Schon vor länge­rer Zeit hat Herr Ivo Gold aus Ravens­burg uns auf einen frühe­ren Oberko­che­ner evange­li­schen Pfarrer aufmerk­sam gemacht, von dem er meinte, eine Darstel­lung seines Wirkens und seiner Familie würde sich sehr empfeh­len, da er einer der größten Pfarrers­fa­mi­li­en in Württem­berg angehör­te. Es handelt sich um

Georg Conrad Hochstet­ter (1654−1697)
20. evange­li­scher Pfarrer in Oberko­chen (1684−1697)

Die Hochstet­ter-Familie
Die Hochstet­ters stammen aus Gerhau­sen auf der Blaubeur­e­ner Alb. Dort wurde Conrad Hochstet­ter, der Großva­ter des Oberko­che­ner Pfarrers, 1583 geboren. 1602 finden wir Conrad Hochstet­ter als Magis­ter in Tübin­gen, 1608 wird er Kloster­prä­zep­tor in Maulbronn, dann Pfarrer an der Stutt­gar­ter Leonhards­kir­che und bis zu seinem Tod im Jahr 1661 war er Dekan in Kirchheim/T.

Der Kirch­hei­mer Dekan war zweimal verhei­ra­tet u. hatte aus den beiden Ehen 18 Kinder. Seine zweite Frau hatte er erst im Alter von 53 Jahren gehei­ra­tet — sie war damals 21 Jahre alt — und er mußte sich seines großen Kinder­se­gens wegen im hohen Alter manche spötti­sche Bemer­kung gefal­len lassen. Wie der Rede beim Begräb­nis eines dieser Kinder zu entneh­men ist, »haben viele Leute vermeint, es werde der Herr Vater diese in seinem Alter nicht mehr erzie­hen können. Folglich werde es diesen Kindern übel ergehen. Der selige Herr Vater soll aber darauf gar oft gesagt haben: »Wohl, wohl«, mit welchen Worten er ausdrü­cken wollte, Gott sei der rechte Vater und es werde seinen Kindern wohlge­hen, wie auch geschehen«.

Der Vater des Oberko­che­ner Pfarrers, der 1623 gebore­ne Johann Ulrich Hochstet­ter, war das 5. Kind aus erster Ehe. Er war Diakon in Kirch­heim, dann Pfarrer in Dettingen/T., dem Geburts­ort des späte­ren Oberko­che­ner Pfarrers, und in Owen/T. gewesen. Die Mutter war eine gebore­ne Alber aus der Familie des Reutlin­ger Refor­ma­tors Matthä­us Alber.

Auch die Nachkom­men aus der zweiten Ehe wurden zu bedeu­ten­den Persön­lich­kei­ten. Johann Andre­as Hochstet­ter, Stamm­va­ter des sog. Beben­hau­ser Astes der Hochstet­ter, war Profes­sor und Ephorus am Tübin­ger Stift, später Prälat in Maulbronn und Beben­hau­sen. Als seiner­zeit sehr angese­he­ner Theolo­ge bemüh­te er sich, zwischen der stren­gen luthe­ri­schen Lehre und dem aufkom­men­den schwä­bi­schen Pietis­mus zu vermit­teln. Als z.B. die Tübin­ger Wenger­ter, die sog. »Gogen«, in ihren Häusern Erbau­ungs­stun­den halten wollten, dies aber der Geist­lich­keit nicht angenehm war, setzte sich Hochstet­ter dafür ein, daß Stifts­re­pe­ten­ten diese »Stunden« halten sollten, denn es sei »hocher­freu­lich, wenn Weingärt­ner nicht nur an den Wein, sondern auch an ihre ewige Selig­keit denken wollten«.

Adolf Mann, ein nicht den Namen Hochstet­ter tragen­der Nachkom­me, schreibt in seiner Famili­en­ge­schich­te: »Von den den Namen Hochstet­ter tragen­den Nachfah­ren des Konrad Hochstet­ter waren mindes­tens 70 Theolo­gen, darun­ter 10 Präla­ten — zeitwei­se konnte man von einer Beherr­schung der Kirche Württem­bergs durch die Familie Hochstet­ter sprechen -, aber ebenso namhaf­te Gelehr­te, Staats­die­ner, Offizie­re, Kaufleu­te, Techni­ker, Indus­tri­el­le. Vier Nachfah­ren erhiel­ten den württem­ber­gi­schen persön­li­chen Adel, sieben wurden in den erbli­chen Adels­stand erhoben«.

Das Wappen der Familie Hochstet­ter ist (die Oberko­che­ner Stadt­far­ben voraus­neh­mend) ganz in blau-gelb gehal­ten und zeigt einen diago­nal wellen­ge­teil­ten Wappen­schild. Dieses Wappen gilt als gemein­sa­mes Wappen der Augsbur­ger und Gerhau­se­ner Linie der Hochstet­ters. Später geadel­te Nachkom­men entwi­ckel­ten und führten eigene Wappen.

Evange­li­scher Pfarrer in Oberko­chen
Das bekann­te Bild der alten Oberko­che­ner Kirche, gezeich­net von dem späte­ren Pfarrer Dürr, zeigt die Situa­ti­on (vgl. BuG-Bericht Nr. 42). Kirche, Schule, Pfarr­woh­nung waren unter einem Dach, der Fried­hof gleich neben­an, hinter dem Haus floß der Kocher, so konnte man dort Wasser holen und Wäsche waschen, und die kleinen Kinder wurden mit echtem Kocher­was­ser getauft, so auch Konrad Fried­rich Hochstet­ter, Sohn der Oberko­che­ner Pfarr­leu­te. Der Familie standen über dem eigent­li­chen Kirchen­raum gelegen zwei heizba­re Stuben mit Küche und drei nicht­heiz­ba­re Kammern zur Verfü­gung. Aus seiner Studier­stu­be, die auch als Schul­lo­kal diente, ging der Blick des Pfarrers auf die »viel befah­re­ne Straße von Aalen nach Heiden­heim« und er sah zur Rechten, wie im benach­bar­ten »Hirsch« Reisen­de Rast machten. Linker­hand konnte er aber wie zu bibli­schen Zeiten Zöllner am Zoll sitzen sehen, die den Übergang über den Zollbach bewachten.

Zollsta­ti­on, so wird man denken, gab es das mitten im Land?

Ja, denn seit Urzei­ten verlief durch das Dorf Oberko­chen eine Grenz­li­nie zwischen ritter­li­chen Herrschaf­ten. Dann grenz­ten die katho­li­schen Klöster Königs­bronn und Ellwan­gen in Oberko­chen anein­an­der. Nach Refor­ma­ti­on und Dreißig­jäh­ri­gem Krieg waren daraus die katho­li­sche Fürst­props­tei Ellwan­gen und das evange­lisch-württem­ber­gi­sche Kloster Königs­bronn gewor­den. Oberko­chen bestand somit zur Zeit Pfarrer Hochstet­ters aus zwei Teilen, deren Herrschaf­ten sowohl staat­li­che als auch konfes­sio­nel­le Gegen­spie­ler waren. Und dies dokumen­tier­te sich am Oberko­che­ner Zollbach inmit­ten des Ortes durch eine Zollstation.

Dennoch aber bilde­te Oberko­chen ein Dorf. Zwei Schult­hei­ßen sorgten für Recht und Ordnung, zwei Kirchen und Schulen gab es. Für das Zusam­men­le­ben im geteil­ten Dorf galten die Regeln der Dorford­nung aus dem Jahre 1578, deren Bestim­mun­gen aber während des Dreißig­jäh­ri­gen Kriegs ihre Bedeu­tung verlo­ren hatten. Erst im Jahre 1749 wurden im sog. »Aalener Proto­koll« die Verein­ba­run­gen neu gefaßt.

Die Bevöl­ke­rung des geteil­ten Ortes lebte von Land-Waldbe­wirt­schaf­tung, aber schon im Jahre 1541 ist am Kocher­ur­sprung ein Schmelz­ofen samt Eisen­schmie­de in Betrieb. In der Visita­ti­ons­ak­te von 1684 ist über die evange­li­schen Oberko­che­ner gesagt »sie besuchen den Gottes­dienst ziemlich und leben ehrlich«. Auch dem Schult­hei­ßen Joachim Schee­rer wird beschei­nigt, »er hält sich wohl und geht dem Pfarrer an die Hand«. Aber die Gemein­de ist arm, sie »hat keinen Heili­gen«, d.h. keine eigenen Mittel, und »die Rechnun­gen sein mit den Ellwan­gi­schen gemein«. Aber »eine Hebam­me ist württem­ber­gisch da und eine ellwan­gisch, beide werden unter­schied­lich gebraucht«.

Georg Konrad Hochstet­ter war nach langer Zeit wieder der erste »gestan­de­ne« Pfarrer in Oberko­chen. Zuvor war die Gemein­de so arm gewesen, daß entwe­der kein Pfarrer bezahlt werden konnte oder nur ganz junge Leute mit gerin­gem Gehalt angestellt wurden. Als Pfarrer Hochstet­ter in Oberko­chen aufzog, hat zwar »Meßner Jörg Eißelin sein Sach ohne Plag verse­hen«, aber Schule mußte er selbst halten wie sein Vorgän­ger, der 1648 schrieb: »Der Pfarrer hat Schul gehal­ten und gehabt 9 Knaben und 11 Mägdlein, sein ziemlich fleißig gekom­men und wohl infor­mier­te worden«. Doch Pfarrer Hochstet­ter hatte mit dem Schul­un­ter­richt offen­bar Proble­me. »Es seien nur 6 Kinder zur Schule gekom­men statt 20 mögli­cher«, heißt es in einer Aufzeich­nung, der »Pfarrer sei zu streng gewesen«, war die Erklä­rung dafür, und vielleicht auch zu anspruchsvoll.

Pfarrer Hochstet­ter und Familie
Pfarrer Hochstet­ter hatte ein Jahr nach seinem Aufzug in Oberko­chen in zweiter Ehe gehei­ra­tet. Am Sonntag Sexage­si­mä des Jahres 1685 war die Hochzeit in Stein­heim. Denn die junge Pfarr­frau Anna Cathe­ri­ne war »eheli­che Tochter des Königs­bron­ner Vogtes Philipp Jakob Ruthhardt zu Stein­heim«, wie die erst vor einigen Tagen entdeck­te Heirats­ur­kun­de besagt. Der Stein­hei­mer Vogt hatte 1663 die Tochter eines Pfarrers gehei­ra­tet. Sei Vater war ebenfalls Jurist und Vogt in der Waiblin­ger Gegend anwesend.

Die Oberko­che­ner Pfarr­fa­mi­lie hatte sieben Kinder: Am 17. Mai 1686 wurde Johan­na Cathe­ri­ne geboren; sie starb am 13. August dessel­ben Jahres.

Der am 26. April 1687 gebore­nen Sophia Barba­ra war dassel­be Schick­sal beschie­den. Sie starb am 14. August 1687.

Susan­ne Veroni­ka, geboren am 16. Mai 1688, überleb­te. Sie heira­te­te später Georg Fried­rich Sutor, der u.a. auch Pfarrer in Gerstet­ten war. Sie starb im Jahr 1730.

Conrad Fried­rich Hochstet­ter war das vierte Kind der Pfarr­fa­mi­lie; auf ihn wird noch beson­ders eingegangen.

Als fünftes Kind folgte Chris­ti­na Barba­ra, 169? geboren. Sie heira­te­te später den Pfarrers­sohn Immanu­el Briegel, der Weid- und Steuer­kom­mis­sar zu Heiden­heim, Herren­berg und Tübin­gen war. Sie starb 1726 in Tübingen.

Von der 1696 gebore­nen Catha­ri­na Sophia liegen keine weite­ren Daten vor.

Schließ­lich wurde noch Konrad Macca­bä­us geboren. Von ihm ist bekannt, daß er später Ratsver­wand­ter in Blaubeu­ren war.

Conrad Fried­rich Hochstet­ter
Chirurg und Bürger­meis­ter, 1689–1735
Aus der Jugend­zeit des in der Oberko­che­ner Pfarr­woh­nung zur Welt gekom­me­nen Conrad Fried­rich sind nicht viele Einzel­hei­ten bekannt. Taufpa­ten bei seiner Taufe im Novem­ber 1689 waren u.a. »der Hochwür­di­ge Johann Fried­rich Hochstet­ter, Doktor und Oberhof­pre­di­ger in der Residenz Stutt­gart (er war ein Sohn aus der zweiten Ehe des Kirch­hei­mer Dekans und Begrün­der des Denken­dor­fer Astes der Hochstet­ter), Herr Johann Chris­toph Stier­len, Super­in­ten­dent der Herrschaft Heiden­heim, der großacht­ba­re Hr. Johann Schnap­per, Vicefrüh­pre­di­ger der König­li­chen Reichs­stadt Giengen und Frl. Johan­na Barba­ra Mager­lin … aus Königsbronn«.

Als der junge Conrad Fried­rich zur Schule kommen sollte, war gerade ein neuer evange­li­scher Schul­meis­ter in Oberko­chen aufge­zo­gen, über den gesagt wird: »… er liest gut, buchsta­biert regel­mä­ßig, schreibt übel, singt viel«. Doch war die Schul­zeit für Conrad Fried­rich in Oberko­chen begrenzt: Als er 8 Jahre alt war, starb der Vater plötz­lich 43jährig und die Witwe mußte mit ihren Kindern Oberko­chen verlas­sen, da bereits im Todes­jahr des Pfarrers 1897 ein Nachfol­ger den Dienst übernahm.

Die Mutter fand mit den Kindern Zuflucht in Horrheim bei Maulbronn. Dort war Pfarrer Chris­ti­an Betuli­us mit Clara Catha­ri­na Hochstet­ter verhei­ra­tet. Sie — wie der verstor­be­ne Oberko­che­ner Pfarrer eine Enkelin des Kirch­hei­mer Dekans und Stamm­va­ters Conrad Hochstet­ter — nahm sich der vater­lo­sen Familie an. Über Studi­um und Ausbil­dung von Conrad Fried­rich liegen keine Nachrich­ten vor. Aber er wurde Medizi­ner und ließ sich als Chirurg und Wundarzt in Horrheim nieder und bekam auch bald das Schult­hei­ßen­amt übertra­gen. Seiner im Jahre 1716 mit Anna Magda­le­na Binder geschlos­se­nen Ehe entstamm­te der Sohn Augus­tin Fried­rich Hochstet­ter, der in die Fußstap­fen seines Vaters trat und ebenfalls Chirurg und Bürger­meis­ter in Horrheim wurde. Damit waren die Oberko­che­ner Hochstet­ter über 70 Jahre Chirur­gen und Bürger­meis­ter in Horrheim.

Zum Schluß noch zwei Bemer­kun­gen, die uns wieder nach Oberko­chen zurück­füh­ren. Die beruf­li­che Kombi­na­ti­on »Chirurg und Schult­heiß« findet sich auch in Oberko­chen. Sigmund Jonathan Maier (1793−1852), der erste gesamt­würt­tem­ber­gi­sche Schult­heiß Oberko­chens war auch Chirurg und Schult­heiß. Und schließ­lich: Die von Pfarrer Hochstet­ter ausge­hen­de Linie der Geschlech­ter führt wieder nach Oberko­chen zurück, Nachkom­men von ihm leben heute in Oberkochen.

Volkmar Schrenk

Oberkochen

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