Das Lied.

„Am Brunnen vor dem Tore, da steht ein Linden­baum…“ Wer kennt dieses Lied nicht, das, sowohl in Form eines Kunst­lieds, als auch in Form eines Volks­lieds bekannt gewor­den ist. Der ursprüng­li­che Titel lautet „Der Linden­baum“. Der Text stammt von Wilhelm Müller (*1794 †1827) aus dem Jahr 1822 und gehört zu einem Gedicht­zy­klus, den Müller mit „Die Winter­rei­se“ überschrieb. Franz Schubert (*1797 †1828) verton­te den gesam­ten Gedicht­zy­klus unter dem Titel „Winter­rei­se“ im Jahr 1827 und in diesem Rahmen auch den Linden­baum als Kunst­lied. In der bekann­tes­ten und populärs­ten Bearbei­tung der Schubert­schen Verto­nung von Fried­rich Silcher (*1789 †1860) ist das Werk zum Volks­lied geworden.

Am Brunnen vor dem Tore
Da steht ein Linden­baum
Ich träumt in seinem Schat­ten
So manchen süßen Traum

Ich schnitt in seine Rinde
so manches liebes Wort
Es zog in Freud und Leide
Zu ihm mich immer fort

Ich musst auch heute wandern
Vorbei in tiefer Nacht
Da hab ich noch im Dunkel
Die Augen zugemacht

Und seine Zweige rausch­ten
Als riefen sie mir zu:
„Komm her zu mir, Gesel­le
Hier findst du deine Ruh

Die kalten Winde bliesen
Mir grad ins Angesicht
Der Hut flog mir vom Kopfe
Ich wende­te mich nicht

Nun bin ich manche Stunde
Entfernt von diesem Ort
Und immer hör ich´s rauschen:
„Du fändest Ruhe dort!“

Intro.

Die Dorflin­de war in alten Zeiten der Mittel­punkt eines jeden Ortes und diente zum Nachrich­ten­aus­tausch und zur Braut­schau. Es wurden Tanzver­an­stal­tun­gen und das Dorfge­richt abgehal­ten, die auf das „Thing“ der Germa­nen zurück­geht. Kultu­rell hinter­ließ dieser Baum auch Spuren. Bei den Germa­nen und den Slawen galt die Linde als heili­ger Baum. Ob die Germa­nen die Linde tatsäch­lich der Göttin Freya zugeschrie­ben haben, wie oft behaup­tet wird, ist nicht eindeu­tig belegt. Anders als die Stiel­ei­che galt sie als weibli­ches Wesen. Viele Orte in Mittel­eu­ro­pa hatten früher ihre Dorflin­de, die das Zentrum des Ortes bilde­te und Treff­punkt für den Nachrich­ten­aus­tausch und die Braut­schau war. Anfang Mai wurden meist Tanzfes­te unter diesem Baum – zum Teil auch auf sogenann­ten Tanzlin­den – gefei­ert. Außer­dem wurde hier auch meist das Dorfge­richt abgehal­ten, eine Tradi­ti­on, die auf die germa­ni­sche Gerichts­ver­samm­lung, das Thing, zurück­geht. Die Linde ist deshalb auch als „Gerichts­baum“ oder „Gerichts­lin­de“ bekannt. Nach Kriegen oder Pestepi­de­mien gab es den Brauch, sogenann­te Friedens­lin­den zu pflan­zen. Die meisten erhal­te­nen Exempla­re erinnern an den Deutsch-Franzö­si­schen Krieg von 1870/71, einige aber auch noch an den Westfä­li­schen Frieden, wie etwa die „Friedens­lin­de am Dreier­häus­chen“ im thürin­gi­schen Ponitz, oder an lokale kriege­ri­sche Ereig­nis­se wie die Zerstö­rung Ratzeburgs.

Oberkochen

Der Linden­brun­nen vor dem „Elektro-Fritscher“ und der „Nagel’schen Scheu­er“ (Archiv Müller)

Wir schrei­ben den 30. Juni 1922.

Zur Ehre der 55 Oberko­che­ner Gefal­le­nen des I. Weltkrie­ges wurde der Linden­brun­nen in unserer Gemein­de als Denkmal errich­tet. Der Brunnen wurde mitten in die Abzwei­gung zur Katzen­bach­stra­ße gesetzt und da es als Denkmal gebaut wurde, ist man einfach links oder rechts (je nach Fahrt­rich­tung) daran vorbei­ge­fah­ren. In ganz alten Zeiten stand wohl hier die Dorflin­de und der Ort diente als Versamm­lungs­ort, wie das früher in vielen Gemein­den üblich war. Bis in die Zeit vor Ende des II. Weltkrie­ges war es üblich, dass Mann und Frau sowie Gruppen und Abord­nun­gen sich vor dem Brunnen zur Erinne­rung fotogra­fie­ren ließen.

Oberkochen

Die Toten und Vermiss­ten des I. Weltkrie­ges – Erinne­rungs­ta­fel am städt. Fried­hof (Archiv Müller)

Anmer­kun­gen: Überall wird von 55 Kriegs­to­ten geschrie­ben. Wenn man aber die Namen auf der Erinne­rungs­ta­fel auf dem Städti­schen Fried­hof zusam­men­zählt sind es 56!

Liste der Kriegs­to­ten und Vermiss­ten aus dem I. Weltkrieg (Angege­ben ist die Anzahl pro Jahr und das Alter sowie das Geburts- und Todesjahr):

1914 (7)

Deinin­ger Karl (23) 1891–1914
Elmer Franz (21) 1893–1914
Gold Josef (29 1885–1914
Hägele Josef (21) 1893–1914
Kolb Johann (26) 1888–1914
Veil Paul (32) 1882–1914
Wingert Paul (25) 1889–1914

1915 (10)

Betzler Alfred (23) 1892–1915
Bezler Josef (21) 1894–1915
Dietrich Georg (22) 1893–1915
Elmer Josef (26) 1889–1915
Gold Eugen (24) 1891–1915
Gold Karl (22) 1893–1915
Hug Josef (32) 1883–1915
Lense Alb. (30) 1885–1915
Trick Eugen (19) 1896–1915
Winter Anton (31) 1884–1915

1916 (14)

Fischer Clemens (31) 1895–1916
Elser Konrad (31) 1895–1916
Gold Franz (21) 1895–1916
Gold Karl Wilhelm (27) 1889–1916
Hecker Georg (21) 1895–1916
Holz Franz (21) 1894–1916
Hug Josef (21) 1895–1916
Maylän­der David (38) 1978–1916
Minder Josef (21) 1895–1916
Sapper Konrad (22) 1894–1916
Schaupp Paul (24) 1892–1916
Schie­ber Georg (38) 1878–1916
Schmid Georg (38) 1878–1916
Schoch Franz (19) 1897–1916

1917 (5)

Bezler Micha­el (30) 1887–1917
Brand­stet­ter Eugen (28) 1889–1917
Öchsle Fried­rich (41) 1876–1917
Schuma­cher Karl (27) 1890–1917
Wick Josef (31) 1886–1917

1918 (11)

Bäuerle Adolf (19) 1899–1918
Beiss­wan­ger Jakob (29) 1889–1918
Brand­stet­ter Karl (26) 1892–1918
Elmer Anton (19) 1899–1918
Gold August (24) 1896–1918
Gold Paul (20) 1898–1918
Grupp Micha­el (21) 1897–1918
Kochen­dor­fer Gregor (27) 1891–1918
Sapper Jakob (23) 1895–1918
Sapper Karl (19) 1899–1918
Seitz Heinrich (36) 1882–1918
Bäuerle Adolf (19) 1899–1918

1919 (3)

Elmer Franz (22) 1897–1919
Elser Ludwig (23) (1896−1919
Fischer Paul (24) 1895–1919

1920 (1)

Schlipf Johan­nes (37) 1883–1920

Vermiss­te (5)

Gold Willi­bald (30) 1885–1915
Holz Jakob (26) 1888–1914
Kolb Wilhelm (21) 1894–1915
Sapper Wilhelm (21) 1897–1918
Schaupp Gustav (42) 1876–1918

Oberkochen

Straßen­sa­nie­rung und die Nagel-Scheu­er steht immer noch (Archiv Mercaldi)

Dann kam das Jahr 1989.

Aufruhr in Oberko­chen. Aufstand am Stamm­tisch in „dr Grub“. Fast schon ein Sakri­leg. Ein terro­ris­ti­scher Anschlag auf den „heiligs­ten“ Platz in Oberko­chen. Reine Willkür des Bürger­meis­ters – kein Begriff zu weit herge­holt, um das Unbeschreib­li­che beschreib­bar zu machen. Diskus­sio­nen began­nen und der Stamm­tisch „Graf Eberhard“ verließ diesen, um auf der Straße Flagge zu zeigen. Des kao und derf et sei……. Dr Lindabrun­na wird versetzt. Ohgot­toh­gott. Auch die „Narren“ Holden­ried und Weller nahmen sich des Themas bei einer Prunk­sit­zung auf der Bühne an.

Oberkochen

Holden­ried und Weller verset­zen den Linden­brun­nen – bei einer Prunk­sit­zung (Archiv Müller)

Am 12.05.1989

wurde Oberko­chen mit dem Linden­brun­nen-Thema in die bundes­deut­sche Presse katapul­tiert. Der Journa­list Peter Meroth, gebür­tig aus Oberko­chen (a echter Bua vom Dreißatal) und Schüler des frühe­ren Progym­na­si­ums sowie Mitglied des von Diedrich Bantel gegrün­de­ten Sechser-Clubs, schrieb für die Zeit den nachste­hen­den Bericht, der heute noch auf Zeit-Online aufge­ru­fen werden kann http://www.zeit.de/1989/20/wohin-mit-dem-brunnen

Der Bericht sorgte für Aufse­hen, gefiel er doch den Oberkoch­nern überwie­gend nicht. Nicht verwun­der­lich, da Peter einen Blick von außen auf Oberko­chen richte­te – sprich von weit überm Teller­rand weg, auf den Teller zurück. Wir lesen den Bericht einfach nochmals mit den Augen von heute und einem weite­ren Blick zurück auf die damali­ge Zeit:

ORTSKERNSANIERUNG Wohin mit dem Brunnen? Ausge­baut und immer wieder umgebaut – wie eine kleine Stadt ihr Gesicht verliert — Von Peter Meroth Oberkochen

„Oberko­chen liegt zwischen Unter­ko­chen und Königs­bronn. Eine neue Autobahn führt ganz in der Nähe vorbei. Die Fahrt nach Würzburg dauert jetzt nur noch rund andert­halb Stunden, nach Ulm braucht man gut dreißig Minuten. Oberko­chen ist ein Ort. Seit den fünfzi­ger Jahren hat es mehr und mehr aufge­hört ein Dorf zu sein; 1968 wurde es offizi­ell zur Stadt erhoben. Aber was heißt das schon? Oberko­chen ist ein Dorf im Umbruch, eine Stadt höchs­tens auf Bewäh­rung. 8164 Einwoh­ner (und ebenso viele Arbeits­plät­ze). Dreiein­halb Kirchen (wenn man die neuapos­to­li­sche Turnhal­le mitrech­net und die Stadt­bi­blio­thek im alten evange­li­schen Gemäu­er noch als halbes Gottes­haus gelten lässt), vier Schulen, zwei Eisca­fes, zehn Wirts­häu­ser. Wie es sich gehört, sind die 44 Oberko­che­ner Verei­ne aktive Träger der dörfli­chen Stadt­kul­tur. Turnen, Tennis, Fußball und Schwim­men erfreu­en sich verbands­mä­ßi­ger Organi­siert­heit, des weite­ren Gesang, Musik, Wandern, Modell­bau, Heimat­kun­de, deutsch­fran­zö­si­sche Freund­schaft und, nicht zu verges­sen, Narren­tum sowie Helden­ge­den­ken. Letzte­res steht momen­tan hoch im Kurs. Die Solda­ten- und Krieger­ka­me­rad­schaft nämlich, die früher vorzugs­wei­se mit fahnen- und schär­pen­be­wehr­ten Abord­nun­gen verstor­be­ne Mitglie­der auf deren letztem irdischen Gang beglei­te­te und so den Begräb­nis­sen verges­se­nen Glanz verlieh, hat sich verbis­sen in einen neuen Kampf gewor­fen. Es geht um die Ehre und vor allem natür­lich ums Prinzip. Die alten Kamera­den sind angetre­ten, den Linden­brun­nen zu retten. Das Bauwerk ist nicht sonder­lich alt, gerade mal 67 Jahre gibt es den Rundtrog mit seinen unbehaue­nen Kalkstei­nen. Auch archi­tek­to­nisch ist der Brunnen nicht weiter von Belang. Eine achtecki­ge Umfas­sungs­mau­er, in der Mitte ein drei Meter hohes Türmchen, ausge­führt in natur­be­las­se­nem Dolomit, gekrönt von einer kegel­för­mi­gen Blech­hau­be. Im Sommer schmückt eine Halskrau­se aus blühen­den Gerani­en das düste­re Gebil­de. Tafeln aus schwe­rem Eisen­guss sind an dem Turm angebracht. Auf ihnen prangt das Kriegs­kreuz der deutschen Wehrmacht. Ursprüng­lich zur Erinne­rung an die 55 im Ersten Weltkrieg gefal­le­nen Söhne der Gemein­de gedacht, sind später auch die Toten des Zweiten Weltkriegs ins Geden­ken einbe­zo­gen worden: „Oberko­chen seinen Helden.“ Jetzt steht die Ortskern­sa­nie­rung an. Die Katzen­bach­stra­ße soll künftig direkt in die Haupt­stra­ße münden, und der Brunnen muss weg. Aller­dings soll er nicht ganz verschwin­den, soviel haben die Stadt­vä­ter seit ihren Kahlschlag­stra­te­gien der sechzi­ger Jahre aller­or­ten dazuge­lernt. Der Linden­brun­nen wird auch nicht ins Museum abgescho­ben, diese Phase der fürsorg­li­chen Denkmal­schän­dung haben die Planer ebenfalls hinter sich gelas­sen. Das feuch­te Monument soll jedoch versetzt werden. „Um 2,5 Meter nach Süden und Westen“, so beschloss es der Gemein­de­rat am Nikolaus­abend vergan­ge­nen Jahres per Mehrheits­vo­tum. Was ihnen an Stimm­ge­walt fehlte, versuch­ten die Gegner der Entschei­dung durch marki­ge Worte wettzu­ma­chen. Der Linden­brun­nen sei „von den Vorfah­ren auf die heiligs­te Stätte Oberko­chens gesetzt worden“, es werde „ein Eingriff am Herzen vorge­nom­men, von dem man nicht wisse, ob ihn der Patient überlebt“, laute­ten die Beschwö­rungs­for­meln. In den Sonntags­re­den avancier­te der treue Wasser­spen­der flugs vom Denk- zum Ehren­mal, vom liebge­won­ne­nen Bauwerk zur unantast­ba­ren Kultstät­te. Die Solda­ten und Krieger­ka­me­rad­schaft sah ihre Stunde gekom­men und mobili­sier­te, im Verein mit der örtli­chen CDU, den Volks­zorn. 2450 Bürger, gut die Hälfte der wahlbe­rech­tig­ten Oberko­che­ner, protes­tier­ten mit ihrer Unter­schrift gegen die Brunnen­schie­bung. Die Verein­s­krie­ger hatten den wunden Punkt der Planung getrof­fen. Jahrzehn­te­lang war in Oberko­chen – wie in so vielen anderen deutschen Städten und Gemein­den – unbeküm­mert an- und aus- und umgebaut worden, waren Schand­fle­cken besei­tigt, stille Winkel begra­digt, verwun­sche­ne Gässchen verbrei­tert, Gärten planiert und Bäche kanali­siert worden. Sauber wollte der Ort daste­hen, modern. Städtisch eben. Die Misthau­fen vor den Häusern mussten weichen, Platz machen für breite­re Straßen, Trottoirs, Parkstrei­fen. Die Landwir­te gaben auf. Nicht alle freilich. Nicht alle Wiesen wurden zu Bauland versil­bert. Nicht alle Jauche­gru­ben sind aus dem Ortsbild verbannt. Ausge­rech­net der Misthau­fen gegen­über dem Gasthaus „Pflug“ dampft wie eh und je. Sogar die handbe­trie­be­ne Gülle­pum­pe steckt noch windschief in einer Ecke und rostet vor sich hin. Vermut­lich wäre auch dieses letzte anrüchi­ge Zeugnis der Dorfge­schich­te längst einer urbanen Flurbe­rei­ni­gung zum Opfer gefal­len, wenn sich der Pflug­wirt zu Lebzei­ten nicht fortwäh­rend und lauthals darüber geärgert hätte, dass sein inter­na­tio­na­les Hotel­pu­bli­kum moles­tiert werde. Was wieder­um das dickschä­del­i­ge Behar­ren der Nachbarn provo­zier­te. Infol­ge von Trotz, Schlam­pe­rei und anderen erfreu­li­chen Umstän­den ist gerade so viel Altes erhal­ten geblie­ben, dass sich zumin­dest die langjäh­ri­gen Einwoh­ner zu gegebe­ner Zeit der Bausün­der bewusst werden. So hat Oberko­chen im Spiegel der Ortskern­sa­nie­rung plötz­lich sein Gesicht entdeckt und musste erschre­cken, wie entstellt manche Züge bereits sind. Und vielleicht hat der eine oder andere auch endlich gespürt, dass die hilflo­sen Versu­che, mit Erkern und Fachwerk, mit Rund- und Spitz­bö­gen, mit Lüftl­ma­le­rei und Kopfstein­pflas­ter die Sünden der Vergan­gen­heit zu übertün­chen, nur eine neue Form der Zerstö­rung gewach­se­ner Struk­tu­ren bedeu­ten. Da half auch der Hinweis nichts, der Brunnen sei am jetzi­gen Stand­ort, auf einem Zwickel inmit­ten der Straßen­kreu­zung, zum Verkehrs­tei­ler degra­diert und werde erst auf seinem künfti­gen Stamm­platz im Fußgän­ger­be­reich wieder „erleb­bar“. In den lokalen Flugblatt- und Redeschlach­ten war jeden­falls viel vom unver­wech­sel­ba­ren Ortsbild Oberko­chens die Rede, vom „Ensem­ble“ mit dem Linden­brun­nen und den beiden alten Kirchen, das den alljähr­lich von der Apothe­ke heraus­ge­ge­be­nen Kalen­der und die Zinntel­ler der Genos­sen­schafts­bank ziert. Doch eben nur davon. Was in der angeb­lich histo­ri­schen Stunde des Gemein­de­rats, in den aufge­reg­ten Diskus­sio­nen davor und danach, als Ortsbild heilig­ge­spro­chen wurde, ist nur ein Ausschnitt, ein zentra­les, aber kleines Fragment eines Bilder­bo­gens, der von den Buchen der umlie­gen­den Hügel bis hinun­ter reicht in den Schnitt­punkt dreier Täler und dreier kleiner Bäche, wo Oberko­chen liegt, oder besser: einst lag. Denn der Ort hatte seine Einwoh­ner­zahl nach dem Krieg inner­halb von nur dreißig Jahren vervier­facht. Die Siedlung wucher­te die Bäche entlang, die Hänge hinauf und, weiter noch, auch oben über die Hochflä­che. Der Werkzeug­fa­brik zum Beispiel fiel die Wiesen­ka­pel­le zum Opfer, der Optik­kon­zern schluck­te die alten Honora­tio­ren­vil­len, und nach mehr als vierzig­jäh­ri­ger Scham­frist musste auch ein zuvor wieder und wieder verschon­ter Kultur­bau aus der Hitler­zeit dran glauben. Die eine Firma ließ an anderer Stelle eine neue Kapel­le bauen, die andere durfte ohne Gegen­leis­tung die Planier­rau­pen ordern und warte­te bei ihren vielen Aus- und Umbau­ten biswei­len nicht einmal die offizi­el­le Bauge­neh­mi­gung ab. Der Fabri­kant und die Entschei­dungs­trä­ger des Konzerns sind selbst­ver­ständ­lich Ehren­bür­ger der jungen Stadt. Hatte nicht die Verwal­tung selbst ihren Träumen von einem urbanen Zentrum im Neubau­ge­biet das alte Rathaus geopfert? Hatte nicht die evange­li­sche Kirche die alte Pfarrei, ein versteck­tes Gebäu­de mit verwun­sche­nem Garten, für den Parkplatz eines Super­mark­tes herge­ge­ben? Und hat nicht die katho­li­sche Kirche soeben den Amtssitz ihres Gemein­de­hir­ten um den Preis eines Kahlschlags an den Flieder­bü­schen im Garten und den Spalier­obst­bäu­men saniert? Zwingt nicht ein Bebau­ungs­plan, der vierge­schos­si­ge Gebäu­de vorschreibt, jeden priva­ten Bauherrn im Stadt­zen­trum, der alten Straßen­dorf-Archi­tek­tur den Garaus zu machen? So gesehen ist Oberko­chen nur ein Synonym für all die kleinen Städte und großen Dörfer, in denen keine überre­gio­nal bedeu­ten­den Kultur­denk­mä­ler zu erhal­ten waren, wo archi­tek­to­ni­sche Rücksicht­nah­me nicht durch vorhan­de­ne Bauqua­li­tät diktiert wurde, wo die Inter­es­sen­la­ge eindeu­tig und im falschen Moment das nötige Klein­geld vorhan­den war. Darf man Hoffnung schöp­fen, dass der Streit um den Linden­brun­nen die Wende in der Dorfent­wick­lung, pardon: Stadt­ge­stal­tung markiert, den Beginn einer neuen Behut­sam­keit? Hoffen darf man. Doch schon werden neue Pläne venti­liert, Vorha­ben, denen gegen­über ein um 2,50 Meter verleg­ter Brunnen die reins­te Lappa­lie ist. Die Grals­hü­ter des Ortsbil­des wollen der Gemein­de doch noch einen eigenen Autobahn-Zubrin­ger verschaf­fen. Zudem soll Oberko­chen einen dritten Anschluss an die Bundes­stra­ße bekom­men. Kreuzungs­frei, versteht sich, ausge­legt für höhere Geschwin­dig­kei­ten, damit der Pendler­ver­kehr reibungs­lo­ser abgewi­ckelt werden kann. Und so weiter. In der Argumen­ta­ti­on dieser Konser­va­ti­ven, die bisher doch wenig mehr bewahr­ten als eine gewis­se Geistes­hal­tung, ist der Linden­brun­nen zur optischen Anekdo­te degra­diert, um den als Fortschritt gefei­er­ten Kahlschlag rings­um zu kaschie­ren. Oberko­chen ist überall.“

Oberkochen

Die Altvor­de­ren mit Zylin­der und die neue Kraft in brauner Uniform (Archiv Müller)

Und später?

Die Wogen haben sich geglät­tet. Der Brunnen wurde ausge­bud­delt und versetzt. Der Stamm­tisch kehrte nach seinem Ausflug von der Straße wieder an seinen angestamm­ten Tisch in „dr Grub“ zurück. Drum herum wurde abgeris­sen und gebaut. Das Thema war durch und heute weiß kaum noch einer was des Volkes Seele damals so zum Kochen brach­te. Heute gehört der Linden­brun­nen irgend­wie zum Außen­be­reich der derzei­ti­gen Eisdie­le – als Krieger­denk­mal wird er nicht mehr wahrge­nom­men, auch wenn die CDU jährlich mit aufge­stell­ten Kränzen daran erinnert. Im Frühling wird der Brunnen mit Oster­ei­ern (früher vom Sänger­bund – heute von der Kreativ­werk­statt), einem Symbol von Frucht­bar­keit geschmückt und daher kann man sagen: Der Brunnen steht letzt­end­lich für Geburt und Tod.

Oberkochen

Linden­brun­nen in „heidni­scher“ ???? Oster­schmuck­ver­klei­dung (Archiv Müller)

Das erste Kinder­fest in Oberkochen

fand an einem Montag statt, am 11. Juli 1927. Damals gab es im Ort zwei Schulen, die katho­li­sche (seit 1901 im »Fuchs­bau« an der Dreißen­tal­schu­le behei­ma­tet) und die evange­li­sche (im alten evange­li­schen Schul­haus an der Aalener Straße zuhau­se, dem heuti­gen „Schil­ler­haus“. Beide Schulen nahmen am Fest teil. Zunächst zogen die Schul­kin­der unter Musik­be­glei­tung zu den Kirchen. Dann ging’s zurück in die Klassen­zim­mer, wo prakti­sche, im Unter­richt verwert­ba­re Gegen­stän­de, als kleine Geschen­ke verteilt wurden. Im Gegen­satz zum vorher­ge­hen­den Sonntag, lachte an diesem Montag die Sonne vom blauen wolken­lo­sen Himmel. Am frühen Nachmit­tag formier­te sich ein Zug festlich geklei­de­ter und präch­tig kostü­mier­ter Kinder. Man wusste nicht, was mehr zu bestau­nen war, die drolli­ge Ausstat­tung der Kleinen und Aller­kleins­ten oder die Gruppen der größe­ren Schüler, die Blumen und den Frühling, Rotkäpp­chen, Schnee­witt­chen und Mutter Erde darstell­ten. War das ein Leuch­ten der Kinder­au­gen, ein Jubilie­ren und Jauch­zen ob des überquel­len­den Frohsinns.

Auf dem Festplatz entwi­ckel­te sich nach der Begrü­ßung durch Bürger­meis­ter Frank und nachdem der Kinder­fest­cho­ral „Geh aus, mein Herz und suche Freud“ gesun­gen war, ein munte­res Treiben. Reigen, Wettläu­fe, Spiele lockten Kinder und Zuschau­er an. Am Kletter­baum konnten die Knaben ihre Fertig­keit an den Tag legen und in lufti­ger Höhe hängen­de Preise holen. In den Spiel­pau­sen gab es Brezeln, Wurst und Limona­de, Bonbons, Schoko­la­de und kleine Spiel­zeu­ge. Wonne­strah­lend bestieg eine Gruppe nach der anderen das sich unauf­hör­lich drehen­de Karus­sell, alles in allem eine kurze schöne sorgen­freie Zeit.

Oberkochen

Der alte Mittel­punkt der Gemein­de – fotogra­fiert (Archiv Müller)

Zum Abschluss des Festes zogen Kinder und Erwach­se­ne wieder zur Dorfmit­te. Am Linden­brun­nen dankte Schult­heiß Frank der Lehrer­schaft für die Ausrich­tung des Festes. Oberleh­rer Mager sagte seiner­seits Dank auch an die Spender von Geld und Gaben. Mit dem gemein­sam gesun­ge­nen Lied „Im schöns­ten Wiesen­grun­de“ fand das erste Oberko­che­ner Kinder­fest sein gutes und würdi­ges Ende. Alle waren begeis­tert und freuten sich auf das nächs­te Kinder­fest. (Auszugs­wei­se aus einem frühe­ren Bericht von Didi Bantel).

Anmer­kung: Das Schluss­lied „Kein schöner Land in dieser Zeit“ wurde erstmals nach dem Krieg am 29. Juni 1953, ebenfalls ein Montag (!), vor dem Chris­to­phe­rus-Brunnen auf dem Schul­hof der Dreißen­tal­schu­le gesungen.

Die weite­re Entwick­lung des Kinder­fes­tes. Das Fest wurde bis 1939 in der herkömm­li­chen Weise ausge­tra­gen. Nach dem Krieg fanden die weite­ren Kinder­fes­te von 1953 bis 1957 statt. 1958 wurde das Fest irgend­wie in die Schul­ein­wei­hungs­fei­er Dreißen­tal­schu­le einge­bun­den und ab 1959 (meinem Einschu­lungs­jahr) ging es hinauf den Volkmars­berg, dem Kinder­fest schlecht­hin, so wie unsere Jahrgän­ge es noch in roman­ti­scher Erinne­rung haben. Am 21. Juli 1979 fand das Fest zum aller­letz­ten Mal auf unserem Hausberg statt. Bis 1992 wurde es in die Spiel­stra­ße „Jäger­gäss­le“ verlegt, bevor es danach ins Carl-Zeiss-Stadi­on verlegt wurde.

Ein beson­de­rer Tag am Lindenbrunnen

war zweifels­los die Beiset­zung unseres hin gemeu­chel­ten Försters. Einer der längs­ten Leichen­zü­ge und größten Beerdi­gun­gen, die Oberko­chen je gesehen hat, fand am 4. August 1926 statt. Die gesam­te Einwoh­ner­schaft nahm daran Anteil. Kolle­gen und Vereins­ka­me­ra­den sowie die Abord­nun­gen der Verei­ne, in denen er Mitglied war, kamen mit Kränzen und Fahnen und sorgten somit für eine beson­de­re Trauer­fei­er. Am Linden­brun­nen sang der Männer­chor einen Trauer-Choral, bevor er Förster Braun auf dem evange­li­schen Fried­hof bestat­tet wurde. Der Fried­hof konnte die gesam­te Trauer­ge­mein­de nicht aufneh­men, aber der zu diesem Zeitpunkt noch nicht bekann­te und gefass­te Mörder stand mit trauern­der Miene an seinem Grab.

Oberkochen

Das Linden­brun­nen-Ensem­ble mit alter evange­li­scher Kirche und Beklei­dungs­ge­schäft „Krok“ (Archiv Müller)

Oberkochen

Der Linden­brun­nen vor dem Gasthaus „Hirsch“ mit „Konsum“ und „Volks­bank“ sowie dem Nagel’schen Wohnhaus (Archiv Müller)

Soweit zum Thema „Linden­brun­nen“ und sein womög­lich sonst verges­se­ner 100jähriger Geburts­tag. Bleibt noch die Frage wie sich des Meroth’s Peter wohl heute zu den durch­ge­führ­ten und geplan­ten bauli­chen Aktivi­tä­ten äußern würde. Vermut­lich würde es einigen wieder nicht gefallen…..

Wilfried „Billie Wichai“ Müller

Weitere Berichte aus dieser Kategorie

Weitere Berichte