Schaut man im Großen Duden unter »Rätsche« nach — Fehlan­zei­ge. Erfolg­rei­cher ist man unter »Ratsche«. Dort steht:
1. an Getrie­be­tei­len (z. B. Autohand­brem­se) und Werkzeu­gen (z. B. Bohrge­rä­ten) Zahnkranz mit Sperr­vor­rich­tung, die Feststel­len bzw. Führen in einer Richtung ermög­licht. (Aus Metall gefer­tigt)
2. Geräusch­in­stru­ment; an einer Stange befes­tig­tes Zahnrad, gegen dessen Zähne beim Schwin­gen eine Holzzun­ge schlägt. (i. A. aus Holz gefertigt.)

Zu 1. fällt einem sofort das Einrast-Geräusch ein, das beim Anzie­hen der Autohand­brem­se entsteht,
Zu 2. fällt einem am ehesten die Ratsche ein, die Wein- und Obstbau­ern zum Vertrei­ben von Amseln und anderen diebi­schen Vögeln schwin­gen; aber auch die im Zeichen der Plastik­zeit aus Kunst­stoff gefer­tig­ten kleinen Ratschen, die es auf Jahrmärk­ten gibt. Sie werden zum Ärger­nis der Eltern gerne von Großel­tern für die Enkel erworben.

Dass zwei große hölzer­ne Ratschen in der katho­li­schen Kirche bis auf den heuti­gen Tag in der zweiten Hälfte der Karwo­che als litur­gi­sche Instru­men­te dienen, ist nur den Katho­li­ken, und bei weitem nicht allen, bekannt. Der Brauch erinnert Unein­ge­weih­te fast an alte heidni­sche Bräuche.

Da auch in Oberko­chen jedes Jahr die Ratschen vom Turm der Katho­li­schen Kirche herun­ter­rat­schen, haben wir Rudolf Heller, seit Jahrzehn­ten einer der Organis­ten an der katho­li­schen Kirche, gebeten, dem Heimat­ver­ein einmal über den uralten Brauch des »Ratschens« (Rätschens) zu berich­ten. Herzli­chen Dank für den folgen­den anschau­li­chen Bericht.

Wir sind auch unserem Mitglied Rolf Stelzen­mül­ler sehr dankbar für die beiden hervor­ra­gen­den Rätschen Fotos, jenes vom Heimat­mu­se­um, und dann das sehr eindrucks­vol­le Foto, das die riesi­gen Rätschen zeigt, die im Turm der Katho­li­schen Kirche St. Peter und Paul neben den Schall­loch­öff­nun­gen unter den Glocken aufge­stellt sind.

Rochus Hug, Mesner der katho­li­schen Kirche, war so freund­lich, Rudolf Heller, Fotograf Rolf Stelzen­mül­ler, Horst Riegel und Dietrich Bantel in der Kirche und in die hohen Regio­nen des Turms zu führen und die einzel­nen Geräusch­in­stru­men­te vorzu­füh­ren und zu erklären.

Oberkochen

Die größe­re der beiden Rätschen misst in der Länge fast 2 Meter. Ihr urgewal­ti­ges trommeln­des Geräusch kann man übers Tal die Hänge hinauf bis zum Waldrand verneh­men; es klingt, wie wenn man mit mehre­ren Hämmern in schnel­ler Abfol­ge gegen einen großen leeren Schrank schla­gen würde.

Dietrich Bantel

Rätschen rätschen
(Bericht von Rudolf Heller)

KKK KKKKKK KKKK KKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKK
- so ähnlich rätscht die Rätsche im Turm der Kirche St. Peter und Paul in Oberko­chen von Gründon­ners­tag-Abend bis Karsams­tag-Abend.
»Und die Glocken läuten nicht?« — »Nein«. — »Sind die etwa nach Rom geflo­gen?« — So erzähl­te man früher den Kindern.

Das hat mit Reali­tät natür­lich nichts zu tun. Tatsa­che ist, dass die Glocken schwei­gen, ab dem »Gloria« am Gründon­ners­tag, bis zum »Gloria« in der Oster­nacht am Karsams­tag. Dafür knarren die Rätschen vom Turm, und die Minis­tran­ten benüt­zen statt ihrer Glöck­chen hölzer­ne Klappern.

Was soll dieser Brauch, Rätschen statt Glocken?
Glocken klingen festlich, werden als zu feier­lich empfun­den in der Zeit der Leidens­ta­ge Jesu. Darum klingen vom Turm keine Glocken in dieser Zeit, sondern knarren die Rätschen; eine Form des Ausdrucks der Trauer über die Leiden Jesu.

Was versteht man unter einer Rätsche eigent­lich?
Im Kleinen Duden steht kurz und bündig: Ratsche, Rassel, Klapper, — ein Holzin­stru­ment mit Hämmern und Schall­brett, ersetzt von Gründon­ners­tag bis Karsams­tag in Kath. Kirchen das Glockengeläute.

Mehr Auskunft gibt uns Meyers Enzyklo­pä­di­sches Lexikon:
Ratsche, — Zahnkranz mit ein- und ausklink­ba­rer Sperr­vor­rich­tung, z. B. zum Feststel­len der Handbrem­se von Kraft­wa­gen.
Knarre, — Geräusch­in­stru­ment, bei dem an einer Achse, die zugleich als Handgriff dient, ein beweg­li­cher Rahmen mit Zunge und ein festste­hen­des Zahnrad angebracht sind; beim Schwen­ken schlägt die Zunge gegen die Radzäh­ne. Verwen­det zur Vogel­ab­wehr, bei Silves­ter , Fastnachts- und Karwo­chebräu­chen (z. B. bei der sog. Rumpel- oder Pumper­met­te), im Sinfo­nie­or­ches­ter u. a. von Richard Strauß, M. Ravel, O. Respighi, D. Milhaud; auch Heische­bräu­che, — das sind Volks­bräu­che, die wesent­lich mit dem Erbit­ten (dem Er- »heischen«) und Einsam­meln von Gaben verbun­den sind; überwie­gend bei Umzügen mit Sprüchen, Liedern, Spiel- und Tanzszenen.

Es würde den Rahmen dieses Artikels spren­gen, auf regio­na­le, ja natio­na­le Unter­schie­de bei Volks­bräu­chen mit Ratschen oder Rätschen und Knarren einzugehen.

Das 2. Foto zeigt im Vorder­grund die etwa 12 Jahre alte, von Maurer­meis­ter Wingert sen. geschaf­fe­ne Rätsche, und dahin­ter die kleine­re alte Rätsche, jeweils mit Resonanz­kas­ten. Sie sind heute noch in den Karta­gen auf dem Turm der St. Peter- und Paul-Kirche in Funktion.

Oberkochen

In unserer Gegend kennt man den volks­tüm­li­chen und unschö­nen Ausdruck »Pumper­met­te« nicht. Gemeint ist wohl die schon im 8. Jahrhun­dert als »matudi­nae tenebrarum« bezeug­te Feier der Karfrei­tags­met­te. Seit dem 13. Jhd. wurde diese Mette ausge­stal­tet: Die drei Klage­lie­der des Prophe­ten Jeremia wurden vorge­tra­gen. Bei uns in Oberko­chen werden diese Klage­lie­der mit insge­samt 14 Versen von Solis­ten des Kath. Kirchen­chors noch heute gesun­gen. Nach jedem Vers löscht der Mesner am »Stufen­leuch­ter« eine der 14 Kerzen von unten nach oben. Die 15. in der Mitte oben bleibt brennen (nach Pfr. Scheuermann).

Im 15. Jhd. wurde lautstark gerätscht und auch mit anderen hölzer­nen Geräusch­in­stru­men­ten Lärm erzeugt, (lautma­le­risch »gepum­pert« oder »gerum­pelt«), als sich in der Leidens­ge­schich­te der Himmel verdun­kel­te und die Erde erbeb­te. — Später sah man in diesem Lärm die Empörung über den Verrat des Judas (der »Juden«), wobei es u. a. seit dem 15. Jhd. zu Ausschrei­tun­gen kam. Im 17. Jhd. »stren­ge Handha­bung des Rituals der Karfrei­tags­met­te« (nach Meyers Enzyklo­pä­di­schem Lexikon).

Ratsch, ritsch, ratsch. Ratsche sagt man mehr in Öster­reich, Rätsche mehr in Süddeutsch­land.
Rätsche gilt umgangs­sprach­lich auch für eine schwatz­haf­te Person, die fortlau­fend rätscht oder tratscht, also über jeman­den redet. Ganz Alt-Oberko­che­ne­risch klingt das Wort für einen, der das »Maul gar nicht hat halten können«. »Sei doch ruhig mit deiner Karfrei­tags­rät­sche!« — Das war kein Lob, nicht positiv gemeint, aber eben doch deutlich im Guten gesagt.

Und nun stellen Sie sich vor: Das Heimat­mu­se­um hat in der »Bären­höh­le« (zustän­dig Martin Gold) einen Neuzu­gang bekom­men: eine alte Rätsche aus der Katho­li­schen Kirche. Das 3. Foto zeigt diese Rätsche. Der 6. Hammer ist abgebro­chen und wurde bewusst noch nicht ergänzt.

Oberkochen

Und woher kam denn diese Rätsche auf einmal? Da muss ich etwas weiter ausho­len.
Vor der Kirchen­re­no­vie­rung 1957 wurde die Kirche ausge­räumt und auch »entrüm­pelt«. Statu­en, die Kreuz­weg-Bildta­feln und andere Dinge verfrach­te­te man auf die Kirchen­büh­ne. Weniges davon wurde nach der Renovie­rung wieder in den Kirchen­raum zurück­ge­bracht; das meiste davon blieb auf der Bühne liegen bis zur nächs­ten Renovie­rung 1980/81. — Übrigens diesmal eine gelun­ge­ne Renovierung!

Jetzt wurden wertvol­le Statu­en und die einst gestif­te­ten Kreuz­weg­sta­tio­nen wieder aus ihrer Verban­nung von der Kirchen­büh­ne zurück­ge­holt und im Kirchen­schiff verteilt. »Unbrauch­ba­res« oder »Wertlo­ses« wurde teils mitge­nom­men oder irgend­wie entsorgt. Darun­ter war auch eine größe­re Rätsche. Diese hat der damali­ge Minis­trant Bert Hausmann vor der Sperr­müll­ab­fuhr in Sicher­heit gebracht — sozusa­gen geret­tet — und jetzt dem Heimat­mu­se­um überge­ben.
Ein nachah­mens­wer­tes Beispiel.

Falls irgend­wo noch ähnli­che alten Sachen von der Kirchen­büh­ne (…) herum­lie­gen: Heimat­mu­se­um oder Kirche wären daran inter­es­siert und für solch eine Stiftung dankbar.

Karta­ge sind Trauer­ta­ge, eine Zeit des Nachden­kens über das Geheim­nis Chris­ti Leidens und Sterbens. Darauf folgt die Feier der Oster­nacht mit Oster­feu­er, Oster­ker­ze und Tauffei­er. Beim Gloria in der Eucha­ris­tie — Feier der Oster­nacht — bricht schließ­lich die öster­li­che Freude durch mit Glocken­läu­ten, Orgel­spiel und jubeln­den Gesän­gen. Diese öster­li­che Freude wird sieben Wochen lang gefei­ert und am 50. Tag (Pfings­ten) abgeschlossen.

Rudolf Heller

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