In der Pionier­zeit von Zeiss in Oberko­chen kämpf­te die Beleg­schaft nicht nur mit den bereits geschil­der­ten Wohnungs­pro­ble­men, sondern auch mit anderen heute kaum mehr vorstell­ba­ren Wider­wär­tig­kei­ten. Zunächst fehlte es an allem, und die Mitar­bei­ter waren dankbar für jede Hilfe. Typisch war ein Aushang vom 4.10.1946: »Wir geben als Sonder­zu­wei­sung an unsere Lohnemp­fän­ger je 1 Pfund­pa­ket Einheits­wasch­pul­ver zur Reini­gung der Berufs­klei­dung aus. Preis je Paket RM -,35.« Lebens­mit­tel waren ratio­niert. In den Wäldern suchte man außer Brenn­holz natür­lich süße Beeren. Aber, wie ließen sich die dürfti­gen Fettra­tio­nen ergän­zen? Man sammel­te Bucheckern vom Waldbo­den auf u. gab sie bei Zeiss-Opton ab. Am 23.1.1947 gab die allge­mei­ne Betriebs­lei­tung bekannt, daß eine Ölmüh­le gegen 8 Pfund erstklas­si­ge Bucheckern 1 Liter Öl liefe­re. Als der Ölmül­ler eine Sonder­zu­tei­lung gewähr­te, weil man ihm eine Brille besorgt hatte, überleg­te der Betriebs­rat, wie man dieses Öl in 60-Gramm-Portio­nen gleich­mä­ßig an die Beleg­schaft vertei­len konnte. So berich­te­te Heinz Martin, der dem ersten Betriebs­rat angehör­te und dort fast 35 Jahre lang wirkte, davon 18 Jahre als Vorsit­zen­der. — In einem Rechen­schafts­be­richt vom 27.4.1948 beton­te der damali­ge Betriebs­rats­vor­sit­zen­de Dr. Norbert Günther, daß auswär­ti­ge Gäste das Kanti­tin­e­n­es­sen lobten und »daß auf die Abgabe von Kartof­fel­mar­ken verzich­tet wird«. Die Küchen­lei­tung zauber­te zentner­wei­se Suppen­mit­tel herbei und konnte so täglich bis zu 380 Frühstücks­sup­pen ausgeben.

Die Firmen­lei­tung erkann­te schnell, daß sie sich nicht nur um Kunden und Liefe­ran­ten, Organi­sa­ti­on und Technik sowie um die vielen Sorgen der Mitar­bei­ter kümmern mußte, sondern auch um den Nachwuchs. Schon im Frühjahr 1947 begann die Lehrlings­aus­bil­dung, zuerst von jungen Feinme­cha­ni­kern, ab Ostern 1948 auch von Feinoptikern.

Auch der aller­jüngs­te Nachwuchs wurde nicht verges­sen: Im Juni 1946 gelang es, für Kinder Holzsan­da­len »auf Flick­stoff­kar­te« zu beschaf­fen. Ein Aushang vom 9.1.1947 gab bekannt: »Alle Werks­an­ge­hö­ri­gen können für jedes noch nicht schul­pflich­ti­ge Kind in der Abtei­lung Wohnungs­we­sen (!) 1 Stück Spiel­zeug beziehen.«

Der große Tag für die Kleinen kam dann im Frühjahr 1950. Die »Schwä­bi­sche Post« schrieb am 24.3.1950: »Tante Maria übernahm Zeiss-Opton-Kinder­gar­ten«. Alle Entschei­dun­gen und Maßnah­men jener schwie­ri­gen Jahre wären wohl verge­bens gewesen, wenn es nicht gelun­gen wäre, die hetero­ge­nen Gruppen der Beleg­schaft für ein gemein­sa­mes Ziel zu begeis­tern und die Zugewan­der­ten in das Oberko­che­ner Gemein­de­le­ben zu integrie­ren. Dazu trug die konstruk­ti­ve Zusam­men­ar­beit von Vorstand und Betriebs­rat ebenso bei wie die gebote­nen konkre­ten Lebens­hil­fen. Auch das erste Betriebs­sport­fest am 7. Juli 1951 hat sicher atmosphä­risch geholfen.

Oberko­che­ner und Zeissia­ner wirkten auf vielen Ebenen inten­siv zusam­men, in Kultur und Sport sowie im Vereins­le­ben. Ein großes Maß guten Willens auf beiden Seiten und das Verständ­nis der Behör­den haben die Integra­ti­on ebenso erleich­tert wie das Wirken vieler Zeissia­ner in den Gemein­de­rä­ten der Region. In einer noblen Geste benann­te Oberko­chen mehre­re Straßen nach bedeu­ten­den Wissen­schaft­lern und Unter­neh­mern aus der Geschich­te von Zeiss und Schott.

Gustav Bosch, einer der Vorgän­ger von Bürger­meis­ter Traub und heute schon fast so legen­där wie jene neue Gründer­zeit, sah sowohl die Proble­me als auch die Chancen, die das wachsen­de Unter­neh­men Carl Zeiss für Oberko­chen mit sich brach­te. Beim Richt­fest für ein großes Firmen­ge­bäu­de sagte er im Oktober 1950, mit diesem Bau habe Zeiss (damals noch »Zeiss-Opton«) zu Oberko­chen »Ja« gesagt und die Gemein­de gebe ein aufrich­ti­ges »Ja« zurück. »Sie sind unser Schick­sal gewor­den«, rief er den Zeissia­nern zu. (Die wirtschaft­li­chen Schwan­kun­gen der letzten Jahrzehn­te zeigten, daß Oberko­chen sozusa­gen mit Zeiss ein- und ausat­met.) Landrat Dr. Anton Huber sah in diesem Neubau ein »Zeichen der ungebro­che­nen Kraft der Firma Zeiss und darüber hinaus unseres Volkes«.

Oberkochen

Zwei weite­re Höhepunk­te der Geschich­te Oberko­chens hängen zweifel­los mit der Ansied­lung eines Betrie­bes der Carl-Zeiss-Stiftung in Oberko­chen vor 50 Jahren zusam­men, nämlich der Besuch eines Bundes­prä­si­den­ten und die Stadterhebung.

Nach der Enteig­nung in Jena wurde Heiden­heim Sitz der Carl-Zeiss-Stiftung, mit der sich der damali­ge Bundes­prä­si­dent Prof. Dr. Theodor Heuss verbun­den wußte. Am 1. Mai 1954 enthüll­te Prof. Bauers­feld als Senior des Vorstands in Gegen­wart des Präsi­den­ten eine Abbé-Büste auf dem Oberko­che­ner Werks­ge­län­de. Anschlie­ßend hielt Theodor Heuss eine unver­geß­li­che Rede und sagte den Zeissia­nern: »Die Umpflan­zung ist geglückt. Ihr habt hier wieder Wurzeln gefaßt.« Er verglich das Wirken der Schwa­ben Schil­ler und Hegel an der Univer­si­tät Jena mit dem der Zeissia­ner in Oberko­chen und war zuver­sicht­lich, »daß auch die einsäs­si­gen Schwa­ben gute Zeiss-Leute werden«.

Oberkochen

In den folgen­den Jahren blühte Oberko­chen auf. Es wäre zu kurz gegrif­fen, würde man die Entwick­lung Oberko­chens nur mit der Wirtschafts­kraft und den namhaf­ten Spenden von Zeiss in Verbin­dung bringen. Hier ist fairer­wei­se auch an die anderen hiesi­gen Unter­neh­men zu denken. Außer­dem entwi­ckel­te sich nicht nur der Wohlstand, sondern auch ein verfei­ner­tes kultu­rel­les Leben mit Konzer­ten, Theater­aben­den und Vorträ­gen von hohem Niveau, und Oberko­chen sah mehr und mehr bedeu­ten­de Tagun­gen in seinen »Mauern«. Mit der Erhebung zur Stadt am 1. Juni 1968 hat dieser Reifungs­pro­zeß von Oberko­chen die offizi­el­le Anerken­nung der Landes­re­gie­rung gefunden.

Wir alle hoffen und wünschen, daß die Entwick­lung, die am 1. August 1946 unter Schmer­zen begann und glanz­vol­le Höhepunk­te sah, unter konso­li­dier­ten wirtschaft­li­chen Bedin­gun­gen durch den Schwung und den Optimis­mus aller Einwoh­ner und Einpend­ler sowie durch den Erfolg aller Unter­neh­men sich erfreu­lich fortset­zen möge. Oberko­chen verdient es. Hierbei wird Carl Zeiss als größtes Unter­neh­men weiter­hin Akzen­te setzen: Oberko­chen ist Haupt­sitz der Zeiss-Gruppe mit weltweit ca. 13.000 Mitar­bei­tern und einem Weltum­satz von über 2,5 Mrd. DM im Jahr. Nicht nur Brillen­trä­ger und Photo­gra­phen kennen diesen Namen. Zeiss Hochtech­no­lo­gie­pro­duk­te aus dem Kocher­tal schär­fen das Profil der Indus­trie­re­gi­on Ostalb und werden inter­na­tio­nal einge­setzt: in Opera­ti­ons­sä­len und in der Weltraum­for­schung, an Univer­si­tä­ten und in Werks­hal­len sowie nicht zuletzt bei der Ferti­gung von Compu­ter­chips an der Grenze des technisch Möglichen.

Wolfgang Pfeif­fer

Weitere Berichte aus dieser Kategorie

Weitere Berichte