Vor 20 Jahren, am 25.10.1975, verstarb Josef Paul Fischer, den man in Oberko­chen den »Krimi­na­ler«, vor allem aber den »PX« nannte, im hohen Alter von 85 Jahren.

Mindes­tens einmal im Jahr erleb­te ich ihn ausführ­lich anläß­lich der Alten­weih­nacht: Heute löst sich nach der Alten­weih­nacht alles ziemlich schnell auf. Vor 30 Jahren war das anders: Da ging’s hinter­her erst richtig rund. Und der »PX« war ein gemüt­li­cher Hocker; und erzäh­len konnte er — wobei er aufpaß­te, was um ihn herum passier­te. Ein Auge hatte er 1945 nach schwe­rer Krank­heit im Winter­in­ter­nie­rungs­la­ger der Ameri­ka­ner in Heilbronn, wohin er unter myste­riö­sen Umstän­den verbracht worden war, einge­büßt. Umso schär­fer — so erschien es mir — beobach­te­te er mit dem verbliebenen.

J. P. Fischer war das ältes­te von 17 Kindern der Oberko­che­ner Familie Johan­nes Fischer. Seine Mutter, die »Klara­bö­te« war, wie berich­tet, viel unter­wegs, die Oberko­che­ner Hafner­wa­re auf den Märkten bis Ulm zu verkau­fen. Oft besorg­te sie gefäl­lig­keits­hal­ber den Oberko­che­nern Dinge von der Stadt, und deshalb hatte man ihrem Vorna­men die Bezeich­nung »böte« (= Bötin) hinzugefügt.

Ursprüng­lich hatte J. P. Fischer bei Johan­nes Elmer, über den wir ebenfalls an dieser Stelle berich­te­ten, als Ketten­schmied gelernt. Vom 1. Weltkrieg kam er Ende 1916 schwer verwun­det zurück.

Oberkochen

Unser Foto zeigt J. P. Fischer in dem Moment, als ihm König Wilhelm II. von Württem­berg die Golde­ne Verdienst­me­dail­le überreich­te. (Schloß­platz, Stuttgart)

Die gehobe­ne Beamten­lauf­bahn hatte er bereits 1913 nach dem Wehrdienst einge­schla­gen. (Polizei­schu­le München) Mit Kriegs­aus­bruch 1914 wurde er einbe­ru­fen und kam im Winter 1916/17 zum Gebirgs­jä­ger­ba­tail­lon. Bei einem Absturz in den Alpen zog er sich lebens­ge­fähr­li­che Kopfver­let­zun­gen sowie Arm- und Beinbrü­che zu, wodurch die Berufs­plä­ne vorerst gestoppt wurden.

Nach langem Lazaret­t­auf­ent­halt und autodi­dak­tisch erwor­be­nem Abitur trat er in Ravens­burg seinen Dienst bei der Krimi­nal­po­li­zei an. Es folgten Fortbil­dungs­kur­se auf dem Polizei­prä­si­di­um in Hamburg und in Stutt­gart. 6 Jahren nach erfolg­rei­chem Abschluß der Prüfung zum Krimi­nal-Oberkom­mis­sar konnte er den schwe­ren Dienst wegen seiner Kopfver­let­zung nicht mehr ausüben und kehrte nach Eintritt in den Vorru­he­stand mit seiner Familie im Jahr 1927 wieder in seine Heimat Oberko­chen zurück. Das während seiner Ausbil­dung neben­her erwor­be­ne Wissen in Bilanz­tech­nik und Buchprü­fung konnte er jetzt als Steuer­be­ra­ter gut verwerten.

Ob er am 1.3.1940 von Bürger­meis­ter Heiden­reich aufs Rathaus geholt oder ob er dienst­ver­pflich­tet wurde, erinnert sich seine Tochter Trudl Fischer, der wir diesen Bericht verdan­ken, nicht mehr. Fest steht, daß er vom 15. März 1940 bis zum 31. März 1945, trotz Nicht­zu­ge­hö­rig­keit zur Partei, Karten­stel­len­lei­ter auf dem Oberko­che­ner Rathaus war. Außer­dem war J. P. Fischer Luftschutz­wart. Ferner war er mit der Betreu­ung der Oberko­chen zugewie­se­nen Kriegs­ge­fan­ge­nen, haupt­säch­lich Russen und Franzo­sen, die in der alten TVO-Turnhal­le unter­ge­bracht waren, beauftragt.

Bürger­meis­ter und Ortsgrup­pen­lei­ter hatten vor dem Einmarsch der Ameri­ka­ner das Weite gesucht. Auf dem Rathaus ausge­hal­ten hatten außer J. P. Fischer noch Frau Martha Gold, Frau Schlund (Krapka) und Frau Glögg­ler (geb. Dicken­herr) als Schreib­kräf­te auf der Karten­stel­le. Ferner der seit Febru­ar 1945 amtie­ren­de Gemein­de­pfle­ger Kümmel, der Kassie­rer Dietrich und der Amtsbo­te Seibold. Als Mann mit der größten Publi­zi­tät wurde J. P. Fischer am 24.4.1945 unmit­tel­bar nach dem Einmarsch der Ameri­ka­ner von diesen zum provi­so­ri­schen Bürger­meis­ter ernannt (Kriegs­en­de 8.5.1945). Wenige Jahre nach Kriegs­en­de wurde J. P. Fischer Gründungs­mit­glied bei der Touris­ten­ver­ei­ni­gung TV »Die Natur­freun­de«; zeitwei­se war er deren 1. Vorstand und später Ehren­vor­sit­zen­der. Auch als Gründungs­mit­glied der Schüt­zen­gil­de erwarb er sich Verdiens­te in den späten 40er Jahren leite­te er als Vorsit­zen­der des Wollen­loch­clubs die Forschungs­ar­bei­ten in dieser Höhle.

Oberkochen

Unser Foto zeigt ihn im Septem­ber 1948 am Wollen­loch. In seiner Anspra­che anläß­lich der Heimwei­he der TV »Die Natur­freun­de« am 27.7.1958 sagte er sinnge­mäß, daß es nicht nur darum geht, die Berge dieser Welt zu bezwin­gen, sondern haupt­säch­lich darum, die Berge der unver­nünf­ti­gen Lebens­wei­se der breiten Masse des Volkes zu überwin­den. Weiter wörtlich: »Die Seele, der Geist sollten wieder frei werden von der Verfla­chung des Alltags. Der Dauer­auf­ent­halt der Massen in der Freizeit in Bier- und Vergnü­gungs­lo­ka­len sollte durch Wandern verkürzt werden« und »Die Jugend ist auch durch den Materia­lis­mus der Alten irre gelei­tet worden.« Ein weitbli­cken­des Wort vor nahezu 40 Jahren!

Das Geheim­nis um die Herkunft seines legen­dä­ren Beina­mens »PX« lüfte­te seine Tochter. Das »P« hat nichts mit »pisca­tor«, dem latei­ni­schen Wort für »Fischer« zu tun, obwohl er seine schrift­stel­le­ri­schen Arbei­ten gelegent­lich mit »pisca­to­ro zeich­ne­te. Vielmehr geht das »PX« auf einen seiner Lieblings­wit­ze zurück, der mit »PX« aufhör­te, die Abkür­zung für »pleiben’s xundo; diese Abkür­zung verwen­de­te er auch hin und wieder, wenn er sich von jeman­dem verab­schie­de­te. Überlie­fert ist eine andere markan­te Begeben­heit: In der Aalener Straße schmalk­te der »PX« mit ein paar Bekann­ten, als ein Hochdeut­scher ihn so ansprach: »Ich möchte gerne zum Bahnhof« — worauf der »PX« zu ihm sagte: »Isch doch mir egal.«

J. P. Fischer riskier­te oft »eine Lippe«, und wurde aus diesem Grund immer wieder stark angefein­det — anderer­seits schuf er sich dadurch natür­lich auch Freun­de. Das scheint bis auf den heuti­gen Tag, 20 Jahre nach seinem Tod, so geblie­ben zu sein. Zu den von ihm betreu­ten franzö­si­schen und hollän­di­schen Kriegs­ge­fan­ge­nen hatte er bis zu seinem Tod, über 30 Jahre hinweg, ein herzli­ches Verhältnis.

In der »Schwä­bi­schen Post« vom 30.10.1975 erschien ein von Robert Wolff verfaß­ter ausführ­li­cher Nachruf, in welchem es unter anderem heißt: »Bürger­meis­ter Bosch gedach­te dankend der Tätig­keit des Verstor­be­nen während der Jahre des Zweiten Weltkrie­ges in der Gemeindeverwaltung.«

Dietrich Bantel

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