>
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]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Das III. Reich in Oberkochen</title>
		<link>https://oberkochen-heimatverein.de/das-iii-reich-in-oberkochen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[smarterPresence]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 21 May 2024 09:52:24 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Heimatbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
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					<description><![CDATA[Seite 169-210 (Dietrich Bantel)]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="et_pb_section et_pb_section_2 beitrag-inner-container et_section_regular">
				
				
				
				
				
				
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				<div class="et_pb_text_inner"><p>Berichte, Gedanken, Meinungen Oberkochener Bürger, — Streiflichter und Erinnerungen und Auszüge aus den Protokollen (bis 28.12.37) des Oberkochener Gemeinderats zum III. Reich</p>
<h3>Ein Mosaik</h3>
<p>Oberkochen war in der Weimarer Zeit (1919 bis 1933) ein relativ armes Bauern- und Industriedorf, — relativ deshalb, weil durch die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch Unternehmergeist aufgekommene Industrialisierung, das heißt die Verlagerung von Handwerk auf maschinelle Produktion, Oberkochen sich neben Remscheid und Schmalkalden bereits bis 1933 trotz aller Zeitwiderwärtigkeiten einen immerhin beachtlichen Platz in der Werkzeugindustrie für maschinelle Holzbearbeitung gesichert hatte. (vergl. J. u. M. Kämmerer, Vom Dorf zur Industriegemeinde).</p>
<p>Die Weltwirtschaftskrise war jedoch auch an Oberkochen nicht spurlos vorübergegangen. Besonders schlecht war es — wie zu Beginn der Dreißigerjahre in ganz Deutschland — um die Arbeitsplätze bestellt.</p>
<p>Gegen Ende der Weimarer Zeit gab es auch hier in Oberkochen viele der berühmten 30 Parteien, die, jede auf ihre Weise, in edlem oder weniger edlem Wettstreit Werbung für ihre Ideen betrieben. Lastwagen, mit Plakaten behangen und mit singenden Gruppen auf der Pritsche, fuhren in den frühen 30er Jahren durch den Ort. Straßen und Wände wurden mit Parolen beklebt und beschmiert, wie das heute auch noch vorkommt.</p>
<p>Am 6.11.1932 fanden die letzten Wahlen zum Reichstag vor der Machtergreifung statt. 1001 Oberkochener waren wahlberechtigt. Aus insgesamt 866 gültigen Stimmen entfielen auf</p>
<p>Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei: 201 Stimmen = 23,2 %<br>Deutsche Volkspartei: 1 Stimme<br>Zentrum: 477 Stimmen = 55,1 %<br>Sozialdemokratische Partei Deutschland: 20 Stimmen<br>Kommunistische Partei Deutschland: 113 Stimmen = 13,1 %<br>Deutschnationale Partei: 31 Stimmen = 3,6 %<br>Deutsche Demokratische Partei: 10 Stimmen<br>Christlich Sozialer Volksdienst: 4 Stimmen<br>Bauern- und Weingärtnerbund: 5 Stimmen<br>sonstige: 4 Stimmen</p>
<p>Die Zentrumsmehrheit blieb in Oberkochen bis über die Machtübernahme hinaus stabil.</p>
<p>Der Bericht von Engelbert Mager (s.v.), dem Sohn des 1946 verstorbenen Oberlehrers Mager, gibt ein anschauliches Bild vom weniger politischen Teil dieser Zeit.</p>
<p>Ergänzend zu Herrn Magers Aufzeichnungen sei erwähnt, daß man in Oberkochen in einem Akt der Selbsthilfe gegen die Arbeitslosigkeit aus der wirtschaftlichen Notsituation heraus noch vor der Machtergreifung, 1932/33, unter großer Beteiligung Oberkochener Arbeitsloser und unter örtlicher Bauleitung (es gab eine Gruppe mit 19 Erwachsenen und eine Gruppe mit 27 Jugendlichen) in zwei Sektionen die Straße zum Volkmarsberggipfel gebaut hatte.</p></div>
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				<span class="et_pb_image_wrap "><img loading="lazy" decoding="async" width="718" height="648" src="https://oberkochen-heimatverein.de/wp-content/uploads/hm-buch-s170.jpg" alt="Oberkochen" class="wp-image-11731"></span>
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				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Die Machtergreifung 1933</h2>
<p>Mit der Machtergreifung am 30.1.1933, zu deren Anlaß ein riesiger Fackelzug durch den Ort marschierte — abends wurden auf dem Rodstein Magnesium-Feuer abgebrannt — war, gezwungenermaßen, der »Parteienspuk« (ein Wort aus dem damaligen Zeitjargon), beendet. Es gab sehr bald auch hier, wie überall, nur noch eine Partei, die NSDAP (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei). Alle anderen Parteien wurden verboten, die Gewerkschaften zerschlagen, und durch die Deutsche Arbeitsfront ersetzt.<br>»Nun war Ruhe da«, berichtete ein Oberkochener. »Zumindest an der Oberfläche«, würde ich ergänzen.</p></div>
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				<span class="et_pb_image_wrap "><img loading="lazy" decoding="async" width="719" height="760" src="https://oberkochen-heimatverein.de/wp-content/uploads/hm-buch-s171.jpg" alt="Oberkochen" class="wp-image-11732"></span>
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				<div class="et_pb_text_inner"><p>Hitlers Ankündigung vor der Machtergreifung »Gebt uns vier Jahre Zeit« … und daraus die Versprechen, daß die Lösung von allen Fesseln des Versailler Vertrags erfolge, — Vollbeschäftigung, politische und nationale Erneuerung und angemessene Machtstellung innerhalb der damaligen Großmächte, mußte auch auf die Oberkochener Eindruck machen.</p>
<p>Wenn in den Jahren der ersten Begeisterung, — das Wort bedeutet, daß in einen Menschen ein Geist hineingetragen wird, — jemand den anfänglichen Geschehnissen und Erklärungen nach der Machtergreifung ablehnend, skeptisch oder ohne Begeisterung gegenüberstand, so waren es die in Oberkochen sehr zahlreich vertretenen Mitglieder des Zentrums, einer der katholischen Soziallehre verpflichteten Partei, die noch bei den Wahlen am 5. März 1933, also über zwei Monate nach der Machtergreifung mit fünf Sitzen, gegenüber drei Sitzen der NSDAP, im Oberkochener Gemeinderat vertreten waren, — eine beachtliche Mehrheit, — und einige ältere Oberkochener der Jahrgänge 1860/70, die in den Wirtschaften am Stammtisch saßen. Hier befürchtete man instinktiv, daß es wieder zum Krieg kommt. Es gab deutliche Warnungen, die aus Erfahrungen oder aus dem Gefühl heraus kamen.</p>
<p>Zur »Machtergreifung« in Oberkochen möchte ich einen Oberkochener Bürger wörtlich zitieren: »Der von den Nazis erzwungene Übergang — Machtwechsel genannt — vollzog sich für die Beteiligten äußerst dramatisch. Die SA (Sturmabteilung) zog vor dem Rathaus auf, die bürgerlichen Gemeinderäte mußten um ihre Gesundheit bangen, ihnen drohte bei Verweigerung ihres Rücktritts Schutzhaft auf dem Heuberg und anderes. Die nicht der NSDAP angehörenden Gemeinderäte wurden in dieser letzten Sitzung zum Rücktritt gezwungen. Unter Berufung auf die Partei wurden sie durch Männer der NSDAP ersetzt. Letztere wurden in den Gemeinderat berufen und nicht durch freie Wahlen von der Bürgerschaft gewählt. Das war erst nach 1945 durch freie Wahl der Bürger wieder möglich. Die Ablösung dieser Männer aus ihren kommunalen Ehrenämtern erfolgte zielbewußt und für die Beteiligten schmerzhaft und gefährlich.«</p>
<p>Die NSDAP hatte bereits vor diesem Gewaltakt und vor der endgültigen Auflösung des Zentrums im Gemeinderat den Antrag gestellt, daß die beiden Zentrumsmitglieder mit der geringsten Stimmenzahl zugunsten der NSDAP zurücktreten sollten. Dieser Antrag war jedoch zurückgestellt worden, da die »offizielle Auflösung« des Zentrums unter politischem Druck bereits vor der Tür stand. Sie erfolgte am 5.7.1933.</p>
<p>Bereits zwei Tage später (!) fand die geschilderte Machtübernahme auf dem Oberkochener Rathaus statt.</p>
<p>Hierzu das Protokoll der Gemeinderatssitzung vom 7.7.1933:<br>Auszug aus der Niederschrift über die Verhandlungen des Gemeinderats der Gemeinde Oberkochen Bd. XXXV Seite 62</p>
<p>Verhandelt am 7. Juli 1933<br>vor dem Gemeinderat<br>Anwesend: Stellv. Vors. und 7 Mitglieder<br>Abwesend: Der Bürgermeister</p>
<p>§ 82<br>Zentrumsfraktion<br>Der stellv. Vorsitzende erklärt den Mitgliedern der Zentrumsfraktion, daß sie wohl darüber unterrichtet sein werden, daß die Zen<br>trumspartei sich aufgelöst habe. Damit sei die Voraussetzung für die fernere Zugehörigkeit der Zentrumsgemeinderäte zum Gemeinderatskollegium entfallen. Er fordere sie daher auf, ihr Mandat niederzulegen und die heutige Sitzung sofort zu verlassen, damit die Ergänzung des Gemeinderats durch die Ersatzmänner der N.S.D.A.P. Ortsgruppe Oberkochen sofort durchgeführt werden könne. Der Ausschluß der in Frage kommenden Gemeinderäte sei eine zwangsläufige Folge ihres seitherigen ablehnenden Verhaltens gegenüber der Gemeinderatsfraktion der N.S.D.A.P.</p>
<p>Ohne eine Erklärung zu der Forderung des stellv. Vorsitzenden abzugeben verlassen die Herren</p>
<p>(folgen fünf Namen)</p>
<p>die Sitzung.</p>
<p>Der stellv. Vorsitzende erklärt hierauf, daß er die vorgenannten Herren als aus dem Gemeinderat ausgeschlossen betrachte. Zur Herstellung der Beschlußfähigkeit des Gemeinderats berufe er in denselben die Ersatzmänner der N.S.D.A.P. Ortsgruppe Oberkochen und zwar die Herren (folgen drei Namen und Berufe).</p>
<p>Nach dem Gesetz v. 12.4.33 waren die Gemeinderäte aufgelöst worden. Die Mitgliederzahl im Oberkochener Gemeinderat wurde von zwölf auf sechs Mitglieder herabgesetzt.</p>
<p>Aus einem Gemeinderatsprotokoll vom 23.11.33 wird ersichtlich, wie ein NSDAP-Schrumpf-Gemeinderat (später wurden noch zwei Beigeordnete bestellt) den bisherigen Bürgermeister aufgrund seiner Anti-NS-Gesinnung entmachtete:</p>
<p>Oberkochen/Oberamt Aalen<br>Niederschrift über die Verhandlung des Gemeinderats am 23. November 1933<br>Anwesend: Stellvertreter des BM und fünf Mitglieder,<br>zwei Mandate nicht besetzt.</p>
<p>Der Bürgermeisteramtsverweser eröffnet die Sitzung unter Bekanntgabe einer Zuschrift des Bürgermeisters, wonach dieser am 1. Dezember des Jahres wieder seinen Dienst antreten will. Der Amtsverweser gibt dem Gemeinderat zur Kenntnis, daß zugleich in seiner Eigenschaft als Ortsgruppenleiter der NSDAP er sich an die Kreisleitung Aalen, an die Gauleitung und durch die Kreisleitung an das Kommissariat für Bezirks- und Körperschaftsverwaltung gewandt habe mit dem Ersuchen, die Wiederamtsübernahme durch den Bürgermeister zu verhindern. Er könne es von seinem Standpunkt aus nicht verantworten, wenn er nicht alles unternehme, um dafür zu sorgen, daß der BM für die Ausübung des Ortsvorsteher<br>amtes in der hiesigen Gemeinde nicht mehr in Frage kommt. Der seither in der Sache entstandene Schriftwechsel wird dem Gemeinderat zur Kenntnis gegeben.</p>
<p>In der Aussprache kommt zum Ausdruck, daß es der Gemeinderat unter allen Umständen ablehnt, mit dem (seitherigen) Bürgermeister zusammenzuarbeiten. Die frühere Einstellung des BM gegen die nationalsozialistische Bewegung und die in dieser (NS Bewegung) tätigen Einwohner von Oberkochen verlange es unbedingt, daß bezügl. der Ortsvorsteherstelle ein Wechsel eintritt. Außerdem steht der Gemeinderat auf dem Standpunkt, daß der BM gesundheitlich nicht mehr in der Lage ist, das Amt zu versehen. Es wäre unbedingt mit dem früheren Zustand zu rechnen, daß der BM alljährlich einige Monate dienstunfähig ist, und daß hierdurch eben die Geschäftsführung des Bürgermeisteramts wie seither sehr nachteilig beeinträchtigt würde. Weiter kommt zum Ausdruck, daß der Gemeinderat zu der Überzeugung gekommen ist, daß es der BM mit der Einreichung seines Pensionierungsantrags gar nicht ernst meinte, sondern hiermit nur ein Mittel finden wollte, um ihm unangenehmen Auseinandersetzungen zu entgehen.</p>
<p>Der Gemeinderat beschließt:<br>1.) Dem Bürgermeister mitzuteilen, daß der Gemeinderat nicht in der Lage ist, mit ihm irgendwie zusammenzuarbeiten.<br>2.) von den vorstehenden Ausführungen Kenntnis zu geben: der Kreisleitung Aalen der NSDAP der Gauleitung Württemberg dem Kommissariat bei der Min.Abt.f. Bez.u.Körperschafts-Verwaltung in Stuttgart und<br>3.) Letzteres zu ersuchen, für eine anderweitige Besetzung der hiesigen Ortsvorsteherstelle Sorge zu tragen.<br>Zur Beurkundung (folgen sechs Namen)</p>
<p>Durch Entschließung des Herrn Reichsstatthalters wurde der Bürgermeister mit Wirkung vom 7.12.33 in den Ruhestand versetzt und sofort ein Amtsverweser bestellt, der dann ab 14.7.34 als Bürgermeister der Gemeinde die Geschicke Oberkochens im III. Reich leitete.</p>
<p>Dies waren historische Ereignisse, die an den Oberkochenern nicht spurlos vorbei gehen konnten, und die unweigerlich zu Spannungen zwischen einer betroffenen Minderheit mit der Mehrheit führen mußten, — zu Spannungen, die nur unter Kontrolle gehalten werden konnten, weil das Regime, das örtliche mit der Faust des überörtlichen im Nacken, sich mit allen Mitteln durchsetzte. Das Recht auf freie Meinungsäußerung war abgeschafft, — nicht nur im Reich, — auch in Oberkochen, wie später zu lesen sein wird.</p>
<p>Ein hervorragendes Beispiel erster Auswirkungen der Ausbreitung der NS-Ideologie nach 1933 ist das Schicksal der Oberkochener »Kriegerkameradschaft« (auch Militärverein), die kurz nach der Machtübernahme 1933 verboten wurde und weitgehend im »Kyffhäuserbund« aufging.</p></div>
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				<span class="et_pb_image_wrap "><img loading="lazy" decoding="async" width="708" height="479" src="https://oberkochen-heimatverein.de/wp-content/uploads/hm-buch-s175.jpg" alt="Oberkochen" class="wp-image-11733"></span>
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				<div class="et_pb_text_inner"><p>Die Kriegerkameradschaft war eine Vereinigung von Veteranen des ersten Weltkriegs unter anderen Mitgliedern. Aus den Protokollen ist zu entnehmen, daß diese Vereinigung zu den damals wohl größten Vereinigungen Oberkochens zählte. Am 16.2.1934 erschienen zu einer Versammlung im »Hirsch« nicht weniger als 205 Teilnehmer! Auf einem nach dem Kirchgang am Totengedenktag 1933 aufgenommenen Photo vor dem Lindenbrunnen befinden sich vorwiegend Personen aus diesem Kreis, — mit Zylinder und Frack. Außerdem sind einige Oberkochener SA-Männer der ersten Stunde zu erkennen, denen man übrigens recht skeptisch gegenüberstand — was aus der Beschreibung der Vorgänge auf dem Rathaus nicht überrascht. Die SA hatte die Absicht, diesen Personenkreis ins Nationalsozialistische hinüberzuziehen. (Protokoll der Kriegerkameradschaft vom 12.2.1934: Ausschußsitzung zum Thema »Eingliederung der Kriegerkameradschaft in die SA-Reserve II«). Nur ein kleiner Teil allerdings zeigte sich dem neuen Gedankengut gegenüber aufgeschlossen. Nicht nur einmal bekam ich von befragten Oberkochenern zu hören: »Der Hitler hatte es nicht leicht in Oberkochen«.</p>
<p>»Politisch« im eigentlichen Sinn waren weder die Kriegerkameradschaft noch der Kyffhäuserbund. Vielmehr waren sie beide Vereinigungen, die die Traditionen pflegten, — nicht im Sinn eines zukünftigen Heldentums, sondern vergleichbar mit dem 1957 wieder- oder neugegründeten Verein der »Soldatenkameradschaft«, die damals noch »Soldaten- und Kriegerkameradschaft Oberkochen« hieß. Nicht zufällig ist das Bild vor dem Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs, dem Lindenbrunnen, photographiert. (1933). Die Kyffhäuser pflegten altdeutsches Gedankengut und sind offiziell nie aufgelöst worden. Der letzte Reichskriegstag fand 1939 in Kassel statt. Während des Kriegs lief nichts Bemerkenswertes, — jedoch soll erwähnt werden, daß aus den Kyffhäusern die »Schützenabteilung« hervorging, in der nur gediente Soldaten aktiv sein durften.</p>
<p>Die Nazi-freundlichen Mitglieder aus diesen Vereinigungen, auch solche aus dem von den Nazis aufgelösten »Stahlhelm«, schlossen sich der SA an, die allerdings von vorneherein klar zu erkennen gegeben hatte, daß sie nur an »Linientreuen« interessiert sei.</p></div>
			</div><div class="et_pb_module et_pb_image et_pb_image_15 bild-container">
				
				
				
				
				<span class="et_pb_image_wrap "><img loading="lazy" decoding="async" width="702" height="474" src="https://oberkochen-heimatverein.de/wp-content/uploads/hm-buch-s176.jpg" alt="Oberkochen" class="wp-image-11734"></span>
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				<div class="et_pb_text_inner"><p>Parallel zu diesen Vereinigungen gab es eine Vereinigung der Kriegsversehrten und Kriegshinterbliebenen (NSKOV) — ähnlich dem heutigen VdK — von denen ein Bild aus dem Jahr 1937 existiert. Es zeigt die Mitglieder und Kriegerwitwen mit dem Bürgermeister vor der katholischen Kirche.</p>
<p>Ziemlich bald, noch 1933, begann sich die Gesamtsituation zu verändern. Während vorher Arbeitslosigkeit (1931 fünf, 1932 sechs Millionen Arbeitslose) und Kurzarbeit an der Tagesordnung waren, und auch am Ort kein Arbeitsplatz zu bekommen war, die Bürger vielfach auf Nebenerwerb angewiesen waren, das heißt, teilweise in der Landwirtschaft, teils gleichzeitig in den Betrieben arbeiteten (man sagte, »die Fabrikler« hatten nebenher »a Baurasächle«), stellten die Oberkochener Betriebe ab 1934 in zunehmendem Maße Leute ein, sodaß auch in Oberkochen innerhalb weniger Jahre Vollbeschäftigung herrschte und ein enormer wirtschaftlicher Aufschwung zu verzeichnen war.</p>
<p>Aus den Geschichtsbüchern ist zu entnehmen, daß zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht nur in Deutschland ein wirtschaftlicher Aufschwung erfolgte, sondern daß die Weltwirtschaftskrise (1929–1933) insgesamt ihren Höhepunkt überschritten hatte, beziehungsweise überwunden war.</p>
<p>Es darf auch nicht übersehen werden, daß speziell in Deutschland, und in Oberkochen im besonderen, der Aufschwung das Ergebnis einer gezielten Wirtschaftspolitik war, die ein fast explosionsartiges Wachstum eines einzigen Industriezweigs, der Rüstungsindustrie, zur Folge hatte. Man kann sich heute darüber streiten, ob das apokalyptische Ende bereits zu diesem Zeitpunkt vorgezeichnet war oder nicht. Was bringt’s?</p>
<p>Genausowenig darf jedoch übersehen und unterschätzt werden, daß dieser wirtschaftliche Aufschwung — egal, wie er zustande kam, dem Hitlerregime enorme Sympathien einbrachte, — seien wir ehrlich: ein enormer Aufschwung, der vier Jahre zuvor angekündigt und de facto eingetroffen ist, mußte die Masse der Menschen beeindrucken, Menschen, die, wie ein Oberkochener schilderte, als Arbeitslose noch wenige Jahre zuvor, — zwischen 1929 und 1931 über den Langert nach Aalen laufen mußten, um dort ihre zwölf Mark Arbeitslosengeld abzuholen. — Vorteile wahrzunehmen, war und ist menschlich und verständlich; es wird wohl immer eine Minderheit sein, die hier anders denkt.</p>
<p>Hierzu kamen Zug um Zug weitere Vergünstigungen: die Einführung von Sozialhilfe jeglicher Art, Kindergeld, welches die vielen kinderreichen Familien Oberkochens besonders benötigten, Muttergeld, Ausbildungshilfen (um eine Mark pro Tag konnte man die Aufbauschule besuchen), Sonderzuschüsse für bestimmte Haustypen, und so weiter.</p>
<p>Hierzu ist verbürgt, daß NSDAP-Mitglieder leichter an die Gelder rankamen als die Nichtmitglieder. Es sind mir Fälle bekannt geworden, bei denen die Gelder zunächst nicht und dann erst nach energischer Intervention bewilligt wurden. Die Jahrgänge 1921/22, die damals aus der Schule kamen, erhielten zwar nur 15 Mark im Monat, im Beruf jedoch alsbald soviel, daß dies eine spürbare Aufbesserung für den Familienhaushalt bedeutete. Die Arbeitszeit lief von morgens sechs/sieben Uhr bis abends fünf/sechs Uhr; auch an Samstagen wurde gearbeitet, — zumindest bis zwölf Uhr, teilweise bis vier Uhr nachmittags.</p>
<p>Ab 1936/37 waren die Betriebe bereits in der Lage, zusätzlich zu investieren. Eine gewaltige Bautätigkeit begann. Die Oberkochener Firmen vergrößerten sich fast ausnahmslos, — überall entstanden Erweiterungsbauten, und neue Maschinen wurden angeschafft. Elektrizität gab es in Oberkochen übrigens bereits im Ersten Weltkrieg. »Oberkochen war doch kein Buschdorf vor dem III. Reich«, wehrte sich ein Alt-Oberkochener als er hörte, der Strom hier sei erst ab Hitler geflossen.</p>
<p>Nun war aber bereits kurz nach der Machtergreifung eine erste für Oberkochen bedeutende Entscheidung gefallen. Die Brüder Leitz trennten sich in der Produktion. Während Albert, vermutlich auch aus ideologischen Gründen (hier gibt es keine einhellige Meinung), in der Produktion von Holzbearbeitungswerkzeugen und entsprechenden Maschinen verblieb, stellte Fritz Leitz — ein heißer Draht zur politischen Führung war vorhanden — auf einen eigenen Rüstungsbetrieb um. Die Bautätigkeit hatte lange vor der juristischen Trennung im Jahr 1938 begonnen. Der Betrieb Fritz Leitz war bereits 1939 überproportional gewachsen.</p>
<p>Die Entscheidung, ob man »in die Rüstung« gehe oder nicht, hing nicht nur mit der Größe und dem Unternehmergeist der Firma zusammen, — das wird in Oberkochen teilweise wohl falsch gesehen, — sondern war in unterschiedlichen Graden auch Einstellungssache gegenüber dem Rüstungsgedanken und gegenüber dem dahinterstehenden Regime.</p>
<p>Hieraus entstanden weitere Spannungen im Ort, die leicht nachzuvollziehen sind, und die nicht auf die Seite geschoben werden können. So machte man in den Firmen Jakob Schmid und August Oppold keinen Hehl daraus, daß man sich dem Trend nicht anschließe. Das heißt: Es war nicht nur so, daß man keine Rüstungsaufträge bekam, — man wollte vielmehr auch keine. Wer die Situation im III. Reich einigermaßen nüchtern überblickt, kann nachvollziehen, daß das bewußte »Nicht-Wollen« Auswirkungen auch auf die weiterlaufende Produktion nach sich zog. Auf gut Deutsch: Man wurde aufgrund der Antihaltung »geschnitten«.</p>
<p>Zwei Seiten hatte auch die Entwicklung des Volksschulwesens. Wenn wir erfahren, daß 1936 die Konfessionsschulen aufgelöst wurden, und die katholische Konfessionsschule mit 39 Schülern noch ein Jahr weiterlief, so liest sich das unverfänglich. Man weiß ja: III. Reich . (Bericht V. Schrenk)</p>
<p>Ganz anders wird dieses eine Jahr beleuchtet, wenn man erfährt, wie es zustande kam: Den Schülern hatte man zur Einführung der Deutschen Volksschule einen Zettel mit nach Hause gegeben, den sie am nächsten Tag mit der Einverständnisunterschrift (Auflösung Konfessionsschulen) wieder mit zur Schule bringen mußten. Viele Eltern lieferten diese Unterschrift nicht, worauf sich eine Abordnung von Schule und Partei auf den Weg zum Hausieren von Elternunterschriften machte. Die nach dieser Aktion verbliebenen Eltern protestierten unter Berufung auf das am 20.7.1933 zwischen dem Hl. Stuhl und dem Hitlerregime abgeschlossene Konkordat beim Schulleiter und bewirkten die Belassung einer katholischen Konfessionsschule, die dann aus 39 Schülern in einer Klasse bestand.</p>
<p>Einige wenige bröckelten im Lauf des Jahres ab, bis das »Klassenziel« der Partei erreicht war: Zu Beginn des neuen Schuljahrs 1937 verkündete der damalige Schulleiter, es seien zu wenig Schüler für eine Schule übrig, — die Schule müsse geschlossen werden. Die Schüler sollten dann rüber in die Deutsche Volksschule gehen. Da die Schüler nicht wußten wie und was, gingen die meisten nach Hause. Die Eltern, die ihre Kinder nicht umgehend in die Deutsche Volksschule schickten, wurden wegen »Schulschwänzen« ihrer Kinder angegangen. Es hat Strafbefehle gegeben.<br>Dafür war ab sofort am 20. April, Hitlers Geburtstag, schulfrei…</p>
<p>Das entsprechende Gemeinderatsprotokoll mit dem Titel »Katholische Bekenntnisschule — Antrag auf Aufhebung« vom 22. Dezember 1936, schildert die Situation wie folgt:</p>
<p>Gemeinde Oberkochen<br>Beraten mit den Gemeinderäten am 22. Dezember 1936<br>Anwesend: Der Bürgermeister und sechs Gemeinderäte. Normalzahl sechs;<br>außerdem anwesend: zwei Beigeordnete und der Gemeindepfleger</p>
<p>Katholische Bekenntnisschule. Antrag auf Aufhebung.</p>
<p>Die bei der Einführung der Deutschen Volksschule übriggebliebene einklassige kath. Bekenntnisschule wird zur Zeit noch von 33 Kindern besucht. Die Zahl der Erziehungsberechtigten dieser Kinder beträgt 19. Nach einer dem Bürgermeister vom Schulleiter übergebenen Aufstellung über die Schülerzahlen an der Deutschen Volksschule beträgt der Klassendurchschnitt dort 61,5 Schüler.</p>
<p>Der Bürgermeister beleuchtet den Gemeinderäten die Auswirkung dieser Schülerzahlen hinsichtlich des Schulbetriebs der beiden Schulen und im Verhältnis zueinander. Als wesentliches Merkmal ist dabei herauszustellen, daß der geordnete Schulbetrieb an der Deutschen Volksschule durch die Weiterführung der kath. Bekenntnisschule insoweit gefährdet werden könnte, als die Schülerzahlen an der Deutschen Volksschule mit Rücksicht auf die starke Bevölkerungszunahme der Industriegemeinde dauernd im Steigen begriffen ist, sodaß hierdurch eine Teilung dieser Klassen notwendig werden wird. Diese Teilung ist aber aus finanziellen Gründen zu einem naheliegenden Zeitpunkt nicht möglich (Schulraummangel).</p>
<p>So wie sich die Schulverhältnisse, bedingt durch die Schülerzahlen, entwickelt haben, ist ein geordneter Schulbetrieb bei Weiterbestehung der kath. Bekenntnisschule nicht mehr durchführbar und es erfordern die örtlichen schulorganisatorischen Verhältnisse dringend die Aufhebung der kath. Bekenntnisschule. Der Bürgermeister stellt diese Frage den<br>Gemeinderäten zur Beratung mit der Aufforderung evt. Bedenken gegen seine Absicht, den Antrag auf Aufhebung der kath. Volksschule zu stellen, vorzubringen.</p>
<p>Die beiden Beigeordneten haben in einer stattgehabten Vorbesprechung dieser Absicht des Bürgermeisters rückhaltslos zugestimmt. Die Gemeinderäte bringen in der heutigen Beratung einstimmig ihre Ansicht dahingehend zum Ausdruck, daß die schulorganisatorischen Verhältnisse wie auch die finanziellen Verhältnisse die Aufhebung der katholischen Bekenntnisschule in Oberkochen dringend erfordern. Der Bürgermeister faßt hierauf folgende</p>
<p>ENTSCHLIEßUNG:</p>
<p>Den Herrn Württ. Kultminister zu bitten, aus eingangs angeführten Gründen die Aufhebung der kath. Bekenntnisschule in Oberkochen zu verfügen und gegebenenfalls die Verfügung möglichst mit Wiederbeginn des Schulunterrichts auf 7. Januar 1937 in Kraft treten zu lassen.</p>
<p>Das Gemeinderatsprotokoll vom 21. Januar 1937 heißt dann lapidar:</p>
<p>Der Bürgermeister teilt den Gemeinderäten mit, daß der Herr Kultminister durch Erlass vom 4. Jan. 1937 dem mit oben geschilderten Antrag des Bürgermeisters auf Aufhebung der einklassigen kath. Bekenntnisschule in Oberkochen stattgegeben hat.</p>
<p>Die Eingliederung der Schüler dieser Bekenntnisschule in die Deutsche Volksschule ist in der Zwischenzeit bereits erfolgt.</p>
<p>Es war also gelungen, sich der unerwünschten Konfessionsschule unter Berufung auf organisatorische Probleme auf elegante Weise zu entledigen.</p>
<p>Zur weiteren Illustration seien eine harmlos erscheinende und eine tiefgreifende Begebenheit berichtet: ABC-Schützen nationalsozialistischer Eltern bekamen am ersten Schultag eine Rote Wurst, — Kinder von Nichtnazis erst nach Intervention; so weit ging die Diffamierung Andersdenkender im Detail. Verbürgt ist auch die Äußerung des letzten Kreisleiters, der im Hinblick auf ein Kruzifix gesagt hat: »Auch dieser Judenbube muß noch aus den Schul- und Amtsstuben verschwinden.« In Oberkochen wurden die Kruzifixe tatsächlich aus den Klassenzimmern entfernt.</p>
<p>Im Ort ging mit der Erweiterung der Industrie ein schnelles Wachstum an Wohnbauten einher. Eine Reihe von Baugebieten wurde zügig erschlossen und bebaut: Der Turmweg (mit staatlichen Mitteln; Einfamilienhäuser gab es um ca. RM 4000. Die Firmen gaben zinslose Darlehen). Die Volkmarsbergstraße mit Stichstraßen bis Haus Illg. Finken- und Starenweg durch die Firma Fritz Leitz, das Dreißental Richtung Schützenhaus. Meisengasse, Försterstraße. Auch in der Keltenstraße wurde gebaut. Im Bühl wurden, nunmehr mit Bagger, vor Kriegsausbruch noch sechs bis acht Baugruben teilweise ausgehoben. (Die Fertigstellung dieser Häuser erfolgte erst nach dem Krieg 1949/50.) Es gab Sonderzuschüsse für bestimmte Siedlungshäuser der Reichsheimstätte, die vor allem im Dreißental reichlich genutzt wurden. Gekoppelt mit den Zuschüssen war die Bedingung, daß man Kleintiere hielt, — Geißen, Hasen, Gänse, Hühner und so weiter, und in kleinem Rahmen Gemüse usw. anbaute. Ziel dieser Bezuschussungspolitik war, die Grundbesitzer sozusagen »autark« zu machen. Man sieht, — das System dachte voraus…</p>
<p>(Die sogenannten »Krautstriche« übrigens gehen nicht auf diese sondern auf die Zeit vor der Jahrhundertwende zurück.)</p>
<p>Als »Krönung« entstand oben am Turmweg das HJ-Heim (HJ = Hitlerjugend) (Bergheim, — heute Sonnenbergschule), das einzige im ganzen Kreis Aalen. »Darauf war man zunächst sehr stolz.«</p></div>
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				<span class="et_pb_image_wrap "><img loading="lazy" decoding="async" width="737" height="523" src="https://oberkochen-heimatverein.de/wp-content/uploads/hm-buch-s181.jpg" alt="Oberkochen" class="wp-image-11735"></span>
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				<div class="et_pb_text_inner"><p>Zum HJ-Heim wurde mir gesagt: Dort oben bastelte und sang man, man konnte das Morsen und Funken erlernen, es gab Segelflugkurse und Schießübungen. Es war endlich »was los« in Oberkochen, — man konnte sich abreagieren. Sie sprachen von Ehre, Treue und Kameradschaft im HJ-Heim; die »Predigten« aus der altdeutschen Geschichte nahm man in Kauf, — Wallhall und anderes, — und man blickte in die Zukunft, — »hoffnungsvoll«, — man hat den Anfang positiv gesehen, war Feuer und Flamme.</p>
<p>An dieser Stelle möchte ich einige belegbare Berichte zum Thema »HJ in Oberkochen« einfügen:</p>
<p>Eine Reihe von Schülern, deren Eltern der NSDAP nicht beigetreten waren, durften von diesen aus nicht zur HJ. Einige wollten selbst nicht, — gleichwie. Einer von diesen schilderte die Situation in der Gewerbeschule wie folgt: Wir wurden nicht nur in den Noten, sondern auch in der allgemeinen Beurteilung gedrückt. Unter »Bemerkungen« stand, das Orginal des Zeugnisses liegt vor —: »ohne Interesse für den nationalsozialistischen Staat«. Dieses Zeugnis wurde vom Vater des Schülers nicht unterschrieben. Kommentar des Schulleiters: das Nichtunterschreiben des Zeugnisses ist nicht von Bedeutung, da die Gesinnung des Vaters bekannt ist.</p>
<p>Derselbe Schüler von damals (»wir waren anfangs sieben/acht, später nur noch drei/vier, — eine verschworene Gemeinschaft«) schilderte, wie es bei einer Klassenarbeit im Fach »Volks- und Staatskunde« zuging: Der harte Kern der Klasse hatte beschlossen, eine Arbeit in diesem Fach nicht mitzuschreiben, da, wer nicht in der HJ war, sowieso und automatisch die Note »ungenügend« in diesem Fach erhielt. Der unterrichtende Lehrer zwang die Schüler jedoch, mitzuschreiben. Der Schüler erhielt in der Arbeit die Note »gut«. In seinem Endzeugnis stand dann wiederum die Note »ungenügend«. Daraufhin angesprochen argumentierte der Fachlehrer: Ich darf nicht anders, weil die Note »ungenügend« vorgeschrieben ist, wenn Du nicht in der HJ bist. Dieses »ungenügend« bewirkte bei der Gesellenprüfung, daß die Prüfung insgesamt nicht bestanden war.</p>
<p>Diesem Lehrling, der sonst ein gutes Zeugnis nachweisen konnte, jedoch nicht in der HJ war, wollte man, ohne dessen Wissen, über diese Klippe helfen, indem man ihm ins Zeugnis schrieb: »Hat den Weg zur HJ gefunden.« Der junge Mann brachte, obwohl diese Unwahrheit zu »seinen Gunsten« sprach, den Mut auf, sich zu melden und zu sagen, daß dies nicht zutreffe, — worauf er rüde abgekanzelt wurde. Erst hinterher ist dem Prüfling klar geworden, daß man ihm eine Brücke gebaut hatte. Die allerwenigsten haben solche Brücken dann nicht beschritten, — verständlich: selbst in dieser üblen Situation war ja irgendwo ein Wille weiterzukommen. — Ich glaube, daß gerade diese kleinen, vergessenen Mosaiksteinchen in ganz besonderer Weise aufzeigen, mit welchen Mitteln damals gearbeitet wurde.</p>
<p>In zwei anderen mir bekannt gewordenen Fällen sind die Söhne von Eltern, die sich gegen das Regime stellten, unter dem Eindruck einer Verhaftung in der Oberkochener Verwandtschaft in die HJ eingetreten. Einer von ihnen ist gefallen. Den anderen habe ich gebeten, die damalige Situation persönlich zu schildern: »Die Angst vor weiteren Verhaftungen war keine neurotische (also unbegründete), sondern sehr real begründet: bei einem meiner wöchentlichen Besuche meines Onkels im Gefängnis warnte er mich in einem unbeobachteten Moment vor meiner bevorstehenden Verhaftung. Verhaftet sollte ich werden, weil ich für den des Landes verwiesenen Diözesanbischof Johannes Baptista Sproll eine »Betstunde« mitverfaßt hatte und als Verfasser galt.</p>
<p>Nach seiner Verurteilung nach dem »Heimtückegesetz« und seiner Entlassung sagte mir mein Onkel, es sei ihm in den nächtlichen politischen Verhören wiederholt meine politische Tätigkeit vorgehalten und gesagt worden, ich sei bereits im KZ-Dachau.</p>
<p>Der Diözesanbischof Sproll war wegen seiner Weigerung, an der Volksabstimmung am 10.4.1938 über den »Anschluß« Österreichs an Deutschland des Landes verwiesen worden (vergl. z.B. Brockhaus, Bd. 17. Wiesbaden 1973,S.787). Wir hatten daraufhin eine »Betstunde« verfaßt für den Bischof und diese nicht nur in Oberkochen organisiert. Da ich die katholische Jugendarbeit im Dekanat Hofen in der Form der »Ministranten-Stunden« fortsetzte, hatte ich Kontakt zu allen Pfarrämtern. So konnte ich mit Firmenmitteln (Handvervielfältiger und Papier) die »Betstunde« in ausgewählte Pfarreien bringen. Diese »Betstunde« war ein einziger zugleich aber auch die einzigmögliche Form des Protestes. Sie enthielt vor allem die sogenannten Buß- und Rachepsalmen und begann z.B. mit Psalm zwei »Was toben denn die Heiden der HERR, ER lacht und spottet ihrer«. Daraus konnte ohne Mühe ein Straftatbestand nach dem »Heimtückegesetz« ebenso leicht konstruiert werden wie aus den Äußerungen meines Onkels.</p>
<p>Das »Heimtückegesetz« war ein »Ausnahmegesetz« der NS Reichsregierung, »besonders gegen Angriffe auf Staat und Partei, zur präventiven Sicherung der national-sozialistischen Herrschaft. Es stellte Äußerungen, die geeignet erschienen, das Ansehen der NSDAP zu schädigen, das Vertrauen der Bevölkerung in die Führung zu untergraben, u.a., unter schwere Strafe« (vergl. Brockhaus, Bd. 8, Wiesbaden 1969 S. 321).</p>
<p>Mein Vater war nach der »Machtergreifung« in einer Sitzung des Gemeinderates, während der die SA vor dem Rathaus aufmarschiert war, zum Verzicht auf sein legales Gemeinderatsmandat gezwungen worden. 1936 wurde er zum Rücktritt als Vorstand des »Sängerbundes« gezwungen; er schied mit seinen beiden Brüdern und nur sehr wenigen Freunden aus dem »Sängerbund« und aus dem katholischen Kirchenchor aus. Es waren nur sehr wenige Männer, weil in der Zwischenzeit das Mißtrauen und die Angst voreinander bis in Familien und Ehen hineinging. Im Oktober 1938 wurde mein Onkel von der geheimen Staatspolizei (GESTAPO) verhaftet. Kein einziges Familienmitglied gehörte einer der NS-Organisationen an, obwohl es bereits seit 1.12.1936 das »Gesetz über die HJ« gab, mit dem diese zur »Staatsjugend« erhoben wurde (vergl. Brockhaus, Bd. 8. Wiesbaden 1969, S. 537).</p>
<p>Die »Reichskristallnacht« vom 9./10.November 1938, das von Goebbels organisierte Progrom gegen die jüdischen Mitbürger als »spontane Kundgebungen« gegen die Erschießung des deutschen Botschaftssekretärs in Paris, E. vom Rath, durch Herschel Grynszpan, war das endgültige Signal, daß »die Partei« (die sich als »Staat« verstand), zu allem entschlossen war. So entschlossen sich die Söhne im Dezember 1938, zum 1. Januar 1939 in die (Flieger-) HJ einzutreten, um nach Möglichkeit weiteres Unheil von den Familien zu wenden, während die Frauen und Töchter weiterhin keiner NS-Organisation beitraten«.</p>
<p>Erstes Nachdenken im HJ-Heim setzte, wie mir gesagt wurde, erst ein, als die NAPO-(nationalpolitischen) Schulungen begannen, die der eine mehr, der andere weniger empfand, — oder überhaupt nicht. ( Adolf Hitler: »Wir werden ihnen die Kinder wegnehmen in einem Alter, wo sie noch von nichts beeinflußt sind.«)</p>
<p>Fest steht, daß die Ideologisierung und Indoktrination so geschahen, und dies auf Reichsebene, daß sie von vielen aus der bereits geschilderten Gesamtsituation der Zeit zunächst nicht erkannt und gesehen werden konnten, — und, selbst wenn man darauf aufmerksam gemacht wurde, daß hinter diesen Dingen ein unheilbringendes System steckt, wurde man höchstens vielleicht für einige Zeit nachdenklich, wie mir ein Oberkochener freimütig sagte. Warnungen wurden in den Wind geschlagen, — das Privileg junger und begeisterungsfähiger Menschen. Kriegsbereit-Machung geschah auf spielerische Weise und Rassendünkel verband sich mit dem Begriff Vaterlandsliebe.</p>
<p>Totalitäre Staaten arbeiten auch heute noch auf diese Weise.</p>
<p>Die HJ übrigens erhielt, acht bis 14 Tage kaserniert, ihre vormilitärische Ausbildung hei der Wehrmacht in der »Remonte« in Aalen. Lehrlinge, die in der HJ waren, erhielten 14 Tage Sonderurlaub, von denen acht bei Wehrübungen zu verbringen waren.</p>
<p>HJ und SA hatten Dauertraining mit Schießübungen im Oberkochener Schießstand (heute Anlage »Schützenhaus«).</p>
<p>Die Meinungen der Bevölkerung begannen nun etwas weiter auseinanderzugehen. Ein Teil machte mehr oder weniger gedankenlos mit, ein Teil gab sich opportunistisch, einige wenige stellten sich dagegen und ein anderer Teil zeigte sich 110prozentig.</p>
<p>Letzteres zum Beispiel, wenn die HJ- oder SA-Gruppen mit Gesang durch den Ort marschierten, mit Trommeln und Pfeifen, — Spielmannszüge, — und übereifrige Nazis, — diese Abkürzung hatte schon damals ein »Gschmäckle«, — beobachteten, ob die Zuschauer in den Straßen auch ihrer »Grußpflicht« gegenüber dem Ersatzgott »Fahne« nachkamen. In so manchem Lied wurde beachtet, unbeachtet, das ideologische Programm der NSDAP unüberhörbar in jedes Ohr geschmettert, Texte, die uns heute das Haar zu Berge stehen lassen. »Wir werden weitermarschieren, wenn alles in Scherben fällt, — denn heute gehört uns Deutschland, und morgen die ganze Welt.« Oder im Horst-Wessel-Lied (im Anschluß an die Nationalhymne gesungen) »Kameraden, die Rot Front und Reaktion erschossen…«</p>
<p>Die Oberkochener HJ und SA waren mit Abordnungen bei den jährlichen Parteitagen in Nürnberg vertreten.</p>
<p>1936, aus der Sicht der Teilnehmer mit unglaublichem Idealismus, fuhren einige Oberkochener mit dem Fahrrad zu den Olympischen Spielen nach Berlin. Daß das Regime dort »keine schlechte Figur abgab«, ist bekannt. Doch sind die Vorzeichen der Komposition zu beachten.</p>
<p>In den Oberkochener Vereinen soll das kulturelle Leben nach außen hin seinen »gewohnten Gang« genommen haben. Die Wahrheit liegt jedoch unter der Decke: hinter den Kulissen spielten sich auch hier ideologische Machtkämpfe ab, die an zwei Beispielen aufgezeigt werden sollen.</p>
<p>Im Schwäbischen Albverein hatte die große Skizeit begonnen. Ab 1934 schon mußten die Sportler dann für die SA oder einen ausgesprochenen Sportverein laufen, — nicht mehr für einen Wanderverein. Die meisten Sportler waren allerdings bereits vor dieser Verfügung Mitglied im Turnverein.</p>
<p>Am Schicksal des Turnvereins, das hier in Protokollauszügen der Zeit belegt ist, ist ablesbar, mit welcher Schnelligkeit der innere Gesinnungswandel sich vollzog:</p>
<p><strong>4.3.1933:</strong> Einladung der NSDAP zum Fackelzug. Der Verein lehnt ab. Vereinszweck sei der Sport, — nicht eine parteipolitische Betätigung.</p>
<p><strong>29.4.1933:</strong> Anläßlich einer Versammlung wurde bereits die Nationalhymne gesungen. — SA, HJ und Stahlhelm, haben den Antrag auf Benutzung der TVO-Turnhalle gestellt. Genehmigung für SA, Ablehnung für Stahlhelm und HJ. — Beschluß: der Verein beteiligt sich jetzt am Fackelzug der NSDAP.</p>
<p><strong>1.5.1933:</strong> Tag der Nationalen Arbeit; mit Vereinsfahne am Festzug beteiligt. Große und einmütige Anteilnahme der Bevölkerung.</p>
<p><strong>Juni 1933:</strong> Einführung des »Wehrturnens«. Hierzu werden zwei Mitglieder zu einem Lehrgang auf dem Braunenberg bestellt.</p>
<p><strong>2.6.1933:</strong> Der Vorsitzende wollte aus Gründen der Gleichschaltung sein Amt als 1. Vorstand niederlegen. Versammlung weist alle Angriffe von politischer Seite als unbegründet zurück.<br>Der 1. Vorstand bleibt.</p>
<p><strong>24.6.1933:</strong> »Fest der Jugend« neu eingeführt (ganze Ortsjugend).<br>Abends: Volkmarsberg-Höhenfeuer. Der Verein beteiligt sich mit 60 Mitgliedern. Veranstalter: NSDAP.</p>
<p><strong>25.7.1933:</strong> Eintrag: Durch die Jugendabteilung der Partei ist der Verein sehr geschwächt und gefährdet.</p>
<p><strong>1./2.7.1933:</strong> Gauturnfest Herbrechtingen »im Zeichen der nationalen Erhebung«</p>
<p><strong>Juli 1933:</strong> Der Verein stellt sich ganz hinter die Sportführung der NSDAP.</p>
<p><strong>30.9.1933:</strong> Debatte über die politischen Auswirkungen auf den Verein.<br>Fazit: Das Interesse am Verein hat stark nachgelassen.</p>
<p><strong>1.10.1933:</strong> Verein nimmt mit Fahne am nationalen Erntedankfest teil. Veranstalter: NSDAP.</p>
<p><strong>15.10.1933:</strong> Verein beteiligt sich mit Fahne am Festzug und Feldgottesdienst beim »Tag des Handwerks«. Veranstalter: NSDAP.</p>
<p><strong>1934:</strong> Endgültige Neuordnung des Sports. Reichsbund für Leibesübungen wird im Sinne der NSDAP unterstützt. Ab diesem Jahr führt der Verein jährlich 3 Veranstaltungen zugunsten des WHW (Winterhilfswerk) durch.</p>
<p><strong>15.3.1936:</strong> Ein Parteigenosse sprach über die Besetzung der entmilitarisierten Rheinlandzone und über die bevorstehende Reichstagswahl vom 29.3.1936.…..<br>Das heißt: Innerhalb weniger Monate, fast Wochen, war der Verein, — anfänglich etwas hin- und hergerissen, infiltriert. Anderen Vereinen mag es ähnlich ergangen sein.</p>
<p>Auch der evangelische Männergesangverein »Frohsinn« wurde aufgelöst, da wegen der Gleichschaltung des geselligen Lebens in der Gemeinde Oberkochen nur noch ein Gesangverein zugelassen war. Trotzdem überlebte der Chor: Er verwandelte sich in einen gemischten Chor und hielt am 19.10.1933 seine erste Singstunde als Evangelischer Kirchenchor Oberkochen.</p>
<p>Viel härter ging es im Sängerbund her. (Protokoll des Sängerbunds vom 8.9.1936):</p>
<p>Mit der Begründung, daß der bisherige 1. Vorstand sich Äußerungen erlaubt habe, aus denen entnommen worden ist, daß er nicht gewillt ist, einen Verein so zu führen, wie es im Sinne der NS Weltanschauung verlangt werden muß, lehnte der damalige Gemeinderat (!) einen vom Verein gestellten Antrag auf einen Zuschuß am 8.9.1936 zunächst ab. Die Genehmigung des Zuschusses wurde »so lange zurückgestellt, bis ein Wechsel in der Vorstandführung« vorgenommen würde. Daraufhin legte der amtierende 1. Vorstand sein Amt nieder. Der Wechsel fand statt, und der Zuschuß wurde am 14.10.1936 vom Gemeinderat bewilligt. Dieser Vorgang geht unter die Haut: Ein Gemeinderat, — der Oberkochener NSDAP-Gemeinderat, — der quasi im Auftrag des Staates, und den Staat im Nacken (Gleichschaltung), zum ideologischen Erpresser wurde. So knallhart lief das damals. — Die Statuten des Sängerbunds waren übrigens bereits 1934 im Sinne der Gleichschaltung geändert worden, — d.h., man hatte noch ca. zwei Jahre lang versucht, sich in Freiheit zu bewegen.</p>
<p>Da das Protokoll der Gemeinderatssitzung vom 13.8.1936 sich im wesentlichen mit der Darstellung des Sängerbund-Protokolls deckt — der 1. Beigeordnete hatte, selbst aktives Sängerbundmitglied, zusätzlich ausgeführt, daß sich der Vereinsführer »nicht so zu benehmen weiß oder sich benehmen will, wie es billigerweise im Interesse des Zusammenlebens der Gemeindeangehörigen erwartet werden muß« — verzichte ich darauf, dasselbe hier wiederzugeben.</p>
<p>Statt dessen möchte ich mich auf ein Gemeinderatsprotokoll vom 21.9.1935 beziehen, aus dem hervorgeht, was ich damit meine, wenn ich schreibe: »der Oberkochener NSDAP-Gemeinderat, — der quasi im Auftrag des Staates, und den Staat im Nacken (Gleichschaltung), zum ideologischen Erpresser wurde. « Nicht in Abrede wird hierbei gestellt, daß die NSDAP Gemeinderatsmitglieder so ausgewählt waren, daß sie die Faust gar nicht empfanden.</p>
<p>Gemeinde Oberkochen<br>Verhandelt vor dem Gemeinderat am 21.9.1935<br>Anwesend: Vorsitzender und sechs Mitglieder (Normalzahl sechs)<br>Außerdem anwesend: Der Beauftragte der NSDAP, Kreisleiter… (folgt Name).</p>
<p>Einsetzung der Gemeinderäte</p>
<p>Der Beauftragte der NSDAP, Kreisleiter … in Unterkochen hat gemäß § 51 der DGO (Deutsche Gemeinde Ordnung) zu Gemeinderäten für die Gemeinde Oberkochen berufen (Man beachte »berufen« D.B.)</p>
<p>folgen obige sechs Namen</p>
<p>Entsprechend einem Schreiben des Beauftragten der NSDAP vom 10. d. Mts. wurden die Gemeinderäte zur Vornahme der Einsetzung auf heute nachm. 3 Uhr einberufen.</p>
<p>Der Kreisleiter erläutert in ausführlichen Worten die Berechtigung und Pflicht der NSDAP zur Überwachung der gesamten Staatsverwaltung, und damit zusammenhängend auch die Maßnahme der Einschaltung der Partei in die Gemeindeverwaltung. Er gibt den Gemeinderäten in längeren Ausführungen Richtung und Ziel für ihre künftige Arbeit und ermahnt sie zu vertrauensvoller, verantwortlicher Zusammenarbeit mit dem Bürgermeister im Sinne der nationalsozialistischen Weltanschauung.</p>
<p>Der Bürgermeister geht anschließend kurz auf die Pflichten der Gemeinderäte im Sinne der DGO ein, gibt einen kurzen Bericht über den Stand der Gemeindeverwaltung und die Finanzlage der Gemeinde. Hierauf werden die seitherigen Mitglieder des Gemeinderats auf ihren unterm 27.8.1934 abgelegten Diensteid hingewiesen, und die neu berufenen Gemeinderäte (folgen vier Namen) auf Grund des Reichsgesetzes über die Vereidigung der Beamten und der Soldaten der Wehrmacht vom 20.August 1934…vereidigt.</p>
<p>Nach Aushändigungen der Ernennungsurkunden an die Gemeinderäte schließt der Bürgermeister die Sitzung mit einem Sieg Heil auf den Führer des Deutschen Volkes.</p>
<p>Am 1. Mai fanden regelmäßig die »betrieblichen Gemeinschaftsfeiern« statt. Man traf sich in den Betrieben in Uniform oder »Sonntagshäs« und marschierte dann gemeinsam in einer Art Sternmarsch zur Großkundgebung, die, ehe dann in den 40er-Jahren das Martha-Leitz-Haus stand, in der Ortsmitte auf dem Platz zwischen »Storchenbäck« und »Lamm« stattfanden. (Dort war übrigens bereits 1934 anläßlich der Trauerfeier zum Tod Hindenburgs im Rathausfenster ein Lautsprecher installiert.) Nach den Großversammlungen verteilten sich die Betriebsangehörigen auf die Oberkochener Wirtschaften, wobei jeder Betrieb sein Stammlokal hatte. Getränke, Musik, Tanz. Die Firmen gaben Gutscheine aus.</p>
<p>In den frühen und mittleren Dreißigern begann auch sachte die Motorisierung im Verkehr, — bis dahin hatten sich nur Fabrikanten Autos leisten können. Auch in Oberkochen gab es ab dem 1.8.1938 »Volkswagensparer«. Den VW sollte es um 999 RM geben, — mit fünf RM im Monat war man dabei. Nicht nur einer sah sich im Geiste schon mit Brille und weißer Kappe im Sportdress hinter dem Steuer. Einige wenige Oberkochener hatten bereits ein Motorrad. Das Radio wurde häufiger. Den »Volksempfänger« gab es seit 1933 zu einem Schleuderpreis, und über ihn konnte die Propaganda in die hintersten Winkel des Reichs gelangen. Die Information war, alle Lebensbereiche betreffend, einseitig auf die Partei, die NSDAP, ausgerichtet.</p>
<p>Anfang 1939 stellte dann auch die Firma WIGO (Wilhelm Grupp Oberkochen) auf Rüstung um, und hatte, wie auch die Firma Bäuerle, die sich ebenfalls umgestellt hatte, ihre Kapazität verdoppelt.</p>
<p>Die Firmen Günther und Schramm und das Kaltwalzwerk waren indirekt dabei, — sie fertigten keine Endprodukte oder Teile, dafür begehrtes Ausgangsmaterial.</p>
<p>Fest steht, daß Oberkochen mehr als Vollbeschäftigung hatte, als der Krieg ausbrach.</p>
<p>Fest steht allerdings auch, daß Oberkochener verhaftet und in ein sogenanntes »Umerziehungslager« auf dem Heuberg abgeholt wurden, — eine gemilderte Form von Konzentrationslager (Zweigstelle), um sich dort, auch an anderen Orten — heute würde man sagen »einer Gehirnwäsche« zu unterziehen. Diese Bürger sind nach Wochen oder Monaten wieder nach Oberkochen zurückgekommen. Welche Schicksale im einzelnen hinter diesen Zeilen stecken, läßt sich ermessen, wenn man nur ein wenig weiterliest.</p>
<p>Kurz vor Kriegsausbruch war die Situation bereits so grotesk, daß man selbst an sich harmlose und normalerweise leicht dahingesprochene Äußerungen gegen das Regime wohl abwägen mußte. Wir können uns in unserer in dieser Hinsicht fast grenzenlosen Freiheit hiervon kaum ein Bild machen. Dies soll durch das folgende Beispiel belegt werden:</p>
<p>Der Meister eines Oberkochener Betriebs, der bekannt dafür war, daß man »dagegen« war, und in dem »a bissele weniger oft Heil Hitler gesagt wurde«, hatte anläßlich des Anschlusses von Österreich ans Reich (1938) geäußert: »Dao wurdat dia Eschdreichr a Freid hao, wenn ihr Landsmao, dr Hitler, dean Nationalsozialismus in deane ihr Land neitrecht…« Auch sonst hatte dieser Meister immer wieder gegen die Nazis gefrozzelt, zum Beispiel »Ja, ja, — fahrat noa fescht weg mit sällara KdF (Kraft durch Freude, — eine NS Reiseorganisation, mit der man z.B. um 88 RM nach Norwegen fahren konnte), — ihr wurdat nao scho seha, wofier dia Schiff wirklich baut worda send!« (Kriegseinsatz). Dieser Meister rügte eines Tages im selben Jahr einen angetrunkenen Arbeiter an einer Maschine. Er müsse aufhören, — in diesem Zustand könne er ihn nicht an der Maschine weiterarbeiten lassen, — er sei für ihn verantwortlich, — usw. Darauf wurde der Arbeiter ausfällig und beschimpfte den Meister mit »Du Lump, du Kommunist«, — worauf ihm der Meister »ois naogschlaa« hat. Dies nahm der Geschlagene zum Anlaß, den Meister anzuzeigen. Wie blitzschnell das damals ging, ist belegt: Der Meister war bereits 2 Stunden nach diesem Vorfall zum Rathaus bestellt und dann sofort von der Gestapo (Geheime Staatspolizei) mitgenommen worden, saß dann in U.-Haft in Ellwangen, wurde schließlich in die berüchtigte Stuttgarter Büchsenstraße oder »Hotel Silber« verlegt, — und man zitterte zuhause, ob er nicht, wie bei einem Freund erlebt, nach Verbüßung der verhängten Strafe (ein halbes Jahr und 5 Tage), sofort von der Gestapo erneut verhaftet werde.</p>
<p>In Oberkochen hieß es damals: »Hätt’r sei domme Gosch ghalte.«</p>
<p>Nichts besser als diese Reaktion zeigt, daß man in Oberkochen keineswegs frei war, — und man versteht die Äußerung eines Oberkocheners »Dia Jonge hait, dia wissat jao gar nemme, was dees hoißt, — d’ Gosch halta ‚« — obwohl nicht in Abrede gestellt wird, daß es auch heute noch manchmal gut ist, oder zumindest opportun, sie zu halten …</p>
<p>Ein anderes bezeichnendes Ereignis, das sich in diesem Jahr (1938) in Oberkochen ereignet hat, habe ich unter den Titel »Der alte Storchenbäck, der nicht wählen wollte«, aufgezeichnet:</p>
<p>Ab 1933 war Wahlpflicht, und es gab — wie heute noch in totalitären Staaten — eine fast 100prozentige Wahlbeteiligung (praktisch ohne Gegenstimmen). Der alte Storchenbäck hatte schon während der ganzen Weimarer Zeit etwas gegen das Wählen gehabt und war zu keiner Wahl gegangen. Konsequent wie er war, blieb er auch im März 1938 der Volksabstimmung, bei der es, wie bereits erwähnt, um den Anschluß Österreichs an Deutschland ging, fern. Das konnte man anhand der Wahlstrichliste natürlich leicht feststellen, und, da die Oberkochener NSDAP eben gerne eine 100prozentige Wahlbeteiligung vermeldet hätte, begab sich eine Abordnung von Wahlmännern, bevor das Wahllokal zumachte, zum Haus des Storchenbäck und wollte ihn »mit Gwaalt« zur Wahl befördern. Damit hatte der Storchenbäck jedoch gerechnet und deshalb sein Haus ringsum hermetisch abgeschlossen; wo auch immer man versuchte, ins Haus zu gelangen, war verrammelt. Inzwischen hatte sich auf dem Gehweg gegenüber eine Menge Schaulustiger eingefunden. Man wollte mitbekommen, wie das ausging, versteht sich. Als alles nichts half, kam ein besonders Eifriger auf die Idee, mit einer Leiter durchs Fenster im 1. Stock einzusteigen. Tatsächlich war in kürzester Zeit eine Leiter beschafft, und der Betreffende stieg zu einem Fenster im ersten Stock hoch. Auch hier war nicht hereinzukommen. Das Fenster einzuschlagen, traute er sich jedoch nun doch nicht und stieg unverrichteter Dinge wieder hernieder.</p>
<p>So erhielt ich die Geschichte zuerst erzählt und auch bestätigt. Als ich ihr nachging und mich mit direkten Nachfahren des alten Storchenbäck in Verbindung setzte, fand ich heraus, daß die Sache ein ganz anderes Ende genommen hatte: Das Fenster im 1. Stock war angelehnt, die betreffende Person drang ein, und man hat den alten Storchenbäck doch noch zur Wahl gezwungen.</p>
<p>Ich habe ganz bewußt die beiden Finale-Versionen erzählt, um aufzuzeigen, wie schwierig es ist, aus der Erinnerung zu berichten, oder, zu berichten, ohne bewußt oder unbewußt eine persönliche Note in den Bericht einfließen zu lassen, — wobei es letztlich gleichgültig ist, ob der Storchenbäck nun geholt wurde oder nicht; entscheidend ist, daß er zur Wahl überhaupt gezwungen werden sollte.</p>
<h2>Der Zweite Weltkrieg (1939–1945)</h2>
<p>Der berühmte Unterschied zwischen Information und Kommentar wurde im III. Reich ganz bewußt verwischt. Man konnte den »Stürmer« kaufen, ein ausgesprochenes Hetzblatt. Dies sollen nur wenige getan haben. Der »Stürmer« war deshalb in Anschlagkästen öffentlich ausgehängt. Es gab den »Völkischen Beobachter«, oder die Wochenzeitschrift »Das Reich«, in dem Leitartikel von Joseph Goebbels abgedruckt waren. Auch diese Wochenzeitschrift sollen jedoch nur wenige abonniert gehabt haben. Gelesen wurde die »Kocher- und Nationalzeitung«; — die »Aalener Volkszeitung« hatte ihr Erscheinen am 31.7.1935 wegen ihrer Gesinnung einstellen müssen.</p>
<p>1939 verschärften sich die bisher aufgezeigten Gegensätze unter der Oberfläche logischerweise. Gleichzeitig jedoch schien das Gegenteil der Fall zu sein. Es war wesentlich gefährlicher geworden, sich offen »dagegen« zu stellen. Nur so werden Äußerungen (1986) wie zum Beispiel: »In Oberkochen war es im III. Reich relativ ruhig«, und ähnliche, erklärlich.</p>
<p>Mit Kriegsbeginn kamen Evakuierte aus Rastatt nach Oberkochen, die einige Jahre blieben, und es gab die ersten Dienstverpflichtungen, d.h. daß Facharbeiter von auswärts nach Oberkochen kamen, — vor allem als Kontrolleure, die in den Rüstungsabteilungen der Betriebe und bei der Firma Fritz Leitz eingesetzt wurden. Qualifizierte Facharbeiter aus Oberkochener Betrieben, die nicht in der Rüstung produzierten, wurden nach auswärts dienstverpflichtet.</p>
<p>Mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs bekam Oberkochen jedoch auch Auswirkungen ganz anderer Art, die mit dem diktatorischen Regime zusammenhingen, zu spüren. Bisher in Oberkochen als Firmenverbindungspersonen hin und wieder aufgetauchte Juden und jüdische Vertreter blieben aus, d.h., man konnte sich genau ausrechnen, daß eine rassische Selektion stattfand. Auch der Judenstern war in Oberkochen bekannt.</p>
<p>Ein weiteres Beispiel, wie die NSDAP in Oberkochen vorging: Ein Oberkochener Hafner mußte seinen Betrieb einstellen und wurde im wahrsten Sinn des Wortes zum Rüstungsbetrieb Fritz Leitz abkommandiert. Dort arbeitete er als angelernter Eisendreher von 1939 bis 1945.</p>
<p>Ich habe gefragt: was war mit den Kirchen im III. Reich, und erhielt die Antwort:</p>
<p>Die Kirchen haben »weitergelebt«. Es gab viele Nationalsozialisten, die in innerem Widerstreit die Kirche besuchten. — Mir ist jedoch kein Fall bekannt geworden, daß jemand direkt am Kirchgang gehindert wurde. Dies bestätigten 1945 zwei Oberkochener bei den Verhören auf dem Rathaus gegenüber den amerikanischen Besetzern. Schießübungen der SA wurden zeitlich so gelegt, daß sie sich nicht mit dem Kirchgang überschnitten;… hier scheint sich nun das Regime seinerseits opportunistisch gezeigt zu haben; es mag auch in der Person des katholischen Ortsgeistlichen gelegen haben. Die Aktionen gegen die Kirche liefen auf anderer Ebene. Verbürgt ist, daß es bei kirchlichen Prozessionen, z.B. der Fronleichnamsprozession und der darauffolgenden Einkehr, Beobachter gab, die, so im »Ochsen«, hinter dem Vorhang hervorspionierten, ob einer von der SA an der Prozession teilgenommen hatte. Der wurde dann daraufhin angesprochen, daß das Mitmachen bei einer kirchlichen Prozession nicht mit dem Gedanken der NSDAP vereinbar sei.</p>
<p>Einen gravierenden und nach außen deutlich wahrnehmbaren staatlichen Eingriff in das kirchliche Leben stellt das Schulverbot für Pfarrer Jaus dar, der 1936 das Treuegelöbnis auf den nationalsozialistischen Staat verweigert hatte. Ein Fazit aus dem kirchlichen Leben ist, daß sich jene, die dagegen waren, zu dieser Zeit in Oberkochen, egal ob evangelisch oder katholisch — dafür gibt es Beweise — zusammengefunden haben. Hierin liegt eine Grundwurzel des ökumenischen Gedankens: das auf christlicher Basis Verbindende baute in dieser Zeit erste Brücken zwischen den Konfessionen.</p>
<p>Bereits 1939 wurden Lebensmittelmarken und Kleiderkarten eingeführt. Von einem Tag auf den anderen mußte man im »Lamm« für sein Schinkenbrot »Märkle« hergeben. Da haben ein paar Oberkochener einen solchen Zorn bekommen, daß sie unter Protest das »Lamm« verließen und in den »Hirsch« gegangen sind, wo man noch etwas »ohne Märkle« bekam.</p>
<p>Empfindliche Engpässe in der Versorgung hat es in Oberkochen nicht gegeben. Schwieriger war es, Kleidung und Wäsche zu bekommen.</p>
<p>Ab Kriegsbeginn gab es die Sondermeldungen des OKW (Oberkommando Wehrmacht) von den Fronten. In den Firmen gab es Radioanlagen mit Lautsprecheranschluß.</p>
<p>Über die Blitzkriege gegen Polen, Frankreich, Balkan, Norwegen 1941, und 1942 noch über den Rußlandfeldzug, wurde man laufend durch Sondermeldungen unterrichtet. In einer Firma lief in diesen Tagen und Monaten täglich das Radio gedämpft während der Arbeitszeit. Beim Ertönen der Fanfaren für die Sondermeldungen wurde aufgedreht und alle im Betrieb konnten oder mußten mithören. Das Abhören von Auslandssendern, auch privat, war streng verboten, besonders ab Stalingrad: es gab nun auch Meldungen von Niederlagen der Deutschen. Diese wurden im Deutschen Rundfunk gefärbt.</p>
<p>Während am Gefallenen-Denkmal des Ersten Weltkriegs, dem Lindenbrunnen, flammende Vaterlandsreden von der Partei gehalten wurden, trafen, nachdem zunächst alles soweit »friedlich« gelaufen war, die ersten traurigen und schockierenden Kriegsbotschaften in den Ort: Benachrichtigungen, daß der Vater oder der Sohn gefallen waren. Verwundete kamen zurück und berichteten von der Front, (Oberkochener kämpften an allen Fronten, — Polen, Frankreich, Balkan, Norwegen, Rußland, Afrika), und da war vieles anders als man es in den Zeitungen lesen oder im Rundfunk hören oder gar im Kino sehen konnte. Erst jetzt begann im Ansatz eine Ernüchterung auf etwas breiterer Basis zu keimen.</p>
<p>1941 kamen die ersten Kriegsgefangenen nach Oberkochen, — zunächst Franzosen, später Russen und andere Staatsangehörige, die in der alten TVO-Turnhalle (nach dem Krieg abgerissen, da komplett »verdreckt und verlaust«), und in vielen Baracken, die meist auf firmeneigenem Gelände (Fritz Leitz, WIGO, Bäuerle, Oppold) errichtet und mit Stacheldraht umzäunt wurden. Auch internierte Ausländer wurden hier eingewiesen, und wie die Gefangenen zu Zwangsarbeit eingesetzt.</p>
<p>Von WIGO wird berichtet, daß dort ca. 20 russische Frauen und zehn russische Männer Granaten drehten. Sie haben, vor allem die Frauen waren sehr geschickt, »auf Teufel komm raus« gearbeitet, von morgens sechs bis abends sechs, — überwacht, — und bekamen etwas Geld (Sondergeldscheine, mit denen sie nicht viel anfangen konnten). Versorgt wurden die Gefangenen in den Betrieben.</p>
<p>Es ist makaber, sich vorzustellen, daß diese Gefangenen Granaten drehten und an Flugzeugteilen arbeiteten (Dornier, Messerschmitt und Heinkel, die dazu bestimmt waren, möglicherweise den eigenen Landsleuten Verderben zu bringen. Doch erging es den deutschen Kriegsgefangenen nicht anders.</p>
<p>Aus einigen Kontakten zu Gefangenen sind herzliche Verbindungen zur Zivilbevölkerung entstanden, die auf sie zurückgriff, wenn es darum ging, die Arbeitskraft eines eingezogenen Vaters oder Sohns zu ersetzen. Sie wurden für Gartenarbeiten, zur Mithilfe in der Landwirtschaft oder auch nur zum Holzspalten übers Wochenende von den Firmen »ausgeliehen«, — gegen ein Vesper; — und auch hier wurden die Gefangenen oft mit herzlicher Gastfreundschaft bedacht.</p>
<p>Die Firma Fritz Leitz (Rüstungsbetrieb) errichtete das nach der Ehefrau des Firmenchefs benannte »Martha-Leitz-Haus«. Aus diesen zunächst nur für die Firmenangehörigen gedachten Kantinen- und Gesellschaftsräumen entwickelte sich in den Vierzigerjahren eine Art Kulturzentrum, das auch der Öffentlichkeit zugänglich war. Es gab für ein paar Pfennige Filmvorführungen und natürlich die »Wochenschau«. Viele Oberkochener erinnern sich ihrer ersten Filmerlebnisse. Zarah Leander, Marika Rökk, Heinrich George, Emil Jannings und Werner Krauss.</p>
<p>Man war hell begeistert vom »Tiger von Eschnapur« und sogar der Großvater war mit von der Partie. An Wochenenden waren die Kinovorstellungen total ausgebucht. Auch im »Hirsch« war jede Woche einmal Filmtag. Ein Oberkochener erinnert sich mit absoluter Sicherheit, dort im Jahr 1932, wahrscheinlicher jedoch sogar erst 1933, den Film »Im Westen nichts Neues« gesehen zu haben. Daß zu dieser Zeit eben dieser Film, der ja damals bereits auf der »Liste« stand und verboten war, — die Bücher dieses Titels wurden verbrannt, — in Oberkochen noch gezeigt werden konnte, ist bemerkenswert.</p>
<p>Später fanden im Martha-Leitz-Haus, das 1980 einem Neubau der Firma Carl Zeiss weichen mußte, und somit der alten Villa Fritz Leitz in die »Wanne« (städtisches Auffüllgebiet) folgte, auch öffentliche Großveranstaltungen der NSDAP statt. Auf dem First des Gebäudes stand, lange ehe eine zweite dann auch aufs Rathaus gesetzt wurde, die erste Sirene. Alle Aktivitäten auf lokaler, höherer und höchster Ebene sind von einem damaligen Mitarbeiter der Firma Fritz Leitz, bei dem alle die »hohen Herren« saßen, festgehalten, in Film und Photo, und chronistisch dokumentiert worden.</p>
<p>Durch den hohen Anteil von in der Industrie Tätigen gab es bis »Stalingrad« (1942) in Oberkochen relativ wenig Einberufungen. Man war UK gestellt (unabkömmlich). Wer abkömmlich war, bestimmte der Firmenchef.</p>
<p>Wenn in den Augusttagen 1939, zur Zeit der Mobilmachung, zehn oder mehr Soldaten Oberkochen verlassen und an die Front mußten, fanden am Bahnhof regelrechte, nicht organisierte, »Bahnhöfe« statt, die anfänglich von verhaltenem Optimismus getragen, bald jedoch mit Sorgen überschattet waren.</p></div>
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				<span class="et_pb_image_wrap "><img loading="lazy" decoding="async" width="709" height="577" src="https://oberkochen-heimatverein.de/wp-content/uploads/hm-buch-s194.jpg" alt="Oberkochen" class="wp-image-11736"></span>
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				<div class="et_pb_text_inner"><p>Bei der Firma Fritz Leitz, die inzwischen zum »NS-Musterbetrieb«, — der 1942 verstorbene Firmenchef war »Wehrwirtschaftsführer«, — emporgewachsen war, war ab 1935 ununterbrochen gebaut und erweitert worden. (Das letzte Gebäude dieser Firma, das sich äußerlich noch im »Urzustand« befand, wird derzeit, 1986, von der Firma Carl Zeiss umgebaut).</p>
<p>Noch 1944 und möglicherweise 1945 wurde an dem sogenannten »Leitz-Stollen« gearbeitet. Aus dieser Zeit, (Mai bis September 1944) gibt es eine Planzeichnung, aus der hervorgeht, daß über diesen, ganz offensichtlich von Hand aus dem Fels gehauenen, (wobei die Frage offen bleibt: von wem?) und nur ansatzweise endausbaufertigen Luftschutzstollen (zwei Eingänge), eine unterirdische, in den massiven Fels geplante Fertigungsanlage zu erreichen hätte sein sollen. In diesem Plan sind über 50 Maschinen zur Fertigung von Flugzeugteilen eingezeichnet. Vier parallellaufende, durch zwei senkrecht dazu verlaufende Erschließungsstollen zu erreichende Fertigungsstollen sind nach den in ihnen zu produzierenden Fertigungsteilen benannt: Zylinderstraße, Anschlußstück, Achsschenkel, Kolbenstange. Auch ein Verbindungsstollen zur Firma Bäuerle war geplant. Aus den Unterlagen geht hervor, daß Ende 1944 Engpässe in der Zementbelieferung auftraten, die die Arbeiten dann schließlich zum Erliegen brachten. Hier half auch ein persönliches Schreiben des Nachfolgers des 1942 verstorbenen Firmenchefs vom 21.6.1944</p></div>
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				<span class="et_pb_image_wrap "><img loading="lazy" decoding="async" width="732" height="837" src="https://oberkochen-heimatverein.de/wp-content/uploads/hm-buch-s195.jpg" alt="Oberkochen" class="wp-image-11737"></span>
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				<div class="et_pb_text_inner"><p>Der Plan wurde nach einer auf der Basis der Original-Lagepläne und Planzeichnungen von mir gefertigten Skizze von Architekt G. Kenntner, Oberkochen, gefertigt.</p>
<p>1) Martha-Leitz-Haus<br>2) Fa. Fritz Leitz, — Teil eines Fabrikgebäudes<br>3) Zugangsstollen<br>4) Zylinderstraße (Aufstellung von 17 Maschinen geplant)<br>5) Zugangsstollen (Abgang Fertigteile)<br>3), 4) u. 5) (schraffiert) im Rohbau fertig. Teilweise ausgebaut.<br>Diente als Luftschutzstollen (anders als in diesem Grundriß ausgeführt)<br>6) Anschlußstück (Aufstellung von zwölf Maschinen geplant)<br>7) Achsschenkel (Aufstellung von zwölf Maschinen geplant)<br>8) Kolbenstange (Aufstellung von 11 Maschinen geplant)<br>9) Erschließungsstollen (Antransport)<br>10) Erschließungsstollen (Abtransport)<br>6), 7) u. 8) (nicht schraffiert) Planung Sept. 1944 »unterirdische Fertigungsanlage« (unter dem Bereich Volkmarsbergstraße/Brunnenhalde)<br>11) Stollen-Verbindungsgang mit Firma Bäuerle<br>Die Stollen vier, sechs, sieben und neun weisen in der Lageplanzeichnung im Maßstab 1:1000 eine Länge von je 70 Meter auf. In diesen 4 Fertigungsstollen sollten insgesamt 52 verschiedene Maschinen aufgestellt werden. Der 3. Erschließungsstollen (mittlerer Stollen) befindet sich auf dem letzten reduzierten Plan nicht mehr.</p>
<p>an den Herrn Baubevollmächtigten des Reichsministeriums, Speer, im Bezirk der Rüstungsinspektion V nicht mehr. Mit Datum vom 11.12.1944 gibt es ein weiteres Schreiben, aus dem hervorgeht, daß man sich weiterhin um Zementbelieferung bemühte, — vier Monate bevor der Amerikaner in Oberkochen einmarschierte.</p>
<p>Fritz Leitz, der von 1921–1934 Vertrauensmann des Schwäbischen Albvereins gewesen war, hatte sich auch besonders um die Förderung des Skisports in Oberkochen angenommen. Mit Fritz Leitz-LKWs fuhr man zu den Rennen, und unter seiner Leitung waren 1924 die erste Schutzhütte, 1930 der Volkmarsbergturm errichtet worden. Der Firmenchef verstarb am 20.1.1942. Seine Bestattung glich einem Staatsbegräbnis — weitangereiste Funktionäre erwiesen ihm die letzte Ehre mit Fahnen und Fanfaren.</p>
<p>Die Firma Fritz Leitz hatte Zweigbetriebe in Giengen/Brenz und in Burgrieden bei Laupheim und beschäftigte mit Zulieferern vor Kriegsende ca. 1500 Menschen, — davon fast 1000 in Oberkochen!</p>
<p>Immer drückender machte sich der Krieg nun auch in Oberkochen bemerkbar. Man durfte abends und nachts kein Licht mehr machen. Feindliche Bomberverbände überflogen den Ort, und die ersten Tiefflieger. Einige Jaboangriffe (Jabo = Jagdbomber) unmittelbar vor Kriegsende galten vorwiegend der Bahnlinie und den Zügen. Oberkochen war jedoch, mit kurzen Unterbrechungen, bis zum Einmarsch der Amerikaner am 24. Apri11945 mit der Eisenbahn zu erreichen. Hierzu ein Oberkochener: »Am Sonntag, 18. März 1945 war Konfirmation, — ein wunderschöner ruhiger Tag. Alle Verwandten waren da. Sie sind ganz normal mit dem Zug gekommen und wieder mit dem Zug abgereist. Der Ami war damals bereits in Heidelberg.«</p>
<p>Außer dem teilweise fertiggestellten Leitz-Luftschutz-Stollen gab es einen Luftschutzraum in der Dreißentalschule, nichts Besonderes, und Luftschutzräume in den Kellern der Fabriken. Im Zuge der Errichtung von WIGO-Neubauten ist dort auch ein kellerähnlicher Luftschutzraum gebaut worden, mit Gummiabdichtungen an den Stahltüren gegen einen eventuellen Gasangriff. Dort lagen auch Gasmasken bereit. Alte Bierkeller in der Aalener Straße sollen gelegentlich aufgesucht worden sein. Auch ein Keller hinter der Schlächterei des »Lamm« wurde bei Luftalarm aufgesucht. Hier erlebten viele Oberkochener aus allernächster Nähe einen gezielten Luftangriff auf Oberkochen, der an späterer Stelle beschrieben wird. Im übrigen ging man bei Fliegeralarm in die eigenen Keller, die vielfach nicht viel mehr als, wie ein Altoberkochener schilderte, »Erdlöcher« waren.</p>
<p>Bei Kriegsbeginn waren Soldaten als »Einquartierung« nach Oberkochen gekommen. Sie waren hauptsächlich für die FLAK Stellungen (FLAK = Fliegerabwehrkanonen) zuständig. Solche Geschützstände standen an der »Mühlhalde«, im »Täle«, in den »Strickäckern«, hinter der Fa. F. Leitz, an der »Rodhalde« über der Fa. Oppold und Ecke Volkmarsbergstraße und Brunnenhalde. Beim Bergheim stand ein Scheinwerferstand. vier bis fünf Meter hohe Beobachtungsstände wurden im Zusammenhang mit der überörtlichen Luftraumbeobachtung errichtet. Diese Stellungen waren in der zweiten Kriegshälfte nicht mehr besetzt.</p>
<p>Oberkochen blieb, wie bekannt, bis auf die letzten Kriegstage, von direktem sächlichem Kriegsschaden verschont.</p>
<p>Da sich meine eigenen Nachforschungen zu den letzten Kriegstagen mit einem im Amtsblatt »Bürger und Gemeinde« vom 23. April 1965 von Oberlehrer Ignaz Umbrecht, (gest. 1956) erschienenen Bericht in weiten Teilen decken, halte ich es für richtig, jenen an dieser Stelle erneut zu veröffentlichen:</p>
<h2>Die letzten Kriegstage in Oberkochen</h2>
<p><strong>Für die Ortschronik aufgezeichnet von Oberlehrer Ignaz Umbrecht, † 29. März 1956</strong></p>
<p>Als man auch in Oberkochen Ende März und Anfang April 1945 fühlte, daß das schnelle Kriegsende und damit die Niederlage unseres Vaterlandes erbarmungslos herannahe, und als die Schlacht um Crailsheim das siegreiche Vordringen des mächtigen Gegners bis in unsere Nähe eindeutig zeigte, veränderte sich auch das Bild unserer Ortschaft von Tag zu Tag mehr. War schon der immer stärker anwachsende Flüchtlingsstrom der von Norden kommenden Zivilbevölkerung ein erschreckendes Anzeichen, daß die Truppen der angreifenden Amerikaner unaufhaltsam nach Süden vorrückten, so kamen bald darauf schnell zurückgehende deutsche Wehrmachtsteile aller Waffengattungen, zuerst einzeln, dann in Gruppen auf der Landstraße und in den Waldungen, die in Richtung Heidenheim — Ulm Oberschwaben zuströmten. Schon die letzten Märztage ließen erkennen, daß der Gegner im oberen Kochertal Widerstand erwartete. Fliegerangriffe mit Bordwaffen häuften sich besonders auf fahrende Züge — darunter auch ein deutscher Sanitätszug und auf Autolastzüge, so bei den Bahnwärterposten Bayer nördlich und Haßler südlich der Ortschaft. Die Lokomotive eines fahrenden Güterzuges wurde dabei ganz demoliert.</p>
<p>Der erste ernstliche Luftangriff erfolgte am Ostersonntag, dem 1. April 1945, auf einen soeben eingefahrenen, 60 Waggon zählenden, Personenzug am hiesigen Bahnhof. Es war ein überfüllter Transportzug, der Insassen aus dem KZ-Lager Neckerelz bei Mosbach nach Ulm befördern mußte. Um elf Uhr vormittags knatterten die schweren Maschinengewehre einer Anzahl Flugzeuge in den Zug. Der Angriff erforderte acht Tote, darunter ein begleitender Wachmann, und eine Anzahl Verletzte. Die Toten wurden anschließend auf dem hiesigen evangelischen Friedhof beigesetzt. Ernst für unseren Ort wurde es aber zehn Tage später, nachdem inzwischen fast ständig über uns Fliegeralarm gelegen war. Unvergeßlich wird den damaligen katholischen Erstkommunikanten der 8. April, der Weiße Sonntag, bleiben, wo sie, unter schwerster Luftgefahr flüchtend, der Kirche zueilen mußten, in der dann so auch die ganze feierliche Handlung unter größter Aufregung vor sich ging.</p>
<p>Der 11. April — ein Mittwoch — brachte Oberkochen den eigentlichen schweren Luftangriff nachmittags 16.45 Uhr. Die Straßen waren damals voll von deutscher militärischer Nachhut, SS-Männern und Zivilpassanten aller Art. Vor dem Gasthaus und Metzgerei »Zum Lamm« standen annähernd hundert Frauen an, um Fleisch und Wurst einzukaufen. Da erschienen bei hellem Sonnenschein wieder die fünf französischen Flugzeuge, »Rotschwänze«, wie sie der Volksmund getauft hatte und kreisten über dem Dorfe. Es waren dieselben, die schon am Ostersonntag den Gefangenenzug auf dem Bahnhof beschossen hatten. Sie pendelten in rasender Fahrt hin und her und verbreiteten mit einsetzendem, starkem Bordwaffenfeuer Furcht und Schrecken. Und schon fielen auch 25 kg schwere Bomben, zwei davon in die Dorfmitte. Ein Volltreffer zerstörte die drei engzusammengebauten Wohnhäuser der Familien Eugen Winter-Fischer, Josef Brunnhuber und Paul Betzler. Die zu Hause weilenden Familienangehörigen und einige zugeeilte Straßenpassanten — 14 an der Zahl — eilten in den frisch hergerichteten Keller des Landwirts Winter. Kaum in diesem recht angelangt, krachte schon der Volltreffer, der die drei Häuser zum Einsturz brachte. Acht Personen kamen ums Leben: Die 37jährige Hausfrau, deren betagte Mutter, drei Kinder der Schwestern der Hausfrau, das Dienstmädchen und zwei Mädchen des Hauses Brunnhuber. Mit mehr oder minder schweren Verletzungen konnten sich die übrigen sechs Personen in größter Todesnot aus den sie fast erdrückenden Trümmern des niedergestürzten Hauses retten. Eine zweite Bombe fiel durch das Dach des Viehstalles von Landwirt Karl Gold (Schmidjörgle), zum guten Glück, ohne zu zünden. Zwei Kühe wurden schwer getroffen. Die dritte Bombe platzte auf der Ortsstraße am Südende beim Hause Gemeindepfleger Ebert und richtete beiderseits der Straße Materialschaden an. Die vierte hatte den Fabrikanlagen der Firmen Leitz gegolten. Sie zerstörte einen Bau der Firma Fritz Leitz inmitten der Werke. Die letzte Bombe hatte sich in den Waldteil »Tierstein« verirrt, ohne größeren Schaden zu machen.</p>
<p>Die Tage zwischen dem 11. und 23. April vergingen unter ständiger Luftgefahr in großer Aufregung. In Aalen wurden die Magazine und das Proviantamt der deutschen Wehrmacht geräumt. Eine Anzahl Bauernfuhrwerke holten vom 19. bis 21. April nachts große Fuhren Lebensmittelvorräte ab. Diese wurden dann in der Fabrik Bäuerle am 21. und 22. April zur großen Freude der hiesigen Einwohnerschaft verteilt. Sonntag nachts, ein Uhr, den 22. auf 23. April, begann plötzlich ein emsiges, immer mehr anwachsendes Treiben, Rennen und Fahren mit Handwagen und sogar Fuhrwerken. Der große Kaffeevorrat der Wehrmacht, der im Saale der »Restauration zum Bahnhof« gelagert hatte, war zum Abtransport auf dem Bahnhof bereitgestellt. Es kam nicht mehr dazu und die Bahnverwaltung gab den riesigen Vorrat für die Bevölkerung frei. In Eile ging es zur nächtlichen Stunde darauf los. Ein Lichtblick für alle Kaffeetrinker! In manches Haus kamen viele Zentner und der gute Kaffee ging lange nicht mehr aus, zur Freude seiner Liebhaber!</p>
<p>Die Amerikaner hatten die Absicht der deutschen militärischen Leitung, das obere Kochertal zu verteidigen, erkannt. Schon im Oktober 1944 war der hiesige Volkssturm in Stärke von über 400 Mann aufgerufen worden. Er trat im Januar 1945 in Tätigkeit mit Instruktionen und Geländeübungen am Sonntag, dann noch Übernahme des Geländeschutzes und der Wache bei Nacht. Im April mußte der »Volkssturm« mit Hilfe von Kriegsgefangenen im Waldgelände gegen Aalen Panzersperren anlegen, so im Tiefental, Hagental, vor Tauchenweiler, im Langen und anderen Plätzen. Erbitterung und Widerspruch über dieses nutzlose Beginnen aber löste es aus, als auch eine Panzersperre am Ortseingang strengstens befohlen wurde. Die Ortsbewohner sahen nur Schlimmes über solch nutzlosen Widerstand voraus, der vom SS-Kommando rücksichtslos befohlen worden war. Am Abend des 23. April mußten deshalb Volkssturmmänner diese Barrikade aus etwa 20 bereitgelegten Baumstämmen errichten unter Empörung aller vernünftig Denkender der Ortschaft. Aber nachts um zwei Uhr griffen beherzte junge Männer zur Selbsthilfe und entfernten die Panzersperre zur großen Beruhigung der Einwohnerschaft. Am gleichen Tag, dem 23. April, war hier ein Sprengkommando angekommen, um die beiden Brücken bei Elser-Kreuzmühle und am südlichen Ortsausgang bei Fabrik Oppold zu sprengen. Bald sah der leitende Pionieroffizier die Nutzlosigkeit ein, die erstere zu zerstören, da diese mit Leichtigkeit links talaufwärts umgangen werden konnte. Die Pioniere befestigten daher am Abend nur an der zweiten Brücke bei Oppold eine große Sprengladung unter den steinernen Pfeilern. Nachdem um zwei Uhr nachts zwei hiesige Bauerngespanne, welche verwundete und fußkranke Soldaten bis Itzelberg befördert hatten, auf der Heimkehr die Brücke passiert hatten, wurde diese gesprengt. Die ganze in den Luftschutzkellern weilende Bevölkerung fuhr erschreckt aus dem Halbschlaf auf bei diesem donnernden Signale bevorstehenden Schreckens.</p>
<p>Die SS, die in der Fabrik Leitz Quartier genommen hatte, und auch das Sprengkommando, zogen, nachdem sie die Straße nach Königsbronn vermint hatten, in südlicher Richtung ab. Auch die auf der »Kuhsteige« und im »Ried« von deutschen Kanonieren in Stellung gebrachten Geschütze wurden schleunigst abtransportiert. Vor der Ortschaft waren im »Bühl« und beim Bahnübergang Bayer Geschütze aufgestellt worden, um den anrückenden Gegner zu beschießen und aufzuhalten. Aber das deutsche Feuer war nur noch schwach und ohne Wirkung. Die amerikanische Artillerie hatte schon vor dem 23. April auf dem »Essinger Feld« Stellung bezogen zur Beschießung Oberkochens. Am 23. April schoß sie sich auf die deutschen Geschütze ein. Ein Treffer fuhr in den Keller des Bahnwarthauses Bayer und tötete einen deutschen Soldaten; ein zweiter deutscher Soldat fiel außerhalb des Hauses; die Kameraden begruben beide an einem nahen Hügel. Später wurden sie auf Befehl der amerikanischen Militärregierung von SA-Männern auf dem katholischen Friedhof beigesetzt.</p>
<p>Sämtliche deutschen Geschütze wurden in der Nacht des 23. April in Richtung Heidenheim abbefördert.</p>
<p>Am Morgen des für Oberkochen schwersten Kriegstages, dem 24. April 1945, Schlag halb neun Uhr, setzte der erste amerikanische Feuerüberfall ein. Nach etwa zehn Minuten folgte eine Pause und aufklärende Flieger kreisten über uns. Dann folgte die länger andauernde, heftige Beschießung. Während dieser wurden vier Gebäude ganz zerstört: Das Wohnhaus des Anton Gold beim Schulhause an der Dreißentalstraße, des Jakob Jooss in der Feigengasse, des Julius Lindner im Katzenbach und der Materialschuppen der Firma Günther &amp; Schramm am Bahnhof. Etwa zehn Gebäude wurden sehr stark und weitere 20 weniger schwer beschädigt.</p>
<p>Schlimm wäre es wohl der Siedlung »Dreißental« ergangen, wenn die amerikanische Artillerie ihr Feuer zurückverlegt hätte. Ein erfahrener Artillerist zählte zwischen Ortschaft und Siedlung allein 56 Granateinschläge auf das freie Feld. Um elf Uhr ließ die Beschießung nach, da erkannt worden war, daß keine Verteidigung einsetze. Schon streiften die ersten gegnerischen Vorposten heran und zwischen zwölf und 13 Uhr rückte das Gros der Amerikaner in die Ortschaft ein. Der erste Befehl lautete: Jedes Haus zeigt unverzüglich die weiße Flagge! Die Hauptmacht zog mit Panzern und Geschützen auf der Landstraße und im Wiesental weiter nach Königsbronn — Heidenheim.</p>
<p>In den letzten Tagen war das Rathaus führerlos und verwaist worden, da der Bürgermeister, dem vorher ergangenen Befehle der Kreisleitung folgend, mit dem zweiten Gemeinderat und Bürgermeisterstellvertreter die Ortschaft am 22. April morgens im Auto verlassen hatte in Richtung nach Süden. Nach dem Einzug der Amerikaner übernahmen einige Männer von Oberkochen, die der NSDAP nicht angehört hatten, die Amtsgewalt auf dem Rathaus. Bald aber nach der Bildung der amerikanischen Militärregierung im Kreise, wurde der frühere Ortsvorsteher, Altbürgermeister Richard Frank, als Bürgermeister wieder eingesetzt.</p>
<p>Soweit Oberlehrer Ignaz Umbrecht. (Fortsetzung: Beitrag A. Seckler; bei ihm werden die letzten Kriegstage einleitend noch einmal aus der Feder von M. Gold geschildert.)</p>
<p>Da über die letzten Kriegstage keine schriftlichen Dokumente und Befehlserteilungen existieren, — Gemeinderatsprotokolle ab 1938 und Gemeindechronik sind in der wirren Zeit des Zusammenbruchs verbrannt worden oder verschwunden, andere offizielle Dokumente sind bis jetzt nicht bekannt geworden, — müssen einige Widersprüche im Raum stehen. Dies betrifft unter anderem die Frage, ob der Bürgermeister und sein Stellvertreter sich tatsächlich auf Befehl der Kreisleitung oder ohne einen solchen abgesetzt hatten. Auch über die Errichtung und den Wiederabbau der Panzersperren und das erstmalige Hissen der weißen Fahne gibt es verschiedene Versionen, die jedoch am Gesamtbild nichts Grundsätzliches verändern.</p>
<p>Im Raum steht ferner, wie es der überwiegenden Mehrheit der Gefangenen tatsächlich erging.</p>
<p>Eine Richtigstellung in Herrn Umbrechts Artikel scheint mir notwendig, wo er schreibt: »Nach dem Einzug der Amerikaner übernahmen einige Männer von Oberkochen, die der NSDAP nicht angehört hatten, die Amtsgewalt auf dem Rathaus«. Das stimmt für die Zeit nach dem Einmarsch. Am Tag des Einmarschs jedoch hatten die Militärs einen Rathausangestellten mit den Amtsgeschäften betraut. Dazu erhielt ich folgende Darstellung: »… Plötzlich kam der schon einmal erwähnte Franzose dahergerannt und schrie: Wir haben die weiße Fahne auf Kirchturm gehißt — die Amerikaner sind auf dem Rathaus, kommen Sie schnell. — Dort wurde der Angestellte von einem jüdischen Verbindungsoffizier, der ausgezeichnet deutsch sprach, empfangen und nach einem langen und ausführlichen Gespräch zum provisorischen (gemeint ist »kommissarisch« D .B.) Bürgermeister ernannt.«</p>
<p>Erst dann erfolgte die Einsetzung anderer Bürger durch die Besatzung. Dieser kleine Kreis von Bürgern wurde auf damals wie erst recht heute recht schwer einzusehende Weise zu einer Art provisorischer Verwaltung erweitert. Erst auf Drängen einiger Bürger bildete sich unter Hinzunahme weiterer Personen aus den Reihen der Bürger, die von der Militärregierung überprüft wurden, ein Beirat, basisdemokratie-ähnlich, der sich dann für die Wiedereinsetzung von Altbürgermeister Frank einsetzte. Das heißt, die Vorgänge waren wesentlich komplizierter als sie bei Herrn Umbrecht geschildert sind. Sie sind auch hier nur angerissen.</p>
<p>Als letzte Ergänzung zum »Umbrecht-Artikel« möchte ich die Geschichte vom Oberkochener »Kaffeewunder« nacherzählen, wie sie mir Oberkochener, die damals dabei waren, 41 Jahre danach, spontan aus der Erinnerung berichteten. Diese Schilderung steht stellvertretend für viele, die in ähnlicher Weise das Oberkochen der letzten Tage im 1000jährigen Reich aus einer anderen, sehr menschlichen Weise, illustrieren:</p>
<p>»En dr Naacht hat sich’s romgschwätzt: wann’d au an Kafeh willscht, nao muascht auf d’Baohof niebr, — dao geit’s oen ommasooscht. — Gangat mr au?, hat’s ghoißa. Ja, ond nao ischt ma hald ao mit ma Loidarawäagele loas ond hat denkt: holsch dr hald ao oen, wann älle oen hollad. Ond wia ma an d’Baohof niebr komma ischt, nao send scho d’Baura mit de Miischtwäaga daogwest ond heut älls draufglada, — ond älls draufglada hant dia Mannt. Deane ischt’s ja ämml guad ganga em Kriag; — gsait hat ma: deane fählt bloß noa dr Persrdebbich en d’Sauschdaal. Ja ond nao ischt ma hald mit saim Loidrawäagele ao no a zwoitsmaol gfahra ond hat’s vool gmacht mit Kafeh. — Dao wurscht ja hondrt Jaor aalt bis ‘d dean vrdronka hascht, hat ma gsait; wissat’s, des warat so Bressleng, halbr Boana ond halbr Maalz ond a bissle Zuggr en so ronde Rolla. En sälle Kriagsdäg hat mr jao scho gar nemme gwißt, wiana dear schmeckt, a räachdr Kafeh.</p>
<p>Schbädr ischt ma mit sällm Kafeh nao ge Hamschdara ganga. Oemaol semmr auf Dannhausa niebr ond hend a Schbaofergele oedauscht. Des hat ma en soanan Babbadegglkoffr naidriggt zum Hoimdraga. On wiama auf omschdendliche Wäag nao hoemkomma ischt, nao hat oos oes begriaßt ond hat gfraogt: ja waas guckt denn dao aus uirma Koffr raus? Iatz ischt des so a Saufiaßle gwest, des dao rauskomma isch, weil sällr Babbadegglkoffr sich a weng aufgwoichnat gheet hat vom Saaft. Woidle hat ma des Fiaßle nao wiedr neigschooba, weil des ja megglichscht neamrds het säa sodda, daß miar a Schbaofergele ghamschrad gheet hant.</p>
<p>Iebrigens: Enra aalda Kochamr Familie geits hait no a »Maggibäsle«, weil desjenig Bäsle, — en Ulm ischt sämml a Zuag mit Maggi gschdanda gwest, — bei iehrer Vrwandtschaft en Obrkocha Maggi gega sälln Kafeh oedauscht hat.«</p>
<p><strong>Fazit:</strong><br>Der vorliegende Versuch einer ersten Annäherung an das III. Reich in Oberkochen ist das Ergebnis ehrlichen Bemühens um Wahrheitsfindung in der Absicht, ein Bild dieser Zeit zu rekonstruieren.</p>
<p><strong>Namen?</strong><br>Es genügt, hier festzustellen, daß es sämtliche NSDAP-Funktionsstellen und Funktionsträger, von der SA über das Winterhilfswerk bis hin zur Leitung des Volkssturms in Oberkochen gegeben hat: mit Unterorganisationen einige …zig!</p>
<p>Daß dies in einer kleinen Gemeinde wie Oberkochen (1933: 1708 Einwohner) möglich war, zeigt, mit welcher unglaublichen Dynamik, Macht und Intoleranz das System sich durchzusetzen vermochte, — zeigt aber auch, in welch hohem Maß eben dieses System die große Mehrheit zu begeistern verstand.</p>
<p>Die Namen der Verantwortungsträger hier aufzuführen und mit Kommentaren zu versehen, habe ich jedoch nicht als Aufgabe eines ersten Sich-Erinnerns an das III. Reich in Oberkochen betrachtet. Es ging mir um die Darstellung des Roten Fadens anhand von Fakten, Berichten und ehrlichen Schilderungen von Oberkochenern, die diese Zeit bewußt erlebt haben und sie heute mit gesundem Menschenverstand überblicken, — dennoch aus ihrer Sicht; gelegentlich mit vehementem Engagement.</p>
<p>Mich hat die Frage: gab es in Oberkochen einen Widerstand gegen das III. Reich, besonders beschäftigt.</p>
<p>Antwort: Es hat einen gegeben — das Mosaik zeigt das; allerdings keinen spektakulären. Die Zahl der ideell und bewußt aktiven Opponenten war gering. Es waren 20 bis 30 Familien. Aber es gab sie — und sie haben viel riskiert. Schon die Tatsache, nicht in »der Partei« zu sein, bedeutete eine Herausforderung gegenüber dem örtlichen Regime. Die Äußerung: »Die eigenen kleinen Nadelstiche lassen sich nicht mit dem großen Widerstand vergleichen«, zeigt, daß man sich heute wahrhaft nichts darauf einbildet, damals dagegen gewesen zu sein.</p>
<p>Es gab einen passiven Widerstand im Herzen, es gab einen verstandesmäßigen, und es gab einen, der im christlichen Glauben wurzelte, — und es gab ein Resignieren. Es gab demonstrative Akte des Dagegenseins, die persönliche Nachteile bis hin zu empfindlichen Strafen nach sich zogen. Aber noch mehr konnten oder wollten die Oberkochener nicht, — je nach dem. Und das ist menschlich.</p>
<p>Die Zahl der stillen Gegner war ungleich größer. Es war ein innerlicher Widerstand gegen eine unchristliche Weltanschauung, hinter der eine gewaltige politische Macht stand, vor der man begründete Angst hatte und haben mußte, — auch in Oberkochen. Das war der Grund, — wie überall, — daß der Widerstand klein blieb.</p>
<p>Die meisten haben mitgemacht, mehr oder weniger, wohl oder übel, und es gab überzeugte Nationalsozialisten, — das ist ein Fazit. Opponiert hat ein verhältnismäßig kleiner Rest. Dieser kleine Rest hat das Regime — und auch in Oberkochen gab es ein Regime — nicht ge‑, vielmehr erduldet — und auch erlitten.</p>
<p>Das ist die Wahrheit.</p>
<p>Man kann heute in Freiheit gut Kritik üben, — »das hätte man doch merken müssen« … schauen wir doch auch über die Mauern und hinter die Vorhänge zeitgenössischer totalitärer Systeme. Das Recht auf freie Meinungsäußerung gab es nicht. Man hatte, wenn man seine Ruhe haben wollte, »seine Gosch zu halten«. In einem Gespräch wurde geäußert »man war damals dem preußischen Gehorchstaat geschichtlich noch um einiges näher, als wir das heute sind«. Ein durchaus erwähnenswerter Gedanke. Dem wage ich entgegenzuhalten: Wir sind heute, auch wenn wir glauben, kritischer geworden zu sein, auch nicht gegen alles gefeit, — vor allem nicht dagegen, daß dereinst auch unserer Generation schwerwiegende Vorwürfe gemacht werden können, — und dies, obwohl es seit nunmehr 41 Jahren eine freie Meinungsäußerung gibt. Kehren wir lieber vor unserer eigenen Tür.</p>
<p>Aus sicherer Distanz über das Damals zu richten, steht uns nicht zu. Aber wir können lernen. Unter diesen Vorzeichen wurde dieser Bericht geschrieben, und unter ihnen möge er verstanden sein.</p>
<p><strong>Ein weiteres Fazit:</strong><br>Es ist erkennbar, daß es während dem Krieg »Rüstungsgewinnler«, wie man sie nannte, gab, — und auch solche, die daraus, daß sie sich nicht am Rüstungsgeschäft beteiligten, persönlichen und materiellen Nachteil hatten. Am Ende standen alle vor dem Chaos, — und es überrascht, daß, mit Ausnahme der Firma Fritz Leitz, die wenig später aufgelöst wurde, in allen Oberkochener Firmen, gleich ob sie in der Rüstung tätig gewesen waren oder nicht, bereits im Sommer 1945 wieder gearbeitet wurde.</p>
<p>Ferner zeigte sich, — und das mag für manchen überraschend sein — daß Oberkochen insgesamt, gerade durch den einen im Verhältnis überproportional großen Rüstungsbetrieb, zu dem sich weitere Betriebe gesellten, vom III. Reich mehr mit- und abbekommen hat als Gemeinden vergleichbarer Größe. Auch die gesamte Nachkriegsentwicklung hängt letzten Endes damit zusammen: In den leerstehenden Fabrikationsgebäuden der Firma Fritz Leitz begann die Weltfirma Carl Zeiss ihre Nachkriegsproduktion.</p>
<p>Als weiteres Ergebnis bleibt festzuhalten, daß der schnell-aufgekommene Wohlstand, wie überall in Deutschland, so auch in Oberkochen, lange Zeit über die eigentlichen Entwicklungen im III. Reich hinwegtäuschte.</p>
<p>Der »Autobahnhitler«, der »Arbeitsbeschaffungshitler«, der »das-hätte-esbei-Hitler-nicht-gegeben-Hitler«, — der rosarot gefärbte Hitler also, flackert hie und da verhalten. Auch das sei festgestellt. Doch auch hier sind Oberkochener wiederum nicht anders als andere Deutsche. Alles andere festzustellen wäre eine Verfälschung des Bildes. Es ist eben sehr einfach, das »Gute« von damals mit dem »Schlechten« von heute zu vergleichen.</p>
<p>Auch sollte man sehen, daß selbst in unserer derzeitigen etwas sensibilisierteren Gesellschaft vielerorts in der Bundesrepublik Menschen, die im Herzen Rüstungsgegner sind, in Betrieben arbeiten, die im Rüstungsgeschäft stehen. Wie konsequent sind wir heute?</p>
<p>Ein letztes: Schon in früheren Jahren, aber auch beim Zusammentragen des Materials für diesen Bericht, stieß ich so hin und wieder auf Äußerungen wie: In Oberkochen war’s ruhig im III. Reich, oder: Vom III. Reich hat man in Oberkochen nicht viel gemerkt.</p>
<p>Dem widersprechen Fakten wie die Rathausbesetzung, die Auflösung des Zentrums, der politisch erzwungene Bürgermeisterwechsel, Gestapoverhaftungen, die vereinsinternen Machtkämpfe, das Schulverbot für Pfarrer Jaus, die Ablösung eines 1. Vereinsvorstands durch kommunale Erpressung und das Verhalten einiger Familien, die nicht in die NSDAP eingetreten waren, im privaten, aber auch im öffentlichen Leben, wie zum Beispiel bei der Auflösung der Konfessionsschulen, bei Zeugniserteilungen und Beurteilungen … Selbst bei »wohlwollender« Einstellung gegenüber dem Regime am eigenen Ort wurden solche Ereignisse ja irgendwo aufgenommen und irgendwie gespeichert.</p>
<p>Mit 40 Jahren Abstand — das kam in einigen Gesprächen mit Vertretern »beider Seiten« zum Ausdruck — ist vieles, bewußt oder unbewußt, verdrängt. Dies ist eine Tatsache, die auch im psychologischen Bereich begründet ist.</p>
<p>Es war nicht Ziel und Zweck dieses Beitrags, eine »Dokumentation« des III. Reichs in Oberkochen zu erstellen. Hieran zu arbeiten, auf der Grundlage dieses Mosaiks, könnte vielleicht über Jahre dauernd, eine von vielen Aufgaben eines in naher Zukunft zu gründenden Heimatvereins sein.</p>
<p>Geschichte kann man nur bewältigen, wenn man darüber spricht und nachdenkt. Oberkochener haben beides getan für diesen Beitrag. Kleine Ungenauigkeiten möge man ihnen und mir nachsehen.</p>
<p>Gerne will ich abschließend einräumen, daß mein persönliches Bild, das ich über Jahre hinweg vom III. Reich in Oberkochen hatte — ich bin seit immerhin 24 Jahren Oberkochener Bürger — unvollständig und teilweise falsch war. Grund: Die Oberkochener hatten das III. Reich selbst weit weggeschoben und es kursierten nur oberflächliche Meinungen und Gerüchte. Viele Oberkochener haben mir immer wieder gesagt: Es war in Oberkochen auch nicht anders als anderswo. Was mit dieser allgemeinen Formulierung ausgesagt ist, habe ich versucht, herauszufinden.</p>
<p>Der Rote Faden, den ich aufzuweisen versucht habe, so glaube ich, stimmt im wesentlichen, — noch gibt es weiße Stellen in diesem Mosaik.</p>
<p>Unseren Toten und Vermißten (Zeittafel) des Zweiten Weltkriegs wurde auf dem neuen Gemeindefriedhof ein Ehrenmal errichtet. Mögen die alljährlich anläßlich des Volkstrauertags von Geistlichen und Bürgermeistern formulierten Gedanken dazu beitragen, den Frieden- aber auch den Freiheitswillen in Oberkochen zu kräftigen.</p></div>
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				<div class="et_pb_text_inner"><p>Am Zustandekommen dieses Mosaiks des III. Reichs in Oberkochen waren, zum Teil mit ausführlichen, zum Teil mit kürzeren oder winzigen und dennoch wichtigen Beiträgen, in dankenswerter Weise beteiligt (alphabetisch):</p>
<p>Das Heimatbuch erschien 1986. 26 Jahre danach waren 14 der 24 Oberkochener Autoren (Seite 487) und 19 der 26 zum Beitrag »Das III. Reich in Oberkochen« befragten Bürger (Seite 210) verstorben. Stand: Oktober 2012</p>
<p>Herr Dr. Hans-Joachim Bayer<br>Herr Rudolf Eber †<br>Herr Kurt Elmer<br>Herr Alois Fischer †<br>Frau Rosa Fischer †<br>Frau Trudl Fischer †<br>Herr Hans Frank †<br>Herr Johannes Gold †<br>Herr Kuno Gold †<br>Frau Martha Gold<br>Herr Anton Grupp †<br>Herr Clemens Grupp †<br>Frau Elise Grupp †<br>Herr Valentin Günther †<br>Herr Rochus Hug †<br>Frau Josi Kurz<br>Herr Peter Meroth<br>Herr Hans Minder †<br>Herr Dr. Hans Schmid †<br>Frau Josephine Schmid †<br>Frau Ida Trittler †<br>Herr Karl Unfried<br>Herr Karl Wannenwetsch †<br>Herr Karl Widmann †<br>Herr Max Wirth †<br>Firma Carl Zeiss</p>
<p>Vielen weiteren Bürgern, die direkt oder indirekt mitgeholfen haben, dieses oder jenes Problem zu lösen, freundlichen Dank.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p style="text-align: right;"><strong><em>Dietrich Bantel</em></strong></p></div>
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			</item>
		<item>
		<title>OBERKOCHEN: Jugenderinnerungen</title>
		<link>https://oberkochen-heimatverein.de/oberkochen-jugenderinnerungen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[smarterPresence]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 21 May 2024 09:51:28 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Heimatbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://heimatverein-oberkochen.com/?p=14525</guid>

					<description><![CDATA[Seite 163-168 (Engelbert Mager)]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="et_pb_section et_pb_section_3 beitrag-inner-container et_section_regular">
				
				
				
				
				
				
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				<div class="et_pb_text_inner"><p>Im Sommer 1918 erhielt mein Vater die vakante zweite definitive Lehrerstelle in Oberkochen. Schulleiter war Oberlehrer Karl Wörner, der 1927 in den Ruhestand trat und nach Ellwangen verzog. Damals befanden sich im katholischen Schulhaus zwei Lehrerwohnungen, vier Schullokale, ein sog. Unterlehrerzimmer und eine Behelfsbehausung für die Schulkehrerin im Dachgeschoß. Die Wohnungen mit gemeinsamem Flur waren geräumig und schön, nur hatten die Architekten beim Bau den Einbau der Toiletten vergessen und sie nachträglich angehängt. So befanden sie sich außerhalb der Glastüren und einen halben Stock tiefer. Die evangelischen Kinder wurden in einer Einklassenschule von Oberlehrer Günther unterrichtet (vergl.: V. Schrenk, Geschichte Oberkochener Schulen).</p>
<p>Der Marktflecken hatte damals ca. 1 500 Einwohner, von denen die meisten von einer kleinen Landwirtschaft lebten. Mit Kühen und Ochsengespannen bestellten sie ihre Feldarbeit. Pferdebauern mit größeren Betrieben konnte man an einer Hand ablesen. Durch die bäuerliche Struktur waren beiderseits der Straßen Dungstätten angelegt, die heute verschwunden sind. Sie besaßen den Vorteil, daß vor allem die Durchgangsstraße heute so schön und breit gestaltet werden konnte. Viele der Kleinbauern arbeiteten im Winter in den Wäldern oder in den kleineren Industriebetrieben, die sich im Lauf der Jahre vergrößerten.</p>
<p>Wir Kinder schauten oft den Hafnern bei ihrer schwierigen Arbeit zu und staunten über die formgebende Tätigkeit. Auf dem Bahnhof standen ihre Harassen, Lattenkisten mit vollgepacktem Tongeschirr, zum Versand an die Zwischenhändler bereit. Feinschmecker behaupteten, daß das Kraut aus einem Tontopf (Krauthafen) am besten mundet (vergl.: A. Mager, Hafner). Der Badeplatz der Jugend im Sommer befand sich am Wehr der Kreuzmühle (Besitzer Elser). Durch die geringe Entfernung vom Ursprung des Kochers war das Wasser verhältnismäßig auch bei größter Hitze sehr kühl. Oberhalb des Wehrs und der vorüberführenden Straße nach Aalen zum schienengleichen Bahnübergang fingen einige Jungen mit bewundernswerter Geschicklichkeit während des Badens schöne Forellen. Heute werden dort kaum welche mehr anzutreffen sein. (Doch, es gibt sie noch, sogar sehr zahlreich. Zum Spaß fing man übrigens auch die sogenannten »Grubbaseggl« mit der bloßen Hand. D.B.)</p>
<p>Im Winter konnte man sich selten über mangelnde Schneefülle beklagen. Gelegentlich war der Wintersport an frühen Osterfesten noch möglich. Zuerst übte man das Schifahren mit Faßdauben, an denen eine Behelfsbindung angebracht wurde. Später erhielten wir richtige Schier, mit denen wir die Wälder durchstreiften und an den Hängen um Oberkochen unsere Künste ausübten. An der letzten Kehre des Wegs zum Volkmarsberg vor dem Wald begann das Rodeln. Bei günstiger Schneelage konnte man das Dreißental vor, über die Hauptstraße hinweg, den Kocher erreichen. Vorne auf dem Schlitten saß der Lenker mit Schlittschuhen. Ich glaube, es war das Jahr 1933, als mein Schulkamerad Karl Lense bei der deutschen Meisterschaft im Schilanglauf den ersten Platz errang. Ihm wurde zur Heimkehr ein prächtiger Empfang bereitet, an dem der ganze Ort teilnahm. Leider wurde Lense ein Opfer des letzten Krieges, nachdem ich ihn noch vorher am Bahnhof in Rastatt aus einem Frontzug zurufen und winken sah.</p></div>
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				<span class="et_pb_image_wrap "><img loading="lazy" decoding="async" width="720" height="638" src="https://oberkochen-heimatverein.de/wp-content/uploads/hm-buch-s164.jpg" alt="Oberkochen" class="wp-image-11729"></span>
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				<div class="et_pb_text_inner"><p>Oberkochen konnte auch gute Geräteturner wie Karl Wannenwetsch, Ludwig Wunderle und Schneidermeister Fischer aufweisen. Die kleine Turnhalle war damals das letzte Gebäude im Katzenbach auf der linken Seite. Im Forsthaus, gegenüber dem alten Schulhaus, amtete Forstmeister Martin. Mit seiner Pferdekutsche fuhr er fast jeden Tag hinaus in die weiten Wälder.</p>
<p>Sein Schwager, General Freiherr von Luppin, wohnte in Schwäbisch Gmünd und besuchte öfters Oberkochen. An vaterländischen Feiern nahm er in seiner prächtigen Paradeuniform teil, die wir besonders bewunderten. Eine Schwägerin des Forstmeisters malte Kinderporträts. Ich mußte mehrere Tage bei ihr stillsitzen, was mir schwerfiel.</p>
<p>Mit Musikkapellen und Fahnen bewegte sich um 1922 ein Aufmarsch mit militärischer Ordnung zur feierlichen Einweihung des Lindenbrunnens in der Ortsmitte. Der erhebende Festakt ist mir heute noch im Gedächtnis. Noch Anfang der 20er Jahre besuchten sich im Rahmen der Öschprozessionen Katholiken von Unter- und Oberkochen. Dabei begegnete man sich auf halbem Weg, wobei es unter den Buben nicht gerade fromm herging, denn sie hatten schon vorher ihre Taschen mit kleinen Steinen gefüllt, um sich gegenseitig zu bewerfen. Durch den wachsenden Verkehr wurden die Bittgänge in dieser Form eingestellt und nur noch in Ortsnähe durchgeführt.</p>
<p>Bei allen weltlichen und kirchlichen Feiern, die mit Umzügen verbunden waren, marschierte der Amtsbote und Polizeidiener Gold in militärischer Montur mit Säbel und Pickelhaube voraus. Er wohnte mit seiner Familie im Rathaus und hatte noch die Aufgabe, die Bekanntmachungen des Ortes durch Ausschellen den Einwohnern zu vermitteln. Für uns war er eine Respektsperson und in der Gemeinde ein hochgeachteter Mann.</p>
<p>Jedes Jahr hielten der Kath. Kirchenchor und der Albverein meist ihre Jahresfeiern in der Restauration Winter, in der Bahnhofstraße (Bahnhofsrestauration), ab. Das Programm umfaßte jeweils neben Liedern, Couplets ein Theaterstück. Bei einer solchen Feier des Kirchenchors ereignete sich einmal eine ergötzliche Begebenheit: Die Bühne im Saal war nur behelfsmäßig mit Ständern und Dielen darüber aufgebaut. Durch das große Gewicht des Chores bei einem Liedvortrag krachte die Bühne zusammen. Trotzdem ließen sich Dirigent und Chor nicht aus der Ruhe bringen und sangen ihr Lied zu Ende. Ein großer Applaus belohnte die Geistesgegenwart der Akteure.</p>
<p>Einen Sänger des Kirchenchors möchte ich besonders erwähnen: Franz Grupp vom Katzenbach. Sein schöner Bariton und seine urwüchsige Komik rissen bei seinen Soloaufführungen die Zuhörer vor allem bei Couplets zu Lachsalven hin. Bekannt ist mir bis heute sein Verslein: »I be dr schlaue Hansl, und heiße Gruppa Franzl, i be von Oberkocha, wo sieba Däg send en dr Woche.« Seine Familie war die kinderreichste, und alle Söhne und Töchter haben sich im Leben bestens zurecht gefunden. Nie gingen etliche alte Sänger ohne Schnupftabakdose aus dem Haus, und wenn sie sich zufällig trafen, wurde vor dem Reden eine Prise der Dose entnommen. Zu ihnen paßte ein nettes Couplet »Die drei Schnupfer«, das bei einer Aufführung großen Beifall erntete. Ein weiterer Humorist, Josef Wingert (Stöpsel), erheiterte später seine Zuhörer. Wenn er mit seinem steifen Bein auf der Bühne erschien und mit urkomischen Grimassen sang, erntete auch er riesigen Applaus.</p>
<p>Im Ort gab es weder eine Apotheke noch einen approbierten Arzt oder Dentisten. Für die beiden letzteren praktizierte als Sonderheit ein sog. Wundarzt auf dem allgemeinen Gebiet der Heilkunde. Es war der Großvater des Fabrikanten Ludwin Oppold. In der Jugend wurde er von einem Arzt angelernt und durfte seine Tätigkeit bis in sein hohes Alter ausführen (vergl.: E. Sussmann, das Gesundheitswesen). Ich verdanke dem alten Herrn 1923 die Heilung von einer schweren Diphtherieerkrankung. Daneben pflegten katholische Schwestern in aufopferungsvoller Weise die Kranken im Ort.</p>
<p>Wer eine höhere Schule besuchen wollte, mußte nach Aalen ins Oberrealgymnasium. Man konnte die Volksschule nach dem dritten Schuljahr verlassen und in die Vorklasse des Gymnasiums überwechseln. In der Parkschule wurden die Geschlechter getrennt unterrichtet. Schulgeld- und Lernmittelfreiheit gab es nur in wenigen Ausnahmefällen. Die Zugverbindungen nach Aalen waren vorzüglich auf die notwendigen Schülerfahrten abgestimmt.</p>
<p>1918 war die Parallelstraße hinter dem heutigen Jägergässle das Dorfende. Im Anschluß daran wurde Anfang der 20er Jahre ein zweiter Röhrenstrang der Landeswasserversorgung zum Stollen ins Wolfertstal verlegt. Es waren riesige Rohre, durch die wir als Kinder hindurchschlüpften, bevor sie eingegraben wurden. Die Bebauung des hinteren Dreißentals begann nach 1920. Als erster baute Maurermeister Elmer dort sein Einfamilienhaus. Bis auf den heutigen Tag erfolgte laufend die Besiedlung der Hänge bis zum Wald und bereits bis hinüber zum Hang über der Kocherquelle. In Erinnerung sind mir zwei Brüder Mangold, die bei der Eisenbahn beschäftigt waren und sich auf billigste Art ein Doppelhaus erstellten. Über dem früheren Cafe Gold befand sich im Gewann »Hitzeles Mand« ein Steinbruch mit blauen Plattenkalken. Hier brachen sich die Häuslesbauer die Steine und brachten sie zum nahen Baliplatz. Als Mörtel diente ihnen der nasse Kalkschlamm auf den Straßen. Für die Männer und ihre Frauen war dies ein hartes Stück Arbeit, die allgemein bewundert wurde.</p>
<p>Ein herrliches Wintererlebnis war für mich eine Eisvogelschar, die sich am Kocherursprung niedergelassen hatte. Ihre prächtigen Gefieder glänzten in dem weißen Schnee und in dem glasklaren Wasser.</p>
<p>In den Wäldern stößt man oft auf ehemalige Kohlplatten, wo einst Holzkohle für die Verhüttung der Bohnerze im Tal gewonnen wurde. Dem Härtsfeld zu gab es in meiner Jugendzeit in den Wäldern noch Köhler, die wir Jungen öfters bei ihrer Arbeit beobachteten (vergl.: D. Bantel, Köhlereien auf Oberkochener Gemarkung). Einmal fuhr ich an einer Kohlplatte mit den Schiern in eine Falle. Sie schlug über dem Vorderteil eines Schis zusammen, und ich blieb glücklich unverletzt.</p>
<p>Ein Ereignis, das weit über Oberkochen hinaus die Gemüter bewegte, war der Mord an Förster Braun, der 1926 von einem Wilderer erschossen wurde, der im Königsbronner Ortsteil Ochsenberg beheimatet war. Eine Beerensammlerin fand zufällig den Toten im Gestrüpp. Der ruhige und allgemein beliebte Mann hinterließ eine Frau und zwei Söhne. Mit der Familie trauerte auch die ganze Gemeinde. Im Ellwanger Landgericht fand der Prozeß gegen den Mörder statt.</p></div>
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				<span class="et_pb_image_wrap "><img loading="lazy" decoding="async" width="716" height="473" src="https://oberkochen-heimatverein.de/wp-content/uploads/hm-buch-s167.jpg" alt="Oberkochen" class="wp-image-11730"></span>
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				<div class="et_pb_text_inner"><p>Eine schwere Zeit für die Nichtlandwirte war die Inflationszeit nach dem Ersten Weltkrieg bis zum Herbst 1923. Etliche Familien verdankten bei der riesigen Lebensmittelknappheit guten Menschen Hilfe in der Not. Einem schlauen Gast- und Landwirt, der neben Vieh auch ein Pferd besaß, passierte folgende Geschichte: Bei einer Schwarzschlachtung floß Blut aus seiner Scheune, was der Polizei zu Ohren kam. Anläßlich einer Vernehmung an Ort und Stelle zeigte der Wirt am Kopf des Schweines den Abdruck eines Hufeisens und schilderte den Vorgang so, daß das losgewordene Pferd in der Nacht mit einem Hufschlag das Schwein getötet hatte. Dabei vollzog der Wirt die Tötung mit einer Axt, an deren Kopfende ein Hufeisen befestigt war.</p>
<p>Mein Vater besuchte einen Schwager im Schwarzwald, der eine Landwirtschaft betrieb und trat mit etlichen Kilo Butter im Rucksack die Heimreise an. Im letzten Zug von Stuttgart nach Aalen erfuhr er, daß die Polizei auf dem Bahnhof in Aalen den Reisenden alle gehamsterten Lebensmittel abnahm. So stieg spät in der Nacht der Vater in Essingen aus und wanderte über den Volkmarsbergsattel heimwärts. Schweißgebadet kam er gegen 2.00 Uhr morgens daheim an, nachdem wir uns um ihn große Sorgen gemacht hatten.</p>
<p>Nach Schulschluß um 12.00 Uhr in Aalen mußte ich rasch jeden Tag einen Umweg über das dortige Rathaus zum Bahnhof machen, um in der Zeit der galoppierenden Geldentwertung nach dem »Multiplikator« zu schauen, damit die Eltern wußten, was sie für die 14tägige Gehaltszuweisung noch kaufen konnten. In bester Erinnerung ist mir heute noch, wie die Arbeiter an einem Zahltag im Herbst 1923 ihre ersten Rentenmarkscheine betrachteten und glücklich waren, daß eine feste Währung für eine ordentliche Lebensgrundlage nun wieder vorhanden war. Damit verschwand auch das Notgeld, das die Städte in eigener Regie ausgaben.</p>
<p>Ebenfalls schlimm war auch die Zeit von 1929 bis 1933. Jeden Tag verließen ganze Pulks von arbeitslosen Männern die Wanderarbeitshäuser der Städte und verteilten sich auf das Land, um zu betteln.</p>
<p>Manchmal läuteten 20 bis 30 solcher Menschen an der Wohnungstür mit den Worten: »Ein armer Durchreisender bittet um ein Almosen.«</p>
<p>In dieser Zeit zeigte sich in Oberkochen die erste Tätigkeit der nazionalsozialistischen Partei, während mir linksextremistische Aktivitäten unbekannt blieben. 1933 war meine Ausbildung als Lehrer beendet; aber keiner von uns Absolventen des Seminars erhielt zunächst eine Anstellung. Ich durfte keine Arbeit in der Fabrik Firma Leitz antreten; das Arbeitsamt Aalen sandte dafür einen Arbeitslosen dahin. So blieb mir nichts anderes übrig, als unentgeltlich bei meinem Vater zu praktizieren. Erst im Herbst erhielten wir eine monatliche Zuwendung von DM 45,—, die im folgenden Jahr auf DM 55,— erhöht wurde. Nach 2 1/2 Jahren eröffnete sich uns die Chance, eine reguläre Anstellung zu erhalten. 1936/37 wurden die Konfessionsschulen aufgehoben, und die jungen Bürger der Gemeinde wuchsen enger zusammen und ungute Hänseleien unter ihnen hörten auf.</p>
<p>Wenn ich jetzt nach Oberkochen komme, so kann ich nur staunen, was aus dem einst so ruhigen Marktflecken geworden ist. Heute ist es eine Stadt voll pulsierenden Lebens, das den Bewohnern alles bietet, was es an Notwendigkeit, Bequemlichkeit, Erholung sowie an kulturellen Bedürfnissen benötigt. Vor allem freut es mich, daß die alteingesessenen Bewohner noch den mir vertrauten Dialekt sprechen, und daß so viele ehemaligen Gebäude, Plätze und Straßen des ehemaligen Marktfleckens erhalten geblieben sind. Besonders erwähnen muß man den großen Freizeitwert in der herrlichen Umgebung zwischen Albuch und Härtsfeld, in der der Mensch nach des Tages Arbeit sich erholen kann.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p style="text-align: right;"><strong><em>Engelbert Mager</em></strong></p></div>
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			</div>
				
				
			</div>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>»Vom Dorf zur Industriegemeinde«</title>
		<link>https://oberkochen-heimatverein.de/vom-dorf-zur-industriegemeinde/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[smarterPresence]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 20 May 2024 15:24:07 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Heimatbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://heimatverein-oberkochen.com/?p=14518</guid>

					<description><![CDATA[Seite 129-162 (Kämmerer Marika. Kämmerer Joachim)]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="et_pb_section et_pb_section_4 beitrag-inner-container et_section_regular">
				
				
				
				
				
				
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				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Ein Rückblick auf die fast 450jährige Industriegeschichte Oberkochens</h2>
<h3>16. Jahrhundert</h3>
<p>Der Reisende aus dem Welschland, der an einem Spätfrühlingsabend des Jahres 1552 an der Rodhalde aus dem Walde tritt, glaubt, endlich sein Ziel vor Augen zu haben. Am Ursprung des kleinen Flüßchens unter ihm leuchtet Feuer, steigt Rauch empor, erklingen helle Hammerschläge. Er hofft, daß dort zwei kräftige Arme willkommen sind, daß er dort Lohn und Brot finden wird, denn schon seit vielen Jahren wird in seiner Heimat fachkundiges Hüttenpersonal für das von Abt Melchior Ruof gegründete Königsbronner Eisenwerk geworben.</p>
<p>Daß das Dörflein unter ihm im Tal jedoch Oberkochen heißt und das Flüßchen der Schwarze Kocher genannt wird, erfährt er beim Abstieg von einem Köhler, der auf dem Weg zu einem der zahlreichen Meiler ist, deren Rauchfähnchen überall aus dem Wald emporsteigen und unserem Reisenden schon verraten haben, daß er sich seinem Ziel nähert.</p>
<p>Es beginnt zu dunkeln, unser Reisender muß sich beeilen. Über einen steilen Pfad hat er bald den Ort erreicht. Schon leuchten hinter einigen Fenstern die Kienspanfackeln auf. Von einem Hirten und seinem Hund bewacht, drängt sich am Dorfbrunnen eine große Viehherde. Der Mesner läutet zum Uffemerge (Ave Maria). Nun muß jeder, der noch draußen einer Arbeit nachgeht, hereinkommen. Nach den letzten Fuhrwerken werden dann die Gatter an den Ortseingängen verschlossen. Unser Reisender fragt nach einem Obdach, er findet es in der »Taferne«, dem alten Wirtshaus des Dorfes. Schon früh am anderen Morgen bricht er nach Königsbronn auf. Doch zunächst will er bei der Schmelzhütte am Kocherursprung nach Arbeit fragen. Er hat Glück, ein erfahrener Schmelzer wird noch gesucht, denn die Hütte ist erst vor wenigen Wochen in Betrieb genommen worden.</p>
<p>Peter von Brogenhofen (Pragenhofen) aus Gmünd, Vetzer genannt, hatte den Willigungsbrief »naher beim ursprung des kochen ein schmelzofen, hutten sampt einem leuterfeur uffzerichten« am 26. Oktober 1551 vom Ellwanger Propst Heinrich für 10 Gulden jährlich erhalten. Schon seit Jahren hatte er geplant, sich im Eisengeschäft zu betätigen, dem so mancher Gmünder Sensenschmied und Handelsherr seinen Reichtum verdankte, und das durch die neue Waffentechnik mit ihren Geschützen und Kanonenkugeln, aber auch durch eine zunehmende Verwendung für friedliche Zwecke, z.B. für Ofenplatten, Töpfe und Gewicht neuen Aufschwung bekommen hatte. Peter v. Brogenhofen ist ein unehelicher Sohn des gleichnamigen Deutschordens-Komturs, der als letzter seines Geschlechtes starb. Der junge Peter wurde von Karl V. legitimiert und in alle Rechte eingesetzt, wobei ihm auch die ellwangischen Lehen der Brogenhofen in Oberkochen zufielen.</p>
<p>Schürfrechte enthält der Vertrag mit der Ellwanger Propstei nicht. Diese haben im ellwangischen Amt Kochenburg schon andere erworben: die Ulmer Gewerkschafter Besserer und Ehinger. Sie sind auf dem besten Weg, sich im Kocher- und Brenztal eine Monopolstellung aufzubauen. Abgesehen von den Königsbronner Eisenwerken und dem Oberkochener Hochofen besitzen sie sämtliche Schmieden und Schmelzöfen und haben sich neben den Schürfrechten, u.a. am Burgstall und Bohlrain in Aalen, auch die Wegerechte und Holzlieferungen gesichert. Peter v. Brogenhofen holt sich, wie auch das Kloster Königsbronn, sein Erz von den Öttingern vom »Roten Stich« östlich des Grauleshofes bei Aalen. Das dort gewonnene Stuferz wird in der Oberkochener Eisenhütte vor allem zu Masseleisen verarbeitet. Mit Holzkohle wird es im Hochofen zunächst zu Roheisen erschmolzen, der sogenannten Luppe, einem glühenden, noch von Holzkohleresten durchsetzten Eisenklumpen. Die notwendige hohe Temperatur des Schmelzfeuers wird durch ein Gebläse erzeugt, das durch die Wasserkraft des Kochers betrieben wird. Anschließend wird das Roheisen in einem Läuterfeuer entkohlt und in Masseln gegossen.</p>
<p>Als Arbeitskräfte werden je ein Schmelzer, Ofenknecht, Gießer, Aufsetzer und Schlackenführer benötigt.</p></div>
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				<span class="et_pb_image_wrap "><img loading="lazy" decoding="async" width="742" height="496" src="https://oberkochen-heimatverein.de/wp-content/uploads/hm-buch-s130.jpg" alt="Oberkochen" class="wp-image-11717"></span>
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				<div class="et_pb_text_inner"><p>Kurz nachdem das Kloster Königsbronn seine Eisenschmiede, wie es heißt, »aus manget berkverstendiger leut« und der daraus resultierenden schlechten wirtschaftlichen Situation an die von Herzog Ulrich favorisierten Württemberger Eisengrein und Moser verpachtet hat, gibt auch Peter v. Brogenhofen seine Schmelzhütte am Ursprung des Schwarzen Kochers auf. Moser und Eisengrein übernehmen sie vermutlich erst pachtweise und erwerben sie endgültig dann im Jahre 1564 für 1550 Gulden. Zusätzlich haben sie zehn Gulden jährlich an die Propstei und eineinhalb Gulden Zins an die Gemeinde Oberkochen zu entrichten.</p>
<p>Waren es die gleichen Schwierigkeiten wie beim Eisenwerk Königsbronn, die Vetzer zur Aufgabe bewogen haben? Gab es Schwierigkeiten bei der Kohlebeschaffung? Oder war der Konkurrenzdruck zu groß?</p>
<p>Letzterem scheinen 1557 die Ulmer Gewerkschafter gewichen zu sein, denn sie verkaufen ihre Werke und Schürfstätten an die Württemberger Gewerkschaft, der neben Herzog Christoph, dem Sohn und Nachfolger Herzog Ulrichs, die Gesellschafter Eisengrein, Moser und Daur angehören, und die nunmehr alle fünf Eisenwerke des Kocher- und Brenztales in ihren Händen vereinigt. Die Werke arbeiten mit guten Gewinn; z.B. werden im Jahre 1565/66 13 227 Gulden erwirtschaftet. Im Jahre 1565 werden in Oberkochen 32 Zentner Ofenstücke, 396 Zentner Ofenplatten, 55 Zentner Kugeln und 4 788 Zentner Masseleisen hergestellt. Königsbronn, das im Gegensatz zu Oberkochen auch Schmiedeeisen erzeugt, produziert 557 Zentner Ofenstücke, 334 Zentner Ofenplatten, 3 903 Zentner Masseleisen und 3 272 Zentner geschmiedetes Eisen. In Unterkochen werden 1667 Zentner geschmiedetes Eisen hergestellt.</p>
<p>Kein Wunder, daß der ebenso streitbare wie geschäftstüchtige Ellwanger Propst Christoph an die Gründung eines Konkurrenzbetriebes in Oberkochen denkt, von dem er sich einen jährlichen Gewinn von rund 1000 Gulden verspricht. Doch bevor er diese Pläne verwirklichen kann, stirbt er im Jahre 1584. Mit seinem Nachfolger kommt es dann zu Vergleichen über schwelende Streitigkeiten, bei denen es u.a. auch um die Schürfrechte am Roten Stich geht. Für das Schlackenwaschen in Oberkochen muß ein Kanal angelegt werden, »damit sich das vom Schlackenwaschen verunreinigte Wasser wieder selbst reinigen kann«. Den Gewerken wird die Holznutzung und das Abkohlen an der Tiefentaler Halde zugestanden. Als die Württembergische Gewerkschaft gegen Ende des Jahrhunderts zerbricht, erzielen allein die beiden Werke Ober- und Unterkochen (als Tausch getarnt, um das Vorkaufsrecht des Ellwanger Propstes zu umgehen) 78 350 Gulden bei ihrem Verkauf an Herzog Friedrich von Württemberg.</p>
<p>Mit der Übernahme der Eisenwerke durch den württembergischen Landesherrn und damit den Staat geht für die Eisenindustrie im Kocher- und Brenztal eine von vorwiegend privaten Unternehmern geprägte Zeit zu Ende.</p>
<h2>17. und 18. Jahrhundert</h2>
<h3>Juli 1645:</h3>
<p>Der große Krieg wütet nun schon 28 Jahre und lastet schwer auf dem geplünderten und zerstörten Land. Am späten Nachmittag nähert sich ein Trupp Reiter von Norden her dem Dorf. Die wenigen Bewohner, knapp hundert von ehemals 500 sind es, die der Krieg und die Pest verschont haben, verstecken sich ängstlich in ihren Häusern. Wieder sind es Welsche, französische Dragoner, auf der Suche nach versprengten bayerischen Soldaten, Fliehenden aus dem gestrigen Treffen bei Allerheim nahe Nördlingen. Die Reiter tränken ihre Pferde und bereiten sich ein Nachtlager im verfallenden Laborantenhaus am Kocherursprung.</p></div>
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				<span class="et_pb_image_wrap "><img loading="lazy" decoding="async" width="721" height="551" src="https://oberkochen-heimatverein.de/wp-content/uploads/hm-buch-s132.jpg" alt="Oberkochen" class="wp-image-11718"></span>
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				<div class="et_pb_text_inner"><p>Schon lange schweigen die Hämmer am Ursprung des kleinen Flüßchens. 1634, nach der ersten Nördlinger Schlacht, ist der Hochofen stillgelegt worden, vor allem wegen der täglichen Durchzüge und Plünderungen — im Jahr 1635 ist die bei der Schmelzhütte noch vorhandene Kohle samt 50 Werkstücken von einem in Königsbronn liegenden kaiserlichen Stückhauptmann weggeholt und zur Herstellung von Munition verwendet worden — aber wohl auch wegen akuten Holzmangels. Weil es kein »erwachsenes Holz« mehr in Oberkochen gibt, das zum Schmelzen benötigte Holz unter Schwierigkeiten und teuer beschafft werden muß, wird schon jahrelang nicht mehr in vollem Umfang produziert. Statt der früheren 14 bis 16 Zentner durchschnittlich pro Tag wurden zuletzt nur noch sechs bis acht Zentner geschmolzen. 1644 bricht man den 21 Fuß (etwa sechs m) hohen und in der Führung 20 Fuß breiten, inzwischen verwahrlosten Hochofen samt Läuterfeuer ab. Er soll in Unterkochen wieder aufgebaut werden, das noch genügend Holzvorräte besitzt.</p>
<p>Nach einer wechselvollen Geschichte bei sich häufig ablösenden Besitzern —1614 wurde das Oberkochener Eisenwerk nach einem längeren Streit mit Württemberg um das ellwangische Lehen noch von der Ellwanger Propstei in Besitz genommen — ziehen nun Krieg und Holzmangel einen Schlußstrich unter das erste Kapitel der Oberkochener »Eisenindustrie«. Als 1649/50 der Wiederaufbau der Eisenwerke im Kocher- und Brenztal beginnt, entsteht — offensichtlich kurzzeitig — am Kocherursprung noch einmal eine Schlackenwäsche.</p>
<p>1745 macht Arnold Friedrich Prahl, Landbaumeister und Landkapitän der Fürstpropstei Ellwangen und neben diesen Tätigkeiten vielseitiger Unternehmer, erneut den Versuch, die noch vorhandenen Schlackenhalden in Oberkochen durch Gründung einer Schlackenwäsche auszubeuten; sie scheint jedoch ihren Betrieb auch bald wieder eingestellt zu haben.</p>
<h3>19. Jahrhundert</h3>
<p>Genau 300 Jahre nach Inbetriebnahme des Hochofens durch Peter Vetzer tritt in den hiesigen Gemeinderatsprotokollen ein Mann in Erscheinung, der zum Neugründer einer Oberkochener Eisenindustrie werden sollte: Jakob Christoph Bäuerle. Am 10. Februar 1852 ist vermerkt: »Christoph Jakob Bäuerle, welcher die Bohrermacherkunst sowie das Fach der Mechaniker erlernt hat, erscheint und trägt vor er seye willens auf diesem seinem erlernten Geschäfte zu wandern und habe zu diesem Zweck und zur Erlangung eines vom k. Oberamte auszustellenden Wanderbuches um ein Zeugniß nachsuchen wollen«. Weiter heißt es: »Es wird Bezeugt, daß der Bittsteller Bäuerle gut prädiziert der hiesigen Gemeinde als Bürger angehöre seiner Rückkehr hierher kein Hinderniß im Wege stehe«. Zu dieser Zeit beherbergt das Dorf Oberkochen etwa 1200 Einwohner, denen in der Aalener Oberamtsbeschreibung von 1854 Betriebsamkeit und Fleiß bescheinigt wird. Viele ernähren sich von der Landwirtschaft. Mit etwa 60 Meistern werden die in den Dörfern üblichen Handwerke, daneben aber auch schon das Hafnerhandwerk betrieben. Andere wieder arbeiten als Bergleute oder Taglöhner in den Hüttenwerken von Königsbronn und Wasseralfingen oder finden Beschäftigung als Fuhrleute, Waldarbeiter und Köhler.</p>
<p>Es ist eine schlechte Zeit. Die im Lande Württemberg übliche Realteilung hat zu einer stetigen Verkleinerung der landwirtschaftlichen Betriebe geführt, die kaum noch die Bauernfamilien ernähren können. Mißernten infolge von Hagel, Dürre und Nässe und eine darauffolgende Teuerung haben die Not im Lande vermehrt und zwingen viele Württemberger zur Auswanderung, vorwiegend nach Amerika. Zwar heißt es in der Oberamtsbeschreibung über Oberkochen: »Obgleich also die meisten Bauernhöfe zerstückelt und der reicheren Leute wenig sind, so erfreuen sich die meisten doch eines mittleren Wohlstandes«, aber die vielen in den Oberkochener Gemeinderatsprotokollen vermerkten Auswanderungsanträge und Zuzugsverweigerungen »wegen zu geringem Vermögen der Antragsteller« zeigen, daß es auch hier Not und Armut gegeben hat. Noch 1854 wird beschlossen und verkündet, »daß das Betteln der Kinder und jungen Leute gänzlich abzuschaffen, und blos den bedürftigen älteren Personen das Einsammeln von Allmosen wöchentlich einmal und zwar an Samstagen nur zu erlauben« ist.</p>
<p>Trotzdem werden Zeichen eines wirtschaftlichen Aufschwungs im Lande spürbar. Die Notsituation hat die Württembergische Regierung unter ihrem König Wilhelm I. zu der Überzeugung geführt, daß nur eine Entfaltung des Gewerbes die wirtschaftliche Existenz der schnellwachsenden Bevölkerung sichern und die Auswanderung aufhalten kann. Eine Konsequenz dieser Erkenntnis ist die 1848 erfolgte Gründung der königlichen Zentralstelle für Gewerbe und Handel. Untrennbar mit der Entwicklung Württembergs zu einem modernen Industriestaat ist der Name des langjährigen Direktors und Präsidenten dieser Zentralstelle, Ferdinand Steinbeis, verbunden. Neben Handel und Industrie wird von ihm vor allem das Bildungswesen gefördert, seine Schöpfungen sind die gewerblichen Fortbildungsschulen, aus denen sich später die Berufsschulen und höheren Fachschulen entwickeln. Steinbeis kommt auch nach Oberkochen. Am 17. August 1879 ermuntert er die Hafnermeister zur Einrichtung einer Zeichenschule und überzeugt sich im Jahre darauf noch einmal von deren Fortschritt. Diese ursprünglich für die Weiterentwicklung des Hafnergewerbes vorgesehene Schule wird bald von allen in Oberkochen vertretenen Gewerben genutzt und hat mit Sicherheit auch zur raschen Entfaltung des Bohrergewerbes beigetragen. Als junger Mann verbringt Steinbeis übrigens auch eine hüttenmännische Lehrzeit im Wasseralfinger Eisenwerk und in der Hammerschmiede Abtsgmünd.</p>
<p>Zu dieser Zeit beginnt auch die für die wirtschaftliche Entwicklung wichtige verkehrstechnische Erschließung unseres Raumes, die einen ersten Höhepunkt 1861 in der Eröffnung der Eisenbahnlinie Cannstatt—Wasseralfingen findet. 1864 wird mit der Inbetriebnahme der Strecke Aalen—Heidenheim auch Oberkochen an das Eisenbahnnetz angeschlossen. Mit der Einführung der Gewerbeordnung von 1862, welche die Gewerbefreiheit mit sich bringt, wird schließlich die »Gründerzeit« des Industriezeitalters eingeläutet. Das wirtschaftliche Klima erfährt nach dem Ende des deutsch-französischen Krieges und der Reichsgründung 1871, die auch endlich dem Münz- und Gewichtswirrwarr ein Ende macht, einen deutlichen Auftrieb. Das metrische System wird 1871, die Markrechnung 1875 in Württemberg eingeführt, beides sicherlich wichtige Entscheidungen für Industrie und Wirtschaft. 1875 werden im Jagstkreis, dem das Oberamt Aalen angehört, bereits 5500 Personen in der Metallverarbeitung beschäftigt. Sie ist nun nach der Textilverarbeitung zur zweitstärksten Industrie im Jagstkreis geworden.</p></div>
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				<span class="et_pb_image_wrap "><img loading="lazy" decoding="async" width="733" height="708" src="https://oberkochen-heimatverein.de/wp-content/uploads/hm-buch-s135.jpg" alt="Oberkochen" class="wp-image-11719"></span>
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				<div class="et_pb_text_inner"><p>Die letzten drei Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts sind auch die Gründerjahre in Oberkochen. Nach Jakob Christoph Bäuerle, dem ersten Bohrerfabrikanten, wagen mit Albert Leitz, Jakob Schmid, Wilhelm Grupp, Wilhelm Bäuerle und August Oppold fünf weitere »Bohrerspitzer« den Schritt in die Selbständigkeit. Wer die Entwicklung dieser kleinen Bohrerwerkstätten verfolgt, die sich zunächst in keiner Weise von anderen handwerklichen Betrieben abheben, stellt fest, daß sich die Möglichkeit einer Wasserkraftnutzung als ein entscheidender Faktor für ihren Aufschwung erweist. Erst als es ihnen gelingt, sich diese billige Energiequelle zu erschließen, beginnt die Entwicklung zu Industriebetrieben. Jakob Bäuerle kommt im Jahre 1883 ans Wasser, als er das Gebäude Nr. 41 am Katzenbach (heute Aalener Straße 4) erwirbt. Auch der Gutenbach wird ab 1895 genutzt. Wilhelm Bäuerle, Bohrerfabrikant und Sohn Jakob Bäuerles, gründet im Hause Nr. 215 (heute Aalener Straße 45) einen Betrieb, legt einen Kanal an und staut den kleinen Bach in einem Sammelbecken. Hier drängt sich natürlich die Frage auf, warum sich diese Werkstätten nicht am Kocher niederlassen, Platz ist an seinen Ufern ja reichlich vorhanden.</p>
<p>Die Wasserrechte am Kocher sind jedoch längst vergeben, in sie teilen sich die Mühlen — die Schleif- und ehemalige Ölmühle am »Ölweiher«, einem Kocherquell, die »Obere«- und »Untere Getreidemühle« und die »Kreuzmühle«, bis 1865 Öl- und Gips‑, später Getreidemühle. Die Mühlenbesitzer versuchen natürlich, ihre alten Rechte zu wahren. So wird 1894 gegen das Wasserwerksgesuch des Wilhelm Bäuerle am Gutenbach Protest eingelegt, »weil seit mehr als 60 Jahren die Besitzer der Unteren Mühle das Recht haben, von Bartholomä bis Georgi (24. August bis 23. April) dieses Wasser, welches durch den Ort fließt, auf ihre Mühle zu leiten«. Der Altmüller Caspar Scheerer schreibt weiter: »bei einem niederen Wasserstande ist es eine Notwendigkeit für mich, daß ich mein altes Recht ausüben kann«. Schon damals konnte der Gutenbach durch ein dem Verlauf der oberen Katzenbachstraße folgendes Bachbett in den Katzenbach umgeleitet und über diesen dann dem Kocher und der Unteren Mühle zugeführt werden.</p>
<p>Albert Leitz kann bei der Verlegung seiner Werkstätte an den Ölweiher im Jahre 1884 die väterlichen Wasserrechte übernehmen. Auch der Besitzer der Oberen Mühle, Hugo Laißle, kann seine Triebwerksrechte für seine 1890 gegründete Fabrik »zur Herstellung hohler und massiver Wellen und einer Genauzieherei« nutzen. Die vorhandene Wasserkraft erweist sich allerdings zum gleichzeitigen Betrieb der Mühle und der »neuen gewerblichen Einrichtungen« als zu gering, deshalb wird die Obere Mühle 1893 stillgelegt. Der Fabrikbetrieb wird im gleichen Jahr von Gottlieb Günther übernommen. Die zunehmende Industrialisierung durchlöchert schon wenig später das Wassermonopol der Mühlen. 1907 erhalten Karl Walter für sein Kaltwalzwerk und Wilhelm Grupp für seine Bohrerfabrik Nutzungsrechte am Kocher.</p>
<p>Später spielt die Wasserkraft und damit der Standort für die Oberkochener Betriebe keine so entscheidende Rolle mehr. Dampfkraft, Benzin und Elektrizität bieten neue, wenn auch teurere Möglichkeiten der Energiegewinnung. 1906 beginnt Johannes Elmer (Kronenwirt), der seit 1903 am Kocher (heute Wäscherei Lebzelter) eine Ketten- und Schraubenfabrik betreibt, Oberkochen allmählich mit Strom zu versorgen. 1916 erwirbt die UJAG das »Elektrizitätswerk«, die Firma Leitz übernimmt die Fabrikationsräume des Betriebes.</p>
<h2>Firmengründungen im 19. Jahrhundert</h2>
<h3>J. Adolf Bäuerle GmbH (1860)</h3>
<p>Christoph Jakob Bäuerle (geboren am 2. Januar 1834), der Begründer des Oberkochener Bohrermachergewerbes, entstammt einer Familie, die mit ihm schon in vierter Generation das Schmiedehandwerk betreibt. Sein in Lorch geborener Urgroßvater Johann Christoph B. (1735–1796) war ebenso wie sein Großvater Johann Georg B. (1769–1828) Huf- und Waffenschmied in Oberkochen, sein Vater Christof B. (1803–1865) betrieb eine Werkstatt als Zeug- und Waffenschmied. Das Gründungsjahr der Schmiedewerkstatt Bäuerle wird also wohl in das 18. Jahrhundert zu datieren sein.</p>
<p>1860 gründet Christoph Jakob Bäuerle nachweislich eine eigene Werkstatt. In dem Gesuch für den Einbau einer 4,4 Ruthen (36 m²) großen einstöckigen Werkstatt in die hintere Seite und den Garten des 1859 »von Caspar Junginger Waldschütz Wittwe Dorothee, geb. Widmann« erworbenen 8,7 Ruthen (71 m²) großen Wohnhauses Nr. 120 in der damaligen Kirchgasse (heute Mühlstraße 26) bezeichnet sich Jakob Bäuerle schon als »Bohrerfabrikant«.</p>
<p>Der junge »Bohrerspitzer« ahnt nicht, daß man in ihm später den Begründer eines Industriezweiges sehen wird, der noch in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts eminente wirtschaftliche Bedeutung für Oberkochen besitzen soll: der Werkzeug- und Holzbearbeitungsmaschinenindustrie.</p>
<p>Die Vermutung liegt nahe, daß Jakob nach der Rückkehr von der Wanderschaft, die ihn nach der Erinnerung seiner Nachkommen bis nach Wien führte, zunächst in der väterlichen Werkstatt im Hause Nr. 108 (heute befindet sich an dieser Stelle das Gebäude Aalener Str. 40) tätig ist und die Kunst des Bohrermachens an den Vater weitergibt, denn 1858 wird auch der Vater in Gemeinderatsprotokollen Bohrermacher genannt.</p>
<p>Warum dann aber Jakob Christoph Bäuerle 1863 mit seiner Familie für ein knappes Jahr noch einmal Oberkochen verläßt, »zum Zwecke seines Aufenthaltes in Stuttgart«, wie ein Gemeinderatsprotokoll und die Kirchenbücher belegen, bleibt unerfindlich. 1864 jedenfalls wird er als wohnhaft in der Stuttgarter Brunnenstraße 17, bei dem Wagner Albert Holoch, registriert. Diente ihm der Aufenthalt vielleicht zur Weiterbildung in einer der Gewerbeschulen des Landes?</p>
<p>In den Jahren 1879–1882 wohnt und arbeitet Jakob Chr. Bäuerle im Hause Nr. 84 in der Katzenbachgasse (heute befindet sich an dieser Stelle das Haus Katzenbachstraße 4), das er seinen Bedürfnissen entsprechend ausbaut. 1882 gelingt es Jakob Chr. Bäuerle durch Erwerb des am Katzenbach gelegenen Hauses Nr. 41 (heute Nähboutique Steckbauer, Heidenheimer Straße 4), ans Wasser zu kommen. 1883 wird ihm die Genehmigung erteilt, »ein 1,40 m hohes, 0,4 m breites oberschlächtiges hölzernes Wasserrad zum Betrieb eines Blasbalges einzusetzen und hierzu die Wasserkraft des Katzenbaches zu benutzen«. Bäuerles Betrieb erfährt nun einen schnellen Aufschwung, eine breite Palette verschiedener Bohrer, wie etwa Nagel‑, Winden‑, Schlangen- und Krautbohrer — vorwiegend für Wagner, Schreiner und Zimmerleute — werden produziert. Als 1893 der älteste der drei Söhne, Adolf, die Werkstatt übernimmt (Jakob Christoph Bäuerle starb am 13. November 1891), haben bereits zwei Lehrlinge Jakobs eigene Werkstätten gegründet: 1876 Albert Leitz und 1882 Jakob Schmid. August Oppold, der ebenfalls bei ihm eine Lehrzeit absolviert hat, eröffnet seine Werkstatt im Jahre 1896. 1895 gründet auch der zweite Sohn von Jakob Chr. Bäuerle, Wilhelm, einen eigenen Betrieb, der nach seinem Tode im Jahre 1927 aufgegeben wird.</p></div>
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				<span class="et_pb_image_wrap "><img loading="lazy" decoding="async" width="734" height="581" src="https://oberkochen-heimatverein.de/wp-content/uploads/hm-buch-s138.jpg" alt="Oberkochen" class="wp-image-11720"></span>
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				<div class="et_pb_text_inner"><p>Adolf Bäuerle begnügt sich nicht mit der Herstellung von Handbohrern. Er beginnt bald mit der Produktion von Maschinenwerkzeugen für die Holzbearbeitung und 1926 mit dem Bau einfacher Maschinen. Unter seiner Leitung werden die ersten größeren Fabrikgebäude zwischen dem Gasthaus »Lamm« und der Feigengasse und an der Bahnhofstraße erstellt. 1929 erwirbt er die 1890 gegründete Präzisionszieherei von Gottlieb Günther. Die Weltwirtschaftskrise, unter der auch die anderen Oberkochener Firmen zu leiden haben, wird gemeistert. Nach dem Tode Adolf Bäuerles übernehmen seine Söhne Albert und Otto 1933 den Betrieb, der im Jahre 1935 rund 60 Mitarbeiter beschäftigt. Von hohem betriebswirtschaftlichem Nutzen erweist sich die in den Jahren 1934/35 errichtete Gießerei; sie verringert die Produktionskosten und verschafft dem Unternehmen größere Unabhängigkeit. Im Jahre 1942 entsteht in Überlingen/Bodensee ein als Zulieferer fungierender Zweigbetrieb. Zur Ausweitung der Kapazität werden 1949 in Böbingen/Rems ein weiterer Betrieb und eine Gießerei errichtet. Die Firma Bäuerle zählt 1955 zu den Marktführern des Industriezweiges Holzbearbeitungsmaschinen in Deutschland und beschäftigt rund 1000 Mitarbeiter.</p></div>
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				<span class="et_pb_image_wrap "><img loading="lazy" decoding="async" width="696" height="484" src="https://oberkochen-heimatverein.de/wp-content/uploads/hm-buch-s139.jpg" alt="Oberkochen" class="wp-image-11721"></span>
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				<div class="et_pb_text_inner"><p>Infolge wirtschaftlicher Schwierigkeiten muß dieses älteste Oberkochener Industrieunternehmen im Jahre 1974 die Produktion in Oberkochen aufgeben. Die Blankstahlzieherei wird nach Böbingen verlagert, wo die Söhne Otto Bäuerles († 1965), Otto und Albert, mit 70 Mitarbeitern der alten Tradition getreu die Produktion von Holzbearbeitungsmaschinen fortsetzen, während Adolf Bäuerle, Sohn des 1979 verstorbenen Ehrenbürgers Albert Bäuerle, die Abteilung Stahlbau als eigenständige Firma in Oberkochen (Bäuerle Stahlbau GmbH) weiterführt.</p>
<h2>Gebrüder Leitz GmbH u. Co. (1876)</h2>
<p>Der Firmengründer Albert Leitz ist der jüngste Sohn des im Jahre 1845 aus Esslingen am Neckar zugezogenen Schwertschleifers Franz Friedrich Leitz, der sich am Ölweiher niedergelassen hat und dort eine Schleiferei betreibt. Nach seiner Lehre als Bohrermacher und Zeugschmied bei Jakob Christoph Bäuerle geht Albert Leitz im Jahre 1871 auf Wanderschaft. Diese führt ihn zunächst nach Stuttgart, dann sogar bis nach Wien, schließlich noch nach Reichenberg und Ingolstadt. Um einen fünfjährigen Wissens- und Erfahrungsschatz reicher, gründet er nach seiner Rückkehr im Jahre 1876, wohl im Hause Nr. 116 in der Kirchgasse (heute Mühlstraße 32), seine erste Werkstatt. Hier fertigt er neben Handbohrern unterschiedlichster Art auch Schneidmesser und Beile an. Bereits ein Jahr nach der Werkstattgründung gehen bei Albert Leitz die ersten Aufträge aus der Schweiz ein. 1880 heiratet er die Tochter seines Lehrherrn, Heinrike Bäuerle, und erwirbt das Haus und die Werkstatt in der Kirchgasse. Im Jahre 1884 verkauft er dieses Grundstück an den Bohrermacher Michael Wirth und übersiedelt in die väterliche Werkstatt an den Ölweiher, wo er die Kraft des reichlich aus dieser Karstquelle strömenden Wassers für seinen Betrieb zu nutzen versteht. Vorausschauend beginnt er schon mit der Herstellung von Maschinenbohrern, um den Betrieb der einsetzenden Mechanisierung in der Holzbearbeitung anzupassen. Öffentliche Anerkennung findet Albert Leitz von Anfang an. Schon 1881 erhält er bei der Württembergischen Landesgewerbeausstellung in Stuttgart eine Belobung. Weitere Auszeichnungen sind in den nächsten Jahren u.a. 1898 die »Königlich Bayerische Staatsmedaille« für »vorzügliche Holzbohrer aller Art« oder 1903 die Verdienstmedaille der Handwerkskammer in Oppeln/Schlesien. Die Entwicklung des Betriebes führt steil aufwärts; um die Jahrhundertwende arbeiten in der »Württembergischen Holzbohrerfabrik A. Leitz Oberkochen« 20 Werkzeugmacher, das Programm umfaßt 50 Arten von Hand- und Maschinenbohrern. Die nächsten Jahre sind gekennzeichnet durch eine Programmausweitung auf Maschinenmesser, Messerköpfe und Spannbackenwerkzeuge, 1908 kommen Massiv-Fräser hinzu. Als Albert Leitz 1910 sein erstes patentiertes Fräswerkzeug auf den Markt bringt, ist die Umwandlung vom Handwerks- zum Industriebetrieb bereits vollzogen.</p>
<p>1912 legt Albert Leitz die Firma in die Hände seiner Söhne Albert jun. und Fritz. Der dritte Sohn gründet 1921 die Vertriebsfirma Emil Leitz. Die jungen Inhaber verstehen es, die Erzeugnisse ihrer Firma der fortschreitenden Mechanisierung und Industrialisierung im holzverarbeitenden Gewerbe anzupassen und das Exportgeschäft zu intensivieren. Es ist nicht zuletzt der Werkzeugfabrik Gebrüder Leitz mit ihren nun ca. 180 Mitarbeitern zu danken, daß Oberkochen neben Schmalkalden und Remscheid sich nach dem 1. Weltkrieg zu einem Zentrum der Werkzeugindustrie für die Holzbearbeitung entwickelt. Dennoch bleibt auch sie nicht vom Strudel der Weltwirtschaftskrise verschont. Die dreißiger Jahre bringen wieder eine Belebung — 1936 wird ein mehrstöckiges Fertigungsgebäude errichtet — doch sie führen auch zum Ausscheiden von Fritz Leitz aus dem gemeinsamen Betrieb, der 1938 eine eigene Firma, die »Fritz Leitz Maschinen- und Apparatebau«, gründet, in der bis zum Kriegsende mit ca. 1000 Mitarbeitern u.a. Flugzeugteile und Aggregate hergestellt werden.</p>
<p>Eine außerordentliche Expansion erfährt die Werkzeugfabrik Gebrüder Leitz nach dem zweiten Weltkrieg. Unter der Regie von Leonhard Stützel, dem Schwiegersohn von Albert Leitz, und Karl Kümmerle, die seit dem Tode von A. Leitz († 1951) dem Unternehmen vorstehen, werden für die Verarbeitung neuer Werkstoffe, wie Spanplatten, Hartfaserplatten und Kunststoffe, hart-metallbestückte Hochleistungsfräswerkzeuge entwickelt. Es entstehen in den sechziger Jahren Produktionsstätten in Riedau/Österreich und in Unterschneidheim/Ries. Zwei weitere Betriebe werden 1974 in Italien und Österreich gegründet. Für den 1973 verstorbenen Leonhard Stützel wird Dr. Dieter Brucklacher in die Geschäftsleitung berufen. 1979 entsteht eine weitere autonome Produktionsstätte in Säo Sebastiäo do Cai/Brasilien.</p></div>
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				<span class="et_pb_image_wrap "><img loading="lazy" decoding="async" width="719" height="532" src="https://oberkochen-heimatverein.de/wp-content/uploads/hm-buch-s141.jpg" alt="Oberkochen" class="wp-image-11722"></span>
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				<div class="et_pb_text_inner"><p>1984 wird der Neresheimer Betrieb der Firma WIGO übernommen. Insgesamt gehören zur Leitz-Gruppe heute sieben Produktionsstätten in vier Ländern, 17 werkseigene Verkaufszentralen und über 100 Servicestationen mit insgesamt 2700 Mitarbeitern, von denen in der Oberkochener Muttergesellschaft Gebr. Leitz GmbH &amp; Co., einschließlich der in das Stammhaus integrierten Vertriebstochter Emil Leitz GmbH, 410 beschäftigt sind.</p>
<p>Zu dem seit einigen Jahren bestehenden Leitz-Firmenverband zählen neben der Leitz-Gruppe die Firmen W. Fette GmbH in Schwarzenbek bei Hamburg und (seit 1991) Böhlerit GmbH &amp; Co.KG in Kapfenberg/Österreich. Die Firma Fette stellt Werkzeuge für die Metallbearbeitung sowie Tablettiermaschinen für die Pharmaindustrie her; Böhlerit ist einer der ältesten Hersteller von Hartmetallen, die für die Herstellung von Holzbearbeitungswerkzeugen eine zunehmende Bedeutung haben. Im Leitz-Firmenverband sind über 4600 Mitarbeiter tätig. In diesen Daten manifestiert sich die einzigartige Entwicklung einer Firma, die, ausgehend von einer kleinen Oberkochener Bohrerwerkstatt und nach wie vor im Besitz der Nachkommen des Firmengründers, zum führenden Hersteller von Holzbearbeitungswerkzeugen in Europa geworden ist.</p></div>
			</div><div class="et_pb_module et_pb_image et_pb_image_31 bild-container">
				
				
				
				
				<span class="et_pb_image_wrap "><img loading="lazy" decoding="async" width="707" height="354" src="https://oberkochen-heimatverein.de/wp-content/uploads/hm-buch-s142.jpg" alt="Oberkochen" class="wp-image-11723"></span>
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				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Jakob Schmid GmbH &amp; Co. Werkzeugfabrik (1882)</h2>
<p>Das drittälteste Unternehmen der Werkzeugbranche in Oberkochen wird von Jakob Schmid gegründet. Auch er hat bei Jakob Christoph Bäuerle die »Kunst des Bohrermachens« erlernt, bevor er sich im Jahre 1882, im Alter von dreiundzwanzig Jahren, nach seiner Rückkehr vom Militärdienst selbständig macht. Seine Werkstatt befindet sich zunächst im Hause Nr. 84 in der Katzenbachgasse (heute Katzenbachstr. 4). Vier Jahre später zieht er in sein eigenes neuerbautes Haus in der Jägergasse (heute Dreißentalstr. 7, Optik Seiler). Da sich Schmids Betrieb dort keine Möglichkeit zur Nutzung von Wasserkraft bietet, müssen Schleif- und Schmirgelbock sowie der Blasebalg von Hand betrieben werden. Diese Arbeit wird zunächst von der Ehefrau, später von den heranwachsenden Söhnen übernommen. 1908 setzt der Betrieb — als erster in Oberkochen — einen schon vom Elmer’schen Elektrizitätsnetz gespeisten Elektromotor ein; der Standort fällt nun gegenüber den anderen Unternehmen an Kocher, Guten- und Katzenbach nicht mehr nachteilig ins Gewicht. Jakob Schmid ist es jedoch nicht vergönnt, den Erfolg dieser Investition zu erleben, er stirbt wenige Wochen später an den Folgen eines Schlaganfalles.</p>
<p>Der einundzwanzigjährige Sohn Josef übernimmt die Werkstatt, unterstützt vom jüngeren Bruder Karl. Sie stellen Handbohrer her, vergrößern die Werkstatt, und Josef Schmid legt seine Meisterprüfung im Bohrermacherhandwerk ab. Der Erste Weltkrieg bringt Rückschläge, nicht zuletzt durch die Einberufung der Brüder zum Militärdienst. Der schon früh wegen einer Verwundung zurückkehrende Karl führt die Werkstatt zunächst allein weiter. Gemeinsam setzen Josef und Karl dann mit dem jüngsten Bruder Jakob in den Anfangsjahren der Weimarer Republik den Aufbau des Betriebes erfolgreich fort. So können sie noch 1928 kurz vor der Weltwirtschaftskrise eine neue Fabrikhalle am heutigen Firmenstandort Dreißentalstr. 19 errichten.</p>
<p>Zu dieser Zeit werden schon über 20 Mitarbeiter beschäftigt, die außer Handbohrern auch Maschinenbohrer, Spannbackenwerkzeuge und die dazugehörenden Messer herstellen. Dieses Programm wird nach dem Zweiten Weltkrieg erweitert. Es werden Schaftwerkzeuge für stationäre Oberfräsmaschinen und hartmetallbestückte Fräser und Fräserkombinationen entwickelt. Der 1953 zum Ehrenbürger der Gemeinde Oberkochen ernannte Josef Schmid stirbt im Jahre 1960. 1973 wird in Elchingen/Härtsfeld eine zweite Fertigungsstätte errichtet und in diesen Jahren dem Programm ein umfangreiches Sortiment von Werkzeugen für Handoberfräsen angegliedert. Ende der achtziger Jahre wird das Fertigungsspektrum durch Werkzeuge für CNC-gesteuerte Maschinen ergänzt. In den beiden Betrieben Oberkochen und Elchingen sind heute ca. 200 Mitarbeiter beschäftigt. Geschäftsführer sind seit 1960 Josi Kurz (geb. Schmid) und Rudolf Eber.</p></div>
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				<span class="et_pb_image_wrap "><img loading="lazy" decoding="async" width="711" height="665" src="https://oberkochen-heimatverein.de/wp-content/uploads/hm-buch-s143.jpg" alt="Oberkochen" class="wp-image-11724"></span>
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				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Wilhelm Grupp GmbH &amp; Co KG (1890)</h2>
<p>Wilhelm Grupp beginnt 1890 im elterlichen Anwesen am Katzenbach im Haus Nr. 62 (heute Schulstraße 2) wie die anderen Betriebe auch mit der Herstellung von Handbohrern. 1895 erwirbt er das Haus Nr. 120 in der Mühlstraße, in dem 1860 Jakob Christoph Bäuerle den Grundstein für die Oberkochener Industrie legte. Er vergrößert die vorhandene Werkstatt in den Jahren 1899 und 1905 und treibt mit einem Benzinmotor Schleif‑, Schmirgel- und Polierböcke an.</p>
<p>Ein entscheidender Schritt für die Weiterentwicklung des Betriebes ist 1908 der Kauf des Geländes entlang der Heidenheimer Straße unterhalb des Kocherursprungs, das ihm die Möglichkeit zur Nutzung der Wasserkraft bietet. Der vorwärtsdrängenden Entwicklung der holzverarbeitenden Industrie entsprechend stellt er die Produktion auf die Herstellung von Maschinenwerkzeugen um und erweitert 1925 — als erster in Oberkochen — sein Programm auf Holzbearbeitungsmaschinen. Vor allem das Maschinenprogramm, für das in vielen Ländern Patentschutz erlangt wird, untermauert den guten Ruf der Firma, die 1937 bereits 120 Mitarbeiter beschäftigt. 1940 eröffnet Grupp in Neresheim auf dem Härtsfeld einen Zweigbetrieb. Während des Krieges wird die Produktion weitgehend auf Rüstungsgüter umgestellt. Als 1943 der Firmengründer stirbt, übernehmen seine Söhne Wilhelm († 1966), Christian († 1954) und Heinrich († 1975) die Firma. Beachtenswerte Neuentwicklungen auf dem Werkzeugsektor, vor allem bei Sägen, kennzeichnen die Jahre nach dem Kriege. 1949 bringt Grupp die erste rückschlagarme Kreissäge und das erste hartmetallbestückte Sägeblatt auf den Markt. In Ebnat wird ein weiterer Betrieb eröffnet; 1951 erreicht die Mitarbeiterzahl mit 720 kurzzeitig den Höchststand. In diesem Jahr ist die Firma Wilhelm Grupp größter deutscher Hersteller von Werkzeugen und Spezialmaschinen. Der nun folgenden Konzentration auf hartmetallbestückte Fräswerkzeuge und Sägeblätter für hochtourige Maschinen schließt sich ein spezielles Werkzeugprogramm für die Fensterherstellung im Wendeplattensystem an. 1955 wird die Produktion von Fräs- und Drehmaschinen für die Metallbearbeitung begonnen, später werden auch zeitweise Fleischereimaschinen hergestellt.</p>
<p>Es ist bedauerlich, daß die Firma Wilhelm Grupp mit dem Markenzeichen WIGO in der dritten Generation 1984 ihre Tore für immer schließen muß. Nahezu hundert Jahre hat sie für Oberkochen eine wichtige Rolle gespielt, ihr Gründer, Wilhelm Grupp, gehört noch zu den Pionieren der hiesigen Werkzeugindustrie. Die Oberkochener Betriebsgebäude sowie die meisten der rund 130 Mitarbeiter werden von der Firma Carl Zeiss übernommen, der Neresheimer Betrieb mit seinen 70 Beschäftigten geht in den Besitz der Firma Leitz über.</p>
<h2>August Oppold GmbH u. Co. KG (1896)</h2>
<p>Der fünfte im Bunde jener Männer, die die Industrialisierung Oberkochens einleiten, ist August Oppold. Auch er verdankt Jakob Bäuerle, in dessen Betrieb er lernt und schließlich Meister wird, sein Wissen. In der Hufschmiede seines Vaters gegenüber dem alten Rathaus gründet er 1896 seine erste Werkstatt und beginnt mit dem Fertigen von Handbohrern. Acht Jahre später verlegt er die Werkstatt an ihren heutigen Standort Ecke Heidenheimer Straße/Wacholdersteige. Schon 1912 erfolgt bei Oppold mit der Herstellung von Maschinenbohrern die Anpassung an die fortschreitende Entwicklung in der Holzbearbeitungsindustrie; damit verbunden ist eine Vergrößerung und Mechanisierung des Betriebes. 1934 werden 30 Mitarbeiter beschäftigt, die nun auch Fräswerkzeuge und Spezialmesserköpfe herstellen.</p></div>
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				<span class="et_pb_image_wrap "><img loading="lazy" decoding="async" width="715" height="663" src="https://oberkochen-heimatverein.de/wp-content/uploads/hm-buch-s145.jpg" alt="Oberkochen" class="wp-image-11725"></span>
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				<div class="et_pb_text_inner"><p>Nach dem Tode des Firmengründers im Jahre 1939 übernimmt sein Sohn Ludwin Oppold wenige Monate vor Kriegsausbruch die Firma. Ludwin Oppold zeichnet Ideenreichtum aus. Als einer der ersten versucht er, statt des schweren Stahles für die Körper und Teller der Zapfenschneidmaschine Leichtmetall anzuwenden. Im nachbarlichen Betrieb auf Zimmermeister Brunnhubers Maschinen werden die ersten Konstruktionen erprobt und immer wieder verbessert. Am Ende einer jahrelangen systematischen Entwicklungsarbeit stehen schließlich die rückschlagarmen Sicherheitsfräswerkzeuge, die in der Fachwelt Aufsehen erregen, später weitgehend richtungsweisend bei der Ausarbeitung von Konstruktions- und Prüfvorschriften der Berufsgenossenschaft werden und den über Deutschland hinausreichenden Ruf der Firma als Hersteller von unfallsicheren Hochleistungsfräswerkzeugen begründen. Viele Jahre befaßt sich Oppold mit der Technik der Fensterherstellung, in deren Folge im Zusammenwirken mit Maschinenherstellern spezielle Systemwerkzeuge für eine rationelle und wirtschaftliche Fertigung verschiedener Fenstertypen konstruiert werden. Heute werden für die Fenster und Türenproduktion modernste Wendeplatten-Werkzeuge (Wefix-Fräseinheiten) angeboten. Die Firma wird jetzt vom Schwiegersohn Ludwin Oppolds, Dipl.-Ing. (FH) Helmut Schrammel, geleitet. Sie unterhält Betriebsstätten in Oberkochen und Heidenheim und eigene Vertriebsfirmen in Frankreich, England und Holland. Von den 150 Mitarbeitern sind ca. 100 in Oberkochen beschäftigt.</p></div>
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				<span class="et_pb_image_wrap "><img loading="lazy" decoding="async" width="722" height="484" src="https://oberkochen-heimatverein.de/wp-content/uploads/hm-buch-s146.jpg" alt="Oberkochen" class="wp-image-11726"></span>
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				<div class="et_pb_text_inner"><h2>20. Jahrhundert</h2>
<p>Der Anfang ist gemacht, der Boden bereitet. Wir haben bereits die Entwicklung der im 19. Jahrhundert gegründeten Firmen bis in unsere Zeit, in ein Jahrhundert verfolgen können, das wie kein anderes durch revolutionäre technische Entwicklungen, aber auch durch politische und wirtschaftliche Katastrophen gekennzeichnet ist.</p>
<p>Für Industrie und Gewerbe sind die Jahre bis zum ersten Weltkrieg noch eine Zeit des Fortschrittes und der Entfaltung. Auch die Oberkochener Firmen prosperieren: Die Entwicklung von Bäuerle, Leitz und anderen vom Handwerks- zum Industriebetrieb findet ihren Abschluß, sieben neue Unternehmen werden in diesem Zeitraum gegründet.</p>
<p>Eine erste Zäsur bringt 1914 der Erste Weltkrieg, der 1918 mit dem Untergang des Deutschen Kaiserreiches endet. Die darauffolgende Inflation bringt viele Menschen um ihre Ersparnisse und blutet das Land aus. Mit der Einführung der Rentenmark kann zwar nicht der politischen, doch der wirtschaftlichen Instabilität ein Ende bereitet werden. Dennoch hat die große Geldknappheit auch manchen Konkurs zur Folge. In den nun einsetzenden »Goldenen Zwanzigern« erholt sich die württembergische Wirtschaft relativ schnell; auch die meisten Oberkochener Betriebe überstehen die schwierigen Nachkriegsjahre ohne nachhaltige Folgen.</p>
<p>Von 1907 bis 1925 hat sich die Zahl der Beschäftigten in Industrie und Handwerk in Württemberg — bezogen auf die Gesamtbevölkerung — von 17,8 auf 23,4 % erhöht. Württemberg erreicht einen höheren Industrialisierungsgrad als fast alle anderen Länder des Deutschen Reiches. Für die metallverarbeitende Industrie bleibt allerdings der Beschäftigtenzuwachs relativ gering. Eine Ausnahme stellt der Maschinenbau dar, welcher neben der Textilindustrie zur großen Wachstumssäule dieser Zeit wird.</p>
<p>Das Intermezzo der wirtschaftlichen Blüte geht 1929 ziemlich abrupt mit der Weltwirtschaftskrise zu Ende. Die Kündigung kurzfristiger amerikanischer Kredite führt auch in Deutschland zu Firmenzusammenbrüchen und Massenarbeitslosigkeit. Diese erreicht ihren Höhepunkt 1932/33, als im Reich 6 Millionen Arbeitslose gezählt werden. Metallindustrie und Maschinenbau haben auch in Württemberg zu leiden, wie wir aus den »Lebensläufen« der Oberkochener Firmen erfahren. Doch wird das württembergische Wirtschaftsleben wegen des hohen Anteils der Verbrauchsgüterindustrie nicht in einem solchen Ausmaß von der Rezession betroffen wie das übrige Reich. Die Oberkochener »Bohrerspitzer« können sich trotz aller Schwierigkeiten behaupten, keine der Werkzeugfabriken geht in Konkurs.</p>
<p>In den dreißiger Jahren ist Oberkochen neben Remscheid und Schmalkalden zum dritten Zentrum der Werkzeugindustrie geworden, das 1935 bei 1750 Einwohnern nahezu 500 Industriebeschäftigte zählt. Die Arbeitsbeschaffungsprogramme des »Dritten Reiches« bringen eine erneute allgemeine wirtschaftliche Belebung, doch diese Scheinblüte ist nur von kurzer Dauer. 1939 beginnt der Zweite Weltkrieg. Die totale kriegswirtschaftliche Ausrichtung der Wirtschaftspolitik begünstigt nicht gerade die weniger rüstungswichtige Oberkochener Werkzeugindustrie. Ein Wachstum haben lediglich jene Betriebe zu verzeichnen, die sich mit der Annahme von Rüstungsaufträgen auf die veränderte wirtschaftspolitische Situation einstellen. Dazu gehören die 1938 gegründete Firma »Fritz Leitz Maschinen- und Apparatebau«, die ca. 1000 Beschäftigte zählte, sowie die Firmen Wilhelm Grupp und J.A.Bäuerle. Die totale Katastrophe am Ende des Zweiten Weltkrieges ist fast unbeschreiblich: Millionen Tote, Kriegsgefangene und Heimatvertriebene, unvorstellbare Zerstörungen, Demontagen, wertloses Geld, Hunger und Not, das Land von alliierten Truppen besetzt. Und doch beginnt schon drei Jahre später mit der Währungsreform das »Wirtschaftswunder«, ein Phänomen, unvorstellbar für alle, die das Ende dieses Krieges miterlebten. Diese »zweite Gründerzeit«, die sich schon 1946 ankündigt, wäre ohne den großen Zustrom der heimatvertriebenen Arbeitskräfte und Unternehmen kaum möglich gewesen. So verdankt auch Oberkochen fast alle Firmengründungen nach dem Krieg Neubürgern.</p>
<p>Ein Markstein in der Geschichte der Industrialisierung Oberkochens ist schließlich die Niederlassung der Firma Carl Zeiss, die 1946 in den leerstehenden Räumen der Firma Fritz Leitz den Neuaufbau im Westen beginnt. Diese Neuansiedlung verändert die Struktur der Gemeinde tiefgreifend und ist letzlich Voraussetzung für das rapide Wachstum und die spätere Stadterhebung Oberkochens. Carl Zeiss und die nach der Währungsreform stark expandierende bodenständige Industrie haben zu Beginn der sechziger Jahre Oberkochen zur größten Wachstumsgemeinde in Württemberg werden lassen. 1968, im Jahre der Stadterhebung, ist die Bevölkerung auf 8 600 Einwohner angewachsen, die Stadt bietet 7 000 Arbeitsplätze. Damit ist der Wandel vom ländlichen Dorf zur Industriestadt endgültig und überzeugend vollzogen.</p>
<h2>Firmengründungen im 20. Jahrhundert:</h2>
<h3>KWO-Werkzeuge GmbH, Wannenwetsch (1903)</h3>
<p>Als selbständiger Handwerker beginnt auch Karl Wannenwetsch 1903 am Ortsausgang Richtung Aalen (heute Aalener Straße 44) in einer neugegründeten Werkstatt, Handbohrer herzustellen. Er hat bei Albert Leitz das »Bohrer-spitzen« gelernt und danach einige Jahre in dessen Betrieb gearbeitet. Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges beschäftigt Karl Wannenwetsch schon sieben Mitarbeiter.</p>
<p>Der Neubeginn nach der Heimkehr aus dem Krieg wird ihm durch Krankheit und den fehlenden Elektromotor — er ist zu Kriegszwecken konfisziert worden — sehr erschwert. Die aufkommende Inflation und die stark gewordene Konkurrenz der eisenverarbeitenden Industrie in Remscheid und Schmalkalden mit ihrer Massenproduktion von Handbohrern tragen ein übriges dazu bei. Als Einmannbetrieb arbeitet Karl Wannenwetsch weiter, ab 1927 nimmt er auch einzelne Typen von Maschinenbohrern in sein Programm mit auf. Nach dem Zweiten Weltkrieg übergibt er seinem Sohn, Karl Wannenwetsch jun., den Betrieb. Dieser hat bei seinem Vater das Bohrermachen erlernt, später eine kaufmännische Ausbildung erhalten und ist danach in verschiedenen Industriebetrieben tätig gewesen. Schon 1950 wird das Programm auf Fräser für Handoberfräsen erweitert.</p>
<p>Der Aufschwung ist unverkennbar, der Betrieb wird vergrößert; 1960 sind 43 Mitarbeiter auf die Herstellung von Maschinenbohrern und Schaftwerkzeugen, auch in hartmetallbestückter Form (für die Bearbeitung moderner Plattenwerkstoffe), spezialisiert. Anfang der siebziger Jahre wird mit der Fertigung von Werkzeugen für professionelle Heimwerkermaschinen begonnen. 1978 übernimmt der Enkel des Firmengründers, Dipl.-Volkswirt Ulrich Wannenwetsch, die Geschäftsführung des Betriebes, in dem er seit sechs Jahren tätig ist. Unter seiner Regie verdoppelt sich der Umsatz, steigt der Exportanteil auf 50%, wird eine neue Halle gebaut und die Belegschaft erheblich erweitert. Gefertigt werden heute vor allem Maschinenbohrer, speziell Bohrer für Bohrautomaten der Möbelindustrie und Schaftfräser in Stahl und hartmetallbestückt (auch Wendeplattensysteme). Hinzu kommt ein breit ausgebautes Heimwerkerprogramm. Die Firma unterhält zwei eigene Verkaufsniederlassungen in Frankreich und England und beschäftigt zur Zeit 110 Mitarbeiter.</p>
<h2>Röchling — Kaltwalzwerk KG (1906/07)</h2>
<p>Ein weiteres bedeutendes Unternehmen, das sich aber hinsichtlich seiner Produktion nicht in die Reihe der bisher beschriebenen Oberkochener Betriebe einordnen läßt, ist das in den Jahren 1906/07 entstandene Kaltwalzwerk im Gewand »Schwörz«. Auch dieser Betrieb suchte noch die Wasserkraft des Kochers zu nutzen und über Turbinen den benötigten Strom zu erzeugen. Gründer der Firma ist Karl Walter, ein Kaufmann aus Aalen. Er veräußert den noch kleinen Betrieb nach den Rückschlägen, die ihm aus den wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Nachkriegszeit erwachsen, 1928 an die in Völklingen (Saarland) ansässigen Röchlingschen Eisen- und Stahlwerke. Dieser Konzern verhilft dem Betrieb zu Größe und Bedeutung. Nach dem Zweiten Weltkrieg gelingt es, die Konkurrenzfähigkeit des Unternehmens durch Erweiterung der Kapazität, durch Einführung von Spezialprodukten und nicht zuletzt durch die Anwendung moderner Technologie weiter zu erhöhen.</p>
<p>Das Kaltwalzwerk ist das einzige seiner Art in Süddeutschland. Mag auch der Weg vom Stahlwerk, beziehungsweise Walzwerk, in dem das in Ringform gelieferte Warmband hergestellt wird, bis Oberkochen weit erscheinen, so liegt das traditionelle Absatzgebiet, der gesamte süddeutsche Raum, für den kaltgewalzten Bandstahl umso näher. Bandstahl in Ring- oder Stabform wird für Stanz‑, Biege- und Tiefziehzwecke in der Metallwaren‑, Automobil‑, Büromaschinen‑, Baubeschlag‑, Spielwaren- und Uhrenindustrie benötigt. Darüber hinaus werden im Kaltwalzwerk Spezialprodukte — Bonderbänder mit einer speziellen Oberflächenveredelung — hergestellt, die in der ganzen Bundesrepublik und im Ausland abgesetzt werden.</p></div>
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				<span class="et_pb_image_wrap "><img loading="lazy" decoding="async" width="710" height="497" src="https://oberkochen-heimatverein.de/wp-content/uploads/hm-buch-s150.jpg" alt="Oberkochen" class="wp-image-11727"></span>
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				<div class="et_pb_text_inner"><p>Hauptabnehmer für die Produkte des Kaltwalzwerkes ist heute die Nagellager-Industrie, die mit diesen Lagern vorwiegend Automobilfirmen beliefert. Unter Josef Rosenberger und Kurt Schmidt, die seit 1964 das Oberkochener Kaltwalzwerk mit seinen derzeit 133 Mitarbeitern leiten, wird die Monatsproduktion von 650 t auf über 2000 t gesteigert.</p>
<p>Seit 1991 ist Holger Kühn anstelle von Kurt Schmidt technischer Leiter des Kaltwalzwerkes.</p>
<h2>Carl Zeiss (1946)</h2>
<p>Ein wichtiger Meilenstein für die industrielle Entwicklung Oberkochens ist die Ansiedlung der Firma Carl Zeiss im Jahre 1946.</p>
<p>Zur Vorgeschichte:<br>Im Juni 1945 mußten auf Befehl der amerikanischen Besatzungsmacht die Geschäftsleitung und ein aus 85 Personen bestehender wissenschaftlicher und technischer Mitarbeiterstab mit ihren Familien die alte Thüringer Universitätsstadt Jena verlassen, in der 1846 der Mechaniker Carl Zeiss seine Optische und Mechanische Werkstätte gegründet hatte, die unter seiner und des Wissenschaftlers Ernst Abbes Leitung zum bedeutendsten optisch-feinmechanischen Unternehmen herangewachsen war. Mit diesem Mitarbeiterstab wurden auch 41 Führungskräfte des zur Carl-Zeiss-Stiftung gehörenden Schwesterunternehmens »Jenaer Glaswerk Schott &amp; Gen.« nach Heidenheim gebracht. Mit diesem »Exodus« wollten die westlichen Alliierten den auf Grund der Verträge von Jalta nach Thüringen einrückenden Russen einen Teil des wissenschaftlichen Potentials der Zeiss-Werke entziehen: »We take the brain«. Die Wissenschaftler und Konstrukteure wurden auf Heidenheim und die umliegenden Dörfer verteilt und dort notdürftig untergebracht. Die mitabtransportierten 360 000 Zeichnungen, die Frucht jahrzehntelanger Arbeit, sahen sie nie wieder, sie wurden in die USA gebracht. Fast zehn Monate vergingen, bis die Gruppe, inzwischen verstärkt durch einige Jenaer Flüchtlinge, die Erlaubnis zum Arbeiten und zum Aufbau einer Fertigung für feinmechanisch-optische Erzeugnisse erhielt. Man entschloß sich, die leerstehenden Räume der Firma Fritz Leitz in Oberkochen zu mieten und hier den Neubeginn zu wagen, ohne Unterlagen, ohne Werkzeuge und Maschinen, mit nichts als dem Wissen und dem Willen zum Wiederaufbau. Am 4. Oktober 1946 wird die Firma Opton Optische Werke Oberkochen GmbH, gegründet, die man wenig später, am 1. Februar 1947, in Zeiss-Opton Optische Werke Oberkochen GmbH, umbenennt. Die Schwierigkeiten, denen sich die aus Professor Bauersfeld, Dr. Küppenbender und Dr. Henrichs bestehende Geschäftsleitung gegenübersieht, sind fast unbeschreiblich: Maschinen müssen beschafft, Rohstoffe besorgt werden in einer Zeit, in der Geld keinerlei Wert besitzt und sich nur durch Kompensation Ware beschaffen läßt. Vor allem müssen die in die USA gebrachten Arbeitsunterlagen, soweit für den Beginn erforderlich, wieder erstellt werden. Das Fabrikationsprogramm muß anfänglich noch den Weisungen der amerikanischen Besatzungsmacht entsprechen; erlaubt sind zunächst Produkte, die dem Gesundheitswesen dienen, wie Brillengläser, medizinisch-optische Geräte und Mikroskope, daneben außerdem — praktisch als Ausnahme — auch photographische Objektive. Der Arbeitsschwerpunkt des ersten Jahres liegt in den wissenschaftlichen Abteilungen, den Laboratorien und Konstruktionsbüros, denn zunächst sind neue Geräte zu entwickeln, Fertigungsunterlagen zu erstellen und die für die Produktion notwendigen optischen und mechanischen Spezialmaschinen zu konstruieren und zu bauen. 1948 — im Jahr des eigentlichen Produktionsanlaufs — ist die Belegschaft schon auf 1300 Personen angewachsen. Mit der am 1. Juni 1948 auf russischen Befehl verfügten Enteignung der Jenaer Stammwerke Zeiss und Schott verliert auch die 1889 von Ernst Abbe gegründete Zeiss-Stiftung als Eigentümerin beider Werke endgültig ihre Existenzgrundlage in Jena. Für die Geschäftsleitungen der Firmen Zeiss und des Schwesterunternehmens Jenaer Glaswerke Schott &amp; Gen., das inzwischen in Zwiesel und Landshut wieder mit der Produktion optischen Glases begonnen hat (erst 1952 wird das neue Glaswerk in Mainz in Betrieb genommen), gilt es, die Stiftung nicht nur als Industrieunternehmen, sondern auch als Sozialwerk zu retten. Die im Stiftungsstatut verankerten sozialen Ideen Ernst Abbes mit Neunstundentag (acht Stunden ab 1900), Kündigungsschutz, bezahltem Urlaub, Krankengeld, Gewinnbeteiligung, Invaliditäts- und Altersversorgung waren am Ausgang des letzten Jahrhunderts bahnbrechend und eilten der staatlichen Gesetzgebung um Jahrzehnte voraus. Ein Fortbestand der Stiftung ist unter diesen Umständen nur im Westen Deutschlands denkbar, denn hier wirken mit den evakuierten Geschäftsleitern die Bevollmächtigten der Zeiss-Stiftung, und nur hier kann sie auf der rechtlichen und ideellen Basis ihres Statutes fortbestehen. Die baden-württembergische Landesregierung bestimmt daher 1949 Heidenheim zum Sitz der Stiftung.</p>
<p>Am 1. Mai 1954 kann Professor Bauersfeld als Senior der Stiftung bei einer Feier im Oberkochener Werksgelände im Beisein des Bundespräsidenten Theodor Heuss verkünden, daß »die Carl-Zeiss-Stiftung wiedererstanden ist und daß ihre Weltfirmen Zeiss und Schott außerhalb der Zone der Unfreiheit und des Terrors wieder aufgebaut sind«.</p>
<p>Der wirtschaftliche Wiederaufstieg ist nun schon so weit gediehen, daß an diesem Tag die statutarischen Pensionrechte für die Arbeiter und Angestellten verkündet werden können. »Auf schwäbischem Boden wuchs dem Werk Abbes ein neues Haus«, schreibt die Werkszeitung. Das Unternehmen, das nun wieder den alten Namen »Carl Zeiss« trägt, zählt nun schon 2850 Beschäftigte, etwa ein Drittel sind ehemalige Jenaer Zeiss- Mitarbeiter, die im Laufe der Jahre den Weg in den Westen gefunden haben. Dieser vorwiegend aus Meistern, Vorarbeitern und hochqualifizierten Facharbeitern bestehenden Gruppe kommt eine bedeutende Rolle beim Aufbau der Fertigung zu.</p>
<p>Die gemieteten Räume reichen nicht mehr aus. 1950 wird mit dem Shedhallenbau der erste Schritt zur Erweiterung der Firma getan, andere Bauten folgen. Längst schon ist das Fertigungsprogramm der Anfangsjahre erweitert worden. Neben Brillengläsern , Photoobjektiven und Mikroskopen werden nun wieder ophthalmologische und mikrochirurgische Geräte, Photometer, Refraktometer, Interferometer, Nivelliere, Theodoliten, Photogrammetrische Kameras und Auswertegeräte, Elektronenmikroskope sowie Feldstecher produziert. 1957 wird die ehemalige Remonte-Kaserne in Aalen als Brillenglasfabrik eingerichtet und Zug um Zug durch Neubauten erweitert, im gleichen Jahr wird die zur Zeiss-Gruppe gehörende Mikroskop-Fabrik R. Winkel GmbH in Göttingen anläßlich ihres hundertjährigen Bestehens Teil des Stiftungs-Unternehmen Carl Zeiss. Seit 1955 ist dieses Werk Fertigungsstätte aller Zeiss-Mikroskope. Heute nehmen die Stiftungsbetriebe Zeiss und Schott wieder eine führende Stellung auf den Weltmärkten ein. Die Stiftung beschäftigt weltweit ca. 35 000 Mitarbeiter, davon entfallen auf die Zeiss Gruppe, d.h. die Firma Carl Zeiss mit ihren Tochterunternehmen ca. 17 000. Tochtergesellschaften sind die Firmen Anschütz &amp; Co. GmbH Kiel, M. Hensoldt &amp; Söhne Wetzlar, die Marwitz &amp; Hauser GmbH Stuttgart, das ProntorWerk Alfred Gauthier GmbH in Wildbad, die Dr.-Ing. Höfler Meßgerätebau GmbH Ettlingen, das Heinrich Wöhlk Institut für Contact-Linsen GmbH &amp; Co. in Schönkirchen, Carl Zeiss Jena GmbH, in den USA Titmus Optical Inc. und Humphrey Instruments Inc. sowie die ungarische MOM. Hinzu kommen noch 29 Vertriebs- und Servicegesellschaften in aller Welt.</p>
<p>Das Stiftungsunternehmen Carl Zeiss hat zur Zeit in den Werken Oberkochen, Aalen, Göttingen, Bopfingen und Nattheim rund 7 500 Beschäftigte. Mehr als 1 200 Oberkochener Einwohner finden in diesem bedeutenden Industrieunternehmen des Ostalbkreises Arbeit.</p>
<p>Mit der deutschen Wiedervereinigung kann nun endlich auch ein Schlußstrich unter die 45jährige Trennung der Zeiss Unternehmen in Ost und West gezogen werden. Im November 1991 werden mit der Treuhandanstalt die Verträge für die neugegründete Carl Zeiss Jena GmbH unterzeichnet, an der das Stiftungsunternehmen Carl Zeiss, Oberkochen, mit 51% beteiligt ist und die unternehmerische Führung hat. Weiterer Gesellschafter ist die dem Lande Thüringen gehörende Jenoptik GmbH. Carl Zeiss Jena GmbH beschäftigt ca. 3000 Mitarbeiter in den traditionellen Geschäftsfeldern des Jenaer optischen Instrumentenbaues.</p></div>
			</div><div class="et_pb_module et_pb_image et_pb_image_36 bild-container">
				
				
				
				
				<span class="et_pb_image_wrap "><img loading="lazy" decoding="async" width="712" height="616" src="https://oberkochen-heimatverein.de/wp-content/uploads/hm-buch-s153.jpg" alt="Oberkochen" class="wp-image-11728"></span>
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				<div class="et_pb_text_inner"><p>Da es nicht möglich ist, im Rahmen dieses Berichtes das gesamte Lieferprogramm an optischen, feinmechanischen und elektronischen Erzeugnissen aufzuführen, soll stellvertretend die Nennung der Geschäfts- und Produktbereiche einen Eindruck von der Programmvielfalt vermitteln:</p>
<p>Mikroskope, Elektronenoptische Geräte, Medizinisch-Optische Geräte, Vermessung, Industrielle Meßtechnik, Optische Prozeßtechnik, Optische und Elektronische Systemkomponenten, Augenoptik, Ferngläser, Sondertechnik, Astronomische Instrumente / Planetarien / Systeme und Komponenten. Mit diesen Produkten erzielt das Stiftungsunternehmen Carl Zeiss 1991/92 einen Umsatz von 1,4 Milliarden DM, der Exportanteil beträgt 50%.</p>
<p><strong>Anhang:</strong><br>Geschäftsleiter der Firma Carl Zeiss seit 1946:<br>Prof. Dr.-Ing. Dr.-Ing. E.h. Dr. rer.nat.h.c. Walther Bauersfeld 1946–1959<br>Dr. rer.pol.h.c. Paul Henrichs 1946–1959<br>Dr.-Ing. Dr.-Ing.E.h. Heinz Küppenbender<br>Ehrenbürger der Stadt Oberkochen 1946–1972<br>Prof. Dr.phil. Dr.rer.nat.h.c. Gerhard Hansen 1952–1965<br>Dr. rer.pol. Dr. rer.nat.h.c. Gerhard Kühn<br>Ehrenbürger der Stadt Oberkochen 1960–1973<br>Dr.-Ing. Dr.-Ing.E.h. Dr.-Ing.E.h. Kurt Räntsch 1965–1971<br>Dr.-Ing. Martin Ahrend 1969–1974<br>Dr.phil. Horst Skoludek 1971–1992<br>Dr.rer.pol. Hans Eberhard Scheffler 1973–1976<br>Dr.rer.nat. Gert Littmann 1974–1992<br>Prof. Dr.-Ing. Jobst Herrmann seit 1976<br>Wolfgang Adophs 1978–1988<br>Gustav Pieper 1984–1990<br>Dr. jur. Hans-Kurt Fugert seit 1988<br>Dipl.-Wirtsch.-Ing. Thomas F. Bayer seit 1990<br>Dr.rer.nat. Hans Richard Weinheimer seit 1990</p>
<h2>Karl Gold, Werkzeugfabrik GmbH (1953)</h2>
<p>Die Werkzeugfabrik Karl Gold ist eine der späteren Firmengründungen der angestammten Holzbearbeitungsindustrie. Karl Gold hat bei der Firma Leitz eine Lehre als Werkzeugmacher absolviert, bei seiner Lehrfirma, später bei der Firma Oppold Berufserfahrung gesammelt und die Meisterprüfung im Maschinenbau abgelegt, bevor er sich 1953 im elterlichen Anwesen an der Heidenheimer Straße Nr. 42 mit einer größeren Werkstatt selbständig macht.</p>
<p>Dort stellt er zunächst Werkzeuge für die maschinelle Holzbearbeitung her, aber auch Sondermaschinen, z.B. für die Zigarrenfabrikation und das Tischlerhandwerk. Später, gegen Ende der fünfziger Jahre, nimmt er auch Fräswerkzeuge für die maschinelle Holzbearbeitung in das Programm auf; der Maschinenbau wird wieder aufgegeben.</p>
<p>1978, nach dem Bau einer modernen Fertigungsstätte im Gewand »Schwörz«, beschäftigt der Betrieb schon dreißig Mitarbeiter, die zunächst Werkzeuge mit auswechselbaren Messern, Wendeplatten-Falzköpfe, Wendeplatten-Fräsgarnituren und Profilmesserköpfe, später auch HSS- und hartmetallbestückte Fräser herstellen. Verschiedene Standardwerkzeuge im Wendeplattensystem kommen hinzu, ebenso Werkzeugsätze für die gebräuchlichen Fenstertypen, für die Längs‑, z.T. auch für die Winkelbearbeitung in Wendeplattenausführung. Karl Gold stirbt im Jahre 1982. Die Nachfolge tritt sein Sohn Josef Gold an, der im elterlichen Betrieb als Werkzeugmacherlehrling begonnen und die Meisterprüfung als Mechaniker abgelegt hat. In der Firma sind heute 54 Mitarbeiter beschäftigt.</p>
<h2>Gummi-Pfütze — Formartikel, Gummi-Metallverbindungen GmbH (1953)</h2>
<p>Ein Abstellraum des Gasthofes »Ochsen«, spärlich möbliert mit Tisch, Ofen und Schraubstock, wird zur »Keimzelle« der Firma Gummi-Pfütze. Hier beginnen im März des Jahres 1953 Willi und Rosl Pfütze mit der Herstellung von Dichtungsringen für Molkereiarmaturen. Sie gehören zu den vielen Oberkochener Neubürgern aus Mitteldeutschland, die nach dem Krieg versuchen, sich eine neue Existenz aufzubauen.</p>
<p>Zwei Jahre bleiben sie im »Ochsen«, dann ziehen sie in einen 28 Quadratmeter großen Raum in der Katzenbachstraße und beginnen dort 1965 — unterstützt von zwei Hilfskräften — mit der Herstellung von Schutzkappen für Nivellierköpfe. Als sie 1968 in die Sperberstraße umziehen, beschäftigen sie schon sieben Mitarbeiter und erweitern ihre Produktionspalette auf Gummi-Metallverbindungen, wie sie in der Optik, der Medizin, in der Getränkeindustrie und in Molkereien benötigt werden. 1977 stirbt Willi Pfütze. Sein Sohn Helmut übernimmt mit seiner Frau Heidi den Betrieb. 1980 wird im Gewerbegebiet »Schwörz« eine moderne Fertigungsstätte errichtet, in der nunmehr zehn Mitarbeiter mit der Herstellung von vulkanisierten Formartikeln — Spezialprodukten, die auch im Hause entwickelt werden — beschäftigt sind. Zweihundert Sorten Gummi finden Verwendung, wobei Gummi-Metallverbindungen nach wie vor eine Spezialität der Firma sind.</p>
<h2>Metallguß Oberkochen (1953)</h2>
<p>Im Jahre 1953 pachtet der aus Eger (Sudetenland) stammende Karl Egerter in der Keltenstraße die kleine Schnell’sche Messinggießerei. Damit erfüllt sich der bis dahin bei der Firma Zeiss tätige agile Betriebsingenieur den Wunsch nach Selbständigkeit. Drei Jahre später bereits erstellt er im Gewand »Schwörz« eine Gießerei mittlerer Größe, wobei er das Interesse der Firma Zeiss an einer Gießerei in Werksnähe berücksichtigt. Mit seinen 15 Mitarbeitern stellt Egerter hauptsächlich Aluminiumgußteile her, doch werden auch andere Metalle verarbeitet. Rund 60% der Aluminiumgußproduktion gehen an die Firma Zeiss, die somit für die Gießerei zum wichtigsten Abnehmer wird. Durch ihre Relief-Kunstgüsse aus Aluminium wird die Firma Egerter in weiten Bevölkerungskreisen bekannt.</p>
<p>1984 übernimmt der aus Nordrhein-Westfalen stammende Gießereitechniker Georg Hoffmann den Betrieb, der nach einer zweijährigen Interimszeit der Verpachtung wieder neu aufgebaut werden muß. Die Firma beliefert rund 60 Kunden, darunter namhafte Betriebe der weiterverarbeitenden Industrie. Es können Gußstücke bis zu 200 kg in Aluminium gegossen werden, daneben wird der Ausbau auf Kokillen- und Niederdruckguß vorangetrieben. 1988 wird der Betrieb aufgegeben, die Gebäude übernimmt die Firma Anton Grupp, Metallbau.</p>
<h2>Beier GmbH (1965)</h2>
<p>Im März des Jahres 1965 eröffnen die aus Leobschütz/Schlesien stammenden Ingenieure und Brüder Siegfried und Eckhard Beier in der Elmer’schen Hafnerwerkstatt ein Ingenieurbüro mit angegliederter Elektrowerkstatt. Zunächst nebenberuflich werden mit Hilfskräften in den Abend- und Wochenendstunden Motorreparaturen ausgeführt und Schützensteuerungen hergestellt. Daneben wird auch schon mit der Konstruktion von Steuerungen begonnen. Als sie die ersten Mitarbeiter fest anstellen können, sind die Gebrüder Beier schon Mieter des Gebäudes Aalener Str. 19, des früheren Jugendhauses, das sie 1970 erwerben.</p>
<p>Nachdem sie dieses Haus an die Stadt verkauft haben, ziehen sie 1977 mit 24 Mitarbeitern in gemietete Räume der Firma Okoma; 1978 wird die Abteilung Meßelektronik gegründet; die Mitarbeiterzahl wächst auf 40 an. Der stetige und beständige Aufschwung ermutigt die Inhaber zum Kauf eines größeren Baugeländes im Gewand »Schwörz«. Im April des Jahres 1982 zieht dann der Betrieb mit seinen insgesamt 70 Mitarbeitern in eine eigene moderne Fabrikationshalle auf dem ehemaligen Terrain des städtischen, vormals Bäuerle’schen Gutshofes um.</p>
<p>Heute beschäftigt die Firma Beier 82 Mitarbeiter mit der Entwicklung, Projektierung, Konstruktion und Produktion von elektrischen und elektronischen Steuerungen, Geräten der Meß‑, Steuer‑, Regel‑, Feinwerk- und Registriertechnik sowie Hard- und Software für Mikroprozessor- und Personalcomputersysteme, die in den verschiedensten Branchen Anwendung finden.</p>
<h2>Werner Schwimmer (1963)</h2>
<p>1963 wagte der aus Jena stammende und seit 1956 in Oberkochen lebende Werner Schwimmer den Schritt in die Selbständigkeit. Im 40 qm großen Keller des »Kirchenschmiedes« gegenüber der katholischen Kirche beginnt er mit der Fertigung von Drehteilen als Zulieferbetrieb. Einen Partner findet er nach einem knappen halben Jahr in Wolfgang Werner. Der Raum wird bald zu klein, deshalb weichen sie in ein Haus in der Weingartenstraße aus, dort beschäftigen sie dann schon 4–5 Mitarbeiter. Als sie in die Katzenbachstraße an’s »Sappereck« umziehen, sind daraus schon acht geworden. 1967 trennen sich die Wege der beiden Geschäftspartner, Werner Schwimmer wählt das Risiko und führt den Betrieb mit drei Mitarbeitern im Hause Sauter neben der Spedition Fischer allein weiter. 1976 kann er ein eigenes Haus errichten, in dessen Untergeschoß er eine Werkstatt installiert.</p>
<p>Als mit dem inzwischen Meister gewordenen Sohn ein mit den modernsten Fertigungstechniken vertrauter Mitarbeiter zur Verfügung steht und auch die Elektroinstallation des Wohnhauses eine Ausweitung des Betriebes, in dem nunmehr 12 Mitarbeiter an vier CNC-Maschinen arbeiten, nicht mehr zuläßt, wird an den Bau eines Fabrikgebäudes gedacht. Der 1986 begonnene Bau in der Schwörz wird 1987 fertiggestellt. Dort sind nunmehr 20 Mitarbeiter mit der Herstellung von Drehteilen beschäftigt, die in der Elektroindustrie, dem Automobil- und Getriebebau Verwendung finden, Abnehmer sind u.a. die Firmen Bosch und Philips. Flexibel reagiert Schwimmer auf den Markt, die zunächst relativ starke Abhängigkeit von der Autoindustrie im Zuliefergeschäft wird erheblich reduziert.</p>
<p>Neben Einzelteilen liefert die Firma auch verkaufsfertige Produkte, wie z.B. Leuchter für die Firma WMF. Ein kleines eigenes Geräteprogramm für medizinische Zwecke (Schlauchpumpen für die Nierendialyse, Laborgeräte) ergänzt das Fertigungsspektrum, das in seiner durchdachten Mischung wenig krisenanfällig ist.</p>
<h2>Jelonnek, Transformatoren und Wickelgut GmbH (1966)</h2>
<p>Gunter Jelonnek kommt 1945 aus Berlin nach Oberkochen und heiratet hier die aus einer Oberkochener Handwerkerfamilie stammende Lotte Kopp. Jahrelang arbeitet er in einer Stuttgarter Transformatorenfabrik. Der wohlmeinende Rat eines Branchenvertreters, »es in Oberkochen selbst zu machen«, gibt schließlich den entscheidenden Anstoß für die Firmengründung. 1966 beginnen Gunter und Lotte Jelonnek in ihrer Wohnung in der Heidenheimer Straße 44, unterstützt durch eine Helferin, mit dem Wickeln von Transformatoren. 1967 mieten sie in der Dreißentalstraße 41 einen ausgebauten Schuppen, ziehen aber nach zwei Jahren wieder zurück in die Heidenheimer Straße, zunächst in einen 50 m² großen Anbau hinter dem heutigen Drogeriemarkt Schlecker — dort beschäftigen sie schon zehn Mitarbeiter — und später, 1971, wieder in das Elternhaus von Frau Jelonnek. Dann verunglückt Gunter Jelonnek im Jahre 1976 tödlich. Doch Lotte Jelonnek gibt nicht auf und meistert die schwierige Lage. Ihr steht der einundzwanzigjährige Sohn Klaus zur Seite, der, gerade von der Bundeswehr entlassen, seine Studienwünsche ohne Zögern aufgibt. 1979 nehmen sie den Schwiegersohn und Schwager Rudolf Hurler mit in die Geschäfteführung auf, der heute gemeinsam mit seiner Frau das Unternehmen leitet. Äußeres Zeichen ihres Erfolges ist der 1985 im Gewerbegebiet »Schwörz« eingeweihte neue Betrieb mit 800 m² Nutzfläche, in dem 20 Mitarbeiter beschäftigt sind. Zum festen Kundenkreis gehören namhafte Firmen wie Carl Zeiss, Voith, Siemens und SEL, ANT Bosch Telecom und Picker, für die auch Entwicklungen übernommen werden. Die Flexibilität des Unternehmens, das sich der handwerklichen Tradition verpflichtet fühlt, läßt auch Einzelfertigungen zu.</p>
<h2>Okoma Maschinenfabrik GmbH (1975)</h2>
<p>Im Juni des Jahres 1975 gründen Kurt Büttner und Max Wirth die Firma Okoma. Kurt Büttner stammt aus Zeulenroda/Thüringen, war in den fünfziger Jahren als Konstrukteur bei der Firma Bäuerle, später bei Wannenwetsch und zuletzt als Geschäftsführer bei der Maschinenfabrik Georg Funk in Waldhausen beschäftigt. Der Oberkochener Max Wirth war Außendienst-Abteilungsleiter, bevor er sich mit einer eigenen Handelsfirma, in der er auch Bäuerle-Produkte vertrieb, selbständig machte.</p>
<p>Zusammen erwerben sie das Tischlerei-Maschinenprogramm und die Fabrikationsräume der inzwischen nach Böbingen verlagerten Firma J. Adolf Bäuerle und setzen in der Bahnhofstraße mit dreißig Mitarbeitern die Produktion dieser Maschinen fort. Der gute Ruf, den diese Maschinen in der Fachwelt genießen, vermindert für das junge Unternehmen das Startrisiko. Entscheidend für die Etablierung des Betriebes erweist sich die Verbindung zur Firma Funk, für die zunächst der Vertrieb einer speziellen Fensterherstellungsmaschine übernommen wird. Für diese Spezialmaschine, eine winkelförmig angeordnete Kombination von Schlitz- und Fräsmaschine nach einer Idee von Kurt Büttner, die einen automatischen Ablauf der Fensterproduktion ermöglicht, wird bereits nach einem halben Jahr das Herstellungsrecht erworben. Das System wird bei Okoma für die Fensterindustrie als computergesteuerte Fertigungsstraße, aber auch für kleine Handwerksbetriebe ausgebaut. Außerdem entwickelt die Firma das Standard-Maschinenprogramm weiter. Nach dem Ausscheiden von Max Wirth (1983) ist Kurt Büttner alleiniger Geschäftsführer der Okoma Maschinenfabrik, die zu dieser Zeit etwa 100 Mitarbeiter beschäftigt.</p>
<p>Trotz des vielseitigen Fertigungsprogrammes geht das Unternehmen 1988 in Konkurs. Konkursmasse und Mitarbeiter werden zunächst — um die bei der Okoma eingebrachten Lieferleistungen und das know how zu retten — von der Beier GmbH übernommen, die die Okoma Maschinenfabrik aber auch nur ein Jahr weiterführen kann und 1989 endgültig aufgeben muß. Der Firmenname und die Produkte gehen an ein Heidelberger Unternehmen über. Mit der Firma Okoma geht die lange Tradition des Holzbearbeitungsmaschinenbaues in Oberkochen endgültig zu Ende.</p>
<h2>Bäuerle Stahlbau GmbH (1977)</h2>
<p>1977 gründet Adolf Bäuerle, Sohn des 1979 verstorbenen Ehrenbürgers Albert Bäuerle, in den Gießerei- und Ziehereigebäuden des ehemaligen Oberkochener Familienunternehmens die »Bäuerle Stahlbau GmbH«. Die Basis des Betriebes bildet die Dünnblech- und Gußständer-Produktion der Werkzeug- und Maschinenfabrik J.A. Bäuerle, die aus dem 1974 nach Böbingen verlagerten Werk herausgelöst und nun von Adolf Bäuerle zu einer selbständigen Firma in Oberkochen ausgebaut wird. Die Bäuerle Stahlbau GmbH spezialisiert sich mit Schweißkonstruktionen und Blechbearbeitungen als Zulieferbetrieb für den Maschinenbau. Mit 25 Mitarbeitern werden Ständer und andere Maschinenteile hergestellt, die in dieser Verfahrenstechnik wesentlich individueller gestaltet und besser der Modell- und Maschinenvielfalt angepaßt werden können als die früher üblichen Gußteile. Da das Betriebsgelände keine Erweiterungsmöglichkeiten bietet, wird 1983 eine weitere Werkstatt im Aalener Industriegebiet in Betrieb genommen, die, mit zwei 10 t‑Kränen ausgerüstet, der Bearbeitung schwerer Maschinenteile dient. Mit einer computergesteuerten Brennschneidemaschine und einem ebenfalls rechnergesteuerten Fräs- und Bohrwerk hat sich Bäuerle Stahlbau auf die Erfordernisse der Zukunft eingestellt.</p>
<h2>Oberkochen heute</h2>
<p>Das einstige Bauern- und Hafnerdorf Oberkochen ist heute eine bedeutende Industriestadt. Die hier ansässige Industrie genießt Weltruf. Während der Name Carl Zeiss wohl bei allen Bevölkerungsschichten im In- und Ausland bekannt sein dürfte, gelten Leitz, Schmid, Oppold und andere Firmen zumindest der Fachwelt als Inbegriff für Qualität, die höchsten Ansprüchen gerecht wird. Die Industriebetriebe sind exportorientiert: 30,40, bei manchen Betrieben sogar über 50% der Produktion werden an ausländische Abnehmer geliefert. Oberkochen verdankt der Industrie viel. Konnten bereits die vor dem 1. Weltkrieg vorhandenen Betriebe sichere Voraussetzungen für dauerhaften Wohlstand und ein beständiges Wachstum schaffen, und wurde Oberkochen schon damals neben den bedeutend größeren Städten Remscheid und Schmalkalden als eines der drei nationalen Zentren der Werkzeugindustrie für die Holzbearbeitung genannt, so markiert dennoch erst die Ansiedlung der Firma Zeiss 1946 den eigentlichen Einschnitt in der Geschichte der Stadt. Die Einwohnerzahl stieg explosionsartig an: Während sie 1939 noch 2 002 Einwohner betragen hatte (wovon immerhin 979 in der Industrie beschäftigt waren), so sollte sie sich in kaum mehr als 15 Jahren verdreifachen. Anfang 1955 zählte die Gemeinde 5 722 Bürger, ihnen standen bereits 5 192 Industriearbeitsplätze zur Verfügung. Der Aufschwung, mit dem Oberkochen in ganz Württemberg kein Gegenstück hat, hielt an bis in die späten sechziger Jahre, als die nunmehr zur (Industrie-)Stadt gewordene Gemeinde beinahe die 9 000-Einwohner-Grenze erreichte. Von den im Jahre 1970 gezählten 6 834 Industriebeschäftigten arbeiteten 4 919 (72%) bei Carl Zeiss, täglich pendelten (im Jahre 1966) 3 552 Beschäftigte zu ihrem Oberkochener Arbeitsplatz ein, die Zahl der Auspendler betrug demgegenüber nur 397.</p>
<p>1987, im Jahre der letzten Arbeitsstättenzählung, fanden bei allgemein weniger günstiger Wirtschaftslage bei 7 900 Einwohnern 8 311 Personen in Oberkochen Arbeit, davon 6 359 im verarbeitenden Gewerbe. Von den 8 311 in Oberkochen Beschäftigten kamen 5 105 von außerhalb; die Arbeitslosenquote betrug zu dieser Zeit 3,4%. Notwendige Rationalisierungsmaßnahmen der Industrie und die Auswirkungen der derzeitigen Rezession ließen diese Arbeitslosenquote allerdings auf 4,7% (Stand 30.6.1992) ansteigen.</p>
<p>Für die neu hinzukommenden Beschäftigten wurden allein in den Jahren 1948 bis 1970 insgesamt 2 178 Wohnungen erstellt, das sind 76,9% des Gesamtbestandes von 1970. Von diesen baute oder förderte 1152 (also 52,9%) die Firma Carl Zeiss. Die Industrie trug auch zum Aufbau kultureller Einrichtungen bei — es seien nur genannt die Stichworte Carl-Zeiss-Kulturring, Volksbildungswerk, Optisches Museum — neben einer Vielzahl von sozialen Einrichtungen. Zahlreiche Firmengäste aus dem In- und Ausland ließen Gastronomie und Hotelwesen aufblühen.</p>
<p>Lassen wir unseren Blick abschließend noch einmal zurückschweifen durch die Jahrhunderte, bis zu den Anfängen der Oberkochener Industriegeschichte. Auf unseren Reisenden aus dem Welschland etwa, wenn er aus dem Walde hervortritt und den Hochofen am Kocherursprung sowie die vielen rauchenden Meiler an den Hängen unter sich erblickt. Ihm ist sicher nicht bewußt, daß er in diesem Augenblick Zeuge des Beginns einer Entwicklung wird, die den Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit charakterisiert und diese von nun an bestimmen soll, einer Entwicklung, die unter seiner eigenen tatkräftigen Mitwirkung vorangetrieben wurde: der Industrialisierung der Ostalb.</p>
<p>Es läßt sich gleichwohl keinesfalls behaupten, daß die Industrialisierung stets kontinuierlich fortgeschritten wäre; konsequent jedoch verlief diese Entwicklung allemal. Die Aufgabe der Erzverhüttung im Jahre 1634 betraf in erster Linie die Gemeinde Oberkochen, denn in den umliegenden Gemeinden wurde die Verhüttung von Eisenerz weiterhin betrieben. Noch heute bestehen in Königsbronn und Wasseralfingen die »Schwäbischen Hüttenwerke«. Oberkochen war lediglich von der aktiven Teilnahme an den industriellen Entwicklungen ausgeschlossen, doch war es seinen Einwohnern nicht verwehrt, diese mit Interesse zu verfolgen, gegebenenfalls in den Schmelz- und Schmiedebetrieben der Nachbardörfer Arbeit zu suchen, diesen Holzkohle zu liefern oder Erzfuhren zu übernehmen.</p>
<p>Zwar konnte Württemberg noch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts als reiner Agrarstaat bezeichnet werden, doch bildete die Ostalb zu jener Zeit eine der Inseln industrieller Aktivität. Auch Jakob Christoph Bäuerle hatte die Nähe zur eisenverarbeitenden und eisenschaffenden Industrie in den Nachbarorten gesucht, die ihm Material für seine Bohrer liefern konnte. So gesehen war die Gründung der ersten Bohrerwerkstätte in Oberkochen der Beginn einer neuen Ära im Rahmen der industriellen Entwicklung; sie war ein Neuanfang, eine »Stunde Null« jedoch war sie nicht.</p>
<p>Auch die Ansiedlung der Firma Carl Zeiss im Jahre 1946 darf insofern nur als Kulminationspunkt einer hundertjährigen Entwicklung gesehen werden, die ihre Wurzeln in einer wesentlich längeren industriellen Tradition findet. Wohl kaum hätte sich dieses Unternehmen in jenem Dorf nahe dem Kocherursprung niedergelassen, wären nicht leerstehende Werksgebäude vorhanden gewesen; es ist auch nicht auszuschließen, daß Zeiss von der industriell-technischen Vorbildung der Bevölkerung zu profitieren hoffte. Jedenfalls fand der Betrieb unmittelbar nach dem Kriege eine solide Grundlage vor, die er für den Ausbau seiner Kapazität zu nutzen verstand.</p>
<p>Zusammenfassend läßt sich somit feststellen, daß Oberkochen eine »junge« Stadt mit langer Industriegeschichte ist, einer Geschichte mit Höhen und Tiefen, die den Ort und seine Industriebetriebe miteinander verschweißt hat. Oberkochen hat — und das gilt auch für die heutige wirtschaftlich schwierige Zeit — Glück mit der Struktur seiner Industriebetriebe: Sie sind umweltfreundlich, arbeitsintensiv, sie erzeugen hochwertige, den Erfordernissen der Zeit angepaßte technische Produkte und sie haben in wirtschaftlich besseren Jahren in die Zukunft investiert. Möge der Stadt dieses Glück auch weiterhin beschieden sein.</p>
<h2>Nachwort:</h2>
<p>Es liegt in der Natur der Sache, daß in einem Bericht über die Industrialisierung Oberkochens vor allem die Unternehmer, die Firmengründer und ihre Nachfolger Erwähnung finden. Nicht vergessen werden darf dabei die Rolle der vielen Arbeiter und Angestellten, die mit Erfindungsgabe, Fleiß und selbst in Krisenzeiten bewährter beispielhafter Solidarität zum Gedeihen der Unternehmen und zur Industrialisierung ihrer Heimat beigetragen haben. So erinnert sich zum Beispiel die Unternehmensleitung der Firma Leitz in der anläßlich ihres 100jährigen Bestehens herausgegebenen Chronik dankbar daran, daß es damals in der Weltwirtschaftskrise »nicht zuletzt die freiwilligen Verzichte und Einschränkungen der Arbeitnehmer waren, die in dieser Phase der Konkurse, der Arbeitszeitverkürzungen und der erschreckendsten Arbeitslosigkeit wesentlich zum Überleben der Firma beigetragen haben«. Ähnliches ließe sich sicher auch von anderen Firmen berichten.</p>
<h3><strong><em>Literatur:</em></strong></h3>
<p>Manfred Thier: Geschichte der Schwäbischen Hüttenwerke. Verlag Heimat und Wirtschaft, Aalen und Stuttgart 1965</p>
<p>Dr. Neuscheler: Dorfleben im oberen Kochertal vor 200–300 Jahren. Der Spion von Aalen, Blätter für Heimatkunde, Januar 1928, Verlag W.A. Stierlin, Aalen</p>
<p>Kgl.statistisch-topographisches Bureau (Herausgeber): Beschreibung des Oberamts Aalen, Stuttgart, J.B. Müller 1854</p>
<p>Albert Bohn Hundert Jahre Industrie. Der Kreis Aalen, Verlag Heimat und Wirtschaft, Aalen 1957</p>
<p>Dr. Konrad Theiss (Herausgeber): Heidenheim 1867–1967, Verlag Heimat und Wirtschaft, Aalen 1967</p>
<p>Helmut Christmann: Ferdinand Steinbeis, Gewerbeförderer und Volkserzieher. Heidenheimer Verlagsanstalt 1970</p>
<p>Dr. Hans Schmid: Gemeindegeschichte in der Industriegeschichte. Einwohnerbuch Oberkochen 1965</p>
<p>Robert Wolff: Von Bohrerspitzern zu weltbekannten Firmen — Über die einheimische Industrie von Oberkochen. Ostalb 6, 4. Jahrgang/Sommer 1970 Schwäbischer Heimatverlag</p>
<p>Kuno Gold: Holzbearbeitungswerkzeuge — Impulse, die von Oberkochen ausgehen. HOB 11/83, S. 76–78</p>
<p>Gebr. Leitz (Herausgeber): Leitz 100 Jahre.</p>
<p>Dr. Julius Keil: August Oppold. Die westdeutsche Wirtschaft und ihre führenden Männer. Land Baden-Württemberg, Teil III Wirtschaftslesebuchverlag Dr. Keil GmbH, Frankfurt 1963</p>
<h3><strong><em>Weitere Quellen:</em></strong></h3>
<p>Kirchenbücher des Ev. Pfarramtes Oberkochen; Gemeinderatsprotokolle der Gemeinde Oberkochen und andere Gemeindeakten des 19. Jahrhunderts, wie Kauf- und Steuerbücher; Triebwerksakten des Umweltschutzamtes Aalen; Unterlagen des Staatlichen Vermessungsamtes Aalen, des Stadtarchives Stuttgart und des Hauptstaatsarchives Stuttgart; Firmeninformationen. Allen diesen Stellen, Ämtern und Firmen sei an dieser Stelle herzlich für ihre Hilfsbereitschaft gedankt.</p>
<p>* Die Namen der Personen auf den Gruppenbildern verdanken wir größtenteils Herrn Kuno Gold, Oberkochen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p style="text-align: right;"><strong><em>Marika Kämmerer, Dr. Joachim Kämmerer</em></strong></p></div>
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		<title>Altes Handwerk</title>
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		<pubDate>Mon, 20 May 2024 15:14:21 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Seite 108-128 (Dietrich Bantel, Ulrich Feil, Axel Kämmerer, Alfons Mager, Christhard Schrenk)]]></description>
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				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Das Mühlwesen in Oberkochen</h2>
<p>In der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts waren in Oberkochen vier Mühlen in Betrieb: die »Öl- und Schleifmühle«, die »Obere Mühle«, die »Untere Mühle« und die »Kreuzmühle«.</p>
<p>Die Öl- und Schleifmühle lag am Abfluß des Ölweihers an der heutigen Leitzstraße. Die erste Erwähnung einer Schleifmühle findet sich (nach: Beschreibung des Oberamtes Aalen. Stuttgart 1854, S. 297) bereits 1498. Im Jahr 1725 ist von einer Ölmühle die Rede, in den folgenden Jahrzehnten kam noch eine Gipsmühle hinzu.</p>
<p>Auch die Kreuzmühle entstand ursprünglich als Öl- und Gipswerk. Sie wurde 1845 erbaut und etwa 50 Jahre später zu einer Getreidemühle umgerüstet. Die Mühlen in unserer Gegend waren über Jahrhunderte auf Wasserkraft angewiesen. Der Kocher spielte in diesem Zusammenhang eine entscheidende Rolle, und auch die Obere und die Untere Mühle (Zimmermann und Scheerer) siedelten sich am Kocher an. Sie befanden sich aber nicht direkt am Flußbett. Ein Kanal zweigt vor der Oberen Mühle ab, führt an der Unteren Mühle vorbei und mündet danach wieder in den Kocher ein. Die Obere Mühle (Zimmermann) existiert heute nicht mehr. Die weiter in Richtung Unterkochen gelegene Untere Mühle ist dagegen noch vorhanden und voll funktionsfähig.</p>
<p>Die Untere Mühle (Scheerer) kann auf eine sehr alte Tradition zurückblicken. Ihre erste urkundliche Erwähnung reicht ins Jahr 1358 zurück, die dortigen Müller lassen sich bis ins Jahr 1390 zurückverfolgen. Die Besitzerfamilie wechselte jedoch häufig. 1862 kaufte Caspar Scheerer, der von Beruf Ziegler war, die Untere Mühle. Ihm gehörte die Ziegelhütte zwischen Oberkochen und Königsbronn. Dort hatten er und seine Vorfahren über 100 Jahre lang feuerfeste Ziegel und Backsteine gebrannt, die von besonderer Qualität waren. Sie fanden z.B. beim Ausmauern der Eisenbahnheizkessel Verwendung. Bevor 1865 die Bahnlinie von Aalen nach Heidenheim fertiggestellt worden war, transportierte Scheerer seine Produkte mit einem Pferdewagen zu seinen Kunden, zu denen z.B. die Maschinenfabrik in Esslingen zählte. Der Lehm konnte direkt bei der Ziegelhütte gewonnen werden. Die alten Lehmgruben sind heute noch erkennbar. Um 1860 scheint die Lehmqualität schlechter geworden zu sein. Deshalb sah sich Caspar Scheerer nach einem anderen Betätigungsfeld um. 1862 stand die Untere Mühle in Oberkochen zum Verkauf an. Dem Vorbesitzer, Josef Stadelmaier, hatte das Anwesen fast 40 Jahre lang gehört. Weil dieser in Geldschwierigkeiten geraten war, mußte er die Mühle verkaufen. Da Scheerers Sohn Georg den Beruf des Müllers erlernt hatte, lag es nahe, von der Ziegelei in eine Mühle überzuwechseln. 1877 ließ Scheerer die alte Mühle abreißen und an gleicher Stelle eine neue bauen. Die zuvor vorhandenen vier kleinen Wasserräder ersetzte er durch ein großes, das eine Breite von 2,5 Metern und ein Gefälle von 3,5 Metern aufweist. Die Kraft des Wassers wird über verschiedene Zahnräder und Gestänge auf die Mühlsteine, die heute durch Walzenstühle ersetzt sind, übertragen. Im untersten Stockwerk der Mühle stehen große Säcke, in denen die einzelnen Mahlprodukte, vom Mehl bis zum »Dreck«, aufgefangen werden. 1885 verkaufte Scheerer die Ziegelhütte an Georg Widmann, dessen Nachfahren noch heute das inzwischen vergrößerte und modernisierte Anwesen betreiben.</p></div>
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				<span class="et_pb_image_wrap "><img loading="lazy" decoding="async" width="719" height="517" src="https://oberkochen-heimatverein.de/wp-content/uploads/hm-buch-s109.jpg" alt="Oberkochen" class="wp-image-11710"></span>
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				<div class="et_pb_text_inner"><p>Die Untere Mühle befindet sich damit seit mehreren Generationen und seit fast 125 Jahren im Besitz der Familie Scheerer. Nach dem Käufer der Mühle, Caspar Scheerer, hielten zuerst dessen Sohn Georg, danach dessen Enkel Caspar und schließlich dessen Urenkel Hans Scheerer die Müllereitradition aufrecht. Die einzelnen Bauernfamilien mahlten früher drei- bis viermal im Jahr. Für einen bestimmten Tag »bestellten« sie die Mühle vor. Wenn das vereinbarte Datum gekommen war, transportierten sie mit Schubkarren, Kuhwagen, oder was immer sie sonst zur Verfügung hatten, ihr gedroschenes Getreide zur Mühle. Je nach Familiengröße handelte es sich jeweils um zwei bis fünf Sack, wobei ein Sack etwa 75 Kilogramm wog. Nach der Ernte bis in die Weihnachtszeit und von Neujahr bis Ostern und oft noch darüber hinaus lief die Mühle ununterbrochen. Viele Leute mußten sogar in der Nacht kommen, um ihr Getreide mahlen zu können. Erst in den Wochen vor der nächsten Ernte wurde der Andrang schwächer.</p>
<p>Es war üblich, selbst zu mahlen oder zumindest kräftig mitzuhelfen. Wer die Mühle benützte, mußte einen »Mahllohn« entrichten. Es gab verschiedene Formen der Bezahlung. Bargeld sah der Müller am liebsten, doch eben das hatten die meisten seiner Kunden am wenigsten. So wurde der Müller meist in Naturalien entlohnt, oder er behielt ca. 5% des Getreides als Mahllohn ein. Etwa weitere 5% des Getreides sind übrigens »verstaubt« oder »verdunstet«.</p>
<h2>Dinkelanbau</h2>
<p>Der Dinkel trägt verschiedene Namen. Je nach Verarbeitungszustand wird er als »Kernen« oder »Korn« bezeichnet, manchmal heißt er auch »Vesen« oder »Spelz«. Über viele Jahrhunderte hinweg war er in Gegenden mit rauherem Klima (z.B. auf der Schwäbischen Alb) das dominierende Getreide. Ortsnamen wie Dinkelsbühl« (Erhebung, auf der Dinkel angebaut wird), in dessen Stadtwappen drei Dinkelähren zu sehen sind, oder Dinkelshausen unterstreichen die große Bedeutung dieser Getreideart. Die Vormachtstellung des Dinkels begann nach dem Ersten Weltkrieg abzubröckeln. Er wurde vom Weizen verdrängt.</p>
<p>Der Dinkel war früher schon deshalb in unserer Gegend konkurrenzlos, weil er von Natur aus besonders wetterhart ist. Beim Weizen bedurfte es langer Züchtungsversuche, bis er in unserem Klima gedeihen konnte und nicht mehr »verfror« bzw. »auswinterte«. Durch weitere Züchtungen stieg der Ertrag des Weizens stark an. Beim Dinkel, der mit dem Weizen verwandt ist, gelangen solche Züchtungserfolge nicht. Weder Kreuzungs- noch Veredelungsversuche zeigten zufriedenstellende Resultate. So ließ ab dem Ersten Weltkrieg der Weizen den Dinkel ertragsmäßig weit hinter sich, und er gedieh auch in rauherem Klima. Als sich das gezeigt hatte, übernahm der Weizen bald die führende Position. Der Dinkel konnte sich nur in ganz wenigen Gegenden halten, deren Klima auch für den weitergezüchteten Weizen noch ungeeignet war. Um so bemerkenswerter ist es deshalb, daß der Dinkel in den letzten Jahren in Oberkochen wieder angebaut wurde. Der Grund ist jedoch klar. Dinkel gilt auch heute noch als sehr gesund. In diesem Punkt übertrifft er den wirtschaftlich deutlich überlegenen Weizen. Dinkel soll sich positiv auf das allgemeine Wohlbefinden auswirken und die menschlichen Widerstandskräfte erhöhen. Schon in kleinen aber regelmäßigen Mengen kann er gute Wirkungen haben und bei Verdauungsproblemen oder Nierenbeschwerden helfen.</p></div>
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				<div class="et_pb_text_inner"><p>Doch bevor man den Dinkel essen kann, muß er gemahlen werden. Es ist kein einfacher Vorgang, aus dem geernteten und gedroschenen Dinkel das Mehl herzustellen, denn vor dem Mahlen steht das »Dinkelgerben«. Die Kronen des gedroschenen Dinkelkorns sind von Spelzen umschlossen. Deren Beseitigung bezeichnet der Fachmann als »Gerben«. Außerdem wird der Dinkel noch »geputzt«. Das Gerben geschieht maschinell, mußte im letzten Jahrhundert aber noch von Hand vorgenommen werden. Im Prinzip wird dabei der Dinkel so lange hin und her gerüttelt, bis Spelzen und Staub abgefallen und entfernt sind. In der Unteren Mühle ist heute noch eine Gerbmaschine aus dem Jahre 1907 in Betrieb. Nach dem ersten Durchgang durch diese Maschine gelangt der Dinkel in einen sechskantigen Staubzylinder, in welchem er vom groben Staub befreit wird. Danach läuft er wieder in die Gerbmaschine zurück. Dort werden die noch verbliebenen Spelzreste entfernt. Der Dinkel passiert anschließend weitere Maschinen, bis er vollständig gereinigt ist.</p>
<p>Nach dem Gerben folgt das Mahlen des Dinkels. Nach einem ersten Mahlvorgang läuft der Dinkel über den sogenannten »Plansichter«. Dort wird »das herausgesiebt, was noch kein Mehl ist« und läuft in die Walzenstühle zurück. Dieser Vorgang wiederholt sich so lange, bis alles gemahlen ist.</p>
<p>Als der Dinkel in unserer Gegend noch die wichtigste Getreideart war, gab es viele Dinkelrezepte. Natürlich wurde das Brot aus Dinkel gebacken. Dieses Getreide diente aber auch als Grundlage verschiedener anderer Speisen. Erinnert sei nur an die diversen Dinkelsuppen und an den »Häbernenbrei«. Dieser Brei besteht aus Dinkelschrot, der mit Milch gekocht wird. Der »Häbernenbrei« ist dem Grießbrei ähnlich und war als kräftiges Frühstück beliebt. Die Hausfrauen rundeten seinen Geschmack gerne mit etwas Zucker bzw. Honig und Zimt ab.</p>
<h3><em><strong>Literaturhinweise</strong></em></h3>
<p>Schrenk, Christhard: Alt-Oberkochen. Erzählungen und Berichte aus Oberkochens Vergangenheit. Oberkochen 1984, S. 52–57.<br>Schrenk, Christhard: Die Untere Mühle zu Oberkochen, In Ostalb/Einhorn 46 (Juni 1985), S. 140–152.<br>Beschreibung des Oberamtes Aalen. Stuttgart 1854.</p>
<h3><strong><em>Quellenhinweis</em></strong></h3>
<p>Mühlenbuch von 1751. Aufbewahrungsort: Untere Mühle Oberkochen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p style="text-align: right;"><strong><em>Christhard Schrenk</em></strong></p></div>
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				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Historische Köhlereien auf Oberkochener Gemarkung</h2>
<h3>Geschichte der Köhlerei in Oberkochen</h3>
<p>Die Wälder Oberkochens waren in Kloster- und Ellwangerwald eingeteilt. Die Köhler wurden als »Accordanten« bezeichnet, d.h. sie stellten die Holzkohle im Einvernehmen mit den Waldbesitzern und in deren Auftrag her als deren Angestellte. Die Köhler mußten dafür die Holzkohle an die Waldbesitzer zurückgeben, welche sie entlohnten. Anhand des verbrauchten Holzes (meist Hartholz) konnte man mehr oder minder die Menge der zu erwartenden Kohle ermessen. Die Kohle wurde auf Eselswegen, eine andere Transportmöglichkeit war nicht möglich, ins Tal geschafft und gelangte von dort zu den Hüttenwerken in Königsbronn und Wasseralfingen, später zum Hochofen in Oberkochen selbst. Fliegende Köhlereien gab es bis 1790, danach wurde auf festen Kohlplatten gebrannt. Von 1770–1790 war eine Blütezeit der Köhlerei, da es in unserer Gegend reichlich Eisenerzvorkommen gab, jedoch keine andere Möglichkeit der Verhüttung außer mit Holzkohle bestand. Während dieser Blütezeit wurden alle großen Bäume gefällt, so daß nach einigen Jahren kein passendes Holz zum Verkohlen mehr da war. Die Folge davon war Mangel an Brennmaterial für Haus- und Industriebedarf. Dies führte zur Einführung der geregelten Forstwirtschaft in Oberkochen. Um 1806 wurden die Wälder Oberkochens wieder aufgeforstet, es gibt Waldaufnahmen von 1812. Bis 1820 gab es in den Wäldern noch Waldviehweiden. Von 1825 — 1830 war eine erneute Blüte der Köhlerei; es wurden feste Kohlplatten angelegt, zu denen das Holz hintransportiert werden mußte. Um 1865 ging der Holzkohleverbrauch schlagartig zurück, da sehr viel Kohle mit der Eisenbahn herangebracht wurde. Im Zweiten Weltkrieg wurden die Köhlereien als Rüstungsbetriebe gekennzeichnet und hatten eine kurze Blütezeit. Die letzten Köhlereien Oberkochens brachen um 1960 zusammen.</p>
<p style="text-align: right;"><strong><em>Ulrich Feil</em></strong></p>
<h2>&nbsp;</h2>
<h2>Die Arbeit des Köhlers</h2>
<p>Kohlplatten finden sich grundsätzlich im Wald, zum einen wegen des kurzen Transportweges für das benötigte Eichen- und Buchenholz, zum anderen, weil Bäume einen ausgezeichneten Windfang darstellen, denn Wind bewirkt eine ungleichmäßige Verbrennung des Holzes und schmälert so die Erträge.</p>
<p>Vor der Errichtung des Meilers wird eine kreisrunde, ebene, Schlaue genannte Vertiefung ausgehoben, die in der Mitte 20 cm erhöht ist, damit das Wasser ungehindert abfließen kann. Nunmehr werden senkrecht auf der Mitte ein Meter lange Holzprügel und ‑scheite in zwei Etagen aufgerichtet und mit einer zugleich feuerfesten und regenundurchlässigen Decke versehen. Man unterscheidet zwischen dem Rauhdach, das sich aus Gras, Laub, Moos, Farn und Zweigen zusammensetzt, und dem Erddach aus Erde und Kohlenklein. Die Errichtung eines solchen Meilers nimmt im allgemeinen zwei bis drei Tage in Anspruch; es werden 25 bis 28 Raummeter Holz benötigt, dessen Verkohlung nach vier bis fünf Tagen abgeschlossen ist. Eine kleinere Köhlerei bringt es auf zehn bis zwölf Meiler pro Saison.</p>
<p>Jeder Meiler wird an der Spitze angezündet und brennt von dort aus kegelförmig zum Boden und nach außen hin ab. Es tritt zunächst weißer, dann gelblicher, stechender, wieder weißer und schließlich blauer, kohlenoxydhaltiger Rauch aus, der, so er am Boden austritt, das Ende der Verkohlung anzeigt. Dann wird der Meiler mit Störhaken auseinandergezogen und womöglich mit Wasser besprengt, damit die Holzkohle abkühlen kann.</p>
<p>Da zur Verbrennung des Holzes ausschließlich der Luftsauerstoff genutzt wird, ist es verständlich, daß Witterungsfaktoren für die Ausbeute eine bedeutende Rolle spielen. So ist heißes Wetter wie Regen der Verkohlung förderlich, zu starke Belüftung des Meilers aber mindert, wie schon erwähnt, den Ertrag und zwingt den Köhler dazu, vorsorglich das Dach des Meilers gut festzutreten. Um einer Erhitzung des Meilers auf mehr als 300 bis 400 Grad oder gar einem Brand vorzubeugen, muß alle drei Stunden, auch nachts, Holz nachgefüllt (»Wenn mer gut’ Nacht secht, isch nix drin.«) und bei Bedarf die Luftzufuhr über Luftlöcher oder eine Verstärkung des Erdmantels reguliert werden. Daß dem Köhler Sachkenntnis und Geschick im Umgang mit dem Meiler abverlangt werden, beweist die Tatsache, daß selbst bei bestem Wetter und gutem Zustand des Meilers die Wahl der falschen Holz- und Verkohlungsart und Fehleinschätzungen der Verkohlungsdauer die Ausbeute schon empfindlich geschmälert haben.</p>
<p>Als Endprodukt des Verkohlungsprozesses, sehen wir von entstandenen Gasen und Dämpfen mit Methan‑, Fettsäuren- und Teergehalt einmal ab, besitzt Holzkohle die doppelte Brennkraft von Holz. Abnehmer dieses Brennstoffs sind Hüttenwerke, Gießereien und nicht zuletzt die zahlreichen Freunde des Barbecue. Um neben der fabrikmäßigen Produktion von Holzkohle und der Konkurrenz aus dem südeuropäischen Ausland überhaupt bestehen zu können, müssen die hiesigen Köhler den Sack Kohle weit unter dem Wert der zu ihrer Herstellung verrichteten Arbeit verkaufen, was die Rentabilität von Kohlplatten stark mindert und die Betreiber langfristig zu ihrer Aufgabe zwingen dürfte.</p>
<p style="text-align: right;"><strong><em>Axel Kämmerer</em></strong></p>
<h2>&nbsp;</h2>
<h2>Neue Erkenntnisse zum Köhlereiwesen auf Oberkochener Gemarkung</h2>
<p>Wer schon einmal die Köhlereien bei Rotensohl (Großkuchen) besucht hat, wird bestätigen, daß man sich angesichts der rauchenden Meiler im tiefen Wald um Jahrhunderte zurückversetzt fühlt — bald wird dieses Idyll durch die unweit des modernen Märchens vorbeiführende Autobahn etwas getrübt sein. Der Geschichte dieses »Märchens« versuchte eine Schülergruppe anläßlich der Projekttage 1983, die kurz vor den Sommerferien am Gymnasium Oberkochen durchgeführt wurden, nachzugehen.</p>
<p>Im Jahr 1962, kurz nachdem ich nach Oberkochen gekommen war, hatte ich die Kohlplatten hinter dem Spitzigen Fels auf dem Weg nach Ebnat besucht. (Der Betrieb auf dieser sogen. Heiterschen Kohlplatte wurde wenig später eingestellt und die beiden Blockhütten für die Köhler, die wie kleine Hexenhäuschen im Wald standen, leider abgerissen.) Zwei Jahre später besuchte ich die Kohlplatten bei Rotensohl, die als einzige Köhlereien in Südwürttemberg (angeblich soll es nur noch vier oder fünf Köhlereien in ganz Deutschland geben) seit 170 Jahren bis auf den heutigen Tag betrieben werden. Dann stieß ich auf Berichte über das Oberkochener Hafnergewerbe und später auf die heute noch sichtbaren Spuren einer um 1650 abgebrochenen Hochofenanlage bei der Kocherquelle.</p>
<p>Dies alles brachte mich auf den Gedanken, daß aus der Zeit der Holzkohleproduktion um Oberkochen mit Sicherheit noch zahlreiche alte, teils uralte Kohlplatten auffindbar sein müßten, was aber im Alleingang fast undurchführbar schien. So schlug ich im Rahmen der Projekttage 1983 ein heimatkundliches Projekt (Aufspüren von Kohlplatten auf Oberkochener Gemarkung) vor. Im Programmbeschrieb, den ich im Februar vorgelegt hatte, roch es nach »lauf«, »schwitz« und Arbeit, so daß sich nur fünf Schüler, allerdings sehr zuverlässige, in die Teilnehmerliste für dieses Projekt eintrugen. Dies waren Markus Weiß, Andrea Winter, Axel Kämmerer, Barbara Leitz und Ulrich Feil.</p>
<p>Die Vorbereitungen liefen schon vor den eigentlichen Projekttagen an. Die Schüler holten Informationen bei FDir Schurr vom Staatl. Forstamt ein, wälzten dort alte Akten und Flurkarten, wobei sie herausfanden, daß eine ganze Reihe von Walddistriktbezeichnungen auf Oberkochener Gemarkung und dicht dabei auf Köhlereien hinwiesen, wie z.B. Kohlhau, Fuchskohlplatte, Brandplatte, Brennhölzle, Kohlhaubilz, Schwarzweiler Weg, Kohlteich, Singenkohlplatt. Ihnen wurden auch Abrechnungen über Holzkohleverkauf vorgelegt, die mit altehrwürdigem Staub versehen, fast eineinhalb Jahrhunderte ungeöffnet aufbewahrt worden waren. Aus diesen ging hervor, wann in welchem Bezirk gebrannt wurde. Allerdings war keine genaue Lokalisierung der Kohlplatten möglich. Jedenfalls wurde immerhin klar, daß der entscheidende Schlag zur Aufgabe der Köhlereien die Errichtung der Eisenbahnlinie in der Kocher-Brenz-Achse um 1865 war. Ab da konnte bessere Kohle per Bahn beigebracht werden. Somit war schon vorher erkennbar, daß unsere zu entdeckenden Objekte teilweise mit über 100 Jahre alten Bäumen bestanden und deshalb schwer auffindbar sein würden. Hier halfen Hinweise und die phantastischen Geländekenntnisse von Realgenossenschaftsmitglied Anton Balle und FDir Schurr weiter, die den Schülern in mehreren Etappen Angaben zur Position von ihnen bekannten Kohlplatten machten, so daß wir bereits zu Beginn der Projekttage eine Karte mit vielen Kreuzchen vorliegen hatten.</p>
<p>Für unser Unternehmen waren zwei volle Tage angesetzt. Wir beschlossen, am ersten Tag die Härtsfeldseite zu durchkämmen. FDir Schurr gab uns persönlich wertvolle Einstiegshilfen. Mit Sicherheit hätten wir ohne ihn unsere erste Kohlplatte am Fuß des Wollenbergs nur unter größten Schwierigkeiten gefunden, da sie total eingewachsen ist. Anders verhielt es sich mit den Kohlplatten im Auffüllgebiet »Wanne«. Sie lassen sich trotz 100jährigem Buchenbewuchs deutlich im Gelände ablesen, wenn man weiß, wie man schauen muß. Hier sind die Kohlplatten in hängigem Gelände stufig eingeschnitten, bergseits ausgehoben und talseits angeböscht. In der »Wanne« sind 3 Kohlplatten stufig übereinander angelegt. Eine vierte ist unter Umständen durch Wegbau zerstört. Da dieses große zusammenhängende Kohlplattensystem noch in diesem Jahr zugeschüttet werden sollte (eigentlich schade darum), haben wir es vermessen und aufgezeichnet. Abbildung: Zeichnung »Rekonstruktionszeichnung der Zentral-Köhlerei »Wanne«.</p>
<p>Herr Schurr erklärte uns hier den Unterschied zwischen den älteren, meist nur aus einer Platte bestehenden Köhlereien, die als »fliegende« Kohlplatten dem Holzeinschlag nach errichtet wurden, und den jüngeren, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstandenen Zentralköhlereien, zu denen das Holz vom weiteren Umkreis hergeführt wurde. Für den Transport wurden vorwiegend Esel verwendet (»Eselwege«, z.B. über das Stefansweiler Feld zum Zwerenberg).</p>
<p>Bei allen Kohlplatten, die wir im Lauf der beiden Tage aufsuchten oder entdeckten (27 an der Zahl, davon 20 auf Oberkochener Gemarkung — Abbildung Karte), führten wir oberflächige Bodenschürfungen durch und stießen fast überall ziemlich schnell und in geringer Tiefe auf schwarze Erde und Holzkohlereste. Dies war für uns der Beweis, daß wir auch wirklich eine Kohlplatte gefunden hatten. Die Holzkohleproben wurden fein säuberlich abgepackt und mit unserer Arbeitsnummer der betr. Kohlplatte versehen. Über die Sommerferien ließen wir die Kohleproben austrocknen. Später sollen sie nach Möglichkeit von einem Fachmann auf Holzart und Alter bestimmt werden. Daß vorwiegend Harthölzer wie Eiche und Buche zur Verkohlung verwendet wurden, ist bekannt, und daß die Platten, die wir aufsuchten, bis zu oder mehr als 200 Jahre alt sein können, läßt sich vermuten, desgleichen, daß es noch wesentlich ältere gibt.</p></div>
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				<span class="et_pb_image_wrap "><img loading="lazy" decoding="async" width="731" height="798" src="https://oberkochen-heimatverein.de/wp-content/uploads/hm-buch-s117.jpg" alt="Oberkochen" class="wp-image-11712"></span>
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				<div class="et_pb_text_inner"><p>Ein Blick auf die Karte zeigt, daß sich die von uns aufgesuchten Kohlplatten vorwiegend in Hanglage befinden. Das kann damit zusammenhängen, daß das Holz besser die Hänge herab als in der Ebene zu befördern war; es kann aber, und das ist wahrscheinlicher, ganz einfach damit zusammenhängen, daß die Kohlplatten in hängigem Gelände leichter zu entdecken sind, weil sich die Einkerbungen und Aufböschungen, die im Hang zur Anlage von Kohlplatten notwendig waren, lange Zeit erhalten und somit sichtbare Hinweise sind, wogegen Kohlplatten in flachem Gelände kaum auffallen. Deshalb steht zu vermuten, daß die Zahl der Kohlplatten auf unserer Gemarkung wesentlich größer ist, als bisher nachgewiesen.</p></div>
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				<span class="et_pb_image_wrap "><img loading="lazy" decoding="async" width="776" height="845" src="https://oberkochen-heimatverein.de/wp-content/uploads/hm-buch-s118.jpg" alt="Oberkochen" class="wp-image-11713"></span>
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				<div class="et_pb_text_inner"><p>Die Dokumentation zu unserem Projekt im Zeichensaal des Gymnasiums fand ein sehr gutes Echo. Wir hatten eine Karte mit exakten Lokalisierungen aufgehängt, die Kohlplatten einzeln beschrieben, die entsprechenden Kohleproben ausgestellt und einen kleinen Meiler aufgebaut. Verschiedentlich wurden wir ermuntert, das Projekt weiterzuführen. Dies wird mit Hilfe des Staatl. Forstamts und der Realgenossenschaft und vielleicht mit Hilfe aufmerksamer Wanderer geschehen.</p>
<p>Im Kirchenbuch der kt. Pfarrgemeinde St. Peter und Paul fand ich 1971, — damals aus anderen Gründen auf den Spuren der Oberkochener Geschichte, heraus, daß allein in der »Bilz«, wo sich Köhlerfamilien seßhaft gemacht hatten, im Verlauf von ca. 30 Jahren (zwischen 1702 und 1737) einige ‑zig Kinder auf die Welt gekommen sind.</p>
<p>Die Eintragungen sind, je nach Lust und Laune, aber auch Ortskenntnis der Pfarrer, recht verschieden, — lateinisch, französisch, deutsch, — und dies alles in verschiedenen Schreibweisen, vorgenommen.</p>
<p>Zusätzliche Ortsbezeichnungen dieser Art finden sich in den evangelischen Kirchenbüchern selten. (Siehe Bericht »Namensgeschichte« Kuno Gold). Neue Forschungen in der Bilz siehe BuG 1989 Nrn. 29, 31, 34, 35, 36, 37, 38, 40 und BuG 1990 Nrn. 23 und 51.</p>
<p style="text-align: right;"><strong><em>Dietrich Bantel</em></strong></p></div>
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				<span class="et_pb_image_wrap "><img loading="lazy" decoding="async" width="740" height="948" src="https://oberkochen-heimatverein.de/wp-content/uploads/hm-buch-s119.jpg" alt="Oberkochen" class="wp-image-11714"></span>
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				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Hafner</h2>
<p>Vorbemerkung:</p>
<p>Der nachfolgende Artikel wurde um 1939 von Oberlehrer Alfons Mager verfaßt. Damals war das Hafnerwesen noch fest im Bewußtsein aller Oberkochener verankert, obwohl nur noch zwei Meister ihr kreatives Handwerk ausübten. Auch in den 60er Jahren war die Tradition des altehrwürdigen Hafnerhandwerks in Oberkochen noch nicht abgerissen.</p>
<p>Heute im Jahr 1993, — also fast ein halbes Jahrhundert, nachdem dieser Beitrag von A. Mager geschrieben wurde, übt noch ein Nachfahre dieser großen Zunft das Hafnerhandwerk als nebenberufliches Hobby und vor allem aus Freude am Gestalten aus. Es wäre schön für unsere Stadt, wenn das so bliebe.</p>
<h3>Geschichte der Hafnerei</h3>
<p>Seit dem Beginn des 18. Jahrhunderts ist das Hafnergewerbe in Oberkochen bekannt. Es konnte gedeihen, weil in der Umgebung Tonerde gewonnen wurde.</p>
<p>In Württemberg wurde die Töpferei wohl am ausgedehntesten auch in Neuenhaus (auch »Häfner-Neuhausen« genannt) im Oberamt Nürtingen betrieben, in kleinerem Maßstab in Alfdorf, Münsingen und Schelklingen.</p>
<p>Anfänglich war das Hafnergewerbe hauptsächlich in den Familien Fischer (Herrgottshäfner) und Hug (unterer Hug) zu Hause. Später ging sie auf die Familien Johannes Hug, August Hug, August Fischer, Anton Fischer, Johannes Gold, Konrad Sapper im Katzenbach, Josef Schaupp, Anton Gold (Goldenbauer), Johannes Wingert, Johannes Müller, Johannes Beißwanger, Josef Minder und Karl Feil an der Hauptstraße, Michael Fischer, Franz Gold, Anton Gold in der Jägergasse und Johannes Elmer beim Friedhof über. In Königsbronn waren in diesem Gewerbe die Namen Eberle, König und Schuhmacher vertreten. Ein Original in seinem Berufe war der in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts lebende Hafnermeister Bosenhard in Königsbronn. Um das Jahr 1840 sollen in Oberkochen 30 Hafner tätig gewesen sein. Ihre Tonerde bezogen sie bis etwa 1860 zu einem guten Teil aus den Zahnberger Gruben. Dort wurden im Jahre 1844 bei Staatsgrabungen drei Bergleute aus Oberkochen und Ochsenberg verschüttet. Die Leichen konnten nicht geborgen werden, weil immer neue Erde nachrutschte. Das tragische Geschehen hatte für die Unbeteiligten jedoch auch eine heitere Seite. Es ist der Schmerzensausbruch der Mutter einer der verunglückten Männer überliefert. Diese soll bei der Meldung der Trauernachricht ausgerufen haben: »Wenn mei Soh no seine neue Stiefel und sei Uhr net aghet hätt, wärs net so arg!«</p>
<p>Mitte der 70er Jahre des 19. Jahrhunderts wurde der tüchtige Erdgräber und Hafnereiarbeiter Raiser von Oberkochen in einem Schacht auf dem Zahnberg in zehn Metern Tiefe verschüttet. Der Schacht sollte abgebaut und das Grubenholz herausgeschafft werden. Er war an einem Seil hinabgelassen worden und wollte eben die Baustangen herausnehmen, als die Wände zusammenstürtzten. Erst nach acht Stunden konnte er in völlig erschöpftem Zustand, mit dem Todesschweiß auf der Stirn, aus seiner schrecklichen Lage befreit werden. Er wurde mit einem Fuhrwerk in den Ort gebracht und erholte sich bald wieder. Raiser hatte (nacheinander) drei Frauen und 42 Kinder, darunter nur einen Sohn, der nach Amerika auswanderte. Die alten Tongruben befinden sich rechts vom Wege nach dem Zahnberghof und sind jetzt unbenützt. Die Mulde, ungefähr einen Morgen groß, ist noch deutlich zu erkennen.</p></div>
			</div><div class="et_pb_module et_pb_image et_pb_image_42 bild-container">
				
				
				
				
				<span class="et_pb_image_wrap "><img loading="lazy" decoding="async" width="708" height="491" src="https://oberkochen-heimatverein.de/wp-content/uploads/hm-buch-s121.jpg" alt="Oberkochen" class="wp-image-11715"></span>
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				<div class="et_pb_text_inner"><p>Um das Hafnergewerbe in Oberkochen zu heben und feineres und verziertes Geschirr zu erzielen, wurden in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts von mehreren Seiten fördernde Schritte unternommen. Ministerialrat Steinbeis, Vorstand der Zentralstelle für Gewerbe und Handel, und die damaligen Zeichenlehrer Kolb in Stuttgart und Mager (Vater von Alfons Mager, dem Verfasser) in Gmünd gaben die Anregung, in Oberkochen eine Zeichenschule zu gründen. Durch diese sollten in erster Linie die Hafnerlehrlinge eine bessere Ausbildung erhalten. Mit Unterstützung von Schultheiß Wingert und des evangelischen Pfarrers Lechler, die sich der Sache kräftig annahmen, wurde hier alsbald eine Zeichenschule errichtet. Sie bestand ab 1879, wurde von Lehrer Gutmann geleitet und von über 50 Schülern, darunter 15 Hafnerlehrlinge, besucht. Bei der Landes-Gewerbeausstellung 1881 in Stuttgart wurde der Schule und ihrem Leiter für die ausgelegten Zeichnungen und Geschirre eine öffentliche Belobung erteilt. Wohl wurden später Versuche zur Anfertigung von Tafelgeschirr, Figuren und künstlerischen Vasen gemacht. Der Ton aber erwies sich für feinere Waren als untauglich, und er konnte trotz schönster Glasur und aller Farben dem Porzellan nicht standhalten. Er war eben nur für Kochgeschirr verwendbar.</p>
<p>Schon in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts war im Hafnergewerbe vorübergehend eine Krise eingetreten. Diese behob sich wieder, als damals von ärztlicher Seite darauf hingewiesen wurde, daß verdorbenes Emaillegeschirr gesundheitsschädlich wirke und der abgesprungene Glasschmelz Blinddarmentzündung hervorrufe. Bei Operationen seien in dem kranken Wurmfortsatz als häufigste Entzündungsursache kleine, von Kochtöpfen abgesprungene Emaillesplitter festgestellt worden. Diese Ansicht war damals sehr verbreitet.</p>
<p>Bis zum Ersten Weltkrieg hatten die Hafner meist genügend Aufträge und Arbeit. Trotzdem gaben viele ihr Handwerk auf und ergriffen einträglichere Tätigkeiten. Während des Ersten Weltkrieges erlebte das Hafnergewerbe eine letzte Blüte. Die Hafner konnten in diesen Jahren die Nachfrage nach Geschirr kaum befriedigen, sie wurden gut bezahlt und kamen wirtschaftlich sogar nochmals empor. Die Ursachen des darauffolgenden neuerlichen Rückgangs lagen in den schlechten Zeit- und Geldverhältnissen. Die Nachfrage und der Absatz von Tongeschirren wurden immer schwächer. Die noch ausstehenden Guthaben der Hafner gingen sehr langsam oder gar nicht ein, und im Einkauf des Töpfergeschirrs hielten sich die Zeitgenossen immer mehr zurück. Die Glasur und das Holz waren im Verhältnis zum Verdienst sehr teuer und die Arbeitskräfte kaum zu bezahlen. Der Hauptgewinn an den Töpferwaren fiel den Händlern zu, obwohl diese außer der Fracht und bei größeren Töpfen außer dem Blech- und Drahtbelag keine besonderen Auslagen hatten. In den Haushaltungen waren die Email‑, Eisen- und Aluminiumgeschirre, Metallkasserollen, Steingut- und Porzellangefäße immer mehr in Gebrauch gekommen und hatten irdenes Geschirr zurückgedrängt. Dieses konnte mit dem in den Fabriken als Massenartikel hergestellten Auftrags- und Tafelgeschirr nicht mehr konkurrieren. Das Kochen auf Gasherden und in Metalltöpfen hat nach dem Ersten Weltkrieg in den Städten den Vorzug erhalten, um Zeit und Holz zu sparen und die Wohnungen sauber zu halten. Doch ist erwiesen, daß die Speisen in irdenen Geschirren einen feineren Geschmack haben, besser gar gekocht werden und ihre Nährkraft mehr ausgewertet wird. Von vielen Feinschmeckern ist bekannt, daß sie zum Kochen nur irdene Kasserollen benützen lassen.</p>
<p>Die um 1870 gegründete Oberkochener Hafnergenossenschaft umfaßte auch die Fachgenossen von Königsbronn, Heidenheim und Mergelstetten. 1900 zählte sie insgesamt 30 Mitglieder, davon 21 aus Oberkochen. Im Jahre 1910 war die Zahl der ortsansässigen Hafner auf 17 zurückgegangen:</p>
<p>Wingert, Josef; Heidenheimer Str. 64<br>Müller, Johannes; Hasengäßle 5<br>Wingert, Josef; Heidenheimer Str. 54<br>Fischer, Karl (Napoleon); Heidenheimer Str. 28<br>Fischer, Josef (Herrgottshäfner); Heidenheimer Str. 12<br>Gold, Johannes; Katzenbachstr. 9<br>Fischer, Franz; Schulstraße 2<br>Hug, Johannes; Schreinergäßle 2<br>Hug, Anton; Katzenbachstr. 21<br>Fischer, Paul; Katzenbachstr. 29<br>Fischer, Josef; Katzenbachstr. 31<br>Sapper, Konrad; Katzenbachstr. 28<br>Schaupp, Josef; Kronengäßle 2<br>Hug, Anton; Aalener Str. 18<br>Fischer, Michael; Dreißentalstr. 6<br>Gold, Franz; Jägergäßle 3<br>Gold, Anton; Jägergäßle 7</p>
<p>1927 wies die Hafnergenossenschaft noch 16 Mitglieder auf, davon neun von Oberkochen. 1939 gab es lediglich noch zwei Hafner in Oberkochen, die aber fast nur noch den Winter über in ihrem Handwerk tätig waren.</p>
<h3>Rohmaterial der Hafner</h3>
<p>Das Rohmaterial der Hafner ist die weiße, feuerfeste Tonerde, die bei Zahnberg, Gde. Königsbronn, gegraben wird. Tonerde kommt auch aus Rotensohl, Gde. Großkuchen und aus dem Staatswald »Brandelhäuser«, auch Schneckenburren genannt. Dort durften früher nur die Schnaitheimer und Heidenheimer, nicht jedoch die Oberkochener und Königsbronner Hafner nach Tonerde graben. Ähnliche Einschränkungen galten für den Taxisschen Wald »Hahnengarten«, Rev. Nietheim, in dem früher nur Ebnater unentgeltlich den Ton holen durften. Sie beriefen sich hierbei auf eine vom Jahr 1763 stammende Urkunde des Klosters Neresheim. Im 20. Jahrhundert war es der Oberkochener Hafnergesellschaft erlaubt, im »Hahnengarten« Probelöcher und Bohrversuche zu machen.</p>
<p>Die Forstämter bereiteten den Hafnern beim Tonerdegraben öfters Schwierigkeiten in Hinblick auf die Schonung des Waldes. Aus den bevorzugten Gruben des Brandelhäuser Waldes, die zum Forstrevier Oberkochen gehörten, wurde früher öfters des Nachts heimlicherweise Tonerde »geholt« und dann in Säcken beim Morgengrauen nach Hause gebracht.</p>
<p>Auf Oberkochener Gemarkung findet sich roter Lettenboden im Staatswald »Zellerhau«, ferner guter Lehm im Markungsteil »Birkach«, neben dem Seegartenhof und im vorderen Tiefental (wo noch bis in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts gegraben wurde), ebenso auf den Seewiesen bei Königsbronn. Letztere Gruben sind weniger ergiebig. Auf dem unteren Zahnberg wird nur noch Ziegelerde, die ziemlich viel Sand enthält, für feuerfeste Steine (Chamotten) gegraben, durch die Dampfziegelei Ludwig, Königsbronn. Der Zahnberg birgt Massen von Töpfererde, die für lange Zeiten ausreichen würden. Es fehlen aber die Geldmittel, um richtige Schächte zur Einfahrt zu graben und sie ans Tageslicht zu fördern.</p>
<p>Aus den bei der Turnhalle, im Zieglergarten und im Birkach gelegenen Lehmgruben bezog einst die bei der Leitzschen Fabrik befindliche Ziegelhütte ihren Lehm. Ein Wagen voll Töpferton (etwa 30 Zentner) kostet 15 Mark, dazu kommt noch der Fuhrlohn von elf Mark.</p>
<p>In den Lehmgruben befindet sich oben meist zuerst rote Erde, Letten oder Bühl genannt. Dann erst kommt die mit Eisen, Kalk und Kieselsäure gemischte blaue, gelbliche oder weiße Erde, der eigentliche Töpferton, das Rohmaterial der Hafner.</p>
<p>Die Glasur bekamen die Hafner zunächst als Bleierz in ganzen Stücken, später meist gestoßen und gemahlen und mit geringerem Bleigehalt. Der Doppelzentner Bleierz kommt auf 74 bis 78 Mark. Die alten Hafner hatten ihr Stückerz aus Spanien bezogen. Dann lieferten die Rheinlande den größten Teil hiervon. Allerdings ließen die Besatzungsmächte im Rheinland nach dem Ersten Weltkrieg den Versand des Stückerzes lange Zeit kaum mehr zu.</p>
<p>Mit guter Glasur tun sich die Hafner leichter. Mit schlechterem Material ist die Herstellung guten Geschirrs viel schwieriger; auch muß es mit mehr Hitzegraden gebrannt werden. Statt Bleierz wird auch das rote, pulverartige Blei-Menning verwendet, das meist in Schlesien auf chemischem Weg hergestellt wird. Dieses gibt wohl schöneren Glanz und lebhaftere Farbe, verträgt sich aber mit dem Ton nicht so gut wie das Erz, und es ist ziemlich teuer. Es hat aber den Vorteil giftfrei zu sein.</p>
<h3>Arbeit der Hafner</h3>
<p>Die Hafnerei ist ein schwer zu erlernendes und schmutziges, aber auch interessantes Handwerk. Es erinnert lebhaft an die gute, alte Zeit. Fremde, welche nach Oberkochen kommen und erstmals in eine Hafnerwerkstatt treten, schauen staunend auf die Arbeit des Meisters. Wie geht nun diese in einfachen Verhältnissen vor sich? Schon vor der Hafnerei bemerkt man Holzbeigen und eine Mulde mit Lehm und Ton. Mit diesem Material beginnen die Vorarbeiten: Erdschneiden, Walzen und Kneten. Der Ton wird mit der Schaufel durcheinandergeschafft und dann auf einem Holzklotz, dem »Hackstotzen« geschnitten. Der Ton wird zuerst mit der Tonwalze bearbeitet, Steine, Hartteile und sonstiges Beiwerk zerdrückt und das Ganze gut »verschafft«. Durch das Kneten wird der Ton weich und fein. So ist die Grundbedingung für Erzielung eines feinen Geschirrs gegeben. Dann wird die Masse zur letzten Vervollkommnung über den Tonmalasseur (Tonschneider) geführt. Der Hafner macht daraus große und kleine Ballen, »Kleäß« genannt, und legt sie auf die Bank oder auf ein Brett. Nun ist der Ton zum Formen bereit.</p></div>
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				<span class="et_pb_image_wrap "><img loading="lazy" decoding="async" width="713" height="1011" src="https://oberkochen-heimatverein.de/wp-content/uploads/hm-buch-s125.jpg" alt="Oberkochen" class="wp-image-11716"></span>
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				<div class="et_pb_text_inner"><p>In seinen schmierigen Hosen, den sog. »Bollenhosen«, sitzt der Töpfer vor der Drehscheibe und wirft einen »Kleäß« auf die Platte. Dann versetzt er diese mit den bloßen Füßen in immer schnellere Bewegung. Mit den Fingern bei dauernder Benetzung aus einem Wasserhafer drückt und formt er an dem Klumpen. Mit Staunen sieht man, wie dieser sich rundet und in die Höhe wächst. Bald erscheint deutlich die Öffnung und die Form des Hafens, zuletzt der Rand mit einem Kränzchen geziert und geritzt. Zum Abschneiden von der Scheibe wird ein Draht und zum Glätten innerhalb des Gefäßes ein Stück Filz benützt. Kaum hat man die kunstvolle Arbeit der Hand betrachtet, so sitzt ein neuer Batzen auf der Scheibe. Es ist eine Freude, dem emsigen Manne zuzusehen. Den in allen Größen, in schlanken und breiten Formen auf den Brettern stehenden »Häfen« werden die Schnäuzchen eingedrückt. Ein Teil erhält noch Henkel, die wie Würstchen geformt werden. Öfters wird hierzu eine Spritze benützt. Danach werden sie zum Trocknen an die Wärme gebracht; im Sommer ins Freie, im Winter an den Ofen. Auf den Gestellen und Brettern rings um den Ofen steht alles voll mit Tongeschirr.</p>
<p>Eine weitere Arbeit ist das Glasieren. Die Formen sind zunächst noch grau, glanzlos und durchlässig oder porös. Nun erhalten sie Glätte, Farbe und Verdichtung. Das Stückerz muß zuerst mit dem Mörser der Glasurmühle zu feinem Pulver zerstoßen und mit Tonsand und Wasser zu einem dünnen Brei vermischt werden. Von Natur aus ist die Glasur weiß; erst die Beimischungen erzeugen die gewünschten Farben. Braunstein und Eisenoxyd ergeben braune und rote Farbe, gewöhnliches Eisenerz und Antimonoxyd die gelbe, sowie Kupferoxyd und Chrom die grüne Farbe. Da Kobaltoxyd zu teuer ist, wird blaues Geschirr gar nicht oder ganz selten hergestellt. Mit den Formen in der einen Hand und dem Schöpflöffel in der anderen begießt der Hafner zuerst das Innere, schwenkt tüchtig herum, und dann wird die Außenseite glasiert. Oft werden die Geschirre auch in den Brei eingetaucht. Die Schüsseln müssen zuerst hell grundiert werden. Ist dann die »Bschütte« trocken, so kommt der zweite Aufguß. Die Tupfen werden mit einem Besen hineingespritzt. Die bläulich und dunkel aussehenden Formen werden jetzt im großen Brennofen gebrannt. Für einen Brand rechnet man je nach Beschaffenheit des Ofens und des Brennmaterials mit zwei bis drei Raummetern Holz. Das Weißglühen braucht mindestens 20 bis 24 Stunden, das Rotglühen 12 bis 15 Stunden. Damit die Hitze nicht hinauszieht, wird der Kamin halb geschlossen, besonders im Winter. Ein Ofen faßt je nach Größe 120 bis 180 »Würfe«* (Siehe Anmerkung am Schluß). Diese sorgfältig einzulegen und aufzubauen ist auch eine Kunst des Hafners. Durch das Brennen wird die Glasur geläutert und es entsteht Glanz, Härte und Haltbarkeit. Die Hitze im Ofen steigt über 1000 Grad. Erst nach ein bis zwei Tagen kann das Geschirr herausgenommen werden. Die glänzende Farbe der Scherben rührt hauptsächlich von den feuerbeständigen Metalloxyden her, deren Farbton beim Brennen und Schmelzen des Farbflusses hervortritt.</p>
<p>Nur durch jahrelange Übung und Fertigkeit kann beim Handbetrieb im Hafnergewerbe Ersprießliches geleistet werden. »Das Werk wird dann den Meister loben«. Eine Schülerin des 6. Schuljahres legte ihre Eindrücke »Beim Hafner« in folgendem hübschen Aufsätzchen nieder:</p>
<p>»Das schmutzigste Handwerk ist die Hafnerei. Den Ton dazu holt man in der Gegend von Ochsenberg. Kommt ein Wagen voll solcher Erde, so wird der größte Teil davon in eine Mulde gebracht und eingenetzt. Beim Abladen macht man die Schaufel naß, damit nichts anklebt. Die Erde wird zu einem dicken, zähen Teig geknetet, zu Ballen geformt und gewalzt. Dieser wird auf die Drehscheibe gebracht. Es macht mir Spaß, wie der Hafner in seinen Bollenhosen die Batzen hinwirft. Dann formt er kunstvoll mit der Hand allerlei Sachen, die nachher im Freien getrocknet werden. Sind alle trocken, werden sie mit Glasuren bemalt und dann nochmals getrocknet. Bald darauf kommt alles in den Brennofen, und so werden sie ungefähr einen Tag der größten Hitze ausgesetzt. Kommen die Sachen heraus, so spricht man von Tongeschirr. Im Winter ist es in der Hafnerei schön warm. Da kommt mancher alte Mann und manche alte Frau, um allerlei zu klatschen.«</p>
<p>Die aus dem weißen und roten Ton hier hergestellten feuerfesten Töpferwaren wandern unter dem Namen »Heidenheimer Kochgeschirr« in alle Welt. Die Bezeichnung »Heidenheimer Kochgeschirr« kommt daher, daß die Tongruben im Oberamt Heidenheim lagen und in Heidenheim und dem benachbarten Schnaitheim zuerst die Hafnerei in größerem Umfang betrieben wurde. In ganz Süddeutschland, in die Schweiz und nach Italien werden die Geschirre verkauft. Ins Oberland kommen viele Bratpfannen und Ganskahr (eirunde Platten für Gänsebraten). Vor dem Bau der Kocher- und Brenztaleisenbahn 1862/64 wurde das Geschirr hauptsächlich durch Händler aus Matzenbach und Deufstetten hier abgeholt und in den Handel gebracht. Auch um 1880 fuhren noch einige Blahenwagen, die mit Pferden bespannt waren, oder auch bloße »Schnappkarren« mit Oberkochener Töpfererzeugnissen durch das Land. Nach dem Bahnbau wurde das Geschirr in den Lattenkisten, Harassen genannt, sorgsam in Stroh verpackt, auf den niederen Harassenkarren zur Bahn gebracht und nach allen Richtungen oft in ganzen Wagenladungen versandt. Ein »Haraß« umfaßt durchschnittlich 20 Wurf (siehe Anmerkung am Schluß) Geschirr.</p>
<p>Nur ein Oberkochener Hafner hatte bis 1928 einen Kraftbetrieb eingerichtet und damit den neuen Bestrebungen Eingang verschafft. Für die Bearbeitung von Ton und Glasur benützte er einen Elektromotor und für die Drehscheibe einen Wassermotor (Peltonturbine). Die Königsbronner Hafner hatten in dieser Zeit ihre Elektromotoren zur Drehscheibe wegen schwieriger Handhabung und hoher Strompreise z.T. wieder abgestellt.</p>
<p>In der Tonwarenfabrik Stützel-Sachs in Aalen, in der auch ein hiesiger Hafner in Arbeit steht, wird sowohl in Freihand- als auch in Formdreherei oder Stanzen nach Schablonen in Gips oder Metall mit Stempelpressung gearbeitet. Ähnlich wird in den sächsischen und schlesischen Töpferfabriken wie in Bunzlau, Waldenburg, die Geschirr-Erzeugung betrieben, die auf diese Weise den Handbetrieben weit voraus waren und künstlerisch vollendete Waren lieferten.</p>
<p>Von den Brennöfen wurden in den 30er Jahren einige verbessert und einer nach neuester Konstruktion erstellt. Es wird meist nur noch alle zwei bis drei Wochen gebrannt, früher regelmäßig alle acht Tage. Der hierbei aufsteigende Qualm ist so stark, daß Fremde glauben, es sei eine Feuersbrunst entstanden. Die Hauptabnehmer des Geschirrs sind die Händler, die es öfters im Auto abholen. Andere Waren werden in Kaufläden, Glas- und Porzellangeschäften verkauft.</p>
<p>*) Nachtrag: Erklärung des Begriffs »Wurf«<br>Der Begriff »Wurf« bedarf einer Erläuterung. Diese konnte der eingangs erwähnte noch ausübende Hafner-aus-Liebe-zum-Handwerk geben (Herr Kurt Elmer):</p>
<p>Ein »Wurf« kann aus unterschiedlich vielen Ton-Gefäßen bestehen; es kommt auf die Größe der Gefäße an. Die größte Schüssel, die der Hafner herstellt — ein Gefäß mit einem Durchmesser von immerhin ca. 40 cm Durchmesser — hat die Nummer 1. Weiter gibt es, bei ständig kleiner werdenden Gefäßdurchmessern die Größennummern 2, 3, 5, 6, 8, 10, 12, 14, 16 und 20. Gefäßnummer 20 ist demnach ein sehr kleines Schüsselchen.</p>
<p>Ein »Wurf« besteht nun, und das wird häufig falsch beurteilt, aus so vielen Gefäßen, wie die Gefäßgrößennummer anzeigt. Das heißt, ein »Wurf« kann beispielsweise aus 2 Gefäßen der Größe 2 bestehen, aus 8 Gefäßen der Größe 8, oder aus 20 Gefäßen der Größe 20, — aber auch aus einem einzigen Gefäß der Größe 1.</p>
<p>Ein weiteres Geheimnis des »Wurfs« ist, daß er immer gleich viel gekostet hat. (Mir wurde die Summe von 6 Mark angegeben). Mit anderen Worten: 20 Gefäße der Größe 20 kosteten genau so viel wie 8 Gefäße der Größe 8, oder, wie soeben beschrieben, eine Riesenschüssel der Größe 1, — nämlich 6 Mark. Ein Irrtum wäre, die Größenzahlen des »Wurfs« mit Zentimetern zu verwechseln; die Relation ist genau umgekehrt und hat überdies mit Zentimetern gar nichts zu tun.</p>
<p style="text-align: right;"><strong><em>Alfons Mager (um 1939)</em></strong></p></div>
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		<title>Geschichte der Oberkochener Schulen</title>
		<link>https://oberkochen-heimatverein.de/geschichte-der-oberkochener-schulen/</link>
		
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		<pubDate>Mon, 20 May 2024 15:01:21 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
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					<description><![CDATA[Seite 84-107 (Volkmar Schrenk)]]></description>
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				<div class="et_pb_text_inner"><p>Am 16. Dezember 1580, also zu einer Zeit, da Adam Riese schon sein Rechenbuch geschrieben, Mercator seine Weltkarte veröffentlicht und Vieta die Dezimalbruchrechnung entwickelt hatte, schrieb der »Abbt Vogt und Verwalter zu Königspronn« an den Herzog von Württemberg nach Stuttgart: »… für alleweg aber hielten wir zu der Ehre Gottes… und ein gut Christlich Werk sein, wenn fürderlich ein Schulhaus zu Oberkochen erbauet würde«.</p>
<p>Dieses Schreiben markiert den Beginn verbriefter Oberkochener Schulgeschichte. Da es damals weder allgemeinbildende Schulen noch Schulpflicht gab, hätte der Königsbronner Abt gerne gesehen, wenn »… ein gutherziger Schulmeister allhin verordnet würde, welcher nit allein die Königspronnischen, sondern auch der anderen underthanen Kind unterrichten … könndte…«</p>
<p>Damit wird gleich zu Beginn der Oberkochener Schulgeschichte das konfessionelle Spannungsfeld deutlich, in dem die Oberkochener Schulen bis zum staatlich verordneten Zusammenschluß im Jahre 1936 gearbeitet haben. Die weitere Entwicklung der Oberkochener Schulen ist eng verbunden mit dem Wachstum der Gemeinde Oberkochen nach dem Zweiten Weltkrieg. Dank der Tatkraft und Weitsicht der Verantwortlichen wurde ein der »Jungen Stadt Oberkochen« gut angepaßtes Schulsystem geschaffen. Dieses besteht aus der Dreißental- Grund- und Hauptschule, der Tierstein-Grundschule, der Sonnenbergschule (Sonderschule für Lernbehinderte) und dem mathematisch-naturwissenschaftlichen Gymnasium mit neusprachlichem Zug. Ergänzt werden die Oberkochener Schulen durch die Realschule in Königsbronn und durch die Musikschule Oberkochen-Königsbronn. Somit ist nicht nur der Beginn der Oberkochener Schulgeschichte mit Königsbronn verknüpft, auch die moderne Entwicklung trägt gemeinsame Züge.</p>
<h2>Schulen in Oberkochen bis nach dem Dreißigjährigen Krieg</h2>
<p>Nachdem der Königsbronner Abt 1581 nochmals wegen einer »Schul- oder Pfarrbehausung zu Oberkochen« nach Stuttgart geschrieben hatte und »Steine, Sand, Holtz und anderes, was durch den Winter herzugeführet werden möchte…«, bereitgestellt waren, wurde offensichtlich 1582 mit dem Bau eines Hauses auf dem Platz der jetzigen alten evangelischen Kirche begonnen, das Kirchenraum, Pfarrwohnung und Schulstube zugleich beherbergen sollte. Allerdings stellte sich der als Kirchenpatron in Oberkochen einflußreiche Fürstpropst von Ellwangen dem Bauvorhaben entgegen. Daraus entstand ein Streit, der bis 1625 dauerte. Ungeachtet dieser juristischen Auseinandersetzungen kam jedoch im Jahre 1583 »der gewesene Provisorus zu Brackenheim, Ulrich Nicolai von Stuttgarten« nach Oberkochen. Ihm »ward gnädig aufferlegt, die Jugent neben dem Lesen und Schreiben im Catechismus zu unterweisen«, und auf höchsten Befehl hin sollte er »nit allein zum Schulmeister, sondern zum Kirchendiener und Prediger« ernannt werden. Ulrich Nicolai war der erste evangelische Pfarrer, Schulmeister und Mesner Oberkochens. Für seine dreifachen Dienste wurde er in Naturalien entlohnt und erhielt dazu »von der Gemeindt die bewilligten zehn Gulden«.</p>
<p>Somit war die evangelische Schule zunächst eine »Pfarrschule«. Die Visitationsberichte jener Jahre enthalten meist die lapidare Bemerkung: »Schulmeister ist keiner da, Pfarrer haben versehen«. Da die Pfarrer »Wohnung auff der Kirch gehabt« hatten, wurde die Schule ebenfalls im Dachstock der Kirche abgehalten. Die Schülerzahl jener Jahre läßt sich schwer abschätzen. Weil es keine geregelte Schulpflicht gab, kam nur ein Teil der Kinder zur Schule, etwa bis zu fünfzehn dürften es gewesen sein.</p>
<p>Leider liegen über die katholische Schule jener Zeit keine genauen Aufzeichnungen vor. Nie ist von der Gründung einer katholischen Schule in Oberkochen die Rede. Zwar hatte 1343 der damals noch katholische Abt von Königsbronn in Ellwangen für Oberkochen einen eigenen Pfarrer beantragt, der sicherlich auch »Pfarrschule« gehalten hat. Wohl wird in einem Salbuch der Fürstpropstei Ellwangen ein Hannss Gold genannt, der 1604 bis 1606 in Oberkochen Schule gehalten haben soll, aber erst 1662 taucht in den Oberkochener Aufzeichnungen Hans Kirnberger als katholischer Lehrer und Mesner auf. Im Jahre 1666 begannen umfangreiche Verhandlungen wegen Reparaturen am Oberkochener katholischen Schulhaus. Offensichtlich war also ein solches vorhanden, obwohl über seine Entstehung keine Angaben vorliegen.</p>
<h2>Jahre nach dem Dreißigjährigen Krieg bis zum Ende der geistlichen Herrschaften (1803)</h2>
<p>Auch nach 1648 blieb Oberkochen ein »geteiltes Dorf«. Versuche, die Besitzverhältnisse zwischen Ellwangen und Württemberg durch Gebietstausch zu bereinigen, hatten keinen Erfolg. Nach langwierigen Verhandlungen wurde jedoch 1749 in Aalen ein Vertrag geschlossen, der Rechte und Pflichen regelte, Doppelbesetzung der wichtigsten Ämter festschrieb, aber auch helfen sollte, Streitigkeiten gütlich beizulegen. Den Oberkochener Schulmeistern beider Konfessionen brachte dieser Vertrag Vorteile. Sie wurden »vom Wachen, Bottenlaufen und Handfrohnen freygelassen« und beide, der »ellwangische Schulmeister loci ( = des Ortes) und der württembergische einander gleichgehalten«.</p>
<h2>Die evangelische Schule</h2>
<p>In jenen Nachkriegsjahren wechselten die evangelischen Pfarrer häufig. Teilweise war die Pfarrstelle aus Geldmangel nicht besetzt. Somit vegetierte auch die Schule dahin, die ohnedies zunächst nur im Winter gehalten wurde. 1661 hat »der Pfarrer selbst Schule gehalten; Knaben 3, Mägdlein 6«. Noch 1667 wird bemängelt, »daß die Eltern ihre Kinder gar schlecht in die Schule schicken«. Dieser Zustand bessert sich langsam, 1684 heißt es: »Der Pfarrer hat Schule gehalten und gehabt Knaben: 9, Mägdlein: 11. Sein ziemlich fleißig kommen und wohl informieret worden.« Erst im Jahre 1687 wird Nicolai Briel als evangelischer Schulmeister und Mesner genannt. Er ist 49 Jahre alt und hält die Winterschule. Aber schon 1692 wird abermals erwähnt, Pfarrer Johann Georg Hochstetter habe den Unterricht »in seinem Haus« übernommen. 1697 zieht ein neuer Lehrer auf, über den 1708 berichtet wird: »Schulmeister und Mößner ist Joh. Georg Sebich von Ulm, 59 Jahre alt. Im Schuldienst steht er 11 Jahr, hat noch 6 Kinder. Winterschul wird gehalten und gehen darein 14 Knaben, 12 Mägdelein. Die Sommerschul ist gar schlecht, man will sie gar abthun…Weil dieser Schulmeister ein schlechter Schreiber ist (Anmerkung: er war von Beruf Schneider), so werden die Klagen immer repetiert, die Kinder lernen nicht schreiben. Es ist aber die Soldung so schlecht, daß man nicht Leute haben kann wie man will.…«</p>
<p>1715 tritt als neuer Lehrer in Oberkochen Johann Georg Honold auf, von Beruf ebenfalls Schneider. Er wird als fleißiger Lehrer geschildert, habe eine »gute Gab und Methode zu informieren« und er »verstehe die Rechenkunst gut«. 1734 ist als Schulmeister, Mesner und Organist der evangelischen Gemeinde dessen Sohn Jeremias Honold (der Ältere) verzeichnet. Auch er ist von Beruf Schneider. Sein Verhältnis zum Ortspfarrer ist offensichtlich nicht gut, denn Pfarrer Enslin schreibt im Pfarrbericht von 1745 über ihn: »…am Fleiß aber fehlt es, die Schulzucht geht hin und her, der Lebenswandel ist nicht zum Besten, gegen den Pfarrer falsch, heimtückisch, mit anderen Leuten in stetigem Streit und Zank…«, ergänzt durch eine Randbemerkung von anderer Hand: »es ist derselbe ein armer Mann, hat viele Kinder«.</p>
<p>Der nachfolgende Schulmeister heißt ebenfalls Jeremias Honold: Wiederum war der Sohn Nachfolger des Vaters geworden. Seine Beurteilung lautet jedoch 1784 wesentlich günstiger: »…kann wohl lesen, buchstabieren, singen, rechnen, schreibt mittelmäßig, beweißt sich in Kirch und Schul und Lebenswandet ordentlich…«. Dieser Jeremias Honold (der Jüngere) ist »ein guter Ökonom«, der lange Zeit nicht im evangelischen Schulhaus Wohnung hatte, weil sein Vieh nicht unterzubringen war.</p>
<p>Dieses Schulhaus gehörte laut Pfarrbericht aus dem Jahre 1745 »der evangelischen Bürgerschaft und wird von ihr im Bau erhalten, als wozu jährlich etwas über 21 Gulden zugeschossen werden, normal dem Schulmeister 10 Gulden als Besoldung, 5 Gulden als Capital-Zinß, das übrige solle zum Schulhausbau verwendet werden. Es hat aber der württembergische Schultheiß dies Geldt 11 Jahr eingezogen, das Haus in Abgang kommen lassen… und die Summe der zum Schulbau gehörigen Gulden zur anderen Bürgersteuer gezogen,… er will auch weiter darüber kein gutes Wort, noch das hinweggenommene Geldt zur nöthigen Schulbesserung hergeben«. Ob und wie der Schultheiß eingelenkt hat, ist nicht vermerkt. Das Schulhaus wurde jedoch 1756 renoviert. Es stand vermutlich an der Stelle des derzeit nicht mehr vorhandenen Hauses Ecke Aalener Straße und Bürgermeister-Bosch-Straße und enthielt Schullokal und Lehrerwohnung (siehe Abbildung S. 88).</p>
<p>Als Jeremias Honold (der Jüngere) 1803 mit 68 Jahren den Beruf aufgab, wurde der 1774 in Degenfeld geborene Jakob Nagel sein Nachfolger. Dieser wird als fleißig geschildert und »seit seinem Hierseyn ist der Zustand der Schule auffallend verbessert worden«. Die Schüler »zeichnen sich besonders auch in reinlichen und anständigen Sitten aus, wie im hurtig schreiben und im Kopfrechnen«. Während des Winters war der Schulbesuch regelmäßig und gut. Im Sommer dagegen wurde ohnedies lange Zeit nur am Montag, Mittwoch und Freitag unterrichtet, und »die Versäumnisse des Sommers sind bei einigen stark, können aber, weil es entweder arme oder Bauernkinder sind, die bei dem starken Ackerbau und Viehhüten so nötig gebraucht werden, nicht wohl bestraft werden«.</p>
<p>Zum Schreibenlernen wurde ein »a‑b-c-Buch« benützt. Für die älteren Schüler diente montags oft die Sonntagspredigt als Nachschreibeübung. Als Liederbücher waren 27 Exemplare des evangelischen württembergischen Gesangbuches vorhanden. Aber auch Ansätze moderner Pädagogik sind erkennbar. Da wurden z.B. »die wider das Lesen und Schreiben gemachten Fehler laut corrigiert« und »öfters ließ man die Kinder Fehler selbst aufsuchen und verbessern«. Auch gab es an der Schule eine Schulbibliothek, die 1806 »mit Pfarrer Langes französischer Sprachlehre vermehrt wurde«, was offensichtlich mit »allzustarken Einquartierungen und Durchmärschen französischer Truppen« zusammenhing. Außerdem wurden die »vorzüglichsten« Schüler namentlich aufgezählt: »Georg Adam Scheerer, Johann Balthasar Moser, Caspar Widmann, Johanna Barbara Burrin, Magdalena Heckerin, Elisabeth Barbara Seinzingerin, Maria Barbara Moserin«.</p></div>
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				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Die katholische Schule</h2>
<p>Obwohl die Entwicklung der katholischen Schule Oberkochens sehr stark mit der Geschichte der katholischen Kirchengemeinde verknüpft ist (siehe »Geschichte der katholischen Pfarrgemeinde St. Peter und Paul in Oberkochen«), liegen aus jener Zeit wenig individuelle Daten über sie vor. Den Unterrichtsbetrieb jedoch illustriert die »Fürstlich Ellwangische Schulordnung« aus dem Jahre 1749. Diese Ordnung stellte an die Lehrer hohe Anforderungen. Sie sollten von »untadelhafter Aufführung« sein und mußten im Schreiben, Lesen, Rechnen und »in Cantu (Gesang) wohl geübt seyn«. Ihre Besoldung erfolgte aus dem Schulgeld, das die Eltern der Schüler bezahlen mußten. Reichte dieses nicht aus, hatten »Pfarrer und geistlicher Rat für mehr Geld zu sorgen«.</p>
<p>Der Unterrichtsstoff umfaßt buchstabieren, schreiben von Buchstaben, Silben und Wörtern. Als nächste Stufe ist das Auswendigschreiben vorgesehen und es sollen »kurtze Brieflein dictieret werden«. Rechnen ist zunächst am Kalender durch Abzählen von Tagen zu üben, solle aber »mit der Zeit zu allerley bürgerlicher Handthierung befähigen«. Knaben, »so zur Erlernung der lateinischen Sprache aspirieren möchten«, sollen dazu »alle fügliche Gelegenheit« finden. Schließlich sind »die dazu lusttragenden Kinder in Cantu Chorali und Figurali zu instruieren«. Auf strenge Schulzucht ist zu achten. Zwar dürfen die Schüler nicht an Haaren oder Ohren gezogen werden. Der Lehrer soll mit Worten »und der Rute strafen«, dies aber nicht im Zorn. Fleißige und fromme Schüler werden gelobt und belohnt. Die »Mägdlein sollen in den Schulen und Kirchen so viel als möglich jederzeit abgesondert werden«. Im übrigen sind »Schleifen und Schneeballwerfen, sowie im Sommer Baden verboten«.</p>
<p>Der Lehrer ist gehalten, während der Schulzeit im Schullokal anwesend zu sein, er darf nicht nebenher andere Schreibereien erledigen. Sind die Eltern mit dem Lehrer unzufrieden, dürfen sie nicht die Schule stören oder den Lehrer beschimpfen, sie haben sich an den Pfarrer zu wenden.</p>
<p>In Oberkochen besuchten im Winter 1781 nur die jüngeren Kinder die katholische Schule. Dann wurde auch im Sommer Pflichtunterricht eingeführt. Am Sonntag mußte nach dem Mittagessen eine Stunde lang der Stoff der Wintermonate wiederholt werden. Auch die Schulprüfungen waren auf Sonntagnachmittag angesetzt. Als Belohnung erhielten die besten Schüler vom zuständigen Amt Kocherburg (Unterkochen) Gebetbücher und Rosenkränze. Die erste derartige Schulprüfung fand in Oberkochen am 16. März 1750 statt. Allerdings wurde anschließend nicht über die Schularbeit berichtet, sondern festgestellt, der Schulmeister habe zu wenig Lohn, er verlange »wenigstens ad tempore« einen Malter Dinkel mehr.</p>
<p>Die katholischen Lehrer jener Zeit entstammten einer ortsansässigen Familie. Franz Gold (1684–1729) war vermutlich der erste dieser Oberkochener Schulmeister. Auf ihn folgte sein Sohn Franz Anton Gold (1712–1758), der 1752 bat, seine Entlohnung von 60 Gulden zu erhöhen, da er zwei Söhne ausbilden lassen wolle. Ob dieser Bitte entsprochen wurde, ist nicht bekannt. Allerdings bekam der nachfolgende dritte Schulmeister Gold, Johann Nikolaus (1737–1798) oder auch Franz Anton genannt, jährlich 66 Gulden ausbezahlt. Außerdem betrieb dieser ebenso wie sein evangelischer Kollege Jeremias Honold eine Landwirtschaft, was zwar dem Unterricht abräglich war, den Lebensstandard der Schulmeisterfamilien aber anhob.</p>
<p>Nach 35 Jahren Dienstzeit schied Johann Nikolas Gold aus dem Beruf und empfahl seinen 1773 geborenen Sohn, der wiederum Franz Anton hieß, als Nachfolger. Dieser hatte einige Jahre bei seinem Vater gelernt und drei Monate in Ellwangen bei anderen Lehrern den Unterricht besucht. 1794 erhielt er die Stelle seines Vaters. Über seine Lehrtätigkeit wird nichts berichtet. Nur einmal wurden ihm von seiner Mesnerbesoldung 15 Gulden abgezogen, da er die Hochzeitsgelder neugetrauter Paare nicht nach Ellwangen abgeliefert hatte. Seine Frau war offensichtlich schreibunkundig, denn sie unterzeichnete 1824 den Kaufvertrag für einen Acker mit drei Kreuzen. Franz Anton Gold starb im selben Jahr; damit hatte die Familie Gold das Schulmeisteramt der katholischen Gemeinde über hundert Jahre versehen.</p>
<p>Für das katholische Schulhaus Oberkochen war der Kocherburg-Amtmann in Unterkochen zuständig. Dieser berichtete 1753 nach Ellwangen, daß »wegen anwachsender Jugend« das Schulhaus erweitert werden müßte. Dem wurde nach vielen weiteren Bitten stattgegeben, jedoch war zu jedem noch so kleinen Schritt die Erlaubnis des Fürstpropstes einzuholen. Im Petershölzle wurde zur Neubaufinanzierung Holz geschlagen, Ellwangen mußte dessen Versteigerung extra genehmigen. Eine Fabrik in Unterkochen wollte das Holz kaufen, der Fürstpropst hatte den Verkauf zu billigen. Der von Baumeister Pahl aus Aalen entworfene Bauplan wurde »untertänigst« eingereicht, bis zur »allergnädigsten« Genehmigung verstrichen einige Wochen. Erst als der Oberkochener Pfarrer energisch auf baldigen Baubeginn mit dem Hinweis drängte, 70 Schulkinder würden im Winter ohne Schule sein, wurde am 28. Juni 1755 mit dem Bau begonnen. Die Schwierigkeiten waren damit aber noch nicht beseitigt. Ellwangen wollte zu den Baukosten, die auf 799 Gulden und 25 Kreuzer veranschlagt waren, kein Geld beisteuern und meinte, die Oberkochener Heiligenpflege solle die Mittel aufbringen. Die Bauern wollten das Holz nicht unentgeltlich nach Unterkochen transportieren, da sie kurze Zeit zuvor beim Bau des Pfarrhauses mitgeholfen hatten. Schließlich wurde das neue katholische Schulhaus doch fertiggestellt, bereits 1782 aber wurde wieder von Reparaturen berichtet: Glasermeister Holtz aus Aalen besserte um 16 Gulden und 15 Kreuzer fünf verfaulte Kreuzstöcke aus, verwendete aber sparsamerweise die alten Scheiben wieder. Jedoch steht das Haus heute noch neben der katholischen Pfarrkirche (sogenanntes altes Schwesternhaus) und hat in zwei Jahrhunderten einigen Oberkochener Schulen als Unterkunft gedient.</p>
<h2>Die Zeit der württembergischen Herrschaft</h2>
<p>Zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts ergaben sich bei den Oberkochener Herrschaftsverhältnissen einschneidende Veränderungen. Die Fürstpropstei Ellwangen wurde dem durch Napoleons Gnaden im Jahr 1806 Königreich gewordenen Württemberg eingegliedert, das Königsbronner Klosteramt endgültig aufgelöst. So war Oberkochen ab jener Zeit ungeteilt württembergisch, die konfessionelle Spaltung blieb jedoch erhalten und damit auch die Existenz der beiden Konfessionsschulen.</p>
<h2>Lehrer der Oberkochener Schulen</h2>
<p>Jakob Nagel, von dem schon die Rede war, wurde 1816 nach Goldburghausen »befördert«. Sein Nachfolger als evangelischer Schulmeister war Lehrer Bitz, der 1817 für die Führung des Impfverzeichnisses zur Pockenschutzimpfung von der bürgerlichen Gemeinde 12 Gulden erhielt, im übrigen aber keine gute Figur machte. Wegen einer Erkrankung sah und hörte er schlecht. Auch »lebte er mit seiner Frau nicht gut« und gab somit »in der Öffentlichkeit ein böses Beispiel«. Er wurde 1824 aus dem Dienst entlassen, erhielt aber von der verarmten Gemeinde nur eine geringe Pension. Deshalb sammelte er Kräuter, grub nach Wurzeln und mußte von seinem Nachfolger finanziell unterstützt werden, bis er als Kameralamtsdiener wieder selbst verdiente. Kein Wunder, wenn festgestellt wurde, daß »die Schule in Erkenntnis und Wachstum mehr ab- als zunimmt«.</p>
<p>Wie auf katholischer Seite wechselten damals auch an der evangelischen Schule die Lehrer häufig. Dies hing mit der geringen Lehrerbesoldung zusammen, war aber auch Folge des unzureichenden Schulhauses: 1849 sagte Schulmeister Stöckle, es sei ihm unmöglich, im evangelischen Schulhaus zu wohnen, er müsse sich um einen anderen Dienst umsehen.</p>
<p>Erst drei Jahre nach dem Tode von Franz Anton Gold erhielt 1827 die katholische Schule wieder einen ständigen Lehrer. Es war dies Schulmeister Balluff, ein sehr musikalischer Mann, der auch den Kirchenchor und den Männerchor leitete. 1837 wurde ein Lehrergehilfe eingestellt, da die Schule zweiklassig geworden war. Bis 1858 wechselten nun die Lehrer wieder häufiger. Dann aber zog Schulmeister Morassi in Oberkochen auf und übernahm die etwa 90 Schüler der katholischen Schule. Über Morassis Unterrichtsstil ist nichts bekannt. Streng und energisch scheint er jedoch gewesen zu sein. Er teilte Schüler zur Aufsicht während seines Kirchendienstes ein, was zu Auseinandersetzungen mit Eltern führte. Nachdem Morassi 20 Jahre in Oberkochen tätig gewesen war, wurde er 1878 nach Unterkochen versetzt und 1893 siebzigjährig in den Ruhestand versetzt und mit der goldenen Verdienstmedaille des Friedrichordens ausgezeichnet.</p>
<h2>Anstellung und Besoldung der Lehrer</h2>
<p>»Das Recht zur Besetzung der Schullehrerstelle steht der hiesigen Gemeinde zu, von welcher im Jahr 1826 der gegenwärtige Schulmeister gewählt worden ist«, so besagt der evangelische Pfarrbericht von 1829. Durch das Schulgesetz von 1836 ging das Recht der Stellenbesetzung jedoch auf das Königliche Konsistorium in Stuttgart über. Für die Besoldung der Lehrer war aber weiterhin die bürgerliche Gemeinde zuständig. Diese mußte für die Lehrer auch die üblichen Abgaben bezahlen.</p>
<p>Der Pfarrbericht von 1826 enthält eine genaue Aufstellung über die Entlohnung des evangelischen Schulmeisters. Das Einkommen dieses Lehrers bestand aus fixen Einnahmen und veränderlichen Posten. Zu den ersteren zählten 21 Gulden »von der Commune« und 15 Gulden aus der »Heiligen (= Kirchen) — Kasse«. Weiter erhielt er Roggen, Dinkel und Holz als Naturalien im Wert von 36 Gulden, wobei mit dem Holz auch die Schulstube geheizt werden mußte.</p>
<p>Als veränderliche Besoldungsteile werden Gartennutzung und Acker- bzw. Weidepachten genannt. Ferner standen dem Schulmeister Entschädigungen für den Gesang an Weihnachten und beim Hagelfeiertag zu. Für Taufen, Hochzeiten und Begräbnisse waren zusammen 12 Gulden angesetzt. Als Schulgeld erhob er von 35 Kindern 42 Gulden. Da zur Zeit des Berichts dem Schulmeister 21 Gulden für den Unterhalt seines Amtsvorgängers abgezogen wurden, kam er auf ein Jahreseinkommen von 142 Gulden und 35 Kreuzern.</p>
<p>Ähnliche Verhältnisse herrschten bei den katholischen Lehrern. Schulmeister Balluff bat 1829 um Erhöhung des Schulgeldes. Diese wurde abgelehnt, da er durch Zunahme der Schülerzahl um 20 in den beiden letzten Jahren ohnedies mehr Geld bekommen habe. 1852 berechnete der katholische Lehrer Weiblen sein Jahreseinkommen auf 250 Gulden. So ist nicht verwunderlich, daß Lehrer beider Konfessionen sich zusätzliche Verdienstquellen erschlossen. Diese reichten von musikalischen Tätigkeiten über Sonntagsschule (drei Gulden zusätzlich) und Aufziehen der Turmuhr, wofür der katholische Lehrer Veith 1852 jährlich sechs Gulden bekam, bis hin zur Führung einer Agentur der Frankfurter Versicherungsgesellschaft.</p>
<p>Die Einkommen der Schulmeister stiegen jedoch allmählich an. 1865 wurden 425 Gulden, 1872 schon 525 Gulden ausbezahlt. 1899 erhielt der katholische Lehrer 1124 Goldmark, während sein evangelischer Kollege 1100 Goldmark bekam, teilweise noch in Naturalien, was erst 1909 abgeschafft wurde.</p>
<h2>Die Schulhäuser im neunzehnten Jahrhundert</h2>
<p>Nach der Vereinigung der beiden Oberkochener Herrschaftsbereiche im Königreich Württemberg hatte die bürgerliche Gemeinde für zwei Schulhäuser zu sorgen, was sie finanziell nur schwer verkraftete. Zudem war die Rivalität zwischen den Schulen und ihren Schulmeistern groß. Weil z.B. der katholische Lehrer einen Keller bekommen sollte, beantragte der evangelische Schulmeister Adam bei einer der Renovierungen des Schulhauses ebenfalls den Einbau eines Kellers. Der Keller der katholischen Schule wurde angelegt, Adam aber ging leer aus und hielt seine Schweine weiterhin im Schulhaus. Dies führte zu Reibereien mit den Nachbarn, worauf Adam die Schweinehaltung im Schulhaus verboten wurde.</p>
<p>Schon 1813 war durch königliche Verfügung die Erweiterung der evangelischen Schulstube empfohlen worden, und das Königliche Oberamt hatte 1822 ebenfalls vergeblich angeregt, die zum Verkauf stehende Lammwirtschaft als Schulsaal zu erwerben, um grundsätzliche Verbesserungen der Raumsituation herbeizuführen. Stattdessen wurden laufend kleinere Erweiterungen und Reparaturen vorgenommen, wie z.B. von Maurermeister Wingert ausgeführte Maurerarbeiten für 13 Gulden, Zimmerarbeiten durch Zimmermeister Schoch für 8 Gulden und 23 Kreuzer, und Joseph Hägele lieferte »10 Stühl, 1 Katheder« für 13 Gulden.</p>
<p>Schulhausmisere und Konkurrenzdenken spiegeln sich wider in Protokollen und Berichten jener Jahre. Der evangelische Pfarrbericht von 1827 sagt darüber aus: »Das evangelische Schulhaus verdankt seine unpassende Lage am äußersten Rande des Dorfes und seine Beschaffenheit theils dem Mangel an tauglichen Hofstätten und Wohnungen innerhalb des Ortes, theils aber auch, wie es scheint, der Eifersucht der katholischen Bewohner, welche, da es aus der gemeinschaftlichen Gemeindekasse gebaut und erhalten werden muß, dem Aufbau oder Ankauf eines Lokals für die Schule bisher allerlei Schwierigkeiten entgegenzusetzen wußten…«. 1830 wurde zur Vergrößerung der evangelischen Schule eine Scheuer gekauft und man holte Kostenvoranschläge zur Erweiterung beider Schulhäuser ein: Für das evangelische Schulhaus mußten 536 Gulden und 24 Kreuzer bereitgestellt werden, für das katholische Schulhaus ergab sich ein Aufwand von 560 Gulden. Beide Schulgemeinden nahmen deshalb je 500 Gulden zu 4% auf; auch die zuvor gekaufte Scheuer wurde wieder veräußert und der Erlös für den Schulbau verwendet. Der Scheuerkauf und Verkauf hatte allerdings einen jahrelang anhaltenden Finanzierungsstreit zwischen den Konfessionen ausgelöst, der erst 1846 beigelegt werden konnte, wobei die gemeinsame Schulbaukasse wie ehedem in »ellwangisch«, d.h. in katholische Zuständigkeit und in »königsbronnisch«, d.h. in evangelische Verwaltung getrennt wurde. Dadurch kam zwar kein Gulden zusätzlich in die Kasse, doch konnten die dauernden Streitigkeiten und Reibereien verringert werden.</p>
<p>Trotz dieser finanziellen und administrativen Anstrengungen beider Gemeinden konnte die Schulraumnot nicht dauerhaft behoben werden. In den Berichten beider Stiftungspfleger ist kaum von zufriedenstellenden Verhältnissen die Rede, stets aber werden Baulasten, Schulden, Rückzahlungsschwierigkeiten beklagt. Der bauliche Zustand des evangelischen Schulhauses scheint immer bedenklicher geworden zu sein. 1831 wurde die Schulstube »um 11 Schuh in der Länge vergrößert«. Zum Ausgleich dafür mußte die Lehrerwohnung »einstöckig um 17 Schuh« erweitert werden. Der Schulraum war »nun brauchbar, aber die Wohnung ist äußerst mangelhaft«. Nicht einmal ein Keller wurde eingerichtet, in dem »die Erdbirnen vor dem Erfrieren« hätten geschützt werden können.</p>
<p>1853 erklärte der Amtsarzt das evangelische Schulhaus für gesundheitsschädlich. Trotzdem mußten Lehrer und Schüler noch weitere sieben Jahre in diesem Haus ausharren, bis es »im Jahre 1860 an den Bergmann Ludwig Storg abgetreten« wurde. Storg gab dafür Haus und Garten »in der Kirchgasse zwischen Joseph Wingert und Georg Adam gelegen« als Platz für den beabsichtigten Schulhausneubau. Dieses Tauschgeschäft sowie der Abbruch des Storg’schen Hauses und der Neubau des Schulhauses wurde in allen Einzelheiten durch ein umfangreiches Protokoll festgelegt. So mußte z.B. von der Schulgemeinde zwischen Garten und Wohnhaus von Widmann »ein Kantel zum Ablauf des Wassers gepflastert« werden, und der jeweilige Lehrer war verpflichtet, »sein Vieh nur durch die Remise zu treiben, sowie auch den Dung durch dieselbe zu führen«. Die Kosten für den Neubau beliefen sich auf 6 788 Gulden. Davon übernahm der Staat 850 Gulden, die Gemeinde bezahlte 1 938 Gulden, der Rest von 4000 Gulden wurde durch Schuldaufnahme aufgebracht. Das neue evangelische Schulhaus wurde am 3. Januar 1861 durch Dekan Neuffer aus Aalen und Pfarrer Dürr eingeweiht. Dieses Haus beherbergte bis 1936 die evangelische Schule und 1937 bis zum endgültigen Zusammenschluß der Oberkochener Schulen die katholische Bekenntnisschule. 1957 wurde dort die Außenstelle des Schubart-Gymnasiums eingerichtet. Einige Jahre waren Gemeindebücherei und Jugendhaus der Stadt Oberkochen dort untergebracht. Künftig beherbergt das Haus Aalener Straße 19 die Oberkochener Heimatstuben.</p>
<p>Die Feststellung des evangelischen Pfarrberichts von 1827, daß die katholischen Einwohner Oberkochens »gleich unmittelbar neben ihrer Kirche ein sehr geräumiges Schulhaus besitzen…«, mag angesichts der Unzulänglichkeit des evangelischen Schulhauses aus Sicht des evangelischen Pfarrers subjektiv richtig gewesen sein, der tatsächlichen Situation entsprach sie nicht. Auch das katholische Schulhaus war ständig reparaturbedürftig und es herrschte dauernd Platzmangel. So wurde einmal versucht, im Gasthaus »Ochsen« ein Schullokal anzumieten, was wegen »Beherberg fremder Personen« nicht gelang. Oder man legte Lehrer Balluff nahe, »er möchte die Schul in seinem Wohnzimmer abhalten«, worauf er gegen einen Gulden monatlicher Entschädigung einging. 1837 war die katholische Schule zweiklassig geworden, weshalb zusätzlicher Schul- und Wohnraum zu schaffen war. 1869 wurde im Dachgeschoß ein weiteres Lehrerwohnzimmer eingebaut. Da Lehrer Gutmann 1882 seine Viehhaltung aufgab, konnten zwei Wohnräume in die früheren Stallungen verlegt werden. 1885 gab es wiederum zu wenig Schulraum, jedoch konnte die Gemeindekasse wegen vordringlicher anderer Aufgaben wie z.B. der Friedhoferweiterung keine Mittel bereitstellen. Deshalb beschwichtigte man die Forderung nach einem Schulhausneubau mit dem Hinweis, Kinder und Lehrer hätten ja Gelegenheit, sich am Nachmittag durch Mithilfe in der Landwirtschaft in frischer Luft von der Schularbeit in unzulänglichen Räumen zu erholen.</p>
<h2>Der Unterricht</h2>
<p>Schule wurde in Oberkochen an Werktagen das ganze Jahr über gehalten, unterbrochen von den Ferien, die sich an der Landwirtschaft orientierten. In den Sommermonaten hatten die »Oberklassen« (Klasse 4–7) von 6 Uhr bis 10 Uhr Schule, die »Unterklassen« (Klasse 1–3) wurden von 10 Uhr bis 12 Uhr unterrichtet. Über den Unterricht sagen weder Gemeindeprotokolle noch Pfarrberichte etwas aus. Deshalb können über Unterrichtsweise und Lehrstoff nur allgemein gehaltene Angaben gemacht werden. In der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts waren Schreiben und Rechnen, ergänzt durch Religion und Singen, die Hauptfächer. Sachunterricht entfaltete sich nur zögernd. In einer Anordnung aus dem Jahre 1842 sind jedoch schon für jedes Fach Standardwerke zur Benützung angegeben, so z.B. »Elementargeometrie« in einer Magdeburger Ausgabe von 1840 oder »Geographie von Württemberg«.</p>
<p>Ein Erlaß aus dem Jahre 1826 hebt die Lied- und Musikpflege besonders hervor. Es heißt dort: »Seine Königliche Majestät haben in höchster Anerkennung der Wichtigkeit eines guten Kirchengesangs und zur Ermunterung des Eifers für diejenigen Schul-Lehrer, welche,… sich in diesem Zweige des Unterrichts vorzüglich auch außer den Schulstunden besonders auszeichnen…, Preise von je 10 Gulden ausgesetzt«. Pro Woche sollten zwei Stunden »methodischen Gesangsunterrichts« erteilt werden und die »Schul-Conferenzen sind jedesmal mit einem vierstimmigen Choralgesang zu eröffnen«. Diese Konferenzen dienten der Fortbildung der Lehrer, für deren Besuch pro Lehrer 40 Kreuzer, für einen Provisor nur 30 Kreuzer Tagegeld vorgesehen waren.</p>
<h2>Industrie- und Zeichenschule</h2>
<p>Um das Jahr 1820 entstanden an einzelnen Orten des Landes die sogenannten »Armen- und Industrieanstalten«, in denen Frauen und Mädchen Handarbeiten fertigten, die verkauft wurden. Um die Teilnehmerinnen zu schulen, wurden dafür »Industrie‑, Arbeits- oder Fortbildungsschulen« eingerichtet, die wegen der jahreszeitlichen Beschränkung auch »Winterschulen« genannt wurden. Noch 1862 konnte in Oberkochen »wegen unüberwindlicher Hindernisse« keine derartige Schule betrieben werden. 1877 wird aber berichtet, für katholische und evangelische Mädchen habe »wie im letzten Winter« Arbeitsschule stattgefunden. Die konfessionelle Zusammenarbeit hielt nicht lange an, es gab Reibereien und Streitigkeiten. 1898 existierte eine katholische Industrieschule, an der Eva Betzler, die Frau des Polizeidieners, Häkeln und Straminnähen unterrichtete und mit 40 Mark entlohnt wurde, während die Hafnerehefrau Maria Fischer für Stricken zuständig war und dafür 35 Mark bekam. Die evangelische Industrieschule betreute zu jener Zeit Auguste Beißwenger für ein Entgelt von 40 Mark.</p>
<p>Im Sommer 1879 fand in Oberkochen eine »Ausstellung von Materialien und Produkten des Töpfergewerbes und der Thonwarenfabrikation« statt, zu deren Eröffnung der Präsident der »Centralstelle für Gewerbe und Handel« Dr. von Steinbeis von Stuttgart gekommen war. Bei der Eröffnungsansprache regte Steinbeis die Einrichtung einer »Zeichenschule« an. Da sich die Gemeinde nicht zu einem solchen Schritt entschließen konnte, gründeten die Oberkochener Häfner gemeinsam mit anderen Gewerbetreibenden einen Gewerbeverein, dessen Hauptaufgabe zunächst die Einführung von Zeichenunterricht war. Der Besuch dieses Unterrichts, der von Lehrer Gutmann erteilt wurde, war freiwillig. Es nahmen »daran Schüler und Confirmierte und ihnen zur Ehre sei es hervorgehoben — auch junge Leute über 18 Jahren teil«. Nach einigen Jahren beteiligte sich auch die bürgerliche Gemeinde an der Finanzierung des Zeichenunterrichts. 1895 erhielt Schullehrer Schneider für Zeichenunterricht, den er bei den »Knaben beiderlei Konfession erteilte«, zehn Mark aus der Gemeindekasse.</p>
<p>Erst am 8. November 1904 beschloß der Gemeinderat, die Kosten für den »interkonfessionellen Zeichenunterricht aus der Gemeindekasse« zu bestreiten. Die evangelische Ortsschulbehörde machte »wegen sehr geringer Schülerzahl« von diesem Angebot keinen Gebrauch. An der katholischen Schule aber wurde 1905 Zeichenunterricht als freiwilliges Fach eingeführt, an dem auch schulentlassene Jugendliche teilnehmen konnten. Lehrer Ulsamer bekam 1906 als Unterrichtsentgelt eine Mark pro Stunde.</p>
<h2>Die Oberkochener Schulen bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs</h2>
<h3>Neubau des katholischen Schulhauses</h3>
<p>Nach langem Zögern entschloß sich die katholische Schulgemeinde um die Jahrhundertwende zum Bau eines neuen Schulhauses. Für den am damaligen Dorfrand gelegenen Bauplatz beschloß der Gemeinderat am 20. Juni 1900, »in der Jägergasse eine neue Baulinie festzulegen und behufs Einholung der Genehmigung zum Neubau eines Schulhauses und Schülerabtritts« das Baugesuch dem königlichen Oberamt in Aalen vorzulegen. Die Finanzierung des Bauvorhabens bereitete großes Kopfzerbrechen, denn die Finanzkraft der katholischen Schulgemeinde war gering. Zwar gab es weit mehr katholische Bürger als evangelische im Ort, aber die steuerabwerfenden jungen Industriebetriebe Oberkochens waren überwiegend in evangelischer Hand, während das Hafnergewerbe, die Domäne des katholischen Bevölkerungsteils, immer mehr in Existenznot geriet. Schließlich konnte der Bau durch eine Schuldaufnahme von 50 000 Mark gesichert werden, und die bürgerliche Gemeinde übernahm am 16. August 1901 »die Selbstzählerbürgschaft für ein Darlehen von 30 000 Mark«, das die Württembergische Sparkasse Stuttgart bereitgestellt hatte.</p>
<p>Dieses Schulhaus ist heute der Altbau der Dreißentalschule, wegen seiner roten Backsteinfassade gelegentlich auch »Fuchsbau« genannt.</p>
<h2>Schulunterricht nach der Jahrhundertwende</h2>
<p>In den Jahren nach 1900 schwankten die Schülerzahlen der evangelischen Schule und waren insgesamt rückläufig. Bei etwa 250 evangelischen Bürgern unterrichtete 1909 Lehrer Beck nur 30 Schüler. Die Zahl der katholischen Schüler dagegen nahm zu. 1904 wurde die zweite Lehrerstelle ständig besetzt, was bei 103 Schülern sicherlich kein Luxus war.</p>
<p>Im Unterricht beider Oberkochener Schulen begannen neben den herkömmlichen Unterrichtsgebieten Religion, Lesen, Schreiben, Aufsatz, Rechnen und Singen die Realien- und Sachfächer breiteren Raum einzunehmen. Durch Industrie- und Zeichenschule angeregt, wurde der Fächerkanon auch um Zeichnen, Handarbeit und Turnen erweitert. Der Turnunterricht wurde zunächst wöchentlich mit je zwei halben Stunden in der heute nicht mehr existierenden Turnhalle an der Katzenbachstraße (später Bauhof, heute TVO-Halle) erteilt. Freiübungen, Klettern an Stangen und Leitern, Hantierungen mit Stöcken und Sprungstäben, Übungen an Barren und Reck standen dabei im Vordergrund.</p>
<p>Zeichnen und Handarbeit dagegen waren noch lange Zeit nicht in den Stundenplan einbezogen. 1921 fand der Handarbeitsunterricht immer noch am freien Mittwoch- oder Samstagnachmittag statt, und gezeichnet wurde am Sonntag in der Frühe um 1/2 8 Uhr vor dem Gottesdienst.</p>
<h2>Die Schulaufsicht</h2>
<p>Die Oberkochener Schulen unterstanden im 19. Jahrhundert dem evangelischen Dekan von Aalen beziehungsweise einem der katholischen Pfarrer des Dekanats Hofen. Für die katholischen Lehrer erfolgte 1902 die Trennung von Lehrer- und Mesneramt. Dies wurde zwar als Befreiung empfunden, brachte aber auch Gehaltseinbußen. Außerdem ging die Schulaufsicht an das katholische Bezirksschulamt in Schwäb. Gmünd über. Auf evangelischer Seite erfolgte die Trennung von Schul- und sogenanntem niederem Kirchendienst erst 1906. Die Schulaufsicht lag von da an beim evangelischen Bezirksschulamt Heidenheim. Die Loslösung des Mesneramtes vom Schuldienst war ein erster Schritt zur Entfernung der Schulen aus dem engeren Einfluß- und Aufsichtsbereich der Kirchen. Diese Entwicklung, die im Dritten Reich zum vollständigen Bruch führte, wurde inzwischen, aber durch eine demokratische Schulverfassung auf ein angemessenes Maß von Zusammenarbeit und gegenseitiger Achtung zurückgeführt. Ohne Rücksicht auf das offizielle Verhältnis zwischen Kirche und Schule haben aber bis heute stets Lehrkräfte beider Konfessionen Organisten- und Chorleiterdienste in Oberkochen versehen.</p></div>
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				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Auswirkungen des Ersten Weltkrieges</h2>
<p>Die beiden Oberkochener Schulen waren beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges mit Schulräumen ausreichend versorgt und die Lehrerstellen waren ordentlich besetzt. Man gab sich 1914/15 auch in den Schulen zunächst dem allgemeinen Siegestaumel hin und würdigte die einzelnen kriegerischen Ereignisse durch Schulfeiern. Der Umschwung setzte 1915/16 ein. Die Schuljugend mußte im Sommer verstärkt Beeren sammeln, im Winter Metalle und Altpapier. 1917 gab es zum ersten Mal von oben her verordnete »Kohlenferien«, d.h. die Schule fiel aus, um Kohlen zu sparen, obwohl in Oberkochen sicherlich genügend Holz zum Heizen vorhanden gewesen wäre. Am 2. November 1918 wurde die katholische Schule wegen der »spanischen Krankheit« geschlossen.</p>
<h2>Jahre nach dem Ersten Weltkrieg</h2>
<p>Infolge konstanter Schülerzahlen hatte die evangelische Schule in jenen Jahren keine Probleme mit Lehrkräften und Schulräumen. Seit 1911 war Hauptlehrer Günter evangelischer Lehrer und als solcher tüchtig und beliebt. Als Vorstand des Turnvereins und als Dirigent des evangelischen Männerchors »Frohsinn«, den er 1933 zum evangelischen Kirchenchor machte, hatte er großen Einfluß in der Gemeinde. Die katholische Schule dagegen stand immer wieder vor neuen Entscheidungen. Nach längerem Zögern wurde 1921 die vierte ständige Lehrerstelle eingerichtet und die vierjährige Grundschulzeit zur Pflicht gemacht. In jenem Jahr fand nach achtjähriger Unterbrechung wieder eine Schulprüfung statt, zum ersten Male durch einen Schulrat. An die vier Grundschuljahre sollten sich vier weitere Schuljahre anschließen, jedoch wurde das achte Schuljahr erst 1939 verwirklicht. Im Jahre 1925 wurden neue Lehrpläne verordnet, die unter Hervorhebung des Arbeitsschulgedankens die Realienfächer noch stärker betonten. So wurde z.B. das Fach Chemie eingeführt, und der Gemeinderat genehmigte die Anschaffung eines wetterkundlichen Meßsatzes. Mit diesen Geräten hat Oberlehrer Mager ab 1928 die Niederschlagsmengen gemessen und handschriftlich aufgezeichnet. Auch die Lernmittelfreiheit hielt in jenen Jahren Einzug: Die bürgerliche Gemeinde bezahlte für jeden Schüler drei Mark. Dafür wurden Bücher, Hefte, Schulgriffel und die damals noch übliche Schiefertafel angeschafft.</p>
<p>An der katholischen Schule wurden 1927 142 Schüler unterrichtet, 1931 waren es 210 Kinder. 1928 erwies sich der Schulhof als zu klein, an der Straße wurden deshalb Warnschilder für den Kraftfahrzeugverkehr aufgestellt. Die Raumnot machte sich immer deutlicher bemerkbar. War 1924 bei der Hauptprüfung vom Schulrat bezüglich der Räumlichkeiten das Fehlen eines Spucknapfes, der unbedingt zum Schulinventar gehöre, angemahnt worden, so wird 1935 festgestellt, »an keinem Ort im Bezirk sind solche unzulänglichen Verhältnisse«.</p>
<h2>Zusammenführung der Schulen im Dritten Reich — Zweiter Weltkrieg</h2>
<p>Die neuen Machthaber hatten sich vorgenommen, durch administrative Maßnahmen »frischen Wind« in die konfessionellen Schulstuben zu blasen. So fand am 4. Juli 1933 ein Sportfest der Jugend statt, das am Abend mit einem Sonnwendfeuer auf dem Volkmarsberg endete. Obwohl die Lehrkräfte während der Sommerferien in besonderen Schulungslagern umerzogen werden sollten, blieben die in Jahrhunderten gewachsenen Schulen Oberkochens bis 1936 intakt. An der katholischen Schule unterrichteten außer Schulvorstand Mager die Lehrer Umbrecht, Klotzbücher und Kessler. An der kleineren evangelischen Schule hatte 1934 Hauptlehrer Braun, der spätere Konrektor der Dreißentalschule, die Nachfolge von Hauptlehrer Günter angetreten. 1936 jedoch wurden vom Staat die konfessionellen Schulen aufgelöst und in der »Deutschen Volksschule«, zusammengefaßt. Zwar existierte in Oberkochen noch ein Jahr lang unter Herrn Klotzbücher eine katholische Bekenntnisschule mit 39 Schülern, ab 1937 gab es aber nur noch die eine »Deutsche Schule Oberkochen«. Sie führte für 7 Jahrgänge (=Schuljahre) 5 Klassen, die Schuljahre 2 und 3 sowie 6 und 7 waren je in einer Klasse beisammen. Klassenlehrer waren die Herren Schiele, Klotzbücher, Braun, Mager und Umbrecht. Aber nicht nur das Ende der konfessionell geprägten und früher von Pfarrern beaufsichtigten Schule war gekommen, auch der Religionsunterricht durfte nicht mehr von den Ortsgeistlichen erteilt werden, da sie den Treueeid auf den neuen Reichskanzler verweigert hatten.</p>
<p>Aus der Zusammenfassung der Schulen ergaben sich bald wieder Raumprobleme. Das Bezirksamt Ellwangen, dem die Oberkochener Schule nun unterstand, drängte sogar auf eine Schulerweiterung, da man mit »der ungewöhnlichen Maßnahme des Schichtunterrichts, der sonst nirgends mehr besteht, rechnen« müsse. Im Jahre 1939 wurde die sechste Lehrerstelle errichtet und damit auch das achte Schuljahr eingeführt.</p>
<p>Der Beginn des Zweiten Weltkriegs unterbrach diese Aufwärtsentwicklung. Häufiger Lehrerwechsel und Abordnungen zu Vertretungen an anderen Orten waren die ersten Kriegsfolgen. Dann nahmen schulfremde Aufgaben überhand: Kartoffelkäfersuchen. Bucheckernsammeln bis hin zum Versuch einer Seidenraupenzucht. Im Winter wurden die Schulräume mit Holz und Tannenzapfen geheizt, trotzdem gab es auch wieder Kohlenferien. 1943 waren nur noch drei Lehrer an der Schule, die den Unterricht bis hin zum Mädchenturnen notdürftig versahen. Im Oktober 1943 trafen 36 aus Stuttgart evakuierte Schüler ein, die bei Oberkochener Familien wohnten und auch schulisch zu betreuen waren. Günstigerweise kamen sie in Begleitung von Oberlehrer Fischer, der zusätzlich eine Oberkochener Klasse übernehmen konnte. 1944 ließ sich der Schulbetrieb kaum noch aufrechterhalten; im Frühjahr 1945 wurden nur noch »am Montag, Mittwoch und Freitag von 9 bis 10 Uhr Hausaufgaben gegeben«.</p></div>
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				<span class="et_pb_image_wrap "><img loading="lazy" decoding="async" width="713" height="511" src="https://oberkochen-heimatverein.de/wp-content/uploads/hm-buch-s100.jpg" alt="Oberkochen" class="wp-image-11705"></span>
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				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Schule nach dem Zweiten Weltkrieg</h2>
<p>Am 2.10.1945 wurde in Oberkochen der Schulunterricht unter sehr dürftigen äußeren Voraussetzungen wieder aufgenommen: »Die Heizung ist in Ordnung, nur die Fenster fehlen noch«, »die Bänke sind schadhaft und wackeln«, »zur Reinigung fehlen Besen, Seife und Lappen«, derartige Bemerkungen sind bis 1946 in den Aufzeichnungen zu finden. Zunächst waren nur drei Lehrkräfte zum Unterricht zugelassen, aber langsam normalisierten sich die Umstände, 1947 führte die Volksschule wiederum sechs Klassen wie vor dem Krieg, allerdings mit über hundert Schülern mehr als damals. Der Klassenschnitt lag bei 78 Schülern; noch 1948 zählte die Klasse von Herrn Maikler 126 Schüler.</p>
<p>Entsprechend der Einwohnerzahl Oberkochens stiegen die Schüler- und Klassenzahlen immer weiter an. 1950 wurden in 10 Klassen 565 Schüler unterrichtet. Obwohl nun das »Bergheim« als Schule benutzt wurde, war Schichtunterricht nicht zu vermeiden. Erst als 1951 ein Schulhausneubau, der heutige Mittelbau der Dreißentalschule, eingeweiht werden konnte, wurden die Verhältnisse vorübergehend erträglicher. Doch nahm die Zahl der Schüler weiter zu. Deshalb mußte 1953 der Handarbeitsunterricht in das alte evangelische Schulhaus an der Aalener Straße ausgelagert werden. 1954 wurde auch das alte katholische Schulhaus abermals als Schule benützt. Abhilfe brachte 1958 der zweite Erweiterungsbau der Dreißentalschule mit zwölf Klassenzimmern, Verwaltungsräumen und einer Schulküche. Zu jener Zeit unterrichteten 18 Klassenlehrer und eine Fachlehrerin an der Schule. Erster Rektor der Volksschule Oberkochen war Herr Maikler. dem 1954 bis 1971 Rektor Hagmann folgte.</p>
<h2>Die moderne Entwicklung des Oberkochener Schulwesens bis 1986</h2>
<p>Waren im Jahre 1936/37 die beiden Konfessionsschulen auf staatliche Anordnung zusammengeschlossen worden, ergab sich aus der Nachkriegsentwicklung Oberkochens eine freie Entfaltung des Schulwesens in vier eigenständige Schulen. Maßgeblich gestaltet und beeinflußt hat diese Entwicklung der damalige Bürgermeister Gustav Bosch, der zusammen mit dem Gemeinderat nicht nur die industrielle Entwicklung und den Wohnungsbau förderte, sondern ganz bewußt auch die Bildungseinrichtungen.</p>
<h2>Dreißental — Grund- und Hauptschule</h2>
<p>Aus der ehemaligen »Deutschen Schule« hervorgegangen, wird die Dreißentalschule als zweizügige Grund- und Hauptschule geführt. Als Schulgebäude dienen das 1900 erbaute ehemalige katholische Schulhaus, die beiden Neubauten von 1951 und 1958 und die Dreißental-Turn- und Festhalle. Die Schule ist wie die anderen Oberkochener Schulen gut ausgestattet. Fach- und Werkräume, Sprachlabor (eines der wenigen an einer Hauptschule) und Schulküche ermöglichen einen Unterricht, der allen modernen Erfordernissen gerecht wird. Schulversuche — so z.B. die Erprobung des sogenannten »Erweiterten Bildungsangebots für Hauptschulen« vor der landesweiten Einführung — und stete Bemühungen, den Schülern nach erfolgreich erlangtem Hauptschulabschluß den Weg ins Berufsleben zu ebnen, zeichnen die Dreißentalschule aus. Sie wird von Rektor Staudenmeier geleitet, der 1985 die Nachfolge von Rektor Streu (Schulleiter von 1971 bis 1984) angetreten hat.</p></div>
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				<span class="et_pb_image_wrap "><img loading="lazy" decoding="async" width="711" height="546" src="https://oberkochen-heimatverein.de/wp-content/uploads/hm-buch-s102.jpg" alt="Oberkochen" class="wp-image-11706"></span>
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				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Gymnasium Oberkochen</h2>
<p>1957 begann die erste Klasse einer Außenstelle des Schubart-Gymnasiums Aalen im alten evangelischen Schulhaus mit dem Unterricht. Das »Aalener Ultimatum« bezüglich einer Kostenbeteiligung für auswärtige Schüler beschleunigte die Umwandlung der Außenstelle in ein selbständiges Progymnasium mit anfänglich vier Klassen (1959), das im Bergheim untergebracht war. In der Folgezeit vergrößerte sich die Schule Jahr für Jahr und 1972 war mit der ersten Reifeprüfung das Ziel erreicht: Das Gymnasium Oberkochen war mit 20 Klassen und rund 500 Schülern zum voll ausgebauten Gymnasium geworden.</p>
<p>Die mathematisch-naturwissenschaftliche Grundrichtung der Schule wurde 1979 durch einen neusprachlichen Zug erweitert. Dadurch ergeben sich heute gute Voraussetzungen für ein solides Kurssystem in der reformierten Oberstufe, das durch Kooperation mit anderen Gymnasien im musisch-sportlichen Bereich abgerundet wird. Das Bildungsangebot wird ergänzt durch naturwissenschaftliche Arbeitsgemeinschaften und bewußte Pflege der musischen Fächer. Über 120 kulturelle Veranstaltungen seit 1959 (Oratorien, Messen, Jugendopern, Spiele, Konzerte), aber auch zahlreiche Erfolge bei bildnerischen, literarischen und sportlichen Wettbewerben beweisen dies.</p>
<p>Der Schule steht eine aktive Elternschaft zur Seite: Schon seit 1967 besteht die »Gesellschaft der Freunde und Förderer des Gymnasiums Oberkochen e.V.«, die durch ideelle Unterstützung und finanzielle Zuwendungen die Arbeit der Schule fördert.</p></div>
			</div><div class="et_pb_module et_pb_image et_pb_image_48 bild-container">
				
				
				
				
				<span class="et_pb_image_wrap "><img loading="lazy" decoding="async" width="708" height="510" src="https://oberkochen-heimatverein.de/wp-content/uploads/hm-buch-s103.jpg" alt="Oberkochen" class="wp-image-11707"></span>
			</div><div class="et_pb_module et_pb_image et_pb_image_49 bild-container">
				
				
				
				
				<span class="et_pb_image_wrap "><img loading="lazy" decoding="async" width="704" height="484" src="https://oberkochen-heimatverein.de/wp-content/uploads/hm-buch-s104.jpg" alt="Oberkochen" class="wp-image-11708"></span>
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				<div class="et_pb_text_inner"><p>In der räumlichen Unterbringung teilte das Gymnasium Oberkochen, das seit seiner Selbständigwerdung im Jahre 1959 von Oberstudiendirektor Schrenk geleitet wurde, über fünfundzwanzig Jahre das Schicksal der früheren Schulen in Gestalt von permanenter Raumnot: Wanderklassen waren die Regel, Auslagerung von Klassen in das Bergheim beziehungsweise in die Tiersteinschule mußten viermal erfolgen. Der Bau der Schulgebäude am Tierstein erfolgte in vier Abschnitten: 1962 Einweihung des Klassenbaus mit Turn- und Schwimmhalle, 1970 Inbetriebnahme des Fachbaus, 1975 Aufstockung des Klassenbaus um ein weiteres Geschoß, 1983/84 Erweiterung des Klassenbaus im Osten und Neugestaltung des Pausenbereichs sowie Ergänzung des Aufenthaltsraumes durch eine Cafeteria. Damit hat das Gymnasium Oberkochen seine endgültige bauliche Form erhalten, die Klassen- und Fachräume für ein zweizügiges Gymnasium mit 18 Klassen umfaßt. Im Sommer 1989 wurde OStD Schrenk in den Ruhestand verabschiedet. Sein Nachfolger ist OStD Lothar Freiburg, der die Schule seit 1990 leitet.</p>
<h2>Tiersteinschule</h2>
<p>Mit der Ausdehnung der Oberkochener Wohnsiedlungen auf das Gebiet Gutenbach — Wolfertstal — Tierstein, auch durch die Erschließung des Baugebietes Heide, wurde eine weitere Grundschule notwendig. Diese konnte 1965 als Tierstein — Grundschule eingeweiht werden. Sie ist als zweizügige Grundschule angelegt und führt acht Klassen der Schuljahre eins bis vier. Schulleiter war bis 1981 Rektor Gunzenhauser, sein Nachfolger war Dipl. Pädagoge Nuding, dem 1986 Rektor Uhl als Schulleiter folgte. Als kleinere selbständige Schuleinheit kann die Tierstein-Grundschule die Anforderungen des Bildungsplanes ideal erfüllen, wobei besonderes Gewicht im musisch-allgemeinbildenden Bereich liegt und die Nachbarschaft zum Hallenbad günstige Möglichkeiten für den Schwimmunterricht bietet.</p>
<h2>Sonnenbergschule</h2>
<p>Im Jahre 1970 wurde im Bergheim eine Sonderschule für Lernbehinderte eingerichtet. Das Einzugsgebiet erstreckte sich von Oberkochen über Unterkochen bis auf das Härtsfeld. 1976 wurden die sechs Klassen dieser Sonderschule in die Pestalozzi-Schule Aalen eingegliedert, aus räumlichen Gründen jedoch in Oberkochen belassen. Als die Aalener Schule in der Lage war, die Oberkochener Klassen aufzunehmen, setzten intensive Bemühungen zum Erhalt der Sonderschule in Oberkochen ein. Diese führten 1983 zur Gründung der Sonnenbergschule als Sonderschule für lernbehinderte Kinder der Gemeinden Oberkochen und Königsbronn.</p>
<p>Unter Leitung von Sonderschulrektor Gentner wurde die Schule im Bergheim untergebracht. Damit besitzt die Sonnenbergschule ein ihrer Größenordnung gut angepaßtes Domizil. Auch das Bergheim fand dadurch nach jahrelangem Dienst als Ausweichquartier der Oberkochener Schulen eine sinnvolle Verwendung und ansprechende Gestaltung, was durch den 1. Preis beim Pausenhofwettbewerb des Ostalbkreises 1985 eindrücklich dokumentiert wurde. Schulleiter ist derzeit Rektor Didszus.</p>
<h2>Musikschule Oberkochen-Königsbronn</h2>
<p>Obwohl die Musikschule in Struktur und Aufgabenstellung nicht mit den anderen Schulen vergleichbar ist, darf sie in die Reihe der Oberkochener Schulen gestellt werden, ergänzt und befruchtet sie doch die Bemühungen dieser Schulen, Kindern und Jugendlichen, aber auch Erwachsenen in Musik, Spiel und Tanz eigenes musisches Tun zu vermitteln. Unter Musikschulleiter Hans Grupp entwickelte sich in kurzer Zeit ein breit gefächertes Unterrichtsangebot, das von musikalischer Früherziehung über Instrumentalunterricht bis zu Erwachsenen-Spielkreisen und Ballett reicht (siehe auch Kapitel »Musikschule«).</p>
<h2>Allgemeine Aspekte der Oberkochener Schulen</h2>
<p>Das Oberkochener Schulwesen ist in Größe, Umfang und Bedeutung der Stadt Oberkochen angemessen. 1984 gingen in der Dreißentalschule 307 Schüler und 22 Lehrer aus und ein, in der Tiersteinschule waren es 182 Schüler und zwölf Lehrer. Am Gymnasium wurden 586 Schüler durch 51 Lehrkräfte unterrichtet und die Sonnenbergschule wurde von 55 Schülern besucht, um die sich acht Lehrer bemühten.</p></div>
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				<div class="et_pb_text_inner"><p>Weitere 225 Oberkochener Schüler besuchten die Realschule Königsbronn. Rund 1200 Personen waren an den Oberkochener Schulen tätig, wöchentlich wurden ca. 1630 Unterrichtsstunden erteilt. Zwar nehmen die Schülerzahlen wegen des Geburtenrückgangs ab, genaue Untersuchungen haben jedoch ergeben, daß der Bestand (zwei Grundschulen, eine Hauptschule, Gymnasium und Sonderschule) erhalten werden kann. Damit ist auch die räumliche Unterbringung in vier Gebäudekomplexen mit sieben Schulgebäuden auf Dauer gesichert und die langanhaltende Raumnot gebannt. Entsprechendes gilt für den Sportunterricht, dem die Dreißentalhalle (zugleich Festhalle), die zweiteilige Schwörzhalle, die Turnhalle beim Gymnasium und das Hallenbad zur Verfügung stehen. Als Ausweichmöglichkeit ist noch die vereinseigene TVO-Halle vorhanden. Als öffentlich-staatliche Schulen mit kommunaler Schulträgerschaft unterstehen die Oberkochener Schulen der Aufsicht des Staatlichen Schulamtes in Schwäbisch Gmünd (Haupt‑, Grund‑, Sonderschule) beziehungsweise der des Oberschulamtes Stuttgart (Gymnasium). Die Lehrkräfte werden den Schulen von diesen Stellen zugeteilt und vom Land Baden-Württemberg besoldet. Die Sachkosten der Oberkochener Schulen trägt die Stadt Oberkochen. Sie werden durch den städtischen Haushaltsplan finanziert, wobei das Land zu den laufenden Kosten einen Sachkostenbeitrag leistet, der 1983 bei einem Gesamtaufwand von DM 1 754 000 für die Schulen DM 492 000 betrug. Für Schulbauten gewährt das Land Zuschüsse nach den Schulbaurichtlinien in Höhe von ca. 20% der Baukosten. Die Oberkochener Schulen sind auch aktiv in die Lehrerausbildung und Fortbildung des Landes einbezogen. Sie erfüllen in der Grundschullehrerausbildung an der Tiersteinschule, durch die Referendarausbildung am Gymnasium und mit Fortbildungsmaßnahmen der Dreißentalschule überörtliche Aufgaben.</p>
<p>Die Schüler der Oberkochener Schulen stammen aus verschiedenen Orten der Umgebung. 60 % der Schüler des Gymnasiums wohnen in Oberkochen, 27 % in Königsbronn und 13% sind in Aalen-Unterkochen bzw. ‑Ebnat zuhause. Die Sonnenbergschule wird von Schülern aus Oberkochen, Königsbronn und einigen Härtsfeldorten besucht. Die Oberkochener Schulen sind jeweils selbständige Einrichtungen mit eigenverantwortlicher Leitung und Verwaltung. Sie arbeiten jedoch eng zusammen. Die Oberkochener Kinderfeste — 1985 wurde das 50. Oberkochener Kinderfest begangen — werden von den Schulen abwechselnd organisiert, ebenso wie die gemeinsamen Unternehmungen der Oberkochener Lehrerschaft.</p>
<p>Eine Fülle von Fragen der Zusammenarbeit und des gegenseitigen Verständnisses, Lenkungsprobleme und Verwaltungsaufgaben sind an den Schulen täglich zu lösen. Außer den Schulleitungen sind die einzelnen Gremien der Schulen (Gesamtlehrerkonferenz und Schulkonferenz) für die Arbeit der Schule zuständig. Die Gruppenvertretungen in Elternbeirat, Schülermitverantwortung und Personalrat tragen mit Vorschlägen und Anregungen, aber auch mit Kritik und eigenen Ideen zur Gestaltung des Schullebens bei. Im Schulbeirat der Stadt finden sich Vertreter der Schulen, Kirchen und Eltern mit Gemeinderäten unter Vorsitz des Bürgermeisters zu gemeinsamer Beratung schulischer Fragen zusammen.</p>
<p>So sind die Oberkochener Schulen auch in heutiger Zeit das, was sie stets sein wollten und waren: Spiegelbild der Gesellschaft, in der und an der sie arbeiten, Repräsentanten geistigen und kulturellen Lebens ihres Heimatortes, Helfer und Förderer der Oberkochener Jugend.</p>
<h3><em><strong>Quellen- und Literaturhinweise</strong></em></h3>
<p>Akten aus dem Hauptstaatsarchiv Stuttgart,<br>dem Landeskirchlichen Archiv Stuttgart,<br>dem Archiv der Stadt Oberkochen,<br>dem katholischen Pfarrarchiv Oberkochen,<br>dem evangelischen Pfarrarchiv Oberkochen,<br>Veröffentlichungen im Amtsblatt »Bürger und Gemeinde« der Stadt Oberkochen,<br>Dorothea Feihl: Geschichte der Volksschule Oberkochen, 1962.</p>
<p style="text-align: right;"><strong><em>Volkmar Schrenk</em></strong></p></div>
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			</item>
		<item>
		<title>Momentaufnahmen zu einem Bild von 1847</title>
		<link>https://oberkochen-heimatverein.de/momentaufnahmen-zu-einem-bild-von-1847/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[smarterPresence]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 20 May 2024 14:56:23 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Heimatbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
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					<description><![CDATA[Seite 79-83 (Rudolf Heitele)]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="et_pb_section et_pb_section_7 beitrag-inner-container et_section_regular">
				
				
				
				
				
				
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				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Oberkochen 1847</h2>
<p>Betrachten wir die Ansicht des Dorfes Oberkochen aus dem Jahre 1847, so ist es zunächst die zeitliche Distanz, die uns beeindruckt. 140 Jahre, gewiß, und doch sind das gerade nur vier Generationen.</p>
<p>Versuchen wir aber, uns das Leben so vorzustellen, wie es 1847 war, so kommen wir zu einem Bild, das zeitlich viel weiter entrückt ist, dem Mittelalter näher als unserer Gegenwart. Denn noch immer trennen die gleichen unermeßlichen Distanzen Oberkochen von der Welt, wie, sagen wir einmal, zur Zeit der Staufer, weil sie immer noch mit den gleichen Mitteln überwunden werden müssen: zu Fuß, mit Pferd und Wagen. Sicher ist es nur eine verschwindende Minderheit der Oberkochener, die seinerzeit je den Umkreis des Dorfes verlassen und eine einigermaßen gesicherte Vorstellung von der Welt, von König und Königreich Württemberg und Vaterland überhaupt gewinnen konnten. Noch immer ist ihr Hauptgeschäft das, was es auch schon tausend und mehr Jahre zuvor war, die Landwirtschaft. Sie ist 1847 noch nicht weit über mittelalterliche Methoden hinausgekommen. Noch immer werden die Felder nach der Dreifelderwirtschaft bestellt, bei der ein Drittel des Bodens ungenützt und brach liegenbleiben muß, damit er regenerieren kann. Heute ein unvorstellbarer Gedanke. 1847 zahlten die Bauern immer noch den großen und den kleinen Zehnten. Und da gab es auch noch Spuren der altgermanischen Allmende: Jedes Jahr im Februar wurden die Hirten gedungen, die das Vieh auf die gemeinsamen Weiden trieben, einer für Ochsen und Kühe, einer für die Rösser, einer für das »Schmalvieh« und einer als Gäns- und Geißhirt.</p>
<p>Dies, zusammen mit der Zerstückelung des Grundes, der ungünstigen klimatischen Bedingungen und der lehmigen Schwere der Böden — gewöhnlich mußten drei Pferde vor den Pflug gespannt werden — macht es durchaus verständlich, daß es die Oberkochener Bauern nur zu »mittlerem Wohlstande« bringen konnten. Damit ist das soziale Gefälle erstaunlich gering ausgeprägt. Natürlich gab es auch die Ärmeren, die Taglöhner. Die versuchten sich und ihre meist recht zahlreiche Nachkommenschaft mit allerlei Aktivitäten, mit Beeren- und Salatsammeln und Latwergenherstellung über Wasser zu halten.</p>
<p>Wollte dies der unbekannte Künstler darstellen, wenn er im Vordergrund seines Bildes die Geißen, die »Kuh des kleinen Mannes«, neben das prächtige Pferd stellte? Die relativ geringen sozialen Unterschiede resultieren aber noch mehr aus einem ungewöhnlich hohen Arbeitsplatzangebot. Bei einer Gesamtbevölkerung von 1201 Einwohnern gab es 1847 nicht weniger als 60 Handwerksmeister. Der hervorragende Töpferlehm am Zahnberg ermöglichte eine bedeutende Geschirrproduktion, die auch ins Ausland exportiert wurde, nach Bayern und sogar nach Baden. Außerdem beschäftigte das Hüttenwerk in Königsbronn Oberkochener Bergleute, Waldarbeiter und durch den hohen Holzkohlebedarf auch viele Köhler. Selbst die Bauern konnten durch Spanndienste für das Hüttenwerk dazu verdienen. Ganz klar: So sehr die Oberkochener 1847 auch dem Alten verhaftet gewesen sein mögen — die große Geschichte sparte sie nicht aus. Etwas von der großen geistigen, politischen und technischen Bewegung, die vom Wiener Kongreß zur Revolution von 1848 und von der Postkutsche zur Eisenbahn führte, war 1847 auch in Oberkochen zu spüren. Gerade durch die Kunde von der Eisenbahn, von der man gehört hatte — da war doch der Oberkochener Bergmann Georg Schumacher beim Eisenbahnbau in Kirchheim verunglückt —, die es also gab und die vielleicht eines Tages auch durch das Kochertal dampfen wird, setzte sich ein neuer Gedanke fest: Fortschritt.</p></div>
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				<div class="et_pb_text_inner"><p>Zwei Männer möchte ich in diesem Zusammenhang besonders erwähnen. Die neuen Ideen von nationaler Einheit und demokratischer Freiheit müssen bei dem Oberkochener Pfarrer Carl Wilhelm Desaller auf besonders fruchtbaren Boden gefallen sein. »Die Völker Deutschlands hoffen auf die Befreiung von ihrem Joche«, schrieb er in die Pfarrchronik und apostrophierte sich selbst als »Linker«, als Demokrat also. Ein ungewöhnlicher Mann, der die geistigen Strömungen seiner Zeit erfaßte und sich leidenschaftlich engagierte. Zweimal wurde er zum Abgeordneten des Bezirks Neresheim gewählt. Gleichzeitig war er auch »Redakteur« des »Amts- und Intelligenzblatts« des Oberamtes Neresheim.</p>
<p>Beide Funktionen brachten ihn offenbar in Konflikt mit dem bischöflichen Ordinariat in Rottenburg. Zunächst gab es allerdings dort nach dem Tode des ersten Bischofs von Rottenburg, Dr. Johann Baptist von Keller, im Jahre 1845 eine zweijährige Vakanz, in der man die Zügel sicher etwas schleifen ließ. Mit der Wahl des aristokratischen Dr. Joseph von Lipp am 14. Juni 1847 und seiner Konsekrierung am 12. März 1848 wuchs der Druck auf aufmüpfige Pfarrer. Jedenfalls mußte Pfarrer Desaller seinen Redakteursposten aufgeben. Das Leben dieses Mannes wäre sicher einer näheren Untersuchung wert, wissen wir doch zum Beispiel, daß zu seinen Bekannten auch der französische Kaiser Napoleon III. gehörte.</p>
<p>Entsprechend der Forderung der 48er-Revolutionäre nach Volksbewaffnung zum Schutz der Freiheit formierte sich auch in Oberkochen eine Bürgerwehr. Die Geschichte meinte es jedoch gut mit den Oberkochener Freiheitskämpfern: So schnell zerrann der demokratische Traum, daß sie nicht beim Wort genommen wurden.</p>
<p>»Die Versprechungen wurden nicht gehalten« — so beschließt Pfarrer Desaller dieses Kapitel der deutschen Geschichte.</p>
<p>Zur gleichen Zeit begab sich der Handwerksgeselle Jakob Christoph Bäuerle nach seinen Lehrjahren auf die Wanderschaft. Er wird wenige Jahre später zurückkehren mit einer Idee, die für Oberkochen von großer Bedeutung werden sollte, der maschinellen Herstellung von Holzbearbeitungswerkzeugen. 1860 wird er dann in dem Gebäude neben dem »Lamm« seinen Betrieb gründen, die Keimzelle der späteren Industrialisierung in Oberkochen.</p>
<p>Im übrigen war 1847 kein gutes Jahr. »Große Theuerung« steht in der Pfarrchronik. Mißernten und eine tiefgreifende Handels- und Wirtschaftskrise in den meisten deutschen und europäischen Staaten trieben die Preise in die Höhe. Und das Jahr zuvor war noch so gut gewesen. »Gute Früchte« wuchsen in Oberkochen und vor allem »ein vortrefflicher Wein« — was immer man damals darunter verstanden haben mag. Immer wieder hatten sich die beiden »Collegien« der Bürgervertretung, nämlich Gemeinderat und Bürgerausschuß, mit den Auswirkungen der Not zu befassen. Gemeindebedienstete kamen mit ihrer Entlohnung nicht mehr zurecht. So mußte etwa dem Waldhüter zu seinen zwölf Gulden Jahresverdienst für das Teuerungsjahr ein »Gratial« von sieben Gulden gewährt werden. Der Taglöhner Joachim H., durch die Krankheit seiner Frau in Not geraten, erbat sich eine Zuwendung aus der Gemeindekasse, um nicht »samt seinem Weibe und seinen Kindern Hungers zu sterben«. Er erhielt schließlich 8 Kreuzer aus der Gemeindekasse, allerdings nicht ohne die Mahnung, »er solle sich mehr der Arbeit unterziehen, weil er, wie es der ganzen Gemeinde bekannt ist, nicht gerne arbeiten möge«. Der Flurschütz wurde für ein Tagegeld von 12 Kreuzer zum Bettlervogt ernannt, er sollte zusammen mit dem Polizeidiener die in Scharen anrückenden auswärtigen Bettler vertreiben. Die sonst brachliegenden Bergäcker wurden den Armen zum Anbau freigegeben.</p>
<p>Oberkochen zählte 1847 sicher nicht zu den armen Gemeinden des Bezirks; es hatte, wie lapidar festgestellt wurde, »weder Kapitalien noch Schulden«. Allerdings wurde es auch von Außenstehenden — eine Parallele zu heute? — viel reicher eingeschätzt als es tatsächlich war, damals wegen des beträchtlichen Waldbesitzes. Doch die nicht unbedeutenden Einnahmen aus 4 390 Morgen Wald kamen allein den 93 Gemeinderechtsbesitzern zugute.</p>
<p>Da war vorher von Gemeinderat und Bürgerausschuß die Rede. Worin bestand denn da der Unterschied? Der Gemeinderat mit seinen Mitgliedern Wiedenhöfer, Holz, Burr, Sapper, Widmann und Balle saß bei Schultheiß Maier am Ratstisch. Der Bürgerausschuß mit Obmann Gold und den Mitgliedern Schmid, Gold, Koch, Wingert und Winter, etwas respektlos »Schrannenfatzer« genannt, mußten ringsherum mit einfachen Holzbänken, eben den Schrannen, vorliebnehmen. In den Sitzungen ging es 1847 um Straßeninstandsetzungen »innerhalb Etters«, um Wegebau, um die zu verpachtende Schafweide, vor allem aber um die Ausstellung von Vermögens- und Leumundsprädikaten, von Heimatscheinen und Wanderbüchern und Heiratserlaubnissen. War indessen das Leumundszeugnis eines Bürgers nicht ganz lupenrein, handelte es sich fast ausschließlich um »Forstfrevel« und Holzdiebstahl, erschwerend von »aufbereitetem Holze«. Die Missetäter konnten ihre Strafen wohl absitzen — Gefängnis, wohl auch mal »Arbeitshaus und 20 Streiche« — doch mit der Bezahlung der Arrestkosten und Forststrafen haperte es manchmal »wegen allzugroßer Armseligkeit«. Dann mußte halt die Gemeindekasse einspringen. Übrigens, »Schultes« sein war auch 1847 nicht immer ganz ohne Risiko. Da wurden doch dem Schultheiß Maier im September die Fenster eingeworfen, welchen Schaden die Gemeindekasse ebenfalls trug, denn, das leuchtet doch ein, »wenn er nicht Schultheiß wäre…« Große Probleme warf offenbar auch die Farrenhaltung auf. Einmal mußte man sich des Farrens entledigen, weil er »zu unfromm« geworden war, ein andermal wegen »Untüchtigkeit«.</p>
<p>Und dann natürlich die beiden Schulen! Nicht genug, daß man ständig Klagen der beiden Schulmeister über unzureichende und unzweckmäßige Schulgebäude vorliegen hatte — dem evangelischen Provisor B. mußte man sogar einmal bedeuten, daß, wenn es ihm nicht passe, er sich einen anderen Dienst suchen müsse — schlugen auch die laufenden Schulkosten zu Buche. Am 3. und nach Ablehnung bereits wieder am 5. Mai 1847 wurde über zwei ziemlich gewalttätige Eingaben des katholischen Schulmeisters Balluff verhandelt. Dieser vielbeschäftigte Mann, Vater von zehn Kindern, Organist, Leiter des Kirchenchores und des Männerchores und Mesner, hatte endlich einen Lehrgehilfen bekommen. Damit wurde die Schule zweiklassig und brauchte demzufolge eine Erhöhung der Holzzuteilung. Durch eben diese Eingaben erreichte er eine stufenweise Anhebung von vier auf zunächst fünf und dann sechs Klafter Brennholz sowie 400 Reisigwellen — wobei die Gemeinde die Anfuhr, nicht jedoch den Macherlohn übernahm. Offenbar sollte das Holz dem Schulmeister zweimal warm machen. Die Schulpflicht wurde anscheinend nicht so recht ernst genommen, denn da und dort findet man Protokolle, die mit drei Kreuzen unterzeichnet sind.</p>
<p>Das Bild macht deutlich, daß Oberkochen 1847 eine paritätische Gemeinde war, übrigens die einzige im ganzen Bezirk. Was die Geschichte der Gemeinde und der beiden Kirchengemeinden angeht, möchte ich auf die Ausführungen von Pfarrer Forster und Herrn Seckler verweisen, die 1968 zur Stadterhebung in »Bürger und Gemeinde« bzw. im neuen Adreßbuch erschienen sind. Ebenso auf die Ausarbeitungen der Herren C. Schrenk u. Heitele in diesem Buch. Uns interessiert hier lediglich die Situation im Jahr 1847. Die katholische Kirche St. Peter und Paul, ein gotischer Bau, bekam 1663 einen neuen Chor und wurde barockisiert.</p>
<p>Aus 50 Morgen Wald und 5430 Gulden Kapital bestritt die Kirchenpflege die Baulast. Die evangelische Kirche mit ihrem hölzernen Dachreiter wurde 1582 — 83 erbaut, war aber 1847 bereits baufällig. Im allgemeinen kamen Evangelische (ein Drittel) und Katholische (zwei Drittel) leidlich miteinander aus. Die neuralgischen Punkte Kirche und Schule waren ja fein säuberlich getrennt, der Friedhof war jedoch noch gemeinsam. Es ist nicht berichtet, wie die geistlichen Herrn, Pfarrer Desaller und der evangelische Pfarrer Carlus Quilielmus Valet aus Ulm, zu einander standen.</p>
<p>Nun ja, so fördert ein willkürlich auf das Jahr 1847 gerichteter Blick vieles ans Licht, was im Laufe der 140 Jahre verschwunden ist; manches allerdings ist gleich geblieben, wie nämlich der Chronist schon 1847 die Oberkochener charakterisierte: »Ein gesunder, kräftiger Menschenschlag, von etwas mehr als mittlerer Größe, auch hübsch, wie zumal beim weiblichen Geschlechte sich zeiget…«</p>
<p>&nbsp;</p>
<p style="text-align: right;"><strong><em>Rudolf Heitele</em></strong></p></div>
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			</div>
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			</item>
		<item>
		<title>Armenfürsorge in Oberkochen</title>
		<link>https://oberkochen-heimatverein.de/armenfuersorge-in-oberkochen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[smarterPresence]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 20 May 2024 14:54:17 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Heimatbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
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					<description><![CDATA[Seite 74-78 (Christhard Schrenk)]]></description>
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				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Das Armenhaus</h2>
<p>Für die Menschen des 19. Jahrhunderts und in der Zeit davor hatte das Wort »Armut« einen ganz anderen Klang als für die heutigen Zeitgenossen. Jeder wußte, was bittere Armut war, und jeden konnte dieses Schicksal treffen. Eine schlechte Ernte, eine Feuersbrunst, ein Unwetter, ein Unfall, eine Verletzung im Krieg, eine Seuche — in einer Zeit ohne Versicherungsschutz konnten solche Ereignisse schlimme Auswirkungen haben.</p>
<p>Die unmittelbare Folge war der Hunger. Die Verdienstausfälle führten bei den Bauern aber auch rasch zu Zahlungsschwierigkeiten beim Begleichen der Abgabenschuld; denn oft waren die einstmals ertragsorientierten Abgaben in standardisierte Geldverpflichtungen umgewandelt worden, und mit Bargeld war die bäuerliche Bevölkerung nie sehr reich gesegnet. Zwar gab es — wie auch heute — die Möglichkeit, Grundstücke zu beleihen, also mit »Hypotheken« zu belasten. Im Unterschied zu heute konnte diese einmal entstandene Schuld jedoch entgegen gesetzlicher Regelungen oft nicht mehr getilgt werden. Nur der jährliche Zins war stets pünktlich zu bezahlen. Auf diese Weise häuften sich im Laufe der Zeit u.U. immer mehr Schulden und damit immer mehr Abgabeverpflichtungen an. Am Ende einer solchen Entwicklung, die oft genug von den Betroffenen weder selbst zu verantworten noch abzuwenden war, stand in vielen Fällen das Armenhaus. Solche Art von Armut gehörte noch im 19. Jahrhundert zu den täglichen Lebenserfahrungen der Menschen. Deshalb zählte ein Armenhaus zu den wichtigen öffentlichen Einrichtungen beinahe jeder Gemeinde. Es war fast so selbstverständlich vorhanden wie z.B. ein Wirtshaus oder eine Mühle. Allerdings befand sich das Armenhaus im allgemeinen eher am Ortsrand als im Zentrum. Auch in Oberkochen war das so. Das örtliche Armenhaus lag in der heutigen Mühlstraße auf der rechten Seite des Kochers. Das Gebäude hatte bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg überdauert und wich erst um 1950 einem modernen Wohnhaus. Wer in der Mitte des 18. Jahrhunderts zum Armenhaus gelangen wollte, mußte den Kocher in einer Furt überqueren, da erst ab 1769 eine Brücke vorhanden war.</p>
<h2>Engagement der beiden Kirchengemeinden</h2>
<p>Das Oberkochener Armenhaus stand in erster Linie unter der Regie der beiden örtlichen Kirchengemeinden. Die notwendigen Finanzmittel wurden über eine gemeinsame Armenkasse zur Verfügung gestellt. Von dieser Armenkasse berichten die Quellen zum ersten Mal im Jahre 1650, also direkt nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges, der in Oberkochen verheerende Auswirkungen hatte. Aus Kirchenvisitationsprotokollen ist zu erfahren, daß diese Kasse in den Kriegsjahren völlig aufgebraucht worden sei, daß sie aber auch nicht mehr benötigt werde, da alle Armen während des Krieges gestorben seien. Die Armenkasse wurde hauptsächlich durch Stiftungen und letztwillige Verfügungen gefüllt.</p>
<p>Das Fürsorgewesen wurde im allgemeinen von der Kirche ins Leben gerufen. Triebfeder des Handels war die christliche Nächstenliebe. In einigen Städten ging im ausgehenden Mittelalter die Armenfürsorge in die Hand der bürgerlichen Gemeinden über. In Oberkochen verblieb sie im wesentlichen bei den Kirchengemeinden.</p></div>
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				<span class="et_pb_image_wrap "><img loading="lazy" decoding="async" width="709" height="512" src="https://oberkochen-heimatverein.de/wp-content/uploads/hm-buch-s75.jpg" alt="Oberkochen" class="wp-image-11700"></span>
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				<div class="et_pb_text_inner"><p>Allerdings war das Gegen- und Miteinander der katholischen und evangelischen Kirchengemeinden Oberkochens ein seit der Reformationszeit häufig variiertes Thema. Die überkonfessionelle Armenfürsorge kann in diesem Zusammenhang als ein schon vor 250 Jahren praktiziertes Beispiel der örtlichen Bemühungen um Ökumene angesehen werden. Allerdings ging es auch auf diesem Feld nicht ganz ohne Probleme ab. Die Schwierigkeit lag darin, daß offensichtlich Armut und Reichtum zumindest zeitweise auf die beiden Konfessionen nicht ganz gleichmäßig verteilt waren. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts scheinen bei den Katholiken einige Familien relativ reich und andere sehr arm gewesen zu sein, während es auf der evangelischen Seite weder besonders arme noch auffallend reiche Familien gegeben hat. So wollte der damalige evangelische Pfarrer Oberkochens, Wilhelm Friedrich Dürr, die Armenfürsorge konfessionell trennen. Denn er war der Meinung, daß die reichen katholischen Familien ihre bedürftigen Konfessionsbrüder selbst unterstützen sollten. In einem Pfarrbericht, der aus der Mitte des 19.Jahrhunderts stammt, formulierte Dürr seine Forderung folgendermaßen: »Die Katholiken sollen ihre Armen, und wir wollen unsere erhalten«. Eine konfessionelle Trennung der Armenfürsorge konnte Dürr jedoch nicht durchsetzen.</p>
<h3>Verfügung der Obrigkeit</h3>
<p>Die gemeinsame Armenkasse verfügte nie über große Reserven. Das Geld reichte meist kaum aus, um die Ortsarmen auch nur am Leben zu erhalten. Deshalb war das Betteln für die Bedürftigen eine wichtige und notwendige Beschäftigung. Doch Arme, die der Unterstützung bedurften, gab es nicht nur in Oberkochen. Ganze Scharen von heimat- und mittellosen Bettlern und Landfahrern zogen einzeln oder in kleinen Gruppen durchs Land. Sie bettelten sich von Ort zu Ort durch, oft konnten sie das Überleben nur durch einen kleinen Diebstahl sichern. In Oberkochen wurde — wie in den meisten anderen Orten — jedoch streng zwischen ortsansäßigen und fremden Bettlern unterschieden. Das kommt z. B. im Aalener Protokoll von 1749 zum Ausdruck. In diesem Vertragswerk regelten die beiden Ortsherren Oberkochens unzählige Details des täglichen Lebens in dem herrschaftlich geteilten Ort. Vertragspartner waren das Stift Ellwangen, das die beiden katholischen Drittel Oberkochens innehatte, und das Herzogtum Württemberg, zu dessen Eigentum das einstmals zum Zisterzienserkloster Königsbronn gehörende evangelische Drittel zählte. Auch das Bettelwesen fand in diesem Vertragswerk seinen Platz. Dabei verfügten die Ortsherren einerseits, daß für die einheimischen Bettler gewissenhaft zu sorgen sei; andererseits verhängte die Obrigkeit jedoch scharfe Strafmaßnahmen gegen auswärtige Bettler und Landfahrer: Die örtlichen Dorf- und Bettelwachen wurden angewiesen, »dergleichen liederliches Gesindel« am Betteln im Ort zu hindern und zu vertreiben, nötigenfalls mit Gewalt.</p>
<p>In einem kleinen Ort wie Oberkochen gab es für entwurzelte und heimatlose Menschen keine Möglichkeit, auf legale Weise zu überleben. Sie wurden sofort als Fremde identifiziert und vertrieben, da sich im Ort alle Dorfgenos-</p></div>
			</div><div class="et_pb_module et_pb_image et_pb_image_53 bild-container">
				
				
				
				
				<span class="et_pb_image_wrap "><img loading="lazy" decoding="async" width="728" height="680" src="https://oberkochen-heimatverein.de/wp-content/uploads/hm-buch-s77.jpg" alt="Oberkochen" class="wp-image-11701"></span>
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				<div class="et_pb_text_inner"><p>7. Der bettler halb ist gemeinschafftlich verordnet worden,/ daß denen auswärttigen Bettlern und landfahrern/ das bettlen in loco (im Ort) oberkochen verbotten seyn, und/ zu deren abtreibung, die vorhin schon beliebtn dorffs/ und bettel-Wachten durch beederseitige beamte/ ohne fernern Verzug würcklich angeordnet- und / sträcklich darob gehalten, mithin dergleichen lie-/derliches gesindel in loco weder gedultet, noch beher- / berget, sondern mit Ernst abgetrieben, und daferne / es sich solchergestalten nicht abteiben laßen wolte, / gegen daßelbe mit der erförderlichen Schärffe und / allenfalßiger Coercition (Strafe) am Leib verfahren, vor/ die Einheimische arme hingegen mittelst einer von / denen beederseitigen beamten hiermächstens gemeinschafftlich / zu entwerffen stehenden dasigen orths umständen ge- / mäßen Einrichtung gewissenhafft gesorget werden solle.</p>
<p>Ausschnitt aus dem Aalener Protokoll von 1749.<br>In dem hier wiedergegebenen Abschnitt 4/7 wird das Bettelwesen behandelt.</p>
<p>sen persönlich kannten. Gemessen an den heimatlosen Bettlern, die nirgends auch nur geduldet waren, wurde also für die Ortsarmen vergleichsweise gut gesorgt. Ein Jahrhundert später war das Oberkochener Bettelwesen erneut Gegenstand einer obrigkeitlichen Verfügung. In der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde versucht, das Bitten um Almosen stark einzuschränken. Diesem Ziel diente das Verbot des »Kinderbettels« und die Festlegung von wöchentlich zwei »Betteltagen«. Die Maßnahmen fruchteten allerdings wenig. So gelang es kaum, die Kinder vom Betteln abzuhalten, und auch die wöchentlichen zwei Tage, an denen es noch erlaubt war, von Haus zu Haus zu ziehen und Almosen zu erbetteln, wurden nicht eingehalten.</p>
<h2>Die Armut geht zurück</h2>
<p>Ihre gesellschaftspolitische Relevanz verlor die örtliche Armenfürsorge im hier geschilderten Sinne erst Ende des 19. bzw. Anfang des 20. Jahrhunderts, als die aufkommende Sozialgesetzgebung die schlimmsten Fälle von Armut aufzufangen begann. Speziell in Oberkochen verbesserte sich die ökonomische Situation vieler Familien durch die ständig zunehmenden Arbeits- und Erwerbsmöglichkeiten in der am Ort aufblühenden Bohrermacherindustrie. So konnte Oberkochens evangelischer Pfarrer Eugen Wider im Jahre 1914 in einem Pfarrbericht kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs schreiben: »Die Erwerbsmöglichkeiten sind nicht ungünstig. Örtliche (Armen-) Unterstützung erhält nur eine evangelische Familie. Eigentlich arme Leute gibt es sonst nicht, das heißt Mangel leiden muß niemand, der nur arbeiten will«. Mit diesem Zitat endet das Kapitel der Oberkochener Geschichte, das mit »Armenfürsorge« überschrieben ist.</p>
<h3><em><strong>Quellenhinweise</strong></em></h3>
<ol>
<li>Hauptstaatsarchiv Stuttgart:<br>Kirchenvisitationsakten des 17. bis 19. Jahrhunderts: Bestand A 281 Büschel 531 ff. Aalener Protokoll von 1749: Bestand A 249 Büschel 3297.</li>
<li>Landeskirchliches Archiv Stuttgart:<br>Pfarrbeschreibungen und Pfarrberichte von 1828 bis 1914: Bestand A Bd. 3318</li>
<li>Quellen zur Armenfürsorge: Bestand A Bd. 3315 5</li>
<li>Mühlenbuch von 1751. Aufbewahrungsort: Untere Mühle zu Oberkochen.</li>
</ol>
<h3><em><strong>Literaturhinweis</strong></em></h3>
<p>Einführende Literatur zum Thema »Armut und Fürsorgewesen«:<br>ZEEDEN, Ernst Walter: Deutsche Kultur in der frühen Neuzeit. Frankfurt/Main 1968, S. 108–116.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p style="text-align: right;"><strong><em>Christhard Schrenk</em></strong></p></div>
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			</item>
		<item>
		<title>Geschichte der evangelischen Kirchengemeinde in Oberkochen</title>
		<link>https://oberkochen-heimatverein.de/geschichte-der-evangelischen-kirchengemeinde-in-oberkochen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[smarterPresence]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 20 May 2024 14:50:11 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Heimatbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
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					<description><![CDATA[Seite 62-73 (Christhard Schrenk)]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="et_pb_section et_pb_section_9 beitrag-inner-container et_section_regular">
				
				
				
				
				
				
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				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Zeit vor der Reformation</h2>
<p>Von jeher war Oberkochen ein herrschaftlich geteiltes Dorf. Ab etwa 1350 gehörten zwei Drittel zum damaligen Benediktinerkloster und späteren Chorherrenstift Ellwangen, ein Drittel war im Besitz des Zisterzienserklosters Königsbronn, das im Jahre 1534 nach wechselvollem Schicksal an das Haus Württemberg fiel. Sofort unternahm Herzog Ulrich von Württemberg den Versuch, in seinem neuen Herrschaftsgebiet die Reformation durchzusetzen. Während Ellwangen bis auf einen kleinen Zeitabschnitt im Dreißigjährigen Krieg immer katholisch blieb, wurde 1536 die Gegend um Heidenheim evangelisch. Damit ist schon das früheste Datum genannt, das als Zeitpunkt der Reformation in Oberkochen in Frage kommt. Was in Heidenheim schnell gelang, führte in Königsbronn jedoch zu Schwierigkeiten. Die dortigen Zisterziensermönche wehrten sich einige Jahre erfolgreich gegen die Reformation; so daß deren Kloster erst im Jahre 1553 durch Herzog Christoph von Württemberg evangelisch wurde.</p>
<p>Wahrscheinlich zu diesem Zeitpunkt kam dann auch der Königsbronner Teil Oberkochens zum lutherischen Glauben. Leider ist es nicht möglich, das Datum der Reformation in Oberkochen exakt anzugeben, denn die Quellen liefern in diesem Punkt widersprüchliche Informationen. In jedem Fall war Oberkochen ab 1553 nicht nur politisch, sondern auch religiös ein geteiltes Dorf, in dem etwa 500 Personen wohnten; davon waren zwei Drittel katholisch, ein Drittel gehörte der evangelischen Konfession an. Der Fortgang der Geschichte zeigt, daß weniger aus der politischen, als vielmehr aus der religiösen Trennung verschiedene Probleme erwuchsen. Schon die damaligen Zeitgenossen hatten erkannt, daß die Existenz solch kleiner kirchlicher Simultanverhältnisse schnell zu Schwierigkeiten führen könnte. Deshalb wurde im Augsburger Religionsfrieden von 1555 (knapp 40 Jahre nach Luthers »Thesenanschlag«) neben vielen anderen Dingen die Problematik kirchlicher Simultanverhältnisse (»paritätische Gemeinden«) behandelt. Das Vorhandensein verschiedener Konfessionen in ein- und demselben Ort war nach diesem Vertrag nur in Frei- und Reichsstädten erlaubt. Dabei wurden nur Konfessionen zugelassen, die in der entsprechenden Stadt schon zum Stichdatum 1552 (Passauer Vertrag) existiert hatten. Das bekannteste Schlagwort des Augsburger Religionsfriedens lautet: »cuius regio, eius religio«. Frei übersetzt: »Wer regiert, bestimmt die Religion der Untertanen«. Allerdings wurde nicht genau definiert, was »regio« bedeutet, oder anders gesagt, wer in einem Territorium »regiert«, in welchem die Herrschaftsrechte gespalten sind. Für die Klärung dieser Frage wurde Oberkochen zu einem Präzedenzfall. Die hohe Gerichtsbarkeit über das gesamte Dorf hatte Ellwangen inne, die niedere Gerichtsbarkeit dagegen lag im jeweiligen Ortsteil bei Ellwangen bzw. bei Königsbronn.</p>
<p>Kurz nach 1580 wurde die Absicht bekannt, Königsbronns evangelische Filialgemeinde in Oberkochen zu einer eigenständigen Pfarrei zu erheben, eine Kirche zu bauen und gleichzeitig eine evangelische Schule zu errichten. Dem Inhalt des Augsburger Religionsfriedens zufolge hätte der Propst von Ellwangen seine Zustimmung zu diesem Vorhaben geben müssen, was jedoch nicht geschah; möglicherweise wurde er überhaupt nicht gefragt. So kam es zum Rechtsstreit vor dem Reichskammergericht, dem damals höchsten deutschen Gericht, das sich zu dieser Zeit in Speyer befand.</p>
<p>In diesem Reichskammergerichtsprozeß stand zunächst ein spezielles Oberkochener Problem zur Klärung an. Es ging um die Frage des Standortes der Kirche. Der katholische Propst von Ellwangen behauptete, daß ein Teil des Kirchbaugrundstücks zum katholischen Ortsteil gehöre. Damit hätte er sehr einfach die Unrechtmäßigkeit des Kirchbaus beweisen können. Der Königsbronner Abt versicherte dagegen, daß das Bauland rein evangelisch sei. Es stand Aussage gegen Aussage, und es fand sich kein rechtskräftiger schriftlicher Beweis, der Licht in diese Angelegenheit hätte bringen können. Erst nach 18 Verhandlungsjahren mit verschiedenen Lokalterminen und Zeugenbefragungen in Oberkochen gelangte das Gericht zu der Überzeugung, daß das Bauland doch ganz evangelisch gewesen sei. Danach verlagerte sich der Rechtsstreit auf eine wesentlich abstraktere Ebene: Nun wurden Grundsatzfragen des Augsburger Religionsfriedens diskutiert.</p>
<p>Der katholische Propst von Ellwangen vertrat dabei vor Gericht folgenden Standpunkt:</p>
<ol>
<li>Verschiedene Konfessionen dürfen, wenn überhaupt, nur in Frei- oder Reichsstädten vorhanden sein. Man müsse sich deshalb im kleinen Oberkochen für eine der beiden Konfessionen entscheiden.</li>
<li>Da er als Propst die hohe Gerichtsbarkeit über den ganzen Ort innehabe, stehe ihm auch das Recht zu, die katholische Konfession im gesamten Dorf durchzusetzen.</li>
</ol>
<p>Der Abt von Königsbronn argumentierte entgegengesetzt:</p>
<ul>
<li>Durch den Augsburger Religionsfrieden sei es möglich, daß es beide Konfessionen in einem Ort gäbe, wenn damit zunächst auch nur Frei- und Reichsstädte gemeint seien.</li>
<li>Er als Abt von Königsbronn habe die niedere Gerichtsbarkeit über seinen Ortsteil, und daran hänge nach seiner Ansicht auch das »ius reformandi«, also das Recht, die Reformation durchzuführen.</li>
</ul>
<p>Auffällig ist, daß die Existenz verschiedener Konfessionen in Oberkochen nicht schon direkt nach der Reformation (also spätestens im Jahre 1553) zu Auseinandersetzungen geführt hat, sondern erst einige Jahrzehnte später im Zusammenhang mit der Selbständigkeit der evangelischen Filialgemeinde und dem damit verbundenen Kirchenbau. Das Reichskammergericht mußte sich zwischen den eben skizzierten Positionen des katholischen Propstes und des evangelischen Abtes entscheiden. In der Frage der Existenz verschiedener Konfessionen in einem Ort neigte es eher der Argumentation Ellwangens zu, also der Auffassung, daß es in Oberkochen nur eine Konfession geben dürfe. Das Problem, ob das »ius reformandi« an der hohen oder an der niederen Gerichtsbarkeit hänge, wurde im Verlauf des Rechtsstreites jedoch nicht geklärt, und damit blieb auch die Frage offen, ob die evangelische Konfession in Oberkochen rechtsmäßig sei. Nach über vierzigjähriger Dauer verlief sich der Prozeß im Sande, ohne entschieden worden zu sein. Beide Seiten hatten jegliches Interesse an der Sache verloren, weil die Existenz einer eigenständigen evangelischen Pfarrei in Oberkochen, in der bereits der neunte Geistliche wirkte, schon jahrzehntelang Realität geworden war.</p>
<p>Trotz des schwebenden Gerichtsverfahrens wurde ab 1580/81 der Bau der ersten evangelischen Kirche in Oberkochen vorangetreiben und abgeschlossen; auf diese Weise stellte man das Gericht vor vollendete Tatsachen. Es ist in den Quellen überliefert, daß zu Ostern 1583 Oberkochens erster Pfarrer, der aus Stuttgart stammende Ulrich Nicolai, in der neuen Kirche predigte. Der Pfarrer war zugleich Mesner und Lehrer. Bis 1936 lassen sich in Oberkochen Kirchengeschichte und Schulgeschichte kaum voneinander trennen, weil der Unterricht in Pfarr- bzw. Bekenntnisschulen stattfand. Darüber wird in der »Geschichte der Oberkochener Schulen« (V. SCHRENK) näher berichtet. Wie sah das neue Gotteshaus aus, um das im 16. und 17. Jahrhundert so lange gestritten wurde? Es ist eine Zeichnung aus dem Jahre 1857 erhalten, das die zu diesem Zeitpunkt 275 Jahre alte Kirche zeigt. Sie stand genau auf dem Platz, auf welchem sich heute die alte evangelische Kirche von 1875 befindet.</p>
<p>Sie war ziemlich klein, und der Kirchenraum lag etwa einen Meter unter dem Straßenniveau. Das hatte zur Folge, daß Wasser in das Gotteshaus eindrang. Deshalb befand sich die Kirche von Anfang an in baulich schlechtem Zustand. Es ist ein Grundelement der vierhundertjährigen Geschichte der evangelischen Kirchengemeinde Oberkochens, daß das Gotteshaus renoviert, ausgebessert oder umgebaut werden mußte.</p>
<p>Die erste Kirche war ein »Mehrzweckbau«. Der niedere Kirchenraum bildete das Erdgeschoß. Im ersten Stock des Gebäudes befand sich die Pfarrwohnung, die aus zwei beheizbaren Stuben, drei nicht beheizbaren Kammern und einer Küche bestand. Als Abschluß nach oben folgte ein Statteldach mit einem kleinen Dachreiter für die Glocken. Die Glochenseile führten vom Dachreiter mitten durch das Schlafzimmer des Pfarrers hindurch nach unten. Auf eine Kirchturmuhr wurde verzichtet. Im Hof hinter der Kirche standen eine Scheune, ein Schweinestall und ein Backhäuschen. Das Trink- und Brauchwasser mußte die jeweilige Pfarrfamilie aus dem nahen Kocher holen. Ihre Wohnräume dienten zugleich als Schulzimmer.</p></div>
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				<div class="et_pb_text_inner"><h2>Das 17. und 18. Jahrhundert</h2>
<p>Um das Jahr 1634, also etwa 50 Jahre nach der Investitur des ersten evangelischen Pfarrers in Oberkochen, erreichte die Front der Kampfhandlungen des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648) unser Gebiet. Das hatte für den gesamten Ort verheerende Folgen: die Einwohnerzahl sank durch die Kriegswirren von 500 auf weniger als ein Viertel. Erst 100 Jahre später hatte Oberkochen den alten Bevölkerungsstand wieder erreicht. Ab 1635 gab es keinen evangelischen Pfarrer mehr im Dorf, und für einige Jahre wurde die evangelische Gemeinde mit Königsbronn zusammen sehr wahrscheinlich wieder katholisch. Erst 1659 zog erneut ein evangelischer Theologe auf. Bis zum Ende des Jahrhunderts wechselten dann die Geistlichen in rascher Folge. Sie blieben im Durchschnitt nur drei Jahre, bis sich ihnen eine lukrativere Stelle bot. Sie waren in dieser Zeit fast alle kaum mehr als 20 Jahre alt, weil damals bestenfalls ein ganz junger Pfarrer ohne Familie und ohne große Ansprüche von dieser Pfarrstelle existieren konnte.</p>
<p>In den Quellen finden sich immer wieder Klagen über die schlechte Bezahlung der evangelischen Geistlichen in Oberkochen. Auch das ist durch mehrere Jahrhunderte ein konstantes Element in der Geschichte der hiesigen Pfarrei. Verglichen mit etwa gleich großen Gemeinden, gehörte diese Pfarrstelle zu den am schlechtesten bezahlten im weiten Umkreis denn die Höhe der Bezahlung hing vom Reichtum der Gemeinde ab, und Oberkochen war sehr arm. Es kam sogar vor, daß ein Pfarrer seine neue Stelle in Oberkochen wegen Armut der Gemeinde nicht antreten konnte. Die Pfarrbesoldung bestand zum größten Teil aus Naturalien: Der Geistliche bekam verschiedene Getreidesorten, Wein, Holz und nur wenig Bargeld. Diese Art der Bezahlung war allgemein verbreitert und wurde bis ins 19. Jahrhundert hinein fast unverändert beibehalten.</p>
<p>Während der Vakatur nach dem Dreißigjährigen Krieg hatte man die Kirche unter großen finanziellen Anstrengungen renovieren lassen. Doch schon bald wurden neue bauliche Maßnahmen notwendig. Immer wieder ist von Wasserschäden die Rede.</p>
<p>In den letzten Jahren des 17. Jahrhunderts erhielt Oberkochen eine eigene evangelische Schulmeisterstelle. Der Lehrer hatte zusätzlich des Mesneramt zu versehen. Bis zu diesem Zeitpunkt war der Pfarrer zugleich Mesner und Lehrer gewesen.</p>
<p>Aufgrund der konfessionellen Teilung kam es verschiedentlich zu Reibereien zwischen dem katholischen und dem evangelischen Bevölkerungsteil. Um die komplizierte Situation zu klären und die Rechte und Pflichten aller Beteiligten im Dorf schriftlich niederzulegen, handelten im Jahre 1749 Vertreter Ellwangens und Württembergs (als Besitzer Königsbronns) in Aalen einen umfassenden Vertrag aus, der den Namen »Aalener Protokoll« trägt. Neben verschiedenen Dingen des täglichen Lebens nahmen dort kirchliche Fragen einen breiten Raum ein. Einige Passagen seien zur Illustration wörtlich zitiert. So heißt es etwa im 2. Abschnitt (5.) des Aalener Protokolls: »Was die Einsegnung der Ehen, auch Begräbnisse der Toten anbelangt, da will man … geschehen lassen, daß jeder Geistliche zu Oberkochen seiner Religion anverwandten Ehen in seiner Kirche einsegnen… möge, da ferner aber Eheleute diverser Religion sein sollten, könnte es mit solchem, was die Taufe … betrifft, wie bisher dabei gelassen werden, daß (dies) in derjenigen Kirche verrichtet werden möge, unter deren Herrschaft die Leute wohnen.«</p>
<p>Dieser Passus bedeutet, daß Eheschließungen und Begräbnisse entsprechend der Konfession der Personen vom katholischen bzw. evangelischen Geistlichen durchgeführt werden sollten. Im Falle gemischt-konfessioneller Ehen war die Religionszugehörigkeit der Kinder festgelegt durch den Wohnsitz der Eltern. Wenn die Familie im ellwangischen Teil Oberkochens wohnte, sollten die Kinder katholisch sein, im anderen Falle waren sie evangelisch zu taufen. Ein anderer Passus lautet (12.):</p>
<p>»Das Mittagläuten der Evangelischen zu Oberkochen soll in Zukunft eine Viertel Stunde vor Zwölf Uhr geschehen, mithin von den Evangelischen daselbst zu derjenigen Zeit wo von den Catholicis zum Mittaggebet um 12 Uhr die Glocken angezogen werden, nicht mehr zu gleicher Zeit geläutet werden.« Die Evangelischen mußten also ihr Mittagläuten eine Viertelstunde vorverlegen, damit es nicht das Mittagläuten und Gebet der Katholischen störe.</p>
<p>Solche und ähnliche Einzelbestimmungen des Vertrages wurden zusammengefaßt zu folgender Regel (14.):<br>»Bei öffentlichen Andachtsübungen soll alle Ungebühr auf beiden Seiten sorgsamst abgewendet werden.«</p>
<p>Jeder soll also die Konfession und die Religionsausübung des anderen respektieren und nicht stören.</p>
<p>Besonderen Schutz genossen die beiden Pfarrer, deren Dienst in einem religiös geteilten Ort nicht immer einfach war. Die Geistlichen sollten auf diese Weise vor Übergriffen geschützt werden. Der Vertrag legte auch fest, unter welchen Bedingungen z.B. der evangelische Pfarrer ein katholisches Haus betreten durfte (und umgekehrt) und ob er dabei in voller Amtstracht zu erscheinen hatte oder nicht.</p>
<h3>Entwicklung nach 1803</h3>
<p>Eine einschneidende Änderung ergab sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Die Bestimmungen des Reichsdeputationshauptschlusses brachten letztlich das Ende des Stifts Ellwangen. Seine Besitzungen und damit auch der katholische Teil Oberkochens fielen an das Haus Württemberg. Diese »Verwaltungsreform« entschädigte Württemberg für den Verlust verschiedener Landstriche und ließ viele kleine und kleinste »Staaten« von der deutschen Landkarte verschwinden. Die bürgerliche Gemeinde Oberkochen gehörte danach verwaltungsmäßig zum Oberamt Aalen, die evangelische Kirchengemeinde dagegen war, wegen ihrer engen Verbindung zu Königsbronn, Teil des Dekanats Heidenheim. Erst im Jahre 1813 korrigierte ein königlicher Erlaß diese Situation. Zu jenem Zeitpunkt wurde die evangelische Kirchengemeinde in das 1807 gegründete Dekanat Aalen integriert, das heute 40 000 Personen in 25 Gemeinden umfaßt. In der Zeit nach 1583 war die Kirche äußerlich nicht wesentlich verändert worden. Nur im Hof hinter dem Gotteshaus hatte man zusätzlich kleine Stallungen und eine Waschküche errichtet. 1825 ersetzte die Gemeinde den alten Dachreiter durch einen kleinen Holzturm, in welchem drei Glocken aufgehängt wurden. Für die Musik im Gottesdienst stand eine kleine, reparaturbedürftige Orgel zur Verfügung. Der Pfarrer bekam, nachdem er seit einigen Jahren vom Schul- und Mesnerdienst befreit war, neue Betätigungsfelder zugewiesen. Er hatte den Hof Niesitz, ab 1846 auch den evangelischen Bevölkerungsteil in Ebnat und ab 1848 denjenigen in Waldhausen kirchlich mitzuversorgen. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts häufen sich in den Quellen die Klagen über den extrem schlechten baulichen Zustand von Kirche und Pfarrwohnung. Unter großen finanziellen Anstrengungen ließ die Gemeinde 1858 das Gotteshaus renovieren und innen mit verschiedenen Bildern ausmalen. Ende des Jahres 1858 wurde eine größere Orgel gekauft. Um Platz für das neue Instrument zu schaffen, mußte das Kircheninnere teilweise umgebaut werden. Im Sommer 1859 gab die Gemeinde weitere Bilder zum Schmuck des Gotteshauses in Auftrag. Allerdings senkten sich nun Teile der Decke. Der tragende Balken war angefault, weil es in der Kirche stets stickig und feucht war. Außerdem war es ungünstig, daß sich die Pfarrwohnung direkt über dem Kirchenraum befand. Besonders die ständige Feuchtigkeit in der Küche im ersten Stock hatte der Kirchendecke schweren Schaden zugefügt. So war es unumgänglich geworden, große Teile der Kirchendecke herunterzubrechen und neu zu bauen. Danach mußte das Gotteshaus im Inneren nochmals renoviert werden. Doch weil der Kirchenraum nach wie vor einen Meter unter dem Straßenniveau lag und ständig feucht war, riß die Serie der Reparaturen nicht ab. Deshalb reifte nach 1870 der Entschluß, das alte Gotteshaus abzubrechen, völlig neu zu erbauen und gleichzeitig ein separates Pfarrhaus zu errichten. Die Grundmauern der alten Kirche blieben als Fundament für die neue erhalten, man hob aber den Kirchenraum auf die Höhe der Straße an. Schon bald traten auch bei dem neuen Gotteshaus die ersten größeren Schäden auf: Wieder spielte eindringendes Wasser eine unheilvolle Rolle. Ins Jahr 1900, in welchem die katholische Schwestergemeinde ihre neue Kirche einweihte, fiel die nächste gründliche Renovierung.</p>
<h3>Die evangelische Kirchengemeinde im 20. Jahrhundert</h3>
<p>Kurz vor dem Ersten Weltkrieg umfaßte die evangelische Kirchengemeinde Oberkochens 265 Personen, davon nahmen durchschnittlich 60 an den Gottesdiensten teil. Der Erste Weltkrieg hatte auf das Leben der Kirchengemeinde keine tieferen Auswirkungen. Der Gottesdienstbesuch steigerte sich in den ersten Kriegswochen zwar stark, doch bald ging das Leben wieder seinen gewohnten Gang. Nach dem Krieg mußte die Gemeinde ihr Geläute wieder vervollständigen, weil die beiden kleineren Glocken des Metalls wegen beschlagnahmt worden waren. Im Jahre 1921 konnten zwei durch Spenden finanzierte Glocken gekauft und im kleinen Holzturm aufgehängt werden.</p></div>
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				<span class="et_pb_image_wrap "><img loading="lazy" decoding="async" width="777" height="681" src="https://oberkochen-heimatverein.de/wp-content/uploads/hm-buch-s69.jpg" alt="Oberkochen" class="wp-image-11698"></span>
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				<div class="et_pb_text_inner"><p>1926/27 mußte das undichte Kirchendach gedeckt werden, weil erneut Feuchtigkeit in das Kircheninnere eindrang. Auch durch das Fundament sickerte Wasser in das Gotteshaus ein. Um diesen Mißstand zu beheben, ließ man 1930 das gesamte Fundament der Kirche aufgraben und verstärken. Der schon vor dem Ersten Weltkrieg geplante Bau eines Gemeindesaales konnte erst 1938/39 verwirklicht werden. Der neue Saal faßte 70 Sitzplätze und wurde an der Stelle errichtet, an der sich zuvor die alte Sakristei befunden hatte. Ins Jahr 1938 fiel auch die Zurückstufung der evangelischen Pfarrei Oberkochens in eine ständige Pfarrverweserei. 1954 konnte sie ihre alten Rechte als vollgültige Pfarrei wiedererlangen. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs war Oberkochen mehrere Male Ziel amerikanischer Artillerieangriffe, das evangelische Gotteshaus wurde dabei verschiedentlich in Mitleidenschaft gezogen, und auch die Orgel erlitt Schaden. Wie im Ersten Weltkrieg mußte die Gemeinde wieder zwei ihrer drei Glocken dem Staat abliefern. Fünf Jahre nach Kriegsende beschloß die Kirchengemeinde, den hölzernen Kirchturm auf dem Dach des Gotteshauses durch einen größeren Turm aus Stein direkt neben der Kirche zu ersetzen. Darin sollte das nach dem Krieg auf vier Glocken erweiterte Geläute aufgehängt werden. Nach dem Krieg setzte durch die Ansiedlung der Carl-Zeiss Werke aus Jena eine überaus stürmische Entwicklung ein. Oberkochen vergrößerte sich durch den Zuzug vieler Neubürger insbesondere aus Thüringen explosionsartig. Diese Wachstumsphase hielt bis zum Bau der Berliner Mauer im Jahre 1961 an. Sehr viele Neubürger Oberkochens gehörten der evangelischen Kirche an. Es war eine der schwierigsten Aufgaben der damaligen Pfarrer, die auf mehr als das Fünffache anwachsende Kirchengemeinde neu zu ordnen und zusammenzuschließen. Zusätzlich hatten die evangelischen Geistlichen auch außerhalb Oberkochens Pflichten zu erfüllen: Sie mußten in Ebnat und Waldhausen Gottesdienste und Religionsunterricht halten. Das sollte sich erst Mitte der 50er Jahre ändern. Infolge des starken Wachstums der Gemeinde wurde es im Laufe der 50er Jahre notwendig, die Kirche durch einen Anbau zu vergrößern. Speziell an den Festsonntagen war das Gotteshaus zu klein, und es fehlten Räume für die Jugendarbeit und andere Aktivitäten innerhalb der Kirchengemeinde. Verschiedene baurechtliche Vorschriften verhinderten aber die Umsetzung dieses Wunsches in die Tat; die Raumprobleme blieben weiterhin bestehen. Zu Beginn der 60er Jahre schenkte die bürgerliche Gemeinde beiden Kirchengemeinden je ein Grundstück. Die katholische Seite errichtete darauf das Rupert-Meyer-Haus, und direkt gegenüber stand nun auch das Bauland für eine neue evangelische Kirche zur Verfügung. Nach einer mehrjährigen Planungs- und Bauphase konnte 1968 das neue evangelische Gotteshaus, die Versöhnungskirche, mit dem angegliederten Gemeindezentrum eingeweiht werden. Außer dem Kirchenbau ergaben sich im Laufe der 60er Jahre an drei wichtigen Punkten des Gemeindelebens Erweiterungen. Unterstützt durch die Gemeinde Oberkochen entstand 1960 in Verbindung mit der Firma Carl Zeiss eine evangelische Kindertagesstätte. Zum 1. Januar 1965 erhielt die evangelische Kirchengemeinde eine Vikarsstelle, und am 1. Juni desselben Jahres wurde die evangelische Schwesternstation eingerichtet.</p>
<p>Vor einigen Jahren kaufte die Stadt Oberkochen die alte evangelische Kirche und wandelte sie in ihre Stadtbibliothek um. Diese wohlgelungene Bibliothek hat sich inzwischen zu einem Kulturzentrum mit Kammermusikabenden und Dichterlesungen entwickelt. Trotz der Umbauten im Innern blieb das Gotteshaus nach außen nahezu unverändert. So stehen im alten Ortskern nach wie vor die katholische und die alte evangelische Kirche eng nebeneinander und geben Zeugnis davon, daß seit dem 16. Jahrhundert beide Konfessionen in Oberkochen zu Hause sind.</p></div>
			</div><div class="et_pb_module et_pb_image et_pb_image_56 bild-container">
				
				
				
				
				<span class="et_pb_image_wrap "><img loading="lazy" decoding="async" width="685" height="547" src="https://oberkochen-heimatverein.de/wp-content/uploads/hm-buch-s71.jpg" alt="Oberkochen" class="wp-image-11699"></span>
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				<div class="et_pb_text_inner"><h3><em><strong>Quellenhinweise</strong></em></h3>
<p>1. Quellen im evangelischen Pfarrarchiv Oberkochen<br>a) Pfarrbeschreibungen und ‑berichte von 1818 bis 1965<br>b) Rescriptenbuch<br>c) Kirchenkonventsprotokolle</p>
<p>2. Quellen im katholischen Pfarrarchiv Oberkochen<br>»Kleine Chronik des Pfarrortes Oberkochen 1820 bis 1915«. Archiv-Nr. 31</p>
<p>3. Quellen im Hauptstaatsarchiv Stuttgart<br>a) Visitationsakten; Bestand A 281 Büschel 531 bis 569<br>b) Reichskammergerichtsakten: Bestand A 41 L Büschel 305 bis 308<br>c) Ortsbestände und Kloster Königsbronn (Bestand A 495 und A 495 L)<br>d) Aalener Protokoll von 1749: Bestand A 249 Büschel 3297</p>
<p>4. Quellen im Landeskirchlichen Archiv Stuttgart<br>Bestand A 29, Bände 3314 bis 3318</p></div>
			</div><div class="et_pb_module et_pb_text et_pb_text_64 artikel-content  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light">
				
				
				
				
				<div class="et_pb_text_inner"><h3><em><strong>Literaturhinweis</strong></em></h3>
<p>Schrenk, Christhard: 400 Jahre evangelische Kirchengemeinde Oberkochen. 1583–1983. Aalen 1983.</p>
<p><strong>Evangelische Pfarrer in Oberkochen</strong></p>
<p>1 Ulrich Nicolai 1583–1598<br>2 Reinh. Heerbrand 1598–1602<br>3 Andreas Scheffler 1602–1606<br>4 Balthasar Monninger 1606–1608<br>5 Johann Georg Genth 1608–1613<br>6 Lucas Beurlin 1613–1616<br>7 Christian Butsch 1616–1619<br>8 Isr. Kauser 1619–1624<br>9 Johannes Bach 1624–1627<br>10 Georg Schleiffer 1627–1629<br>11 Isaak Ogiander 1629–1631<br>12 Johann Georg Anatius 1631–1635<br>Stelle nicht besetzt 1635–1649<br>Johann Bernhard Brengenter,<br>Diakon in Königsbronn 1649–1659<br>13 Johann Jacob Beck 1659–1662<br>14 Johann Jacob Vochezer 1662–1667<br>15 Johann Heinrich Schnirring 1667–1670<br>16 Johann Andreas Springer 1670–1674<br>17 Wölfgang Heinrich Altermann 1674–1676<br>18 Michael Schaffhäuser (?) 1676–1677<br>Stelle nicht besetzt 1677–1682<br>19 Georg Althammer 1682–1684<br>20 Georg Conrad Hochstetter 1684–1697<br>21 Johann Ferdinand Müller 1697–1703<br>22 Johann Erhard d’Attrin 1703–1704<br>23 Stephan Erbe 1704–1712<br>24 Johann Sigler 1712–1720<br>25 Johann Eberhard Friedrich Roth 1720–1726<br>26 Johann Ulrich Hellwag 1726–1735<br>27 Johann Friedrich Gentncr 1735–1738<br>28 Wilhelm Albrecht Alber 1738–1744<br>29 Johann Friedrich Enslin 1744–1761<br>30 Johann Eberhard Keller 1761–1773<br>31 Johannes Hardte 1773–1782<br>32 Eberhard Joseph Eidenbenz 1782–1793<br>33 Christoph Friedrich Baier 1793–1805<br>34 Johann Michael Riecker 1805–1819<br>35 Johann Christoph Stettner 1819–1826<br>36 Johann Christian Hornberger 1827–1834<br>37 Gottlieb Friedrich Kraus 1834–1840<br>38 Carl Wilhelm Valet 1840–1848<br>39 Friedrich Römer 1848–1850<br>40 Wilhelm Friedrich Dürr 1851–1870<br>Stelle nicht besetzt 1870–1875<br>41 Otto Reinhold Lechler 1875–1882<br>42 Theodor Brecht 1882–1894<br>43 Eugen Wider 1894–1921<br>44 Karl Stöckle 1922–1926<br>45 Ferdinand Huber 1926–1935<br>47 Theodor Dornfeld 1936–1938<br>47 Eberhard Goes 1939–1947<br>48 Georg Fiedler 1947–1954<br>49 Hans Heinrich Gottfroh 1955–1961<br>50 Peter Geiger 1961–1969<br>51 Bernhard Kurtz 1970–1983<br>52 Klaus Thierfelder seit 1984</p>
<p>&nbsp;</p>
<p style="text-align: right;"><strong><em>Christhard Schrenk</em></strong></p></div>
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