Auf den Seiten 201 und 202 des Heimat­buchs ist am Ende des Versuchs einer ersten Darstel­lung zum Thema „Oberko­chen im Dritten Reich“ als Ergän­zung zu einem ausführ­li­chen Bericht von Lehrer Ignaz Umbrecht über die letzten Kriegs­ta­ge in Oberko­chen die Geschich­te vom Oberko­che­ner „Kaffee­wun­der“ berichtet.

Hier die Kurzfassung:

In den Wirren der letzten Kriegs­mo­na­te, ‑wochen oder ‑tage blieb beim Oberko­che­ner Bahnhof ein „herren­lo­ser“ Güter­wa­gen stehen. Inter­es­sier­te und kundi­ge Bürger hatten schnell heraus­ge­fun­den, dass dieser Wagen Dinge von Inter­es­se enthielt, die ganz offen­sicht­lich der Himmel zur Aufhel­lung dieser düste­ren Zeit in Oberko­chen vorsätz­lich verges­sen hatte.

Nichts lag näher, als diesem Wink des Himmels zu folgen – denn wann hatte es in Oberko­chen im Krieg schon einmal etwas Nahrungs­mit­tel­mä­ßi­ges „ommasooscht“ gegeben?

Als das Ehepaar Rosa und Alois Fischer sen. (Hausna­me „Schrei­ber­le“) vom Feigen­gäss­le, meine Infor­man­ten, die mir die Geschich­te 1986 frisch von der Leber weg erzähl­ten, davon gehört hatten und, wie die andern, nach dem Motto: „Wenn alle holen, dann holen wir halt auch“, ebenfalls mit ihrem Loidara­wäage­le beim Bahnhof angekom­men waren, da waren schon viele Oberko­che­ner – „Bürger und Bauern“ hieß es — zum Teil mit noch viel größe­ren Wagen, beim Abladen.

„Bürger und Bauer“ war ein kleiner Seiten­hieb auf die Landwir­te, denen es im Krieg immer ganz gut gegan­gen sei.
Alle waren sie feste mit Aus- und Umladen beschäftigt.

Es hatte sich gezeigt, dass es sich um einen Güter­wa­gen voll Kaffee handel­te. Keine richtig echten Bohnen, sondern sogenann­te „Press­lin­ge“, halb Bohne, halb Kaffee­er­satz (Grund­stoff Zicho­rie = Wegwar­te), und schon leicht gezuckert — karton­wei­se in Rollen abgepackt. Immer­hin müssen die Press­lin­ge aber trotz der Zumischung von Zicho­rie ganz gut nach Kaffee geschmeckt haben, denn die Fischers vermerk­ten, „man habe ja schon gar nicht mehr gewusst, wie richti­ger Kaffee schmeckt“.

Und weil der Vorrat fast unerschöpf­lich war, ist „man“ dann halt auch noch ein zweites Mal mit dem Loidara­wäage­le zum Bahnhof gefah­ren… egal, wenn auch die, die sich weniger nahmen, sagten, dass man da ja hundert Jahre alt werde, bis man den vielen Kaffee allen getrun­ken hat.

Aller­dings wären die Oberko­che­ner keine Schwa­ben, wenn sie auch in dieser Sache nicht gleich um ein paar Ecken herum voraus­ge­dacht hätten.

Die Fischers zum Beispiel fuhren mit ihrem Kaffee zum „Hamstern“ nach auswärts.
Für einen kleinen „Babbad­eggl­koffr“ voll Kaffee haben sie sich in Tannhau­sen ein Spanfer­kel einge­tauscht. Dieses wurde natür­lich in dem Babbad­eggl­kof­fer verstaut. Durch seinen feuch­ten Zustand hat es die Stabi­li­tät des Babbad­eggl­koffrs aller­dings allmäh­lich derge­stalt verän­dert, dass unter­wegs plötz­lich die „Saufiaß­la aus dem Koffr rausguckt hen“. Die Frage, weshalb ein Spanfer­kel Spanfer­kel heißt, stell­te sich damals nicht.

Überlie­fert ist durch das Ehepaar Fischer auch, dass es 1986 in Oberko­chen noch ein „Maggi­bäs­le“ gab, das mit seinem Kaffee „nach Ulm nauf“ gefah­ren ist, weil der Himmel in Ulm durch Zufall auch dort einen Eisen­bahn­wag­gon verges­sen hat. Der Ulmer Waggon war voll mit Maggi und deshalb habe man dort den Kaffee gegen Maggi eintau­schen können.

Kürzlich kam anläss­lich eines Famili­en­fests die Sprache auf das »Kaffee­wun­der« von 1945. Plötz­lich verschwand einer der Gastge­ber und kam alsbald mit geheim­nis­um­wit­ter­tem aber verhei­ßungs­vol­len Blick, einen Karton­de­ckel schwen­kend, wieder.

Dieser Deckel hatte bei einer Höhe von 7 cm die Abmes­sun­gen von 19 auf 35 cm. Auf den Deckel aufge­klebt war ein Etikett, 9 auf 13 cm groß — so gut erhal­ten, dass der Text nicht nachge­druckt werden muss, sondern als Foto wieder­ge­ge­ben werden kann.

Es handel­te sich, verbürgt, um den Origi­nal­de­ckel einer Kaffee­press­lingschach­tel von damals — nach über 60 Jahren.

Oberkochen

Eine Schach­tel enthielt diesem Etikett zufol­ge 5 Kilo abgepack­te Kaffee­press­lin­ge in 20 Packun­gen á ein halbes Pfund. 40% der Press­lin­ge waren echter Bohnen­kaf­fee, 48% waren »Kaffee­er­satz (womit die Fischer’sche Angabe »Malz« zu korri­gie­ren ist, denn »Kaffee­er­satz« wurde damals aus »Zicho­rie« = Wegwar­te gewon­nen) und 12% Zucker.

Inter­es­sant ist vor allem auch, dass die Press­lin­ge bereits im Januar 1944 herge­stellt worden waren und die »Haftpflicht für die Haltbar­keit bis Januar 1945« angege­ben ist. Verfalls­da­tum bereits vor 60 Jahren!

Nicht völlig geklärt ist ist die Frage, ob die Jahres­zahl 1945 für das »Kaffee­wun­der« zutrifft. Deshalb an die Alt-Oberko­che­ner, die damals dabei waren, die Frage:

Trifft es zu, dass das Oberko­che­ner »Kaffee­wun­der« sich 1945 ereig­ne­te, oder war es mögli­cher­wei­se schon früher? Wer weiß das exakte Datum?

Dietrich Bantel

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